Arigona & die unerträgliche Durchschnittlichkeit der Demokratie
Das Problem mit unseren Politikern ist ihre Volksnähe.
Eigentlich bin ich noch nicht da. Eigentlich hätte ich noch gern ein paar Tage dran gehängt, um ein paar weitere Nächte abzuzappeln und aufzulieben, aber irgendwann musste es wieder „ja zu A“ heißen. Dumm nur, dass ich nichts zu sagen hatte, der Kopf war erfreulich leer. Ich hab daher vor Abflug meine letzten Rupees in ein Internet-Café gesteckt, um mich bei der Quelle meines Vertrauens zu informieren. Dort stieß ich auf den ersten Lauth´schen Satz in diesem Jahr: „Being Österreicher.“
Sowas nenne ich brutales Erwachen.
Österreicher sein. Herrgottnochmal. Es heißt zwar, man könne den Österreicher aus Österreich nehmen, nicht aber Österreich aus dem Österreicher, nur halte ich nicht viel von dem Satz. Zwei Wochen im Paradies, mehr brauche ich nicht, und Österreich fällt von meinem Herzen wie der berühmte Stein. Dazu braucht es keine Verdrängungsarbeit, es passiert einfach. Nenne es die Gnade meiner späten Geburt. Ich wurde anno Fifties ins Land der Berge geboren. Auf das Wort „Hitler“ stieß ich erstmals mit zehn. Worüber sie nicht reden konnten, darüber konnten sie verdammt gut schweigen, meine lieben Landsleute.
Ein Wien-Korrespondent der „Times“ meinte einmal, der Österreicher sei „ein Italiener, der sich einbildet, ein Deutscher zu sein“. Nicht wirklich ein Sager, der den Patrioten in mir aus dem Tiefschlaf holt. Aber ich kann was damit anfangen, ich kann akzeptieren, dass meine österreichische Identität keinen soliden Boden hat. Aber bitte, das Thema ist alt und hat mehr Schutt drauf als der Zweite Weltkrieg.
Im Urlaub war ich gelegentlich versucht, positive Beispiele zum Thema „Österreich“ in die Konversation einzubringen und kam dabei einmal auf „Mozart“ (jenen Komponisten, der laut seinem Kaiser „zu viele Noten“ verwendete). Das andere Mal ging es ums Schifahren, um jene rare Fähigkeit, die Schrecken der Bergwelt und der Kälte zu meistern und daraus sogar Lust zu gewinnen. Wer stolze Österreicher sehen will, der muss nun mal zu Schirennen pilgern. Dort gibt es sogar österreichische Flaggen.
Ein gebildeter Nichtösterreicher warf noch einen dritten Begriff in die Debatte. Arnold Schwarzenegger. Einen Steirer, der es immerhin zum Gouverneur von Kalifornien gebracht hat, weil er, nun, schwere Dinge heben konnte. Er ging nach Amerika, hob schwere Dinge, stellte sie wieder auf den Boden und hob sie erneut. Und die Leute sagten dann „Wow, du bist unser Mann“ und machten ihn zum Obersten Kalifornier, und die Grazer nannten ein Stadion nach ihm.
Mir selbst fällt bei Arnold auch das Wort „Incitatus“ ein – so hieß das Lieblingspferd von Kaiser Caligula. Historiker bezeichneten Caligula gern als verrückt, weil er Incitatus zum Minister ernannte. Ich finde aber, der „Minister Incitatus“ drückte nur aus, was sein Kaiser über Politiker dachte. Und es war nicht unoriginell. Passt auch für heute.
Der Zollbeamte, der mir am Flughafen unter die Kutte und an den Schritt griff, um zu checken, ob in meiner Unterwäsche Sprengstoff lagerte, hatte mit meiner nationalen Identität kein Problem. Er warf einen Blick auf meinen Reisepass und identifizierte mich alsogleich als Österreicher. So einfach ist das für Beamte. Österreicher ist, wer einen österreichischen Reisepass hat, und so einer darf dann auch in Österreich leben.
Somit zu einem Mädchen namens Arigona, die keinen gültigen österreichischen Reisepass hat. Sie lebt seit langem in Österreich und geht hier zur Schule und wird nächste Woche 18 Jahre alt – und soll abgeschoben werden. Was es dazu zu sagen gibt, hat Herr Lauth HIER in einer Art dargestellt, die weitere Worte erübrigt. Diese Arigona soll also abgeschoben werden, weil die Politiker, die bei uns am Werk sind, es so befinden. Ein Umstand, der unter anderem zu Protestsätzen wie „Ich will von solchen Leuten nicht regiert werden“ oder auch „Ich will so nicht regiert werden“ führte.
