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Manfred SaxMy Wahlkampf in the UK 05. Bigottgate: „Sargverweigerin“ killt Prime Minister

Von | 29.04.2010, 20:20 | Kein Kommentar

Jeder Wahlkampf hat seinen prägenden Moment. Für Gordon Brown kam er, als er eine Pensionistin „bigott“ nannte. „Gestern war gestern, heute will ich über die Zukunft unserer Wirtschaft reden.“ Also sprach Prime Minister Gordon Brown in seiner heutigen Mittagsrede. Ein frommer Wunsch. Selbst sein eigener Leitartikel in der Website der Labour Party ist noch mitten [...]

Sun-Cover heute. Scan: Rollo Sax

Jeder Wahlkampf hat seinen prägenden Moment. Für Gordon Brown kam er, als er eine Pensionistin „bigott“ nannte.

„Gestern war gestern, heute will ich über die Zukunft unserer Wirtschaft reden.“ Also sprach Prime Minister Gordon Brown in seiner heutigen Mittagsrede. Ein frommer Wunsch. Selbst sein eigener Leitartikel in der Website der Labour Party ist noch mitten in der Nachricht von gestern: „Es tut mir soo leid“, schreibt er DORT, „dass ich jemanden beleidigt habe.“

Heute abend kommt es zur dritten und letzten TV-Debatte der Führer der drei Großparteien. Für Brown, der in allen Wahlumfragen abgeschlagen hinter Tories und LibDems liegt, ein Salon der letzten Chance. Die ihm vor zwei Tagen noch eingeräumt wurde, immerhin geht es in Serie Drei um Wirtschaft, das ist sein Metier. Geplant war daher, den gestrigen Tag für intensive Vorbereitung zu nutzen, nur vormittags stand ein kurzes Bad in der Menge der Kleinstadt Rochdale (unweit von Manchester) auf dem Programm, das sollte es gewesen sein.

Und dann kam alles ganz anders.

Stichwort: Bigotgate

Ersten TV-Bildern aus Rochdale zu Folge verlief Browns Visite ohne besondere Vorkommnisse, er schüttelte Hände, er gab Lippenbekenntnisse. Er machte gute Miene, als ihn eine 65jährige Witwe fragte, warum es auf der Insel „so viele Osteuropäer (gibt), wo kommen die denn alle her?“ – Brown wich der richtigen Antwort („aus Osteuropa“) aus, verabschiedete sich höflich, stieg in den Jaguar, und Rochdale war somit abgehakt. Glaubte er.

Fünf Stunden später war der gesamte Pressezirkus noch immer in Rochdale. Vor dem Haus besagter Witwe. Mittler Weile wusste ganz England, dass die Dame Gillian Duffy hieß und ein Leben lang Labour gewählt hatte – diesmal aber davon Abstand nehmen werde.

Es heißt, dass jede Wahl einen prägenden Moment hat. Gestern war so einer. Es war 15 Uhr, der Garten des Hauses voll mit Journalisten, alle News-Kanäle waren live dabei, die Kameras auf die geschlossene Haustür gerichtet. Und weil sonst nichts passierte, wurde 40 Minuten lang nur berichtet, dass es „nun schon 11 (15, 20, 30 etc) Minuten sind, die Gordon Brown im Haus von Witwe Duffy verbringt.“ 40 Minuten! Ein Obama kam gestern gerade mal auf zehn. Aber obwohl in diesen 40 Minuten genau nichts passierte, waren sie gut investiert. Sie machten klar, dass der Zug für Brown endgültig abgefahren war.

Der Grund für sein spontanes Date mit Duffy war der in diesem Wahlkampf übliche: Schadensbegrenzung. Brown hatte sich bei der Witwe eingeladen, um sich zu entschuldigen. Für eine Bemerkung, die er sich gestattete, nachdem er in den Jaguar gestiegen war. Dort hatte er sich gleich mal Luft gemacht und „so ein Disaster!“ und „diese bigotte Frau!“ (KLICKEMPFEHLUNG!) geflucht. Und natürlich, die Flüche waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nur hatte Brown vergessen, dass das Mikro an seiner Jacke noch eingeschalten war. Schlimm. Noch schlimmer, dass dieses Mikro mit Sky News verbunden war. Sky News ist ein Murdoch-Medium. Wie Rupert Murdoch zu den Wahlen steht, gab es HIER zu lesen.

Sky brachte die Tonspur sofort in Umlauf, selbstverständlich wurde auch Gillian Duffy eingeladen, Ohrenzeugin zu sein, ihre Reaktion gelangte im Reality-TV-Stil in den Äther. Um 14 Uhr besetzten Tweets mit einem Hashtag zum Thema die Plätze eins, zwei und drei des Twitter-Traffics. „Bigot(t)gate“ war perfekt. Und Brown beschloss, alle weiteren Pläne für den Tag zu stanzen und stattdessen noch einmal Witwe Duffy zu besuchen …

Brown: „Reuiger Sünder“. Screenshot von Sky News

Sein Statement nach Verlassen ihres Hauses war kurz („Ich bin ein reuiger Sünder“, Klickempfehlung!), seine winzige Hoffnung, der Fall könnte damit erledigt sein, nicht einmal trügerisch. Der Schaden war gemacht, seine Chancen auf einen Wahlsieg zwischen „slim and none“, wie es heißt („and slim is out of town“). Sag ich mal. Denn die Reaktionen auf Twitter waren zu einem guten Teil recht positiv für den Prime Minister.

Allerdings twittert, erstens, die Alte Generation nicht. Zweitens ist die Alte Generation heute die größte Wählerschicht. Drittens hat sich die Labour Party bereits vor drei Wochen via Stuart MacLennan (nunmehr geschasster Ex-Kandidat für den schottischen Wahlkreis Moray) einen satten Fauxpas gegenüber Pensionisten geleistet. In seinen Tweets bezeichnete er sie als „bloody coffin dodgers“ (=verdammte Sargverweigerer). Das – plus der Umstand, dass er Schotte ist, plus ein paar Gründe mehr – garantierte Brown schon mal einen schwierigen Wahlkampf.

Dass „Sargverweigerin“ Gillian Duffy nun zu seinem Sargnagel wurde, hat was Poetisches. Wie die Sun heute am Cover anmerkte: „Brown (ist) Toast“. Selbst wenn diesen Abend anlässlich der TV-Debatte ein Wunder geschehen sollte.

Zum aktuellen Zwischenstand (29.4.) im Wahlkampf laut online-Umfrageriesen YouGov:

CON 34% (+1) LAB 27% (0) LIB 29% (-1); Prognose: Hung Parliament.

Am Tag der dritten TV-Debatte lässt der Clegg-Effekt etwas nach, zu Gunsten von David Cameron. Fraglich noch immer, wie sich der Jungwähler entscheiden wird, wie einflussreich sich die online-Meinungsbildung erweisen wird. Aber davon ein andermal.

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