Renee Unplugged 22. Aprés Porno
Wenn das Abenteuer Porno Feierabend macht, tobt noch so mancher Teufel im Leib. Da helfen nur Nachspiele …
Perversion, Sinister, Cat Club. Verheißungsvolle Namen, nicht wahr? Ziemlich dirty sogar, wie ich finde. Was steckt dahinter? Swingerclubs, Stripläden oder ähnliche Etablissements? Nein. Nichts davon, es handelt sich schlichtweg um Hollywoods Nightlife. Zumindest um einen Teil davon. Meinen Teil. Regelmäßig zwischen kurz vor und kurz nach Mitternacht. Davor wurde stundenlang das Styling zelebriert, danach gab‘s illegale private Afterpartys, denn um 2 Uhr morgens war Schluss mit lustig. Nicht einmal 7eleven verkaufte noch Alkohol. Aber was soll’s, wir Mädels wussten uns zu amüsieren. Auch ohne Jack’n Coke.
Jetzt, wo ich frisch gebadet und im Kuschelpyjama gemütlich auf der Couch sitze, den schnurrenden Kater zu meiner linken, eine heiße Schokolade mit Rum vor mir, mag es mir nicht mehr einfallen, mich für ein paar Stunden Halli Galli noch aufzuraffen. Obwohl noch reichlich Zeit wäre. Aber wohin? Wo geht man denn heutzutage eigentlich hin? Herrje, ich werde alt. Lieber noch eine Decke drüber und an die guten alten Zeiten denken. Als man noch lässig war. Und geil wie sonst was. Na gut, letzteres bin ich heute noch.
Aber in L. A. habe ich nichts ausgelassen. Außer eine Unzahl von Typen, für die ich Göttin der Nacht war. Ich oder Vic, oder wir beide gemeinsam. Vic – Künstlername Victoria Sin – kennt Ihr bereits von DIESER STORY (wenn nicht, sofort rüber klicken!). Vic war mein Buddy für alles – meine Mitbewohnerin, Mitdarstellerin und Mitunzuchttreiberin. Ich hab sie am Set kennen gelernt, es war wie ein Augenzwinkern auf den ersten Blick. Wir sind zusammen gezogen, hatten den selben Agenten und einige gemeinsame Jobs (weil beide deutsch-exotisch). Vic und ich hatten viele gemeinsame private Erlebnisse, wenn auch keine gemeinsamen (Privat)Männer, da waren die Geschmäcker zu unterschiedlich. Kurz: Sie war der perfekte Clubbing-Buddy.
Aufgebrezelt bis auf die letzte aufgeklebte Wimper sorgten wir stets für einen unvergesslichen Auftritt. Sie lagen uns zu Füßen, die Herr- und manchmal auch Damenschaften. Wir befanden uns schließlich in illustren Kreisen, wo Drag-Queens mit Punks tanzten, über die neueste Lifestyle-Droge oder den hippen Laden am Venice Beach philosophiert wurde und sich Glitter mit Konfetti um die Vorherrschaft stritten.
Ein Outfit wie wir es dort zur Schau stellten würde uns hierzulande die Sittenpolizei auf den Hals hetzen. In Hollywoods Clubs war es en vogue, sich übertrieben freaky rauszuputzen. Ein Gürtel aus gefaltetem Lack, auch Faltenmini genannt, Netzstrümpfe, derb hohe Overknees. Obenrum das Dekollete gepusht und mit allerlei Firlefanz verziert. Im Gesicht regierte der Glamour, mit Smokey Eyes und schreienden Farben.
Übertreibung war das Maß aller Dinge. Eine Mischung aus 80er und bösem Karneval. In den Hallen tanzten keine Menschen, sondern androgyne Wesen (Variationen machbar, je nach dem Film in deinem Kopf). Aus den Boxen dröhnten dämonische Klänge, marsch-ähnlich, auffordernd zum Kampf der Geschlechter. Soweit diese definierbar waren.
