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Ana TajderSorry, Haiti

Von Ana Tajder | 18.01.2010, 11:29 | 8 KommentareShare/Save


Ich will nichts über Haiti wissen.
Ich will wirklich nicht, tut mir leid. Ich will nichts über 200 000 Tote und drei Millionen Menschen ohne Nahrung und Wasser wissen. Wenn ich helfen kann, lasst es mich wissen. Aber ich möchte nicht mit Bildern und Zahlen bombardiert werden. Es ist zu viel. Ich habe eine Überdosis Katastrophen im Blut, ich kann das nicht alles verarbeiten. Ich hab vor dem TV-Schirm geweint, als die Amerikaner begannen, Bagdad zu bombardieren. Ich weinte für die Tsunami-Opfer. Ich habe die Türme fallen gesehen. Live. Ich ging auf die Straßen, ich protestierte, ich gab mein Geld. Ich schrieb darüber. Aber es hat nichts geändert. Es gibt noch immer Kriege. Es gibt noch immer Katastrophen.

Ich bin von Skepsis übermannt. Ich hab gelesen, wie mein Geld für die Tsunami-Opfer von Leuten gestohlen wurde, die es nicht brauchen. Ich höre von amerikanischen Ex-Präsidenten, die Haiti helfen wollen. Und ich weiß, es geht ihnen nicht um die Menschen von Haiti. Es geht ihnen um die USA. Ich höre von all jenen Ländern, die Millionensummen schicken wollen, und ich möchte wissen, woher sie das Geld haben. Nach dieser Finanzkrise, an der wir alle litten, nach all den verlorenen Jobs. Verzeiht die Nachfrage, aber warum haben wir kein Geld für unsere Obdachlosen, wenn wir Geld für Haiti haben?

Ich höre von Leuten, die ihren Urlaub in Thailand und Haiti verbringen, gleich nach den Katastrophen, „weil es der Wirtschaft hilft“. Ich höre von all diesen Dingen und verliere meinen Glauben an die menschliche Seele.

Ich will nichts über Haiti hören. Weil ich nichts tun kann. Weil es mich verwüstet. Und ich beginne mich zu fragen, wie sehr wir die globalen Medien wirklich brauchen. Sie vergiften unsere Seelen! Kurz vor Haiti – und nach all dem Weihnachtsstress – saß ich in Tirol und genoss endlich etwas Frieden. Dann schaltete ich CNN ein und sah einen Bericht vom Vulkanausbruch auf den Philippinen. Und ich dachte „wie schrecklich, aber tut mir leid, ich will es nicht wissen“, ich kann das nicht alles verarbeiten. Die Welt war immer voll mit Kriegen und Katastrophen, aber die Menschen wussten nur von jenen, die ihnen persönlich widerfuhren. Nun müssen wir jeden Schmerz mit verdauen, der an irgendeinem Ort des Planeten Geschichte wird. Wann immer du das TV-Gerät einschaltest oder in der Zeitung blätterst, hüpft dir irgendeine Katastrophe ins Gesicht und beginnt dich zu erwürgen. Es ist zu viel. Wir können diese Unmengen an Tragödien nicht verarbeiten. Ich kann das nicht. Wie Nietzsche sagte: „ Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

All das kann zwei Konsequenzen haben: Entweder wir werden immun gegen Horror. Oder wir werden vom Abgrund verschlungen. Keine ist gut.

Kann mir bitte irgendwer über drei Millionen glückliche Menschen erzählen? Der Tragödien sind einfach zu viele.

8 Kommentare »

  • quacko sagt:

    The news that truly shocks is the empty, empty page.
    (Peter Gabriel, I Grieve)

  • Bernd sagt:

    Wow, starke und vor allem ehrlich Worte!

    • Ana Tajder sagt:

      Vielen Dank für eure Kommentare. Es hat Mut gebraucht, diese Meineung zu posten und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das richtig war.
      Ich habe noch sehr viel über Haiti nachgedacht und nachdisskutiert. Und ich komme immer wieder zum gleichen Punkt – solidarische Globalisierung. Solche Katastrophen könnten wir vermeiden, indem wir den ärmsten Ländern rechtzeitig helfen. Und zwar wirklich helfen. Leider sind wir immer noch nicht in der Lage, unseren Reichtum zu verteilen. Wir brauchen ja 2 Autos, 3 Flachschirme, 30 Paar Designerschuhe. Und jedes Jahr ein Urlaub in der karibik. Ouch!

  • sakristan biringer sagt:

    ich finde, die junge Dame hat recht. wohltuend recht. wehtuend recht. erschütternd recht. beruhigend recht. ermutigend recht. vernichtend recht. verzweifelt recht. endgültig recht.

  • majella reismann sagt:

    jeder hilft dort wo er meint gebraucht zu werden. danach gehandelt verändert sich etwas;-)
    wir leben in einer zeit, wo wir alles elend und leid der welt innerhalb von zwei minuten vorgeworfen bekommen – das ist nicht zu verdauen. es ist gut einen normalen abstand zu halten, nicht einmal die kirche übernimmt das gesamte leid der welt;-)) gehen wir einfach das naheliegende an ….

  • saxo lady sagt:

    wie gut ich dich verstehen kann. ichhab beim 2. mal im bagdad diese konsequenz gezogen.
    wenn ich helfen kann, tu ichs.
    aber wenn ich nicht kann, schalt ich aus. 20,- kann ich auch ohne nahrichten spenden.
    und mit 20,- für haiti, oder für licht ins dunkel oder für ärzte ohne grenzen ist mein engagement noch lang nicht erledigt.
    da fängts erst an. dort, wo man hingreifen und helfen kann.
    ewig nachrichten reinziehen…ja, wenn ich weiß, dort ist n freund, ein verwandter. klar.
    aber sonst….reiner masochismus, oder sensationslust? ich weiß es nicht…
    ich halts auch nicht aus.

  • Kirsch sagt:

    Ich habe für Nachbar in Not gespendet http://nachbarinnot.orf.at/: Nur zwanzig Euro aber wenn das alle machen ist das eine große Summe.

    Jetzt schalte ich auch manchmal den Radio aus, wenn es mir zu viel wird. Aber ich habe zumindestens einen Betrag geleistet, um den Menschen zu helfen.

  • nacaseven sagt:

    “Schau, do drin im Fernsehn, da liegt a klanes Kind!
    Schau, dem fehln die Fusserln, geh, schalt um, mach geschwind!
    Des kann sich keiner anschaun, weils Essen nimmer schmeckt!
    Und Spenden, das hat a kan Zweck weils sowieso verreckt!

    Willkommen im Neandertal, willkommen, willkommen,
    Willkommen in Neandertal! Der Yeti haut den Rübezahl!”

    aus: E.A.V – “Neandertal”

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