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Frater GladiusDennis Hopper lebt. Noch. Ein Nachruf.

Von Frater Gladius | 24.01.2010, 19:51 | 3 KommentareShare/Save
Dennis Hopper, Apocalypse Now

Dennis Hopper: Apocalypse Soon

Was macht ein alter Easy Rider in den letzten Tagen seines Lebens? Er lässt sich scheiden …

Momente, die dein Leben verändern, kommen mitunter bodenständig daher. Bei mir war es ein öder Tag, an dem ich beschloss, mein Taschengeld in ein Kinoticket zu investieren. Zwei Stunden später war ich neu geboren.

Der Film hieß Easy Rider und war vollkommen anders als alles zuvor Gewesene. Zum Beispiel hatte er nicht das, was man unter „Handlung“ versteht (Außenseiter auf der Suche nach etwas, das er nicht findet). Dafür hatte er einen Soundtrack zum Sterben (auch das war neu). Die Akteure zur Musik taten alles, was gut und verboten war. Sie nahmen Drogen, sie hatten unehelichen Sex, sie ignorierten das Establishment, sie brachen Tabus. Sie taten niemandem was zu Leide und wurden am Ende erschossen. Easy Rider war genau das, was du brauchtest, um Sinn in einen Zustand zu kriegen, der damals Wels hieß (Teenager auf der Suche nach etwas, das er nicht artikulieren kann und daher „Wels“ beschuldigt).

Die Helden zum Film waren ein zwiespältiger Mix. Da war etwa der junge Jack Nicholson, der mit DIESER SCHLÜSSELSZENE seine Anwartschaft zum Superstar deponierte. Da war auch Peter Fonda, Sohn einer Hollywood-Legende und Bruder einer TRAUMFRAU namens Hanoi Jane. Und dann war da noch Dennis Hopper. Der war unschwer zu ignorieren, er kam damals schon so sympathisch wie ein Furunkel von der Leinwand runter.

Cover-sleeve by D. Hopper

Cover-sleeve by D. Hopper

Allerdings war Hopper auch eine treibende Kraft für diese Gegenkultur. Er war der Regisseur des Films, er war multitalentiert (Art-work für das Cover von „River Deep, Mountain High“ – eines DER großen Lieder der Sixties), er hatte die coolsten Freunde (James Dean). Und er war so verdammt stur („my way or no way“), dass er nach Easy Rider zehn Jahre auf seine nächste „große“ Rolle (in Apocalypse Now, 1979) warten musste.

Nicht dass mir Hoppers Absenz während der 70er Jahre aufgefallen wäre. Da galt für meine Generation, was die Generation zuvor über die Sixties gesagt hatte: Wer sich daran erinnert, der hat nicht gelebt. Meine Erinnerungen an die 70er Jahre sind sehr lebendig, vor allem die Lücken. Hopper selbst geriet mir nur einmal vor die Augen. Als Bösewicht Tom Ripley in Der Amerikanische Freund von Wim Wenders. Autorin Patricia Highsmith, Erfinderin von Ripley, war von Hoppers Darstellung unterwältigt. Der Ripley ihrer Romanvorlage habe Charme gehabt, meinte sie. Das konnte man Hoppers Ripley nicht vorwerfen.

Mit den 80er Jahren war auch Dennis Hopper wieder da. Nicht allzu oft, aber immer intensiv und jedenfalls bemerkenswert konsequent: Er spielte ausnahmslos Bösewichte. Echte amoralische, gottlose Baddies. Den Sadisten Frank Booth, der in Blue Velvet (1986) Isabella Rossellini quälte. Einen eiskalten Terrorbomber in „Speed“ (1994). Den einäugigen Bandenboss Deacon in Waterworld (1995). Ein Portfolio des Bösen.

