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Gladius47. FC Niemandsland

Von | 02.05.2010, 18:37 | 8 Kommentare

Wenn hunderte Polizisten ein kleines Fußballteam überfallen und verhaften, sollte das gehörigen Zoff geben. Es sei denn, die Kicker sind „nur Nigerianer“.

 

Die online-Debatten zum Thema sind etwas dünn gesät, aber es gibt sie. Eine der besseren wurde gestern auf der Facebook-Pinnwand des Grün-Politikers Klaus Werner-Lobo zum Thread. Ich sage „besser“, weil sich dort nicht einer der ansonsten omnipräsenten Xenophoben anknüpfte.

Das Thema war „Schubhaft“ – die niemandem sympathisch sein kann -, und einer wollte wissen „was die Lösung (wäre)“. Die logische Antwort – „Bleiberecht“ – folgte alsogleich. Weil es eben so sei, dass „Bleiberecht ein Menschenrecht“ ist, zumal dann, wenn das Einzige, das sich ein „Schubhaftierter“ zu Schulden kommen ließ, der Umstand ist, dass er geboren wurde.

Sie werden es gehört haben: Vergangenen Donnerstag überfielen über hundert Polizisten auf der Wiener Marswiese die dort trainierenden Spieler des FC Sans Papiers (= FC Ohne Papiere), überführten „einige“ der Spieler in Schubhaft, für zwei Spieler wartete bereits ein Flugzeug – das sie aufgrund einer „Spontanblockade“ von Demonstranten nicht erreichten.

Nehmen Sie das doch bitte mal persönlich: Sie gehen – wie seit Jahren – zu Ihrem wöchentlichen Fußballtraining, plötzlich bricht aus heiterem Himmel die Hölle los, ein Heer aus Uniformierten überwältigt Sie ungefragt – und so nebenbei erfahren Sie, dass in Schwechat bereits die Flugzeuge aufgewärmt werden, die Sie dorthin bringen, wo Sie nie wieder hin wollten … Rufzeichen

Berichte zu den Hintergründen für die Schubhaft blieben bislang rar. Im Standard wies Irene Brickner auf „die seit Jahresbeginn 2010 geltende Asyl – und Fremdenrechtsnovelle“ hin, die den Behörden das Abschieben wesentlich erleichterte. Werner-Lobo erwähnte in einem Interview, dass mit Schubhaftflügen auch Geschäfte zu machen sind. Und wahr ist sowieso, dass sich die Behörden für ihr polizeistaaatmäßiges Vorgehen keine Sorgen wegen eventuellen Unmuts der Bürger machen müssen. Immigration ist das große Thema Europas, und auch der durchschnittliche Ösi ist – aus vielerlei Gründenfremdenfeindlich.

Außerdem sind die in Schubhaft befindlichen Spieler nur irgendwelche Asylsucher, sie sind nicht „prominente“ Asylanten wie etwa Arigona. Die betroffenen Spieler des FC Sans Papiers sind Nigerianer. So ein Umstand senkt die Empfindlichkeitsschwelle in Österreich drastisch. Seit ein Nachrichtenmagazin heuer mal mit „Arigona ist ein Nigerianer“ leitartikelte, ist es quasi offiziell ein anderes Wort für „das Letzte“.

Diesmal ist es besonders schlimm. Mir ist noch kein Bericht vor Augen geraten, in welchem den zwei Schubhaftierten Namen gegeben wurden. Auch die Facebook-page „Solidarität mit FC Sans Papiers“ (die erfreulicher Weise auf über 2000 Mitglieder angeschwollen ist) verzichtet auf namentliche Erwähnung.

(Update: Wie unten in einem Kommentar ausgeführt, wird auf Namen auch aus gutmenschlich pragmatischen Gründen verzichtet – etwa um die Bleiberecht-Chancen der Betroffenen nicht zu gefährden. Nur half den zwei Schubhaftierten die Anonymität genau nichts. Was – wenigstens vorübergehend – half, war die spontane Blockade der Demonstranten. Die Frage ist also auch: Was ist besser – diskrete Diplomatie oder effektivere Mobilisierung?)

