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Gladius46. Oh My Lady Gaga!

Von | 25.04.2010, 19:09 | 2 Kommentare

Alle jammern über die geringe Wahlbeteiligung. Aber wie der junge Chinese sagt: Mit Lady Gaga unter den Kandidaten gäbs mehr aktive Demokraten.

 

Lady GaGa by Spree PiX

Die „Bin-zwar-kein-Fischerfan-aber-ich-wähl-ihn“-Fraktion des Facebooks war früh unterwegs. Schon um sieben Uhr wurden Freunde virtuell angerempelt: „War brav, habe gewählt, jetzt bist du dran.“ Bald bekannte auch mein Mann fürs Burgenland, jetzt ein „Fischerman´s friend“ zu sein. Gedanken zur Wahl gab es viele, keiner war mit Enthusiasmus gewürzt. Es klang mehr nach lästiger Verpflichtung, wie ein Stuhlgang, nur weniger befriedigend.

Die schweigende „Mi-gfreids-heid-ned“-Mehrheit gab sich zum Thema habituell verschlossen, bis auf eine Freundin, die einen amerikanischen Showmaster zitierte: Hätte Gott gewollt, dass wir wählen, hätte er uns Kandidaten gegeben. Netter Satz. Passt immer, wenn bei uns Wahlen sind. Und nichts für ungut, werte Schadensbegrenzungswähler, das wars in Sachen Wahlen. Wie ich allgemein zur Demokratie im „freien“ Westen stehe, gab es HIER zu lesen (Stichworte: „unerträglich“ und „Durchschnittlichkeit“). Und im aktuellen Fall werde ich beim Gedanken an die Schlagzeilen, die von der seltsamen Kandidatin im Ausland getriggert wurden, schnell unrund. Braucht keiner.

Lieber bleibe ich positiv, bei obigem Zitat von den Kandidaten, die „Gott“ offenbar nicht gewollt hat. Sehr wohl hat er demnach gewollt, dass es eine Lady namens GaGa gibt, die den Planeten seit über einem Jahr gehörig berauscht, beschäftigt, betört, tröstet, nervt und noch ein paar Sachen mehr mit uns anstellt.

Diese Lady ist länger und penetranter in meinen Gedanken, als zu einem Mann wie mir (Ablaufdatum undsoweiter) eigentlich passt, und zwar seit jenem Moment, als ich die ersten zwei Worte jenes Liedes hörte, mit dem sie bekannt wurde: „Red wine.“ Tatsache ist, dass mir da gleich das letzte Abendmahl einfiel, als Jesus Wein verteilte inklusive der Anmerkung, dass dies eigentlich sein Blut sei. So war es, nur kann man über sowas bei bestem Willen nicht schreiben, sonst heißt es gleich, der Frater hat eine Macke. Hier daher nur soviel: Die Lady war mir von Anfang an nicht egal.

Mittler Weile geht es der halben Welt ähnlich, bekanntlich ist die Lady gerade in Fernost und sorgt dort für eine anständige Gagamania, deren Auswüchse – wie es sich fürs 21. Jahrhundert gehört – zuerst online transparent werden. China, zum Beispiel, hat 384 Millionen Internet-user, und ein Ausdruck mit „Lady GaGa“ gilt dort beim Texting und Tweeting als das „coolste Ding“ der Gegenwart.

 

Kanjis. Illu: wikipedia

Das Coole an der Sache besorgt die schriftliche Umsetzung. Für Lady Gaga gibt es keine Kanjis. Neue, vom Westen importierte Begriffe werden gedruckt wie sie kommen, wodurch aus einem Meer von Kanji-Zeichen plötzlich die Worte „Oh My Lady Gaga!“ erwachsen (zur Illustration bitte klicken) und wie ein Leuchtturm weithin sichtbar bleiben.

Genau um diese Wortgruppe geht es. Es ist immer „Oh My Lady Gaga!“, ein Ersatz für das zuvor häufig verwendete „Oh My God“ (bzw OMG!).