Dennis Hopper ist heute 73 Jahre alt und mittler Weile natürlich selbst Teil des Establishments. Nur stand er bei mir nie in Verdacht, sich an dieselbe je angebiedert zu haben. Er mimte nie den guten Onkel, er weckte nie Vertrauen. Er blieb immer jenseits von Moral, also „sich“ treu. Er mag an Mainstream-Filmen mitgenascht haben, aber nur als Baddie ohne Herz, nur als Gesetzloser. Er mag Talkshows belebt haben, aber nie, ohne zu provozieren. Und er sorgte immer für geniale Gerüchte – unter anderem soll er versucht haben, seinem Hund die Missionarsstellung bei zu bringen.

Liebe Leute, es wäre nun an der Zeit zu fragen, warum ausgerechnet ein der Gutmenschlichkeit verpflichteter Zeitgenosse wie ich so großes Interesse an einer nihilistischen Kreatur wie Dennis Hopper zeigt. Nun, eben deshalb. Vor wenigen Tagen kam mir zu Ohren, dass Mister Easy Rider nur noch wenige Wochen zu leben hat. Prostatakrebs (offenbar war er in Sachen VORBEUGUNG nicht ausreichend konsequent, was mich nicht wenig verblüfft).

In meiner Zunft wird eben großes Augenmerk darauf gelegt, wie jemand aus dem Leben scheidet (egal, wie er zuvor gelebt hat). Die letzten Tage vor deinem Erlöschen sind so immens elementar, was macht einer wie Hopper in seinen letzten Stunden? Zieht er ein Resumée, bereut er, setzt er eine Geste der Größe, lässt er den Philosophen raushängen, sucht er die Stille, wird ein lebenslang „Böser“ wie er gar von Anfällen von Gutmenschlichkeit heimgesucht?

Mitnichten. Dem Vernehmen nach will er sich am Totenbett scheiden lassen. Wegen „unvereinbarer Differenzen“. Das wäre dann Scheidung Nummer fünf. Ja, auch der „Bund fürs Leben“ hatte bei Hopper eine bizarr persönliche Note. Kurz, aber exzessiv. Seine erste Gattin Brooke Hayward ließ sich von ihm scheiden, weil ihre Sixties so verliefen, wie sie anderswo in Verruf standen. Eine andere Ehe – mit Michelle Phillips von den „Mamas & Papas“ – währte genau acht Tage („die glücklichsten Tage meines Lebens“, sagte sie immerhin).

Seine aktuelle Ehe mit Schauspielerin Victoria Duffy-Hopper (42) ist allerdings bereits im dreizehnten Jahr. Freunde und Bekannte des Paares geben sich verwirrt, die Gattin nicht sonderlich erfreut. Als Konsequenz einer Scheidung wird das Schrumpfen ihres Erbteils um zwei Drittel in Aussicht gestellt. Nicht sein Sein, nur noch sein Haben ist Thema. Das ist es, was mich verstört. Hat ein großer Kreativer wie Dennis Hopper in seinen letzten Stunden tatsächlich nichts Interessanteres in den Sinnen, als sich mit der Verteilung seines irdischen Tands herum zu ärgern und seinen Lebensmenschen zu entfremden? Ist das seine letzte Provokation, oder ist das Verdrängung? Oder ist er tatsächlich nur so ein widerlicher Baddie, wie er ihn immer auf die Leinwand brachte? Wär schade. Allerweil, er bliebe mir in positiver Erinnerung. Und sei es nur wegen jener zwei kostbaren Kinostunden, damals in Wels.

3 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    seufz, frater lieber frater,
    diese augen, diese augen, eine ganze welt für diese augen.

    sagt er uns damit vielleicht, dass er halt vorhat, seinen abgang auch spektakulär zu gestalten, wie david carradine, und doch ganz anders?

    demonstration des freien willens?
    oder manipulation durch erwachsenen töchter?
    wer kanns wissen.

  • majella reismann sagt:

    nicht einmal beim sterben hat man seine ruhe. egal wie man es dreht und wendet, irgendwem gefällt es sicherlich nicht, aber wem juckts, sicher nicht ihm. finde seine bilder sehr interessant und hoffe diese irgendwann irgendwo in natura sehen zu können und bis dahin wünsche ich ihm einen guten übergang.
    immerhin hat er es geschafft, dass ich mich gerne an ihn erinnere, was will man mehr;-))

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