Ich sehe in der „Solidarität“ auch keine alternative Information, die mir die zwei Schubhaftierten als individuelle Persönlichkeiten, als was Einzigartiges nahe bringt bzw begreifbar macht. Warum mir danach ist? Weil sonst der bequemen Denke „keine Papiere = keine Identität = Namen überflüssig = weg damit“ zu viel Nährboden eingeräumt wird. Weil da nur der „Nigerianer“ als Begriff übrig bleibt. Ein Wort, das ansonsten vor allem in Zusammenhang mit „Drogenhandel“ an die Öffentlichkeit gerät. Oder als anderes Wort für „schwarz“. Alles in allem ist mit dem „Nigerianer“ allein hier zu Lande kein Staat zu machen, geschweige denn ein Bürger.

Das ist mein Problem mit dem „Nigerianer“. Dass mit „Freiheit für zwei Nigerianer!“ keine Ösimaus aus ihrem Bau gelockt wird.  Dass er erst dann namentlich erwähnt und als Persönlichkeit wenigstens erahnbar wird, wenn er – wie Marcus Omofuma – bei der Abschiebung aus Österreich im Flugzeug stirbt. Zur Erinnerung: Am 1. Mai 1999 hatten drei Fremdenpolizisten „einen Nigerianer“ kompetent gefesselt und geknebelt ins Flugzeug gesteckt. Dann starb er und hieß plötzlich Marcus Omofuma. Die Polizisten kamen mit bedingten (!) Haftstrafen davon. Widerlich!

Und jetzt ist die Exekutive also wieder einschlägig am Werk. Bitte keine „Die-tun-nur-ihre-Pflicht“-Allüren. Die gehen ans Äußerste. Weil sie können. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn ein Heer von Bullen das Fußballtraining dieser Asylsucher torpediert? Es ist ein Ansetzen genau dort, wo der letzte und einzige Tropfen Hoffnung für ein Erneuern des Lebenswillens, der einzige Trost in einer Existenz des Elends geschöpft wird. Es ist widerlich.

Ich kenne die Nigerianer des FC Sans Papiers nicht persönlich, bilde mir aber ein, soviel zu wissen: Sie sind nicht arbeitsscheu, nur arbeitslos. Sie sind Nichtstuer, weil sie zum Nichtstun verurteilt sind. Das Fußballteam entstand (wie in vielen Asylantengettos und Flüchtlingslagern) aus dem Bedürfnis, ihre brachliegende Energie positiv zu nutzen, ihre Depressionen – die einer, der nur „no future“ sieht, zwangsweise hat – wenigstens vorübergehend abzuschütteln. Fußball ist ihr Weg zu zeigen, was sie können. Die polizeiliche Attacke genau dort anzusetzen, wo sie ihre Probleme und Ängste mal eine Stunde lang vergessen können, ist nicht Ordnungshut. Es ist angewandter Psychoterror. Es ist jenseits von zivil. Und es sollte uns nicht egal sein, weil es „eh nur Nigerianer“ sind. Die Ordnungshut wird vom Steuerzahler nicht dafür bezahlt, menschenunwürdig zu handeln.

Außerdem haben diese im Niemandsland heimischen Sportler eine besondere Gabe. Sie können ihre Talente schneller entfalten, als uns Normalsterblichen und im staatlichen Sicherheitsnetz Geborgenen eigen ist.

Wenn man sie lässt.

Sie können das, weil die Alternative nur der Abgrund wäre. Und sie beweisen ihr Können, wenn man ihnen die Gelegenheit gönnt. Kein bisschen mehr. Nur die Gelegenheit. Ein Beispiel. Gegenwärtig wird in der Karibik gerade ein Sportmärchen wahr, das 1992 mit einem Asylantenteam begann. 1992 waren (wie auch heute) die Flüchtlingslager in Pakistan mit Afghanis überfüllt. 1992 war auch das Jahr, in welchem Pakistan zum ersten und einzigen Mal Weltmeister im Cricket wurde. Dies inspirierte ein paar Dutzend afghanische Asylanten, es auch mit Cricket zu versuchen. Mit Fetzen an Stelle von Bällen, mit den primitivsten Mitteln, aber mit eisernem Willen.

