My Wahlkampf in the UK 02. Groovin mit Kinky & Cheeky
Wer liberaldemokratisch wählt, dem sollte in seiner Stadt nicht fad werden. Ich weiß das. Mein MP ist LibDem. Und er blies nie Trübsal.
Vergangenen Donnerstag gab es erstmals auf der Insel eine TV-Debatte der Spitzenkadidaten. Bislang war so ein „High Noon“ immer am Wahlfavoriten gescheitert, klar, der kann bei so einer Konfrontation nur verlieren. Aber im Wahlkampf 2010 ist Tory David Cameron Favorit, und der sagte kurzerhand „ja, machen wir“.
Wie schon einmal erwähnt: Cameron ist etwas „thick“.
Tatsächlich ging er in der Debatte auch massiv ein (siehe aktueller Umfragestand ganz unten), heute ist er als Favorit nicht mehr ganz so heiß. Als „Sieger“ ging überraschend der liberaldemokratische Spitzenkandidat Nick Clegg hervor, es war sein erster inselweiter Großgig, und er punktete im Pochen auf den frischen Wind einer „Neuen Kraft“. Nicht wirklich Obama, aber very Blair, anno 1997.
Leider sind Liberaldemokraten (LibDems) als politische Kraft traditionell nur die dritte des Königreichs, eine tragikomische Sache, seit 65 Jahren sehen sie zu, wie Tories und Labour die Macht teilen. Dabei gibt es wesentlich mehr LibDem-Fans als am Wahlgang letztlich ihr Kreuz an der entsprechenden Stelle anbringen. Was mit ihrer Wahllogik zu tun hat. Die einen entscheiden sich für Labour (damit die Tories nicht gewinnen). Die anderen wählen Tory (damit Labour den kürzeren zieht).
Schade, finde ich. Meine Wahlheimatstadt – Winchester – ist seit 13 Jahren LibDem, und man kann den „Yellows“ viel vorwerfen, nur nicht, dass sie langweilig sind. Obwohl, beim aktuellen Kandidat für Winchester hab ich meine Zweifel. Hat einen Hauch von Langfristigkeit Nein Danke. Sein Name ist Tod. Martin Tod. Ist auch in Ordnung. Passt eigentlich. Steht ihm besser als, sagen wir, Martin Kreativmuskel.
Ich will hier auch lieber über seinen Vorgänger (und Noch-MP Winchesters) Mark Oaten reden. Ein guter Mann. Mark (als er mir mal die Hand schüttelte, stellte er sich als „Mark“ vor, also bleib ich dabei) hätte vor ein paar Jahren den seinerzeitigen Parteichef Charles Kennedy als Top-LibDem ablösen sollen. Kennedy war und ist auch ein guter Mann, nur in der Parlamentsdebatte nach Lunchtime häufig nicht mehr zu gebrauchen, weil kein halber Alkoholiker. Schade um ihn, er war ein großer Entertainer.
Aber zurück zu Mark. Der gewann den Winchestersitz 1997 mit einem Vorsprung von 2 (zwei) Stimmen. Worauf die Tories „Schiebung“ schrien und noch einmal gewählt werden musste. Was meine Winchesterbürger schwer ärgerte. Im zweiten Wahlgang verzeichnete Mark ein Plus von 21000 Stimmen (Mehrheit: 68%). Seither sind die Tories hier erledigt und Winchester ein weniger öder Ort (und ich ZU SEINEN BÜRGERN ETWAS NETTER).
Wie gesagt, Mark ist ein guter Mann. Ginge es nach mir, wäre er Prime Minister. Er ist volksnahe. Als „meine Boys“ (= Sax, der Fußballcoach) mal den Ligacup gewannen, überreichte er die Trophäe persönlich, schwang eine coole Rede, der Feelgood-Faktor kam über uns wie ein Virus. Dann aber (2006) hätte er Kennedy ablösen sollen, und die Journalisten der berüchtigten News of the World holten eine Leiche aus dem Keller.
Was heißt Leiche, tatsächlich war es ein Strichjunge, bzw mitunter zwei Strichjungen. Wie so viele Inselpolitiker hatte auch Mark, offiziell der ultimative Paradebürger (glücklich verheiratet, 2komma4 Kinder), seine gelegentlichen „kinky“ Momente, in denen ihm das Engagement eines Callboys, der ihn ein wenig auspeitscht, als großartige Idee erschien.
