Gladius31. Moneyfacing. Alle lieben Geldgesichter
Jedem Geek sein Geldgesicht. Moneyfacing nennt sich das. Ein Webtrend jenseits von Europa.
Zunächst eine Klarstellung. Es ist wahr, dass dieser Tage kaum noch eine Banknote ihren Weg in die tiefe Grube meines Opferstocks findet. Da grundelt nur die eine oder andere verlorene Münze. Unwahr ist, dass ich mich auf die bewusste Suche nach etwaigen verirrten Geldscheinen begab. Ich fand sie rein zufällig. Beim Websurfen nach verirrten Seelen.
Eine dieser Seelen nannte sich „zaethepsychee“. Die war so satt von ihrer Langeweile, dass sie sogar einen Job annahm und leider fordert nun die Mutter 30% ihres Einkommens. Klar, dass ich da hängen blieb. Wenn ich an die Zahl 30 gerate, klimpern in meinen Synapsen alsogleich die Silberlinge des Judas, (da bin ich wehrlos, ist eine Berufungskrankheit). Zaethepsychee sah es ähnlich: „Typisch moneyface momma“, bloggte sie. Und so geriet ich ans Wort. Geldgesicht.
Wenn du „moneyface“ googelst, spielt sich einiges ab. Jede Menge „Links“ zu „Moneyfacing“, der „neuesten sinnlosen Internet-Craze“. Worauf ich einige Erkenntnisse gewonnen hatte. Erstens ist diese „Craze“ ein globales Phänomen – die „Hits“ führen von Amerika bis nach Indien. Zweitens scheint „Moneyfacing“ in der Tat was Nagelneues zu sein – der Begriff ist noch nicht in Wikipedia verankert. Drittens aber ist Festlandeuropa davon nicht betroffen. In Euro-Ländern findet kein Moneyfacing statt.
Was ist nun Moneyfacing? Nun, sehen Sie sich obiges Foto an. Das ist vom Flickr-Konto eines Herrn Thom Shannon. Der hat dort zahlreiche Geldgesichter, und im wesentlichen wird dabei ein halbes Banknotengesicht (in diesem Fall das von Queen Elizabeth) mit einem „Realgesicht“ zu einem neuen Ganzen verknüpft. Und das ist es auch schon. Derlei Web-Adressen gibt es tatsächlich jede Menge. Etwaige Erläuterungen, die dir einen Sinn der kreativen Übung vermitteln, fehlen jedoch überall.
Auch die Zeitungen und online-Medien, die vergangene Woche darüber berichteten, brachten kein entsprechendes Licht ins Dunkel. Die verwendeten alle den gleichen (vermutlich von einem „Tweet“ runter geladenen) „schau-eine-neue-Internet-Blödheit“-Text, egal ob Englands „Daily Mail“ oder Indiens „Medindia“. Niemand machte sich die Mühe, dem Phänomen wenigstens einen kleinen Gedanken zu widmen. Nur der um Seriosität bemühte „Telegraph“ merkte an, dass Moneyfacing sowas wie „Sleevefacing“ sei, (siehe Bild rechts) eine Marotte des Vorjahrs, mit welcher Fans ihre Liebe zu einem Tonträger illustrierten. Immerhin.

Gesichtslose Euros
Immerhin auch wird bei Betrachtung der Euro-Banknoten klar, warum diese Mode bei uns keine Chance haben wird. Euroscheine präsentieren keine Gesichter, verständlich, dem Franzosen wäre es wahrscheinlich zuwider, in seiner Tasche das Konterfei von Fred Sinowatz oder Willy Brandt oder Tito oder so jemandem spazieren zu führen, und wer braucht hier zu Lande schon einen Berlusconi? Wenn es um Persönlichkeiten geht, erfährt das Europäische in uns schnell seine Grenzen. Also behalfen sich die Euro-Drucker mit Touristen-Attraktionen wie L ´Arc de Triomphe und altrömischen Aquädukten, um uns europäische Identität zu suggerieren. Aber natürlich haben die Konterfeis der – zumeist – staatstragenden Persönlichkeiten auf Banknoten einen historischen Sinn. Diese Papierfunzel sind ja per se nichts, das du in Gold oder Silber aufwiegen kannst. Sie sind Garantiescheine. Auf englische Pfundnoten, zum Beispiel, ist immer der Satz „Ich verspreche dem Träger die Summe von …“ gedruckt, und daneben siehst du die Queen mit ihrem MonaLisa-Lächeln.
Historisch ist es so, dass auf Geld staatstragende Granden verankert sind, die dir garantieren, dass der Schein dazu das wert ist, was darauf gedruckt ist. Und daher ist es auch so, dass es etwa in den USA illegal ist, dich auf Geldscheinen künstlerisch zu betätigen. Es ist illegal, etwa einem Abraham Lincoln eine Kopfschusswunde zu verpassen (siehe Bild links) oder durch Michael Jackson zu ersetzen (Foto rechts).
Dies wiederum scheint in Amerika ein populärer Sport zu sein – der sich übrigens „Money-DEfacing“ nennt. Und das „Entgesichten“ von Geld kann selbstverständlich nicht als sinnlose Marotte dargestellt werden. Es ist ein rebellischer Akt – (der in den Staaten sechs Monate Knast bescheren kann) –, der die staatstragende Persönlichkeit auf der Banknote lächerlich macht und die Stabilität des fraglichen Staates in Frage stellt.

