My Wahlkampf in the UK 03. Thick
Es ist nicht nett, jemanden „thick“ zu nennen. Aber wenn es auf der Insel um David Cameron und die Tories geht, taucht das Wort verblüffend häufig auf. Meine Nachbarn Claire & Stephen sind Opernsänger (Kostproben? Bitte sehr). Claire ist busy, war gerade in Helsinki für Verdi’s „Ballo in Maschera“, Stephen weniger, der werkt meistens im [...]
Es ist nicht nett, jemanden „thick“ zu nennen. Aber wenn es auf der Insel um David Cameron und die Tories geht, taucht das Wort verblüffend häufig auf.
Meine Nachbarn Claire & Stephen sind Opernsänger (Kostproben? Bitte sehr). Claire ist busy, war gerade in Helsinki für Verdi’s „Ballo in Maschera“, Stephen weniger, der werkt meistens im Garten. Weil er singen hasst, sagt er. Mir fielen da noch andere mögliche Gründe ein, aber gut, mitunter gibt er auch den Conte Almaviva in Le Nozze di Figaro. Zuletzt bei den Salzburger Festspielen. Dort ist mir Stephen am liebsten. Stephen ist mir am liebsten, wenn er nicht zuhause ist. Er ist nämlich nicht nur Opernsänger, er ist auch … anders. Nicht gerade interessant anders oder gar angenehm anders, nur eben … anders.
Letzteres sickerte bald durch. Die Mauern zwischen den Gärten in unserer Gegend sind traditionell maximal einen Meter hoch, um gelegentlichen Schatten (sollte wider Erwarten die Sonne scheinen) minimal zu halten – wodurch manchmal auch ein Fußball in den falschen Garten gerät, normaler Weise kein Problem, klettert der Boy also über die Mauer und holt den Ball zurück. Bis Stephen einzog (vor ein paar Jahren). Der kaufte nur Holz, errichtete eine zwei Meter hohe Wehr, die er oben mit spitzen Stahlzacken komplettierte. Sollte der Boy noch einmal in seinen Garten klettern wollen, dann sollte er das nicht ohne Verletzungen schaffen.
Immerhin eine Haltung, wenn auch keine intelligente. Jetzt hatte er nämlich die Mutter des Boys als neue Intimfeindin, die ihn sofort mit der Mutter aller Tiraden (ein Naturereignis) aus den Socken hob. Aber gut, mit den Jahren gewöhnten wir uns an einander, Claire ist ohnehin nie da, und Stephen verstehe ich blind: Ist er freundlich, will er was von mir. Ansonsten halten wir die Konversation frei von Anspruch, allzu bewusst eingesetztes Understatement könnte schnell kompliziert werden. Denn eines ist Allgemeinwissen: Wer wegen eines lächerlichen Fußballs den Zorn einer englischen Löwin riskiert, der hat sie nicht alle. Der ist simply „thick“.
Zufällig ist Stephen auch ein Tory.
Sein Haus in unserer Semi-Detached Alley zu Winchester ist leicht auszumachen. Obwohl die Hausfassaden alle gleich aussehen und davor die gleichen Autos parken. Aber Stephens Haus ist das einzige, wo auch ein blauer Wimpel mit den Worten „Vote Tory“ hervor steht, in der Art eines rostigen Nagels. Für mich ist Stephen das, was für die Meinungsforscher East Swindon ist. Wer wissen will, wie der Wahlkampf steht, der checkt East Swindon. Wer wissen will, was ein typischer Tory ist, der findet ihn in Stephen.
Somit zu David Cameron. Eigentlich ist erstaunlich, wie einer, der als Sogutwie-Prime Minister in den Wahlkampf ging, den hohen Vorsprung binnen Tagen verjubeln konnte. Aber es gibt eben nur einen David Cameron. Ein paar TV-Minuten mit ihm, schon ist das Wort „thick“ in Reichweite. Hat vielleicht mit den Augen zu tun, die er habituell aufsetzt, wenn ihm wer eine Frage stellt. Die haben was Flehentliches. Könnten Camerons Augen reden, würden sie „bitte nix Kompliziertes fragen“ lispeln. Nicht unsympathisch, aber irgendwie … anders.
Außerdem ist er das, was man einen „Toff“ nennt. Geerbter Reichtum, Eton-erzogen (wie die Windsors), Mann ohne Eigenschaften; nie in die Lage geraten, sich mal vorstellen zu müssen, wie es seinem Gegenüber wohl geht, daher auch nicht gewohnt, in – über das Einfache hinaus gehenden – Zusammenhängen zu denken. Wer sich nun fragt, wieso die Conservatives ausgerechnet einen Mann mit IQ-Mangel zum Top-Kandidaten machten, der sehe sich die Alternativen an. Im Kreis seines Schattenkabinetts sticht Cameron wie Mister Smooth hervor.
Dabei liefen die Umstände für ihn anfangs wie geschmiert. Schon Monate vor dem Wahlkampf brachte er Gattin Samantha in andere Umstände (absichtlich, munkelten Medien), etablierte alsbald im Eigenheim eine „SamCam“, die nun jedem Briten gestattet, sich via Internet vom wachsenden Bäuchlein der Gattin überzeugen zu können. Und ein Wahlkampf mit schwangerer Gattin, das ist was, das kannst du nicht bezahlen.
