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Renee PorneroRenee Unplugged 17. Frauenporno oder: Chicks With Guts

Von Renee Pornero | 29.10.2009, 15:21 | 3 KommentareShare/Save

Renee by Reismann

Renee by Reismann

Warum produzieren Frauen Pornos? Die Antwort auf diese Frage erhielt ich kürzlich beim Berliner Pornfestival.

Zitat aus meinem Forum: „Warum machste nicht mal einen Film in Richtung deiner US Vergangenheit? Kunst gut und schön, aber der Konsument möchte Porno sehen. Bei Deiner Erfahrung weißt Du sicher, was so in etwa gewünscht wird. Wär schade wenn Dein Porno-Knowhow verkümmert.“

Meine Antwort dazu war ein schlichtes Nein. Meine US Vergangenheit besteht, wie jeder weiß, zu 99 Prozent aus Gonzo (klickt mal). Eine simple Geschichte. Aneinandergereihte Szenen von purem Reinundraus gemixt mit Hinundher plus eine Dosis Kreuzundquer, das ganze almost uncut. Als Darstellerin habe ich Gonzo genossen. Leicht verdientes Geld, anspruchslose Arbeit, trotzdem keineswegs unbefriedigend. Aber: Als Produzentin kann ich nichts damit anfangen. Moneten in etwas zu investieren, was schon abertausendfach verfilmt wurde, nur mit dem Ehrgeiz, es (vielleicht) eine Spur besser zu bewerkstelligen als der Rest der Welt? Ist mir zu wenig. Als Regisseurin würde ich bei der Produktion wegpennen. Ich müsste zumindest die Kameraführung übernehmen, um überhaupt ein bisschen von mir in das Produkt einfließen lassen zu können. Aber auch das können andere besser.

Die Antwort zur Frage, aus welcher Motivation heraus Frauen überhaupt Pornos produzieren, erhielt ich vor ein paar Tagen am Berliner Pornfilmfestival. Und diese Antwort hat mich nicht nur in meinem Tun bestätigt, sie hat mir auch gezeigt, dass ich sozusagen berufen bin, in diesem Genre an einer kleinen Revolution mitzuwirken. Eine Revolution mit dem Titel: „We don’t give a shit…“

Der Schwerpunkt des Festivals waren „Chicks with Guts“ – anders gesagt Frauenpower. In einer Podiumsdiskussion stellte sich aber schnell heraus, dass der Großteil der – zumindest anwesenden – Produzentinnen nicht die Intention hat, den Pornomarkt auf den Kopf zu stellen. Natürlich will man seine Portion Anerkennung. Des Künstlers Brot ist der Applaus, ohne den geht nichts. Zu wissen, dass man erhört wurde und nicht gänzlich im Porno-Pool untergeht, reicht oft schon. Was wir Pornografinnen gar nicht mögen, und das wurde in Berlin mehr als deutlich, ist das sanfte Schulterklopfen, begleitet von den Worten: „Mädchen, Du schaffst das schon. Du musst nur an Dich glauben.“ Hey, sieht es aus, als würden wir das nicht tun? Wir wollen nicht nur produzieren, wir haben es bereits getan. Und wir haben Lorbeeren geerntet. Nicht vom klassischen Pornokonsument, sondern von einer kritischen, intellektuellen Gruppe, die sich mit dem Werk beschäftigt. Weil es ein Film ist, keine Wichsvorlage.

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image: tumblr.com

Pornografinnen sind keine Geschäftsfrauen, sie sind Filmemacher. Es geht nicht darum, am Kuchen mit zu naschen und möglichst viel Profit aus der Sache zu schlagen. Das ist Männersache. Frauen produzieren einen Porno, wenn sie die Muse küsst, wenn sie eine Fantasie haben, die sie verwirklichen möchten. Erika Lust zum Beispiel, und ich möchte hier alles andere als verschleiern, dass ich ein großer Fan von ihr bin, obwohl sie mir letztes Jahr mit „Five Hot Stories For Her“ (zu Recht) den Award für den besten Frauenporno vor der Nase weggeschnappt hat (den ich eh nicht wollte, weil mein Film einfach kein Frauenporno ist), macht es richtig. Sie nimmt sich kein abendfüllendes Projekt vor, sondern visualisiert ihre Idee just in dem Moment, in dem sie noch taufrisch ist. So entstehen kurze Clips in der Länge einer Gonzoszene, die unglaublich sinnlich sind. Es gibt nackte Körper, es gibt erigierte Schwänze, es gibt Gerammle, aber in erster Linie gibt es eine emotionale Bindung, die man zu den Protagonisten aufbaut. Alles was man tun will, während man das Geschehen betrachtet, ist: Nachmachen, sofort! Erika Lust ist kein Profitgeier. Sie stellt ihre Clips gratis ins Netz. Beachtlich, wenn man bedenkt, wie aufwändig produziert wurde. Doch es macht Lust auf mehr. Und ich bin sicher einer der ersten, die zugreifen, wenn die Clip-Compilation auf DVD erscheint. Und wenn es nur um das Sammelobjekt an sich geht. Das Konzept könnte aufgehen. Vielleicht.

