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Manfred SaxObama Go Home

Von Manfred Sax | 19.11.2009, 16:06 | 4 KommentareShare/Save

Foto: Obama by Barack Obama

Foto: Obama by Barack Obama

Wussten Sie, dass die US-Armee den Schutz des Taliban braucht, um gegen den Taliban zu kämpfen? Zeit zu gehen, Obama.

Es gibt viele Gründe, warum Barack Obama seine Truppen aus Afghanistan abziehen sollte. Hier mal ein banal persönlicher: Die lächelnde Frau im Bild rechts unten heißt Christina Schmid. Sie ist 34 und wohnt – wie ich – in Winchester, wenn auch etwas mehr am Rande, nämlich in der Soldatensiedlung South Wonston.

Ich hatte mit South Wonston immer wieder mal zu tun. Als Fußballcoach für Buben. Seit wenigen Jahren häufen sich in diesen Teams die Soldatenkinder und öfter als nicht sind sie nervende Problemfälle, ausgerüstet mit einem ärztlichen Attest für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung oder ähnliches und wer will es ihnen verübeln. Ihr Vater ist im Krieg, ihre Mutter ein Nervenbündel und South Wonston ein Zustand. Dort wohnt man nicht. Man ist dort stationiert.

Wenn ich einen Buben in South Wonston besuche (zwecks Unterschrift zu einem Spielervertrag o.ä.), rufe ich vorher immer an. Die Familien dort hassen Hausbesuche. Verständlich. Die Benachrichtigung vom Tod des Gatten und Vaters kommt immer persönlich, und sie beginnt mit einem Klopfen an die Haustür. Das Klopfen an so eine Tür ist ein todsicherer Weg zur militanten Kriegsgegnerschaft. Ich klopfe, daher bin ich persönlicher Gegner.

Christina Schmid by SNNimage

Christina Schmid by SNNimage

Aber zurück zu Christina Schmid. Dieses Bild ist zwei Wochen alt. Es wurde in Wootton Bassett aufgenommen, dort ist jenes Flugfeld, wo die Afghanistan-Soldaten landen, wenn ihr Krieg vorüber ist oder wenigstens eine Pause macht. Frau Schmid lächelte, weil sie – nach langen Monaten der Trennung – soeben ihren Soldatengatten erspäht hatte. Olaf, ein Entschärfer von Minen. 64 Minen hatte er in Afghanistan unschädlich gemacht. Die fünfundsechzigste hat ihn – einen Tag vor Fronturlaubsantritt – zerrissen, daher landete er in Wootton Bassett auch im Sarg.

Das Szenario der durch Wootton Bassett paradierten Särge ist jedem Inselbürger grimmig vertraut. Demnächst – vielleicht heute – wird Sarg Nummer 100 (Bilanz 2009) erwartet. Anfangs war es nur deprimierend, jetzt ist es purer Horror. Tag für Tag das gleiche Bild: die Särge auf den Schultern der Ehrengarde, die Kapelle, trauernde Passanten, ordenstrotzende Veteranen mit ihren Jetzt-erst-recht-Gesichtern – und die Witwen und Mütter, deren Gesichter den Kameras unverhohlen alle Varianten des Schmerzes präsentieren, den ein Messer im Herz so auf Lager hat. Bis auf Christina Schmid, die machte da nicht mit. Als sie den Sarg ihres Mannes erblickte, begann sie zu lächeln und gab ihm den Daumen hoch. Als er an ihr vorbei paradiert wurde, verwandelte sich ihr Lächeln in ein Strahlen, ihre Hände klatschten Beifall. Sie rief: „Du bist mein größter Held, und niemand steht über dir!“ – Später erklärte sie einem Reporter: „Ich hatte es satt, die Toten zu betrauern. Ich wollte sein Leben feiern.“ Das hat sie gemacht, makellos, ohne Träne für die Kameras, weiß der Himmel, wie sie das schaffte.

Mit der Trauerübersättigung ist Witwe Schmid nicht allein. Laut einer aktuellen vom Sender Channel Four getätigten Umfrage wünschen drei von vier Briten, dass die Armee aus Afghanistan abzieht. Nur geht das nicht solo. Ohne Amis geht gar nichts, so ist das, seit Ex-Premier Tony Blair vor über zehn Jahren seine Zunge im Anus von George Bush („Yo, Blair!“) versenkte. Geändert hat sich nur das Personal. Heute ist Gordon Brown der Schoßhund von Barack Obama.

Barack & Hillary by sskennel

Barack & Hillary by sskennel

Obama Go Home

„It´s not about me and you, honey, it´s all about the Angst and the money.“ (Ja, Panik)

Heute wurde Hamid Karzai offiziell als Präsident Afghanistans eingeschworen. Bekanntlich flog gestern Hillary Clinton extra dafür ein. Die Dame ist dieser Tage Obamas „Mann“ für die Drecksarbeit. Mehr ist die Blutoper in Afghanistan nicht. Und ein Präsident, der am 10. Dezember dieses Jahres offiziell den Friedensnobelpreis überreicht bekommt, kann sich in den Wochen davor halt nicht in der Gosse bewegen.