Ayatollah Khomeini
Womit ich wieder mal auf die Lage im Iran hinweisen möchte (wie schon HIER und HIER). Bekanntlich passiert dort gerade eine Revolution, nur haben es die dortigen Mächte verstanden, den entsprechenden Informationsfluss zu uns zu unterbinden, wir erfahren bestenfalls Details von dem, was dort tatsächlich passiert. Wir wissen zum Beispiel, dass unter iranischen Rebellen das „Money-DEfacing“ -und generell „DEfacing“ – eine populäre Methode ist, die Prügelgarden der „Basiji“ zu provozieren. Aus einem Grund, der mir immer ein Rätsel bleiben wird, prangt auf iranischen Banknoten das Konterfei des Ayatollah Khomeini (was hat ein religiöser Führer mit Geld am Turban?), und dieses Konterfei wird ausgeschnitten, ehe auf Demos mit dem löchrigen Schein gewachelt wird, soll heißen, die Stabilität des Establishments wird in Frage gestellt. Dieses „DEfacing“ passiert übrigens auch seitens der Machthaber.
Vergangene Woche wurde etwa von Regierungsseite das Gesicht des Regime-Kritikers Majid Tavakoli ausgeschnitten und per Fotoshop mit weiblicher Kopftracht verziert, um ihn öffentlich lächerlich zu machen. Allerdings brachte das die Regierungsgegner auf, die nun ihrerseits den religiösen Kopf des Landes – Ayatollah Ali Khamenei – auf entsprechende Weise brandmarkten.

Ayatollah Ali Khamenei in Frauentracht
Womit ich mich nun nicht mit der Frage befassen will, wo denn die Schande ist, in Frauenkleidern unterwegs zu sein. Ich möchte nur öffentlich bezweifeln, dass sich hinter Moneyfacing lediglich eine weitere „sinnlose Internet-Marotte“ verbirgt. Ich glaube, dass damit ein Unbehagen mit der Gegenwart ausgedrückt wird, sei es dem Geldgesicht-Künstler nun bewusst oder nicht. Ein Unbehagen, das hier zu Lande die großartigen jungen Musiker von Ja, Panik zum Ausdruck brachten, als sie sangen, dass Geld Angst erzeugt – und es daher sinnvoll ist, diese Angst zu konfrontieren. Aber wie gesagt, das Phänomen „Moneyfacing“ wird wohl nicht in Europa Fuß fassen. Auf den Euroscheinen gibt es keine Persönlichkeiten, die uns etwas garantieren oder die wir respektieren. Der Euro ist gesichtslos.




![2386249086_957216965b[1] MoneyDEfacing by webofentertainment](http://www.zib21.com/wp-content/uploads/2009/12/2386249086_957216965b1-150x150.jpg)


