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Social Media: Wo ich nicht mit muss

Von | 03.05.2010, 7:00 | 2 Kommentare

Nur ja nichts versäumen. Nur ja immer vorne sein. Ein kleines Plädoyer für mehr Gelassenheit im Umgang mit Social Media. „Wir müssen nur wollen“, hieß es 2003 bei „Wir sind Helden“ – das Leitmotiv einer Generation, die vielleicht gerade noch so an der Dotcom-Blase vorbeigeschrammt ist. „Muss ich immer alles müssen, was ich kann?“, lautete […]

Foto: Anne Helmond, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Nur ja nichts versäumen. Nur ja immer vorne sein. Ein kleines Plädoyer für mehr Gelassenheit im Umgang mit Social Media.

„Wir müssen nur wollen“, hieß es 2003 bei „Wir sind Helden“ – das Leitmotiv einer Generation, die vielleicht gerade noch so an der Dotcom-Blase vorbeigeschrammt ist. „Muss ich immer alles müssen, was ich kann?“, lautete damals die rhetorische Frage.

Heute, im Jahr null nach dem iPad, heißt es: Wir müssen nur müssen! So kommt mir das jedenfalls vor. Erwachsene, intelligente Menschen, kritische Konsumenten, haben nichts anderes im Kopf, als möglichst schnell an die neueste Oblate aus dem Apple-Altarraum zu kommen. Facebook und Twitter sind ein Muss. Und wehe, man ist nicht live auf allen Kanälen dabei, wenn bei der 27. Entwicklerkonferenz der Wellensittich-Apps ein Vogel Durchfall hat.

Es sind rasende Zeiten. Technologie und Gesellschaft entwickeln sich in einer Geschwindigkeit, wo man kaum mit kann. Und wo ich nicht mit will.

Zum Teil jedenfalls.

Wir führen längst zwei, drei Leben parallel. Zeitmanagement und Medienkompetenz sind heute die zentralen Themen und weniger die Frage, ob das iPad die Revolution schlechthin verkörpert oder überbewertet wird, weil es nur ein weiteres schickes Gimmick einer Medienelite sein wird (dass in Schulen nicht vermehrt Medienkompetenz gelehrt wird, und dass Eltern nicht schon lange via Informationskampagne erklärt wird, wie sie und ihre Kinder mit der Medienvielfalt umgehen können, ist ein Skandal – das nur nebenbei). Wenn wir nicht lernen, mit der schönen, neuen Medienwelt umzugehen, wird sie uns zu gestressten, verunsicherten und letztlich unglücklichen Menschen machen. Das klingt jetzt furchtbar kulturpessimistisch, wird aber in der Debatte leider ausgeblendet.

Aus Facebook war ich schneller draußen, als ich drin war. Ich halte das, sofern es nicht für Marketing- und Werbezwecke genutzt wird, für pubertären, oberflächlichen Blödsinn, der noch dazu – Stichwort: Privatsphäre – eine bedrohliche Schattenseite hat. Twitter nutze ich hingegen fast täglich. Es ist meine schnellste Nachrichtenagentur, unaufgeregt, knapp und halbwegs uneitel. In den Wahn, immer und überall twittern zu müssen, werde ich aber nicht verfallen. Eher schon arbeite ich an Strategien, wie der Zuwachs an täglichen Nachrichten bewältigt werden kann. Am Wochenende lasse ich die Finger davon. Weil ich auch einmal meine Ruhe brauche. Weil mein Kopf Freiraum braucht.

Mal sehen, welche Sau als nächste durchs globale Dorf getrieben wird, und welches Marketingmascherl sie dann tragen wird. Ich werd mich an der Treibjagd so schnell nicht beteiligen.

Weiß schon. Irgendwann verwandelt sich das Schwein in eine goldene Kuh. Das sollte man nicht versäumen.

Und das werden wir auch nicht versäumen; wenn wir gelassen an die Dinge herangehen; wenn wir nicht jeden neuen Scheiß mitmachen; und wenn wir ob der tollen, neuen Echtzeit-Welt unseren Echtzeit-Raum, unser Hier und Jetzt, nicht vergessen. „social media know-how, but anti-social behaviour“, las ich Freitag auf Twitter. Danke für den Input.

2 Kommentare »

  • truetigger sagt:

    Ich komm generell mit diesem „Social Media“-Kram nicht ganz klar. Auf Facebook gefällt es mir, aber nur 25 Freunde zu haben sagt schon einiges über mich aus. Und Twitter verwend ich eh nur als Chat.

    Vielleicht ist es ja auch eine Generationenfrage. Früher(tm) lachten wir über alte Menschen, die mit dem Computer nicht zurecht kamen, die den Videorekorder nicht programmieren konnten oder für die dann Empora-Handys gebaut wurden, die hässlichen Knochen mit handflächengrossen Tasten. Jetzt bei Twitter, Facebook, MySpace & Co erleb ich „modernen Kram“ mal von der anderen Seite – auf einmal bin ich der, der sich verwundert am Kopf kratzt und sagt: „Irgendwie kann ich damit nix anfangen“.

    Nein, damit will ich dem Autor nicht unterstellen, er wäre zu alt – es ist nur meine eigene Wahrnehmung und allgemein die Einstellung, den ganzen Hype ein wenig gelassener zu sehen.

  • Dampfposter sagt:

    Prinzipiell stimmt das schon alles. Aber es ist dcoh ein bisschen zu einfach, einen sozialen Raum wie Facebook einfach als „pubertären, oberflächlichen Blödsinn“ abzutun. Für viele ist das mittlerweile Teil des Lebens, so wie Telefonieren, Autofahren oder sonstwas. Und das Puberträe und Oberflächliche gehört einfach zum Menschen. Die meisten Leute, die telefonieren, sind oberflächlich. Und die meisten Leute, die Autofahren sind oberflächlich. Dafür kann ein Dienst wie Facebook nichts. Und der ist obendrein keine weitere Sau, die durchs Dorf gettrieben wird, sondern die größte Website der wElt.

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