Im Hintergrund für Clintons „Mission“ steht die Frage, ob die USA weitere 40 000 Soldaten (plus Großbritannien 500 plus Restnato 4000) nach Afghanistan schicken soll. Das Dilemma: Es gibt kaum noch Gründe für westliche Truppenpräsenz. Die Bürger der USA und Großbritanniens sind mehrheitlich dagegen. Es geht auch nicht mehr darum, die Nester der al Qaeda auszuräuchern, denn die sind in Pakistan. Es geht weiters nicht darum, den militärischen Muskel des Taliban zu schwächen, denn die Popularität des Taliban wächst heute dramatisch und zwar genau wegen der Präsenz des Westens. Und es wird mit dieser militärischen Präsenz auch kein Terroranschlag im Westen verhindert, im Gegenteil, die Welt der Muslims wird angesichts der Groteske in Afghanistan zusehends radikalisiert.

Karzais Little Helpers, Foto: US Army

Hamid Karzai & Helpers, Foto: US Army

Und eine Groteske ist es: Es gibt heute nur noch ein Lager, das Interesse an der verstärkten militärischen Präsenz des Westens in Afghanistan hat, nämlich das Kabinett des Hamid Karzai, und die Gründe sind banal wirtschaftliche: Die US-Armee beschert der afghanischen Wirtschaft jährliche zweikommazwei Milliarden Dollar Einkommen, das sind 10% des Bruttosozialprodukts (Angaben: The Nation-Report by Aram Roston, deren gestraffte Ausgabe Sie HIER finden; das ist eine Empfehlung) und der größte Wirtschaftszweig des Landes. Daher kommt es auch, dass derlei Gemetzel immer in Ländern wie Afghanistan und Palästina stattfinden, wo sonst nichts gedeiht.

Das Stichwort dazu ist „Host Nation Trucking“, das sind Transporte zur Versorgung der Truppen, welche die Soldaten im „Battlespace“ von den Waffen bis zum Klopapier mit allem versorgen, was man für einen Krieg gegen den Taliban so braucht. Die Groteske: Um gegen den Taliban kämpfen zu können, braucht die US-Armee den Schutz des Taliban. Die Armee zahlt dem Taliban heftige Summen, damit er nicht auf die Transporte schießt. Summen, die als eine Art „Waffensystem“ betrachtet werden.

Das funktioniert so: Die (von der Airbase Bagram, nördlich von Kabul ausgehenden) Transporte werden von „privaten“ Sicherheitsfirmen unternommen, deren größte Watan Risk Management und NCL Holdings heißen. Watan gehört den Brüdern Rateb und Rashid Popal, zwei Cousins von Präsident Hamid Karzai. Beide saßen in den Neunziger Jahren wegen Heroinschmuggels in amerikanischen Gefängnissen. Die Sprachkenntnisse, die sie dort erwarben, reichten, um später in der Taliban-Regierung als Übersetzer zu dienen. Heute sind sie reiche Geschäftsleute. Der Geschäftsführer von NCL heißt Hamed Wardak und ist der Sohn des gegenwärtigen Verteidigungsministers General Rahim Wardak.

Diese Firmen sorgen für die „Sicherheit“ der Versorgungstransporte zu den „Frontlines“. Die Straßen führen durch „haarige“ Gebiete, die von Kriegsherren, Stammesmilizen und eben dem Taliban kontrolliert werden – denen großzügige „Mauten“ entrichtet werden, damit der Transport nicht zu Schaden kommt. Ein Umstand, der dem US-Militär (und also der Regierung) wohlbekannt ist. Zitat Colonel David Haight (Dritte Brigade der 10th Mountain Division): „Der amerikanische Soldat in mir ist davon angewidert. Aber es ist was es ist: Der Feind wird bezahlt, damit er uns in Ruhe lässt“. Die Unruhe beginnt erst wieder an der Front.

Und auch Außenministerin Hillary Clinton weiß darüber Bescheid, und heute wohnte sie stoisch der Inauguration von Präsident Karzai bei – dessen zwei Vizepräsidenten übrigens alte Bekannte von ihr sind: Der eine, Muhammed Qasim Fahed, ist ein bekannter Kriegsverbrecher mit prominenter Rolle im Massaker von Afshar (1993, 800 Morde), der allerdings auch als CIA-Spitzel gegen den Taliban (2001) ein paar Millionen Dollar kassierte. Der andere, Karim Khalili, war als Kriegsherr und Führer der Hezbe Wahdat-Partei in den 90er Jahren für diverse „ethnische Säuberungen“ (Morde, Vergewaltigungen, you name it, siehe Report: Humans Rights Watch 2003) verantwortlich (Mehr dazu HIER). Eine illustre Runde, denen Old Hillary da heute applaudierte. Nur die eine große moralische Kraft des Landes, Parlamentsabgeordnete Malalai Joya, glänzte mit Abwesenheit. Sie hat ja Parlamentsverbot. Aber das ist eine andere Story (die Sie HIER finden)

Es gibt also jede Menge Gründe gegen die Präsenz der West-Armeen in Afghanistan. Den einen Grund dafür hat vor ein paar Tagen der englische Kabarettist Jimmy Carr formuliert: „Bei den nächsten paralympischen Spielen werden die englischen und amerikanischen Sportler unschlagbar sein.“

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