Ich war auf der Suche nach meinem Pendant. Ein paar Stunden zuvor hatte ich noch vor einer x-mal besudelten Couch gelegen, zwei stählerne Gerätschaften in meinen Öffnungen, die vorgetäuschte Lust aus mir herausschreiend. Porno. Job. Jetzt wollte ich echten Sex. Mit jemandem, der mich so verrückt macht, dass ich mir Tücher in den String stecken muss, um kein Lackerl zu machen. Im mitternächtlichen Hollywood fand ich sie. In Armee-Größe. Manchmal auch im Armee-Outfit. Herrgott im Himmel, ich werde schwach von der bloßen Erinnerung.
Für den Fall, dass hier falsches Verständnis aufkommt: Sex am Set ist okay. Aber er schafft auch eine Leere, die nach „Füllung“ schreit. Einen Stau, der Schleusen braucht. Beim Porno ist Konzentration angesagt, man kann sich nicht so gehen lassen, man muss auf die Kamera aufpassen, man will bei der Action gut aussehen, Technik und Akrobatik zählen mehr als der Feelgood-Faktor. Ich fand den Sex mehr spannend als entspannend, und ich liebte die Kamera. Weniger eben die Männer, die konnte man sich nicht aussuchen. Es versteht sich daher von selbst, dass privater Sex mit dem Mann deiner Wahl und der Action deiner Wahl ganz einfach um Längen besser ist.
Einen hatte ich mir herausgepickt. Den Drummer – wie so oft – einer mörderischen Glamrockband. Er war ein Hüne, aber spindeldürr. Sein Gesicht extrem markant, mit reichlich Spuren von Exzessen. Betont durch Kajal, wo es nur geht. Lange schwarzen Haare in verklebten Dreads. Heute würde ich Horrorshow sagen. Finster, schauderhaft, verdammt anziehend. Wir sahen uns und ließen den Dingen ihren Lauf. Jedes Mal, wenn wir in diesen seltsamen Zwischenwelten aufeinander trafen. Ich kann mich nicht erinnern, je ein vernünftiges Wort mit ihm gewechselt zu haben. Was nichts zur Sache tat. Sache war das beeindruckend schnelle Überziehen des Gummis. Das beherrschte er, tat es wohl jeden Tag. Für ihn war ich eine Nummer, das war von Anfang an klar. Vielleicht auch so etwas wie ein Groupie.
Ich mochte seine Musik, besuchte ihn auch bei Konzerten. In erster Linie kam ich aber wegen Sex. Der war gut, erfüllend und genau das, was ich wollte. Nicht mehr und nicht weniger. Und irgendwann verlor ich das Interesse an ihm.
Einen Ersatz gab es nie, ich war zu picky bei der Wahl zum Mann der Nacht. Stattdessen begleitete ich Vic und gab die Nummer des Voyeurs. Sie war weniger wählerisch. Man konnte garantieren, dass sie immer einen fand, mit dem sie ein bisschen ReinRaus spielen würde. Ich war dabei, weil ich fuhr das Auto. Wir mussten ja auch wieder den Weg nach Hause finden.
Den Chauffeur machte ich gern. Es war besser als nach einer durchzechten Nacht irgendwo in Idaho neben einem undefinierbarem Etwas aufzuwachen, das dir Stunden zuvor noch eine Ekstase bescherte, im grellen Sonnenlicht aber Unbehagen triggerte. Brauchte ich nicht, dafür gab´s bei Tag zuviel zu checken. Es gab diese penetrante Übelkeit gemischt mit einem hämmerndem Schädel auszupendeln, das verschwitzte Lackding musste vom geschändeten Körper gezogen und im Wagen gegen ein tageslichttaugliches Outfit getauscht werden. Dann musste man auch noch ans Set gelangen, eine überragende Show abziehen und dabei wie frisch aus dem Ei gepellt rüber kommen. Man war ja Profi.
So fulminant ich „mein“ Hollywood bei Nacht in Erinnerung habe, so vernünftig war ich bei Tag. Business comes first und bekanntlich sind die Tage einer Pornotusse schnell gezählt. Braves Mädchen, nicht wahr? Aber so bin ich eben.