Lieber Frater, lieber Frank’n,
zunächst: das Internet wächst sich aus, so viel steht fest. Weil: was hätte Moneyfacing für einen Sinn, wenn man die dazugehörigen Bildlein nicht per Netz verteilen könnt? Wir erleben also eine stets und immer weiterführend sinnstiftende Rolle des Internets – sich selbst gegenüber. Ob man das will oder nicht, steht zur Diskussion. Feststeht ausserdem: Leute wie ich hätten ohne Internetz recht wenig Ansprache …
Und: 8810 Unterzeichner wegen Rehlein Arigona. Hm. Klar sind das Mädel und ihre Mama arm. Aber wie ist das nun mit dem Gesetzbrechen? Was passiert mit Helmut Elsner, der trotz nachweislich bedenklichem Gesundheitszustand noch immer in U-Haft sitzt, weil man da – im gegensatz zur normalen Haft – keine Enthafgunsanträge stellen kann? Würden da auch 8810 Leute unterschreiben, von wegen, HBP, jetzt seins doch nicht so, lassens den armen kranken Mann frei … ?!?!
Die (unsägliche, übrigens) Fekter Mitzi vollstreckt bei Arigona bestehende Gesetze und die (noch viel unsäglichere, übrigens) Bandion-Ortner Claudschi überwacht, dass ihr karriereförderndes Elsner-Urteil auch brav vollstreckt wird. Das heisst: beides der selbe Schmarrn. Dessen Sachverhalt durch einseitige Medienberichterstattung veröffentlicht wurde. Hier – die arme Arigona, die eiskalt (aber gesetzestreu) abgeschoben wird. Und dort – der böse Elsner, dem die (gesetztestreue) Haft schon recht geschieht, dem “Pülcher”.
Insofern stünden Zogaj und Elsner petitionsmäßig auf der selben Stufe. Oder etwa nicht?
So viel zum Thema Medien und Freiheit. Was das alles mit dem Moneyfacing zu tun haben soll, weiss ich jetzt übrigens auch nicht mehr. Aber es gehörte einmal gesagt, finde ich …
gruß,
biringer.
Auf eine politisch sehr unkorrekte Art haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Man wird Ihnen aber wohl moralischen Nihilisms vorwerfen
schönen Abend Kirsch
ja, die sache mit elsner wird immer lächerlicher – so wie die multibrillenträgerin selbst auch, wenn das überhaupt noch möglich ist.
aber das stützt mein argument ja nur. da sind lohnschreiber in gummistiefeln am werk. und das rehlein war eben ne weile herzig, aber jetzt gehts ans eingemachte, weil da plötzlich ähnlich wie bei den studenten eine unkontrollierbare anarchisch nicht-organisierte bewegung entsteht und die tun ma ned mal ignorieren, denn wenn über so etwas berichtet wird, geht eine lawine ab. ich bin sicher, würden die medien berichten, hätten wir schon 100.000 einträge.
dafür tun ma aber so spannende themen wie moneyfacing und face- und assfucking breittreten. panem et circenses im 21.jahrhundert.
schöne neue welt eben.
Prinzipiell gebe ich Ihnen Recht. Die Medien wollen halt Ihre Leser nicht vergraulen und die Sache um Arigona ist mittlerweile ein Synonym für die gescheiterte Asylpolitik wie ein Meinungsforscher irgendwo angebracht hat. Das Problem ist auch nicht Arigona, das Problem sind die hunderten anderen Arigonas. Es gibt so viele Menschen, die in armen Regionen mit schlechteren oder gar keinen Sozialstandards leben müssen. Es gibt viele Regionen, wo der Wunsch auszuwandern aus sozialen Gründen gegeben ist. Arigona wurde von Schleppern hergebracht und es war von anfang an klar, dass sie kein politischer Flüchtling ist. Ich denke wir sollten endlich offen über das Thema Zuwanderung reden. Wieviel Zuwanderung brauchen wir? Welche Zuwanderer brauchen wir? Wie sollten ähnlich darüber reden wie Kanada oder Australien. Im Moment wage ich zu sagen, ist unser Arbeitsmarkt so angespannt, dass weitere Zuwanderung die Konflikte im Land nur verschärfen wird. Übrigens: Politisch Verfolgte sollen und müssen auch weiterhin Asyl bekommen (natürlich), nur ist es auch nicht so dass jeder der einmal Asyl bekommt, deshalb sein ganzes Leben hier bleiben muss. Auch nach den Balkankriegen ist ein Teil wieder zurück. Es muss doch am Balkan auch Menschen geben, die dort die Länder wieder aufbauen und für eine Zivilgesellschaft sorgen. Hiermit möchte ich schließen. Dass die Medien nicht mehr berichten, finde ich erstaunlich. Der Grund liegt wahrscheinlich wirklich darin, dass die Leute das nicht mehr hören wollen und die Medien Angst haben, Leser, Hörer, Seher zu verlieren. Schönen Abend Kirsch
eben. genau darum geht es, dass arigona da nur ein symbol darstellt für eine völlig verfehlte politik. und das ist halt peinlich.
und es geht ja doch, denke ich, aus unserem text ganz klar hervor, dass es nicht nur um arigona geht, sondern um die von ihnen angesprochenen fragen, und da zeigt sich plötzlich, dass eine ganze menge leute ebenso denken.
und da gehe ich jetzt noch einen meinetwegen paranoiden schritt weiter: den offiziellen machthabern ist die sache nur peinlich, außerdem würde herauskommen, dass die sache vollkommen falsch dargestellt wird um das stimmvieh von den eigenen fehlern abzulenken. und die eigentlichen machthaber haben kein interesse, dass ihre marionetten abstürzen, der dicke funktioniert doch prächtig als vollstrecker der jägerballbeschlüsse und da die ohnehin schon den großteil der medien kontrollieren, wird das einfach zum unthema deklariert und kein journalist traut sich mehr etwas zu bringen. wes brot ich ess, des lied ich sing. und vor so viel feigheit wird mir schlecht. diese sogenannte vierte säule der demokratie versagt genauso wie die anderen.
und was hat ein religiöser führer mit geld an der mitra? die banco del santo spirito sowie die der religiösen werke zb ? welch widerlicher zynismus.
und: im iran wird der informationsfluss unterbunden. hier im paradies der christlichen gummistiefler etwa nicht ?
http://www.agenda2020.at/a20_migulist/
bereits 8810 unterzeichner und alles über mundpropaganda, weil nicht eine einzige zeile darüber in den etablierten medien. und das betrifft nicht nur unsre aktion, seit etwa zwei wochen ist die causa zogaj keine mehr. es gibt das thema in den medien einfach nicht mehr.
schöne neue welt, lieber frater.
[...] This post was mentioned on Twitter by Eberhard Lauth, sebastian zoller. sebastian zoller said: RT @zeitimblog21 Haltet inne und leset, denn unser Frater hat gepredigt. Von den Gesichtern des Geldes. Vom Moneyfacing http://bit.ly/7XsKAG [...]