Mit solchen Sätzen kann ich halt nur zum Teil. Ehrlich gesagt will ich überhaupt nicht regiert werden. Nicht von modernen Politikern. Mein Problem mit diesen Leuten ist, dass sie demokratisch in ihre Positionen gewählt werden – was seinerzeit einmal auch in meinen Ohren recht vernünftig und akzeptabel klang. Nur will es der Zufall, dass ich mich seit Jahrzehnten von diesen „Volksvertretern“ nicht akzeptabel repräsentiert fühle. Der letzte österreichische Politiker, der meinen Respekt hatte, hieß Bruno Kreisky. Dazu brauchte es nicht viel, er musste mich nur inspirieren und das konnte er. Sein Nachfolger, Fred Sinowatz, konnte immerhin noch schispringen. Aber dann war es aus. Nur noch lackierte Leute ohne Persönlichkeit und Rückgrat, denen jedes Argument recht ist, solange sie das Gefühl haben, damit ihre Zungen zielsicher im Anus der „Mehrheit“ zu verankern. Und diese Mehrheit brauchen sie nun mal. Nur die Mehrheit kann garantieren, dass ein Politikerarsch auf seinem Regierungssessel kleben bleibt. Man möge mich jetzt nicht um Namen bitten. Unsere Politiker sind mir seit Jahren kein Begriff. Ich höre ihnen nicht zu, weil sie mich intellektuell unterfordern. Dabei bin ich bei Gott nicht anspruchsvoll. Schon ein gerader Satz macht mich glücklich. Gesprochen mit dem gelegentlichen Brustton der Überzeugung, wenn möglich. Nur hat das keiner drauf. Jeder nuschelt sich mit unsäglich jammernder, nasaler Kopfstimme durch die politische Landschaft, jener Tonlage, auf die man nun mal zwangsweise verfällt, wenn der Zunge die Bewegungsfreiheit fehlt. Also verweigere ich ihnen mein Ohr, ich wähle nicht und weiß der Teufel Himmel, wer nun diese Fekter ist, über die sich gerade alle entrüsten.
Ja, ich habe ein Problem mit unserem demokratischen System (und bitte jetzt keine Ansagen a la „weißt du ein besseres?“). Diese Demokratie ist nichts anderes als eine Diktatur des Durchschnitts – das ist system-immanent, liebe Leute! -, der erfolgreiche Politiker jener, der diesem Durchschnitt das Wort spricht. Da ist Haltung nur hinderlich. Mein kleines persönliches Dilemma ist, dass die Meinung des Durchschnitts recht selten die meine war. Unser aller großes Dilemma ist, dass sich hinter dem durchschnittlichen österreichischen Wähler jene Kleingeister verbergen, „die in ihren hässlichen Häusern hocken und sich davor fürchten, dass ihnen jemand ihre hässlichen Fernseher stiehlt, die sie um viel Geld gekauft haben, das sie eigentlich gar nicht haben.“ (Allerweil, wär dieser Satz von mir).
Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn der Wähler politisch mündig ist. Das ist ein Bildungsstand, den der Bürger hier nicht hat. Nicht mehrheitlich. Daher nehme ich hoheitliche Weisungen auch nur von einer Quelle entgegen – von Dem Da Oben. Für alles andere schlag ich nach bei Kant. Sie wissen schon – der kategorische Imperativ. Jenes ethische Prinzip, wonach du anderen nicht einbrockst, was du selbst nicht auslöffeln würdest. Das ist nicht viel, aber es ist ein Anfang. Der zumindest im Fall Arigona zur richtigen Haltung führt.