Back to Berlin: Nach dem Screening von Little Josefine (ausverkauft, yeah!) wurde ich zu einem Frage & Antwortespiel in den Kinosaal gebeten. Ich war verblüfft zu sehen, dass kaum jemand den Saal verlassen hatte. Ich bin ehrlich, Little Josefine ist ein kommerzielles Produkt. Größtenteils wird gefickt. Und ich habe offen vor Publikum eingestanden, dass ich die einschlägigen Szenen auf Dauer langweilig finde. Die Vorgabe, der Film müsste 90 Minuten lang sein, wurde mir zum Verhängnis. Doch sie liebten den (zu kurz gekommenen) Wiener Schmäh und warteten tapfer auf das Happy End.

Ich mag heikles Publikum. Sie klatschen Dir die Wahrheit so lange ins Gesicht, bis Du Deinem Stolz den Rücken kehrst und eingestehst, sie haben Recht. Erkenntnisse gab es viele. So viele, wie es Porno-Genres gibt und so viele, wie es Konsumentenwünsche gibt.

Ich weiß nun aber, was ich nicht produzieren will. Frauenpornos. Oder sagen wir: feministische Frauenpornos. Das liegt wohl an meinem unrunden Dialog mit Feministinnen. Ich lese zwar in den zib21-Sexklinik News, dass sich mittler Weile Feministinnen wie Meredith Haaf offener auf mein Spezialgebiet einlassen, aber allzu oft kommen mir Feministinnen wie kleine  Rumpelstilzchen mit Möpsen, die mir vorschreiben wollen, wie Frauenpornos auszusehen haben – die ich ja nicht mache. Der Umstand, dass ich eine Frau bin, die Pornos macht, bedeutet noch lange nicht, dass ich Frauenporno mache. Aber vielleicht hat das auch mit der Floskel „politische Korrektheit“, zu tun, von der diese Frauen nicht mal beim Porno lassen wollen. Meines Erachtens hört diese Korrektheit auf, wenn der Porno beginnt. Weil da der Unterleib das Sagen hat – und der kümmert sich um sowas nicht.

Frauen produzieren Pornos aus einem Vergnügen heraus. Damit bleiben sie meist eine Randgruppe oder wie es beim Film so schön heißt: Independent. Damit haben wir Frauen kein Problem. Ehrlich gesagt, freut es uns. Wer möchte schon gern der Masse zugehörig sein. Und was schlussfolgern wir nun daraus? Richtig, Kolumnen sind zu kurz für ein so spannendes Thema. Let’s talk.

PS:  Lust auf Frauenporno? Hier ein paar links, nämlich zu Anna Brownfield, Ovidie und Shine Louise Houston.

3 Kommentare »

  • Lorelei sagt:

    Der Youtube-Link ist ja scharf! Gonzo mit 8 chicks – wild …
    (Ach so, ich sollte eigentlich was zum Thema sagen? Ähm, ja, okay, später vielleicht.)

  • truetigger sagt:

    Das Wort “Frauenpornos” ist vielleicht an sich schon falsch: So wie Gonzo praktisch das Gegenteil von Kunstfilmen ist, so suggeriert “Frauenporno” eine Art Gegenteil von (“Männer”)Pornos. Dabei wage ich zu bezweifeln, dass die Einteilung in “Männer mögen nur Männerpornos” und Frauen nur Frauenpornos” so stimmt.

    Pornographie hat zwei Ziele: zum einen ist es Unterhaltung, zum anderen törnt es an. Beides hat nur begrenzt miteinander zu tun, daher funktionieren ja Gonzos so gut: die Bilder und Töne wandern – zumindest uns Männern – direkt ins Rückenmark, wo sie Instinkte wecken und uns geil machen. Eine Handlung braucht man dabei nicht, nicht für die Trieberzeugung. Ob so etwas bei Frauen auch so simpel funktioniert weiss ich nicht, ich halt es aber durchaus für möglich.

    Mit spannenden Storylines, mit interessanten Aufnahme- und Schnitttechniken, mit handgeschliffenen Dialogen kann man den Unterhaltungswert erhöhen. Solche Filme sind dann nicht mehr primäre Wahl bei der Suche nach schneller Erregung, und das dezimierte Publikum setzt sich auch noch kritischer damit auseinander. Dafür erntet man als Produzent auch künstlerische Anerkennung, und als Darsteller wird man nicht nur anhand von Äusserlichkeiten fixiert, sondern an der Rolle gemessen. In einem solches Publikum finden sich sicher auch Männer.

    Will sagen: Ich WEISS, dass bei mir Gonzos funktionieren, mich interessiert aber auch künstlerisch anspruchsvolles, denn eines schliesst das andere ja nicht aus. Nenn doch das ganze “Kunstfickfilm” und nicht “Frauenporno”, das würd besser passen.

  • saxolady sagt:

    renee!!! begeisterung!!!
    1. für den gonzo…zum niederknien, sit fast wie:
    http://www.youtube.com/user/saxolady#p/f/13/CgfZVNv6w2E
    einfach nur wunderbar!!!

    und 2.
    zum erinnern. nämlich mich an mich:D
    als musikerin fragt man sich ja auch von zeit zu zeit…
    ist es das, was ich tue (www.saxophone-affairs.at)
    oder das was ich bin (www.encounters.at)
    oder nicht???

    herzlichst und ein dickes busserl

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