Zur Anwendung kommt die Phrase – wie auch bei uns – wenn sich etwas Verblüffendes oder Angsterregendes oder anderswie aus dem gewohnten Rahmen Fallendes abspielt, das auch unseren Lippen traditionell gern ein „O mein Gott!“ oder „Allmächtiger!“ entfahren lässt. Etwa: „Oh My Lady Gaga, sieh Dir den Sonnenuntergang an!“ – Oder: „Oh My Lady Gaga, Vater hat geschnallt, dass ich die Schule geschwänzt hab!“ –

Da diese online-Ereignisse in China passieren, versteht sich von selbst, dass da auch eine Spur Subversivität mit im Spiel ist. Schon „Oh My God!“ war  subversiv, wenn auch nur ärgerlich, in „Gott“ steckt nur Gestriges. „Oh My Lady Gaga!“ ist subversiver, weil jung und zur Blüte fähig. Das offizielle China hasst das Ausbreiten englischen Slangs, sieht darin eine Seuche, eine Gefahr für die „Reinheit“ der chinesischen Sprachkultur. Forderungen nach restriktiven Regelungen zum Schutz der heimischen Kultur vor den „verderblichen“ Fremdimporten sind omnipräsent.

Ich finde diese „Subversivität“ großartig. Ich finde es großartig, dass es Dinge gibt, die sich von den Mächten die da sind nicht kontrollieren lassen. Dass es ChinesInnen gibt, die unaufgefordert und lautstark einem Fremdimport huldigen, der offenbar ihre Zeit bereichert. Ich fände es großartig, wiche auch hier zu Lande das übliche „O mein Gott“ dem frischeren „Oh My GaGa“. Der „Gott“ war okay, solange die „Persönlichkeit“ dazu inspirieren konnte, solange dir etwa eine Botschaft wie „halte die andere Backe hin“ noch als total cool und abgefahren erschien. Nur wirkt er halt dieser Tage so ausgepowert wie seine „Stellvertreter“ auf Erden.

Lady GaGa dagegen inspiriert. Mühelos. Das gilt für ihre Story (vom archetypischen hässlichen Entlein zum Schwan) ebenso wie für ihre Kunst. Diese Frau baut auf, sie sagt zu jedem Girl „You can do it“, dazu brauchst du keinen Jay-Z wie Kollegin Beyonce, das kannst du selbst. Sie kennt keine Sprachgrenzen, ihre Gigs geben dir eine beseelte Zeit, ich brauch nur Bad Romance, schon bin ich dort, wo ich mich wohl fühle, also circa 1000 vor Christus, Abteilung Königin von Saba, Unterabteilung Fruchtbarkeitstänze.

Lady Gaga offeriert sich pur, sie arbeitet ihren Arsch ab. Sie jammert nicht im Krisenchor der Musikindustrie mit, sondern macht. Sie ist das beste Impfmittel gegen eine Gegenwart, die dich vor allem runter bringt.

„O mei Gaga!“ – das wär was. Dagegen hätte auch der alte Gott nichts einzuwenden. Sonst hätte er sie nicht gemacht.

PS: Hier ein Clip des ersten Auftritts der Lady vor 10 Monaten auf der Insel (Glastonbury Festival). Geringere Neo-Popstars gehen vor 80 000 Fans ein, Gaga ging auf das Menschenmeer zu und fragte: „Findet Ihr mich sexy?“ Die Antwort? History.

2 Kommentare »

  • Sabrina sagt:

    ja ist auch ein gratis chat einfach mit Nickname rein ! bin dort sehr oft unter http://www.fuubo.com

  • der franz sagt:

    1. kanji sind der japanische begriff. bitte hanzi oder einfach „zeichen“ verwenden.
    2. es gibt sehr wohl zeichen, mit welchen man die (dann nat. teils phonetische) ueberseztung machen kann. klingt dann aber nicht mehr ‚cool‘ und wird deswegen nicht gemacht.(:???????????????????) lustig ist uebrigens, dass wenn man bei baidu.com lady gaga eingibt der vorschlag kommt, nach „lady gaga????“ kommt….
    3.’der regierung‘ stoeren nicht diese kurzlebigen populaer phrasen, sondern schluesselbegriffe und abkrz. wie GDP, GNP, NBA, CEO und so weiter, weniger aus sprachreinheit (es gibt ja schliesslich genug phonetische ueberseztungen) sondern aus der tatsache, dass dadurch einfach keiner weis was eigtl. gemeint ist. wobei man bei CCTV anscheinend eine ausnahme macht :)
    lg

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