Auch seine ersten Gigs liefen nicht schlecht. Mal ging er mit Sir Michael Caine für die Kameras spazieren, andermal gatecrashte er mit Sturzhelm die Motorshow von Petrolhead Jeremy Clarkson, das ist der Prolo, der Prime Minister Brown einen „einäugigen Idioten“ nannte (siehe HIER). Wieder ein anderes Mal ging sein Gig auch daneben. Da fuhr er fürs Fernsehen mit dem Rad zur Arbeit. Was okay ist. Macht jeder. Jeder Politiker biedert sich auf alle erdenkliche Art dem Wähler an. Nur ist es nicht clever, wenn man – wie Cameron – nach der ersten Kurve vom Rad steigt und in eine Limousine wechselt.
Charismamangel ist nicht der einzige Grund, warum Cameron derzeit nur 6% Vorsprung auf die nationale Hassfigur Gordon Brown hat. Da ist auch noch die Wahlstrategie der Tories, bzw das Fehlen einer solchen. Es ist etwas schräg, wenn Conservatives einen Slogan – „Vote for Change“ – erfinden, der das Gegenteil von „konservativ“ signalisiert. Es war Prädikat wertvoll, als sich Cameron spontan für „Pflichtwehrdienst für 16jährige“ stark machte. Das würde die Jugend von der Straße holen, meinte er, und gleichzeitig die Army-Kosten reduzieren – zwei Fliegen mit einem Schlag. Nur hatte er ganz vergessen, dass es da auch noch Afghanistan gibt. Und Mütter, die eventuell nicht happy sind, wenn ihr 16jähriger ein One-Way-Ticket nach Kabul hat. Camerons Spontan-Idee war denn auch nicht mehr im Tory-Manifest enthalten – das man vor der Battersea Power Station lautstark („Mehr Power für Britain!“) entrollte, jenem Kraftwerk an der Thames, das seit Jahrzehnten außer Betrieb ist.
Das Tory-Manifest verliert sich bereits 90 Kilometer westlich von Westminster (in meiner Wahlheimat Winchester) spurlos in der Übersetzung. Der hiesige Tory-Kandidat Steve Brine redet uns die Ohren zu, wie sehr den Conservatives die „jobs for the people“ am Herzen liegen. Im Tory-Manifest liegen sechs Milliarden Pfund zu Buche, die man nicht mehr in die Wirtschaft pumpen will (Abteilung Gesundschrumpfen, das übliche Tory-System).
Oder der NHS (National Health Service). Das Gesundheitswesen. Das Krankenhaus soll genug Ärzte und Nurses haben, meint „our“ Brine. Das Manifest sagt aber „Ausländer raus“. Nur läuft ohne ausländische Ärzte und Nurses auf der Insel genau null. Ich muss morgen zu einem Check nach Salisbury, weil im Winchester Hospital das Personal fehlt. Hier gibt es für simple Injektionen bis zu vier Monate Wartezeit.
Die aktuelle Tory Party ist das farb- und planloseste Team meiner Erinnerung, die schreckliche Margaret Thatcher hatte wenigstens Charisma, ihr manierlicher Nachfolger John Major immerhin Unterhaltungswert (seine Affäre mit Kabinettskollegin Edwina Currie war ein Lachschlager, hatte also Nutzwert, bekanntlich ist LACHEN GESUND). Aber trotz all dieser Mängel stünden die Tories gegenwärtig großartig in der Wählergunst, hätte der arglose David Cameron nicht der TV-Debatte mit Gordon Brown und Nick Clegg zugestimmt. Das war thick.
Wobei die versöhnliche Nachricht für ihn ist, dass sich seine Popularitätswerte seit dem TV-Disaster des vergangenen Donnerstags wieder erholen. Geholfen hat, dass man die bisherige Strategie seither umkrempelte (was nicht schwer war, es gab zuvor keine), und sich nun auf den neuen Politstar Clegg einschießt.
Das Dumme ist: Morgen gibt es die nächste TV-Debatte. Schwerpunkt Außenpolitik. Nicht wirklich Camerons Spezialgebiet. Als sich Clegg vergangenen Donnerstag dafür stark machte, den „nuklearen Schutzschild“ Trident (ein Relikt des „Kalten Krieges“ der 70er Jahre gegen die Russen) zu stanzen und so mit einem Schlag 80 Milliarden Pfund frei zu kriegen, meinte Cameron nur, dass man Trident unbedingt brauche: „wegen Nordkorea“. Die morgige Debatte sollte interessant werden.
Zum aktuellen Zwischenstand (20.4.) im Wahlkampf laut online-Umfrageriesen YouGov:
CON 33% (0) LAB 27% (-1) LIB 29% (-1 !); Prognose: Hung Parliament.
Erwähnt muss noch werden, dass nun alle Medien im Besitz von Rupert Murdoch (Sun, News of the World, Times, Sky TV u.a.) gegen Nick Clegg in den Krieg ziehen. Murdochs Medien haben vor Monaten beschlossen, dass Cameron gewinnen werde, und sich deshalb voll hinter ihn gestellt. Wenn Cameron die Wahl verliert, verlieren die Murdoch-Medien ihr Gesicht. Aber davon ein andermal.






