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Gladius45. Der Furz Gottes

Von | 18.04.2010, 15:33 | 2 Kommentare

Gibt es einen Gott? Nein. Es sei denn, es explodiert wo ein Vulkan. Dann pochen alle, die nicht zahlen wollen, auf „höhere Gewalt“ oder einen „Akt Gottes“. Mein irdischer Erzeuger sagte immer: „I sitz mi in koan Flieger ned.“ Mit Aberglaube hatte seine Flugangst nichts zu tun, daher halfen weder psychologisches Zureden („Keine Angst, runter […]

Eruption des Eyjafjallajökull in Island. Foto: orvaratli

Gibt es einen Gott? Nein. Es sei denn, es explodiert wo ein Vulkan. Dann pochen alle, die nicht zahlen wollen, auf „höhere Gewalt“ oder einen „Akt Gottes“.

Mein irdischer Erzeuger sagte immer: „I sitz mi in koan Flieger ned.“ Mit Aberglaube hatte seine Flugangst nichts zu tun, daher halfen weder psychologisches Zureden („Keine Angst, runter kommst du immer, haha!“) noch rationale Darstellungen, wieso die Chancen, in einen Sturzflieger zu geraten, nicht einmal im Promillbereich liegen. Im Flugzeug über den Wolken bist du nicht in Kontrolle über deine Geschicke, meinte der Alte, er hat ja keinen Pilotenschein und hätte er einen, würde er diesen fliegenden Kisten nicht trauen. Und aus.

So eine Haltung ist heute oft mühsam (wer hat die Zeit für ein Schiff nach Amerika?), aber sie hat ihre Vorteile. Zum Beispiel schützt sie weitgehend vor Leuten, die für Institutionen arbeiten, die man „Versicherung“ nennt.

Klopft ein Mann von der Versicherung ans Klostertor, kann auch ich leicht herb werden. Reine Marotte. Ich liebe Sprache, kann schwer mit Sprachkosmetik. Letzteres gehört zu Versicherungsleuten wie Adam zu Eva. Sie bieten dir eine Lebensversicherung, die dein Leben nicht sichert, aber hey,  mit deinem Ableben wird sie aktuell, nämlich für andere. Sie verkaufen dir eine Unfallversicherung, die dich nicht vor Unfällen schützt, im Gegenteil, du musst einen Unfall bauen, damit du außer Spesen was davon hast.

Sie versichern alles, vom Kochtopf bis zu den Beinen von USAIN BOLT. Versicherungen nehmen dir das Unbehagen vor dem Leben, die Angst vor Verlusten aller Art, sie beschmieren dich mit dem Drachenblut, das Siegfried unverwundbar machte, sie machen dich immun, was soll schon passieren, man ist gegen alles versichert. Das schwören sie, wenn sie dir die Versicherungspolizze zur Unterschrift präsentieren. Und jedenfalls haben sie verstanden, wie man mit den Ängsten anderer reich wird. Und okay, damit könnte ich.

Leider operieren Versicherungen auch doppelzüngig. Wird ein Ereignis mal zum Fall für die Versicherung, geben sie sich plötzlich spröd. Sie werden zum Sherlock Holmes ihrer Interessen, sie durchforsten mit Lupe das Kleingedruckte, sie tun alles, um die Garantie, die sie dir per Polizze gaben, „in diesem Fall bedauerlicher Weise“ zu stanzen. Und der Unterschied zwischen „Versprechen geben“ und „nicht halten müssen“ ist wohl Teil dessen, was man Profit nennt.

Aber bitte, auch damit könnte ich, Herrgottnochmal, man ist ja Mensch, man will leben, man will leben lassen. Ich kann akzeptieren, dass Menschen lieber an Profite denken als an den Sinn des Lebens. Ich verstehe Atheisten und Menschen, die „ganz einfach nur reich“ werden wollen, was solls, seien wir ehrlich: Es gibt keinen Gott, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und so weiter.

Nenne mir ein(en) Versicherungsmensch und ich nenn dir eine(n) AtheistIn (zum „Binnen-I“ gehts übrigens HIER). Wie gesagt, ich könnte damit. Wenn da der Spin nicht wäre. Ausgerechnet diese Macker operieren in ihren Verträgen mit einem Begriff, den sie hier zu Lande „höhere Gewalt“ , im angloamerikanischen Raum „Act of God“ nennen. Dazu muss nur irgendwo ein Vulkan spucken, schon ist es „höhere“ Gewalt, man kann sich die Hände in Nichtverantwortlichkeit waschen und lässt den ollen Gott die Rechnung berappen. Simpel.

Man muss jetzt nicht BRIAN COX lieben um zu wissen, dass ein Vulkanausbruch mit „höherer Gewalt“ nichts zu tun hat. Das ist reine Physik. Irgendwo 100 Kilometer unter der Erdoberfläche, wo jenseits von 1000 Grad Celsius herrschen, dehnt sich schmelzendes Gestein aus, es entsteht Druck, dieser Druck muss raus, nämlich via Vulkan. Alles ganz natürlich.

Auch dass ein Vulkanausbruch in Island für Vulkanasche über Österreich sorgen kann, ist peinlich einfach erklärt: Nordwestwind.

Der Rest ist menschliches Dilettieren: Flugzeuge, die für solche Zustände nicht gebaut sind. Flugverkehrsrichtlinienmacher, die solche Zustände nie getestet haben und daher lieber gleich alles lahmlegen, wer weiß, jemand könnte sonst zur Kasse bitten. Fluggäste wie mein Mann in San Francisco, der jetzt über „Zwangsurlaub“ jammert anstatt die Extrazeit hemmungslos zu genießen (wie oft im Leben fährt man schon auf der Harley über die Golden Gate Bridge?). Nur sind da halt die Kosten, mein Gott, wie das alles kostet, wer soll das bezahlen?

Simple Antwort: nicht die Versicherung. Die putzt sich am Allmächtigen ab (an den sie nicht glaubt) und sagt „hilf dir selbst, dann hilft er dir“. Was er nicht kann, weil es ihn nicht gibt. Obwohl der Gedanke verführerisch ist. Dieser Vulkanausbruch in Island ist ja mittler Weile verbal sehr ins Mystische gerutscht. Sogar vom „Atem des Teufels“ war bereits die Rede. Mir selbst gefiele „Furz Gottes“ besser. Als Parabel auf eine simple vulkanische Eruption, die den Flugverkehr des halben Planeten mittelfingert. Und ausgerechnet die gottlosen Geldsäcke dieses Planeten haben nun so eine Heidenangst vor dem Zahlenmüssen, dass sie hinter der Floskel „Akt Gottes“ Zuflucht nehmen.

So kriegt auch Gott wieder ein verdammt potentes Image. Kannst du nicht erfinden. Schöne Zeiten, liebe Leute.

2 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    wenns net lustig wär, wärs zum heulen.
    oder umgekehrt?
    lieber frater…ein leises lächeln beschleicht mich ja die ganze zeit.
    da sind wir ach so zivilisiert und geistreich gebildet und tragen unser wissen –via flügel…um die welt.
    und dann macht mutter erde nen furz und öha ists.
    eigentlich eh dings.
    oder?

  • hawthorne sagt:

    Das Verhalten der Flugzeugmanager wird in meinen Augen immer verantwortungsloser. Gerade lese in Spiegel online den Artikel „Luftfahrtverband wütet gegen Europas Regierungen“. Ist es denn wirklich so weit, dass das Geld alles bestimmt. Was macht es denn aus, dann die Leute lieber einen Tag später heimfliegen. Die Flugzeugmanager verdienen doch genug Geld. Das wird immer bedenklicher.

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