bürokraten und wendehalspolitiker bestimmen über uns- arigona ist ein paradebeispiel. erbitte für die
entscheidungsträger schlaflose nächte der kälte, härte und finsternis, auf das sie geläutert werden
so ala teufelsaustreibung?
naja, wer weiß, vielleicht ist der frater da wirklich der richtige;)
ja, der frater ist eindeutig noch auf urlaub.
schön muss es da sein. sehr friedlich.
mhm
vergönnt seins ihm.
saxo
Liebe Frater,
gut geschrieben, doch die souveräne Sprache kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sie sich um das eigentliche Thema herumdrücken, so als würden sie selber nicht wissen, was sie von der ganzen Sache halten sollen. Ja, Arigona ist ein sympathisches Mädchen. Ja, sie soll bleiben. Aber es war von Beginn an klar, dass sie kein politischer Flüchtling ist, sondern aus wirtschaftlichen Gründen von Schleppern illegal hierher gebracht wurde. Der jetzige Abschiebebescheid nach so vielen Jahren ist auch nicht der erste, sondern der letzte einer langen Reihe. Es war von Anfang an klar, dass sie gemäß unseren Gesetzen kein politisches Asyl bekommen würde und sie und vor allem ihre Eltern wussten das auch. Nun soll sie in ein Land zurück, in das die EU viel Steuergeld für den Wiederaufbau und die Befriedung steckt. Das “Problem” ist eben nicht dieses Mädchen, sondern die weiteren tausenden Menschen, die aufgrund eines positiven Asylbescheids zu uns kommen werden. Damit ist Arigona eine europäische Angelegeneheit, so hart das klingt. In vielen europäischen Ländern gibt es sehr viele Flüchtlinge aus dem Kosovo (Z. B.Schweiz, Deutschland) alle diese Ländern haben ein starkes Interesse, dass es nicht noch mehr werden. Vor allem weil der Kosovo selber junge gut ausgebildete Menschen braucht und die Ressourcen in Österreich vor allem für politisch Verfolgte Menschen aus Afganistan, Somalia, Tschetschenien etc da sein sollte.
Bitte, ich kann das nicht mehr hören, daß uns Scharen an Asylwerbern überfallen werden wie die Heuschrecken, wenn Arigona ein humanitäres Bleiberecht bekommt. Weil sie hier 7 Jahre lang eine Heimat gefunden hat. Weil es eine Menge humanitäre Gründe gibt, ein Mädchen, das sich als Österreicherin fühlt, nicht in ein Land abzuschieben, wo es weder Perspektiven noch Wurzeln hat.
Die Millionen an Kosovaren, die dann bestimmt Österreich überschwemmen werden, wenn sie nur erfahren, daß Arigona hierbleiben darf, werden sicher auch viele Jahre hier leben, Kinder haben, hier arbeiten und Steuern zahlen und wir werden sie alle nicht mehr loswerden. Ja klar.
Hört doch endlich auf, solche fadenscheinigen Ausreden vorzuschieben, um zu verschleiern was wirklich Sache ist: ihr findet, daß Arigona es nicht verdient hat in Österreich zu leben, weil sie von euch gewählte Kriterien nicht erfüllt. Und weil das Elend dieses Mädchens offensichtlich so wunderbar von dem eigenen echten oder eingebildeten Elend und den Unzulänglichkeiten ablenkt. Auf am Boden Liegende tritt es sich eben am leichtesten.
Aber tut das wenigstens ehrlich und nicht mit unglaubwürdigen fadenscheinigen Ausreden. Denn für Arigona heißt es nicht “nun soll sie in ein Land zurück, in das die EU viel Steuergeld für den Wiederaufbau und die Befriedung steckt”, sondern sie soll nun aus ihrer Heimat in ein Land zurück, wo es für sie keine Zukunft gibt, wo sie als Entwurzelte, Heimatlose mit einem zerstörten Leben und psychisch krank wieder versuchen muß, irgendwie auf die Beine zu kommen.
Aber bitte, was geht das schon eine Frau Kirsch an, wir haben alle selbst genug Probleme, oder?
kirsch – being österreicher and proud of it: http://www.youtube.com/watch?v=U8GHurb__LI
für alle anderen: http://www.agenda2020.at/a20_migulist/
being österreicher and proud of it :
http://www.youtube.com/watch?v=U8GHurb__LI
für alle anderen
http://www.agenda2020.at/a20_migulist/
oder auch…wie mir heut beim eislaufen eingschossen ist:
http://www.youtube.com/watch?v=KMSa_xb2h5U
dei hohe zeit is längst vorüber…
aber ich bin österreicher, und lass es mir net vermiesen.
österreicher sein heißt für mich:
stark genug dazu, den schwachen zu helfen.
net auf sie hinzutreten.#
frater übrigens: amen