Als sie Jahre später heimkehrten, wurde die Afghanistan Cricket Federation gegründet (1995). Und heuer, nach nur 15 Jahren Existenz, schaffte Afghanistan die Qualifikation zur Weltmeisterschaft (obwohl auch Heimspiele nur im Ausland ausgetragen werden, weil die heimischen Sportplätze nicht den internationalen Standard erfüllen. Die Sportler haben diesen Standard sehr wohl, getrieben von einer Willenskraft, die nur im Elend des Niemandslands entfacht werden kann). Gestern begann die WM mit dem Spiel Afghanistan gegen Cricket-Supermacht Indien. Im Beisein von Oscar-Preisträger Sam Mendes, der die Story nach Hollywood bringt.

Womit ich sagen will: Der FC Sans Papiers ist nicht nur irgendein Fußballteam. Asylanten, die sich auf diese Weise wie Münchhausen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf der Depressionen ziehen, verdienen zumindest Respekt. Anerkennung statt Schikanen. Bleiberecht statt Abschiebung. Auch wenn sie „nur“ Nigerianer sind.

PS: Folgend eine gute Nummer.

8 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    frater, lieber frater. wieder mal sprichst du mir aus der seele. ich hab heute auf youtube ein vid gefunden über die demo, die die abschiebung zumindest verzögert hat. http://www.youtube.com/watch?v=jblX03HG394&feature=player_embedded#
    es ist großartig, dass diese menschen spontan bereit waren. aber ich frage mich: warum muss ein video auf diese art (ab etwa min 1.30) mit musik so unterlegt werden? warum muss die dramatik so gesteigert werden? warum wird auch hier wieder eine menschengruppe stilisiert? warum lassen sich alle so leicht insturmentalisieren?

    die bösen bullen
    die extremen linken/rechten
    die asylanten
    die kriminellen
    das sind alles menschen.

    dieses sichtbar machen…das wär so wichtig. stattdessen werden idealisten auf beiden seiten aufeinander losgelassen und die wirklich mächtigen (im sinne von bewegen können), reiben sich die hände und packeln. ist im profil nicht grad wieder was gestanden von wegen schmiergelder beim hypoverkauf?
    so ein zufall aber auch….

    • Frater Gladius sagt:

      saxo lady,
      danke für den Clip. Er sollte an allen möglichen Stellen gepostet werden. Zur Bewusstseinsbildung. Die „Musik“ an bezeichneter Stelle erschien mir, ehrlich gesagt, nicht extra angefügt. Nicht die Trommeln. Ich habe den Eindruck, dass diese Töne in der Umgebung liefen. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Fürs Video waren sie nicht notwendig. Das sagte alles. Dein FG

  • Betty Bonanza sagt:

    Ich verstehe den Post nicht. Ist deine Kritik, dass keine Namen genannt werden? Und wenn ja, warum nennst du sie dann selbst auch nicht?

    Wenn der Grund ist, dass du sie nicht weißt: Dann solltest du dir vielleicht Gedanken darüber machen, mit WIE wenig Hintergrundwissen/Recherche man ein Blogpost schreiben sollte, und wann man es lassen sollte. Die Namen sind bekannt – sie werden abgekürzt in den Medien genannt, stehen in voller Länge auf den Flyern und auf der Website des Vereins. Wenn du das übersehen hast, hast du dich kein bisschen mit dem Thema beschäftigt.

    Wenn du einen anderen guten Grund siehst, die Namen nicht zu nennen, warum dann der ganze Post? Und welcher ist es?

    Ich sag dir jedenfalls einen: Es tut in der Stimmung, in der sich das Land befindet, niemanden gut, wenn sein Name in Soli-Aufrufen steht. Die Bedingung der Stadt Wien für Bleiberecht ist immer wieder „keine Presse, kein Aufsehen“. Namen auf Transparente und FAcebook-Gruppen zu schreiben kann also problematisch sein.

