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My Wahlkampf in the UK 01. Going down, Mister Brown?

Von | 12.04.2010, 23:08 | 3 Kommentare

Am 6. Mai wird in Großbritannien gewählt. Ab sofort gibt es auf zib21 ein sehr persönliches Tagebuch zum Wahlkampf. „Wieso ich“, sagte ich, „ich gehe nicht wählen.“ – „Passt“, meinte er. „Dann bist du wenigstens nicht parteiisch.“ – Stimmt. Aber unparteiisch bin ich auch nicht. Ich bin anti-parteiisch. Dies nur als Prämisse. Zur Sache. Lassen […]

Gordon Brown, Prime Minister. Foto: World Economic Forum

Am 6. Mai wird in Großbritannien gewählt. Ab sofort gibt es auf zib21 ein sehr persönliches Tagebuch zum Wahlkampf.

„Wieso ich“, sagte ich, „ich gehe nicht wählen.“ – „Passt“, meinte er. „Dann bist du wenigstens nicht parteiisch.“ – Stimmt. Aber unparteiisch bin ich auch nicht. Ich bin anti-parteiisch. Dies nur als Prämisse.

Zur Sache. Lassen Sie sich bitte nicht vom Wort  „Tagebuch“ verwirren. Es wird ein Zweibisdreitagebuch. Am 6. Mai wird auf der Insel gewählt, seit 17 Jahren ist England meine Wahlheimat, ich zahle dort meine Steuern, gehe dort ins Pub (wo in Wahrheit die Wahlen entschieden werden). Ich bin also an der Quelle.

Allerdings wird es hier nicht gescheite politische Analysen geben. Für Fans von derlei Sachen möchte ich daher auf DIESEN KLUGEN BLOG von Robert Rotifer (fm4) verweisen, der wohnt auch auf der Insel, und er ist ein hochpolitischer Mensch, das liegt bei ihm in der Familie. Hier auf zib21 aber wird es persönlich, aus dem Blickwinkel eines Englandbürgers, der das hiesige Wetter hasst. Es wird Videos geben (Erinnerung: per Klick auf die rot gedruckten Worte). Und am Ende jedes Blogs werden Sie taufrische Umfragedaten zum Stand der Dinge finden.

Zur Lage: Gegenwärtig wird für den 6. Mai ein Zustand prognostiziert, der sich „hung parliament“ nennt, das ist jene Rarität, wenn keine Partei die Absolute Mehrheit hat. Wobei für die Absolute Mehrheit keine Absolute Mehrheit notwendig ist. Why? Because:

Bei den Parlamentswahlen geht es um 650 Sitze, das sind 650 mit Tiefschlägen garnierte Scharmützel. Wenn etwa bei mir zuhause der eine Kandidat 5000 Stimmen kriegt und der nächstbeste 4999, dann kann sich letzterer brausen. So erreichte Labour bei den vergangenen Wahlen mit 36% (gegenüber 33% der Tories und 23% der Liberaldemokraten) die Absolute Mehrheit. So weit die Spielregeln. Let´s go.

01. Warum Gordon Brown nicht gewinnen kann

Gestern kam er aus Schottland zurück. Dort wurde der amtierende Prime Minister geboren, dort ist sein Wahlkreis (Dunfermline East), dort musste er sich nicht mal bemühen relaxed zu wirken. Es gab viele lächelnde Bilder für die heutigen Tagblätter her, die Texte waren schon etwas herber. In der „SUN“, zum Beispiel, wurde sein Parteifreund (und Labourchef der 80er Jahre) Neil Kinnock zitiert, der Browns „großartiges Gesicht“ hervorhob. Zusatz: „perfekt fürs Radio“. Wer braucht da Feinde, bei solchen Freunden?

Wer den Wahlkampf verfolgt, wird manchmal das Gefühl nicht los, dass jeder sein Bestes gibt, um zu verlieren. Bis auf Brown. Der will eindeutig gewinnen. Nur hat er keine Chance. Aus vielen Gründen.

Da ist zunächst – nicht nur, aber vor allem – die „SUN“ (die „Krone“ der Insel). Aggressiv anti-Brown. Da ist weiters, dass Brown Pech hat. Er ist etwa kein „natural speaker“, wie sein Vorgänger Tony Blair. Und er muss auslöffeln, was ihm Blair eingebrockt hat. (Irak, Afghanistan, Zunge im Anus des US-Präsidenten, you name it …).