Eines muss man seinen Wählern in Winchester lassen, sie nahmen es ihm nicht sonderlich übel, warum auch, der „Skandal“ gab Monate lang großartigen Pubtalk her, den Mark in der Folge elegant bereicherte. Zum Beispiel präsentierte er ein vollkommen neues Motiv für das Heuern eines Strichjungen: zur Linderung von Stress. Politischen Stress? No, vielmehr den Stress, den er hatte, als er merkte, dass sein Kopf Richtung Glatze unterwegs war. Cool, oder? (Vieles Nettes mehr ist in seinem Buch „Screwing Up“ zu finden).
Auch auf Gattin Belinda hatte die Affäre offenbar eine befreiende Wirkung, erzählte mir heute vormittag Glen („The Honest Butcher“), eine der großen Informationszentralen der Stadt, ich meine, wo wären wir ohne Glen. Glen weiß alles. Was er nicht weiß, ist in Wahrheit nicht wert, gewusst zu werden. „You know, Manfred, I met her a while ago in the Willow Tree“, erzählte er, aber machen wir lieber auf Deutsch weiter. Der Willow Tree ist ein Pub, und dort saß Glen neben Belinda, ohne zu wissen, wer sie war. Sie wusste natürlich sehr wohl, wer Glen ist. Jeder kennt Glen, den ehrlichen Fleischer. Sie wusste auch, dass er ebenfalls Beziehungstroubles hatte und sprach ihn daher an und erzählte ihm über ihre Malaise, Leid geteilt ist halb getröstet, no? Und langsam wurde ihm klar, wer sie war. „Weißt du, Manfred, die beiden werden nicht mehr zusammen kommen, auch wenn sie weiterhin so tun als ob.“ Aber: Belinda Oaten ist jetzt Sängerin in einer Rockband, verrät Glen noch. Sie hat jetzt ein Leben! Bläst nicht Trübsal! „Und dann setzte sie sich stockbetrunken aufs Motorrad und weg war sie.“ So weit, so Glen.
Noch einmal: Mark Oaten is my Man.
Natürlich reicht ein einziger „natural entertainer“ allein nicht aus, um die ganze LibDem-Partei als regierungsfähig erscheinen zu lassen. Aber Mark ist nicht allein. Da ist auch noch etwa Lembit Öpik (LibDem-Sprecher für Businessaffären), der, kaum schaffte er es ins Unterhaus, sich gleich mal scheiden ließ, um sich mit Cheeky Girl Gabriela Irimia (jawohl, eine Hälfte des berüchtigten rumänischen Popduos) zu verloben. Cheeky cheeky! (siehe auch den Clip weiter unten).
Nur ist das im Vergleich zu Mark doch eher die Abteilung Warmduscher. Und überhaupt hab ich das Gefühl, dass die harten Bandagen a la Mark vielleicht etwas mit Winchester & Umgebung zu tun haben. Als ich 1993 hier sesshaft wurde, war der lokale MP noch ein Tory namens Stephen Milligan. Allerdings nicht lange. Ein Jahr später wurde er mit Orange im Mund und Strapsen an den Beinen tot aufgefunden. Urteil: Tod durch erotische Asphyxiation (so ging auch INXS-Sänger Michael Hutchence meier).
Zum aktuellen Zwischenstand (16.4.) im Wahlkampf laut online-Umfrageriesen YouGov:
CON 33% (-4) LAB 28% (-3) LIB 30% (+10 !); Prognose: Hung Parliament.
Ja, die TV-Debatte brachte Nick Clegg mächtigen Zuwachs. Der (federleichte) Favorit ist dennoch weiterhin David Cameron – in dessen Schattenkabinett übrigens auch Julie Kirkbride, Witwe des oben erwähnten Strapsträgers Milligan, als potenzielle Sportministerin eingetragen ist. Gewinnt Cameron, wird sie anlässlich der Olympischen Spiele in London 2012 omnipräsent sein. Aber wie schon mal erwähnt: Cameron ist etwas „thick“. Davon ein andermal.
PS. Leiden Sie unter Schlafstörungen? Dann klicken Sie doch HIER. Da geht es zur 90-minütigen TV-Debatte der Spitzenkandidaten vom Donnerstag. Und sollten Sie nicht erinnern, wer nun die Cheeky Girls waren: Sehen Sie sich folgenden Clip an. Enjoy!