    Aber ich weiß ja nichtmal, ob du das überhaupt kritisiert hast, oder was du sonst sagen wolltest.

    • Frater Gladius sagt:

      Liebe Betty,
      massiven Dank. Deine Ausführungen haben inspiriert, so sehr, dass ich im Text auch ein Update eingezogen habe.
      Grundsätzlich widerstrebt es mir zwar immens, vom Gefühl heimgesucht zu werden, mich nach 47 Kolumnen erklären zu müssen, aber na gut: Das Wort zum Sonntag ist kein journalistischer, von Recherche getriebener Blog (dafür gibts so Dinger wie das profil). Hier geht es stets um – von fraterlichem Kopfweh gedüngten – Humanismus. Ich investiere meine Zeit also nicht in Recherchen zur Namensfindung, sondern denke lieber darüber nach, warum etwa in diesem Fall die Namen nicht – wie allgemein üblich – offeriert werden (und welche Konsequenzen das haben kann). Und ich halte das von dir gebotene Motiv – Bedingungen der Stadt Wien für Bleiberecht – in einzelnen Fällen zwar für verständlich, generell aber für kurzsichtig.
      An sich wär ich schon glücklich, mit dem Artikel einen kleinen Beitrag geliefert zu haben, den horriblen Trend zur Polizeistaatlichkeit in diesem Land zu illustrieren. Aber da Du bekennst, nicht zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte, hab ich damit wohl kläglich versagt. Mea culpa – und alles Liebe. Dein FG

    • lusciniola sagt:

      Ja, die Namen wurden teilweise genannt, im Kurier standen sie zumindest. Ich glaube aber, dass es hier um etwas Tieferes geht.

      Wenn man Namen nennt, dann bekommt ein Schicksal ein Gesicht, eine Geschichte und damit eine menschliche Note. Dann ist es eben nicht mehr irgendein Nigerianer, einer von Hunderten Millionen Afrikanern, die kein Gesicht und keinen Namen haben. Sie sind anonym. Ein Schicksal, das die meisten nichts angeht, weil es nicht berührt. Was weiß man schon von denen. Hier wird bewusst Anonymität lanciert, um Betroffenheit zu nehmen.

      Bezeichnend ist, dass die Stadt Wien also angeblich sagt, keine Presse, wenn man ein Bleiberecht will. Erstens sollte das wohl erteilt werden, wenn die Voraussetzungen dafür vorliegen, aber einmal abgesehen davon: wir fürchten uns anscheinend schon so vor den Rechten, dass wir nicht einmal mehr den Menschen ein Gesicht und einen Namen und eine Öffentlichkeit mehr geben dürfen, um uns human zu zeigen. Schlimm, oder?

      • Frater Gladius sagt:

        Ja, schlimm. Und dennoch widerfährt mir beim Lesen Deiner Zeilen ein Anfall plötzlicher Wärme. Danke, Lusciniola. FG

  • Manfed Klimek sagt:

    Das Nachrichtenmagazin profil hat nicht getitelt, es war vielmehr ein Kommentar von Christian Rainer. Und wenn der Autor dieser Zeilen sinnerfassend hätte lesen können (wiewohl ich bezweifle dass der Artikel – wie in Österreich ja üblich – vom Autor gelesen wurde), dann hätte er auch den Sinn des Titels erfasst. So aber verabschiedet er sich in die typisch österreichische Empörungsdummheit..

    • Frater Gladius sagt:

      Danke für den Hinweis, Herr Klimek. Ist in diesem Sinne korrigiert. Selbstverständlich meinte ich den Leitartikel – den ich wiederholt gelesen habe, zumal er mich wiederholt einschlägig inspirierte. Auch war nicht schwierig, den Sinn des Titels zu erfassen (trotz der holprigen Ausführung im Text). Nur hab ich schon damals beschlossen, den Artikel mit den Augen eines Nigerianers zu lesen. Dem wurde dabei nicht warm. Ihr FG

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