Weil nun einer, der Pech hat, meistens Glück auch keines hat, ziert Brown das Talent, das Richtige zum falschen Zeitpunkt zu machen (das Falsche sowieso). Es ist das Richtige, das Militärbudget kürzen zu wollen. Es ist unglücklich, die Truppen in Afghanistan mit veralteten Vehikeln zu bedienen (die neuen – SAFEN! – stecken in Dubai, sorry, der Transport nach Afghanistan überschreitet des Budget), die auf den minenübersäten Straßen keinen Schutz bieten. Sein Pech, dass sich dekorierte Soldaten vor versammelter Presse gern weigern, Brown die Hand zu schütteln. Briten lieben ihre Krieger. Leider lieben sie auch ihre Kriege, was mir nicht halb auf den Geist geht. Aber gut, sie wissen nicht, was sie tun. Sie haben noch nie einen Krieg verloren.

Browns Hang zum Einsparen wirkte auch nicht gut, als das Innenministerium vergangenes Jahr vorübergehend beschloss, den nepalesischen Gurkhas, die im Weltkrieg ihren Arsch für England hin gehalten hatten, keine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen. (Zugegeben, ein absurder Zwist. Ich meine, wer will schon auf dieser maroden Insel leben, es sei denn, man ist – wie ich – mit einer umwerfenden Britin verheiratet).

Okay, der Zwist war vorübergehend, wie gesagt. Er erregte nämlich den Zorn des formidablen „englischen Nationalschatzes“ Joanna Lumley  („Mit Schirm, Charme & Melone“), die alsogleich Richtung Number 10 Downing Street marschierte. Es gibt Naturgewalten, gegen die kannst du nur klein beigeben. Was Brown denn auch tat, nur tat diese wendehalsige Korrektur seinem Image nicht gut. In Wahrheit war es ein Disaster.

Überhaupt Prominente. Blair hatte sie anno 1997 noch zuhauf (Oasis und Co). Aber während heute Rivale David Cameron mit Stars wie Sir Michael Caine flirtet, nähern sich Promis dem Prime Minister, wenn, dann nur negativ. Jeremy Clarkson, der Heinz Prüller Englands, nannte ihn öffentlich einen „einäugigen Idioten“.

Mir selbst war Brown schon zeit seiner Finanzministerschaft unter Blair suspekt. Das brachte familiär zuweilen Zwist, für meine Frau war er ein Genie. Verständlich, sie werkt in der Landesregierung, und ihre Abteilung wurde von Brown stets großzügig budgetiert. Aber auch meine Motive waren persönlich. Die Steuern. Es mag nicht Browns Schuld sein, aber seit Labour an der Macht ist (seit 1997), benehmen sich die Beamten der Inland Revenue (die Steuereintreiber) wie Kettenhunde. Brutal, unnachgiebig, rüpelhaft. Zufällig ist das genau die Art, die Brown auch von seinen Kabinettsmitglieder nachgesagt wird („Bully Brown“).

In meinem lokalen Pub steht eine Jukebox mit einem Song von Jilted John (eine Inselgröße): „Gordon is a Moron“. Gordon ist schwachsinnig. Der Song war schon immer da,  ich hab ihn immer gemocht. Heute fällt mir dazu immer Gordon Brown ein, und leider bin ich damit nicht allein. Es liegt wohl am Bier, dass der Talk dann auf Einbahn unterwegs ist, die direkt zu Browns obszöner Großzügigkeit zu den Bankern führt. Ein Bankraub wird alsbald erwogen (das Image eines Bankräubers ist heute so tadellos wie zuletzt in den 70ies). Kurz vor Sperrstunde wird manifest, warum Brown nie eine Chance haben wird, zum Prime Minister gewählt zu werden: weil er Schotte ist. Das ist ein Argument, das ich für hieb – und stichfest halte. Die Geschichte! Braveheart! Prima Nocte! Ich habe einige Schotten im Freundeskreis. Mit denen gehe ich trinken, wenn England im Fußball verliert, das ist Abteilung legendär. Und meinen englischen Freunden trau ich einiges zu, nur nicht, dass sie einen Schotten wählen.

Also: Gordon Brown hat keine Chance.

Angesichts dieser Wahrheit ist eigentlich erstaunlich, dass die Tories (=CONservatives) in den Umfragen der vergangenen Monate ihren Vorsprung nie auf über 10% ausbauen konnten. Noch erstaunlicher – zumindest vordergründig – dass dieser Vorsprung sich seit ein paar Tagen merklich verringert. Aktueller Zwischenstand (12.04.) laut online-Umfrageriesen YouGov:

CON 37% (-3) LAB 31% (-1) LIB 20% (+2); Prognose: Hung Parliament.

PS. Allzu erstaunlich ist das natürlich nicht. Man denke an die Rivalen. Tory-Führer David Cameron ist aufreizend „thick“ (=dumm wie ein Hackl) und die LibDems sind eben die Liberaldemokraten. Aber davon das nächste Mal.

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