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Auch Männer brauchen Hilfe

Von | 12.04.2010, 7:53 | 4 Kommentare

Keine Frage, Frauenförderung ist wichtig. Aber was, wenn wir mit der Gleichstellung ohnehin schon weiter sind als gedacht? Bei der Einladung von Bloggerinnen (versehentlich waren kurzzeitig wirklich nur Frauen geladen) zum Heinz Fischer-Wahlkampfauftakt entzündete sich eine kurze Debatte über den Sinn verschiedener Formen von Frauenförderung. Mit etwas zeitlichem Abstand zu der Sache möchte ich diese […]

Foto: Assbach, Lizenz: CC 2.0 BY-NC-SA

Keine Frage, Frauenförderung ist wichtig. Aber was, wenn wir mit der Gleichstellung ohnehin schon weiter sind als gedacht?

Bei der Einladung von Bloggerinnen (versehentlich waren kurzzeitig wirklich nur Frauen geladen) zum Heinz Fischer-Wahlkampfauftakt entzündete sich eine kurze Debatte über den Sinn verschiedener Formen von Frauenförderung. Mit etwas zeitlichem Abstand zu der Sache möchte ich diese Debatte noch einmal aufnehmen.

Ich kann das Drehen und Wenden, dass das Fördern der Sichtbarkeit von Frauen positive Diskriminierung sein soll, echt nicht mehr hören. Gleichstellung haben wir noch lange nicht, wenn wir die mal haben, dann können wir weiter reden. Ca. 2080, wenn überhaupt. (Jana Herwig damals)

Das Aussperren von Bloggern ginge mir zu weit und über das „Fördern von Sichtbarkeit“ hinaus. Deshalb hatte ich mich damals auch gleich in die Diskussion geworfen. Der gezielte Weckruf an Politikbloggerinnen – der die Aktion des Fischer-Wahlkampfs eigentlich sein sollte und dann auch war – ist in Ordnung (obwohl ich selbstbewusste Bloggerinnen kenne, denen das blöd vorkam). Dahinter steht der Wunsch, Rollenbilder zu ändern, Klischees zu bekämpfen, Vorbildmädels etwas ins Rampenlicht zu stellen. Ich lehne auch positive Diskriminierung nicht gänzlich ab, aber ob sie Sinn ergibt, muss man von Fall zu Fall entscheiden. (Das jetzt auszuführen würde zu akademisch werden. Vielleicht ein anderes Mal.)

Ich bin anderer Meinung als Jana, dass wir erst „ca. 2080, wenn überhaupt“ Maßnahmen zur Frauengleichstellung hinterfragen sollen. Gerade wenn wir uns den Medienbereich (zu dem Politikblogs gehören) ansehen, sind die Problemkinder der Zukunft nämlich vorrangig Männer – und wir hätten besser schon vor Jahren darüber gesprochen, was da falsch läuft.

Alte Diskriminierung

Was?„, höre ich da, „Im Journalismus sind Männer in der Überzahl, verdienen mehr und besetzen mehr hohe Posten!„. Das stimmt. Diese Statistik ist aber älteren Generationen geschuldet. Zwar sind insgesamt nur 42 Prozent der JournalistInnen in Österreich Frauen, in der Gruppe unter 30 sind es allerdings schon 59%. Auch bei 30 bis 39-jährigen (der größten Berfusschicht) sind die Verhältnisse bereits etwa ausgeglichen (47 Prozent).

Erst über diesem Alter sind Männer deutlich in der Mehrzahl (das ist die Gruppe, die höheren Positionen besetzt und mehr verdient). Das wird sich auch nicht mehr ändern, es sei denn jemand findet Mittel, um 55-jährige Frauen in den Journalismus zu bringen. Zwar gibt es noch geringfügige Gehaltsunterschiede, die haben allerdings kaum noch mit Benachteiligung im Beruf zu tun, sondern mit Dingen die außerhalb der Arbeitswelt wurzeln. Die vor Jahrzehnten vorhandene Benachteiligung der Frauen verzerrt die Statistik von heute und vermittelt einen falschen Eindruck.

Neue Probleme

Frauen sind in der Gruppe der jungen JournalistInnen (wie in mittlerweile vielen Berufsgruppen) auch wesentlich besser gebildet. Nur 19 Prozent der U30-Journalisten sind Akademiker, aber 36 Prozent der Journalistinnen (da wundert es mich dann auch nicht mehr ganz so sehr, dass Frauen dieser Gruppe öfter Teilzeit-angestellt sind – sie studieren ja häufiger nebenbei). Bei den 30- bis 39-jährigen ist die Diskrepanz mit 34 Prozent zu 52 Prozent ähnlich.

In anderen Kommunikationsbereichen wird das alles nicht anders aussehen. Bereits Mitte der 80er kam es an den Universitäten zum „gender switch“. 65 Prozent der Kommunikationswissenschafts-AbsolventInnen sind heute Frauen. Ganz allgemein sind 57 Prozent der Erstsemestrigen an Hochschulen weiblich. Das wird seltsamerweise nie besonders aggressiv thematisiert und öffentlich auch nicht mit dem Genderthema in Verbindung gebracht.

Vielleicht nehme ich das zu selektiv wahr, denn bestimmt wird irgendwo darüber gesprochen. Aber was man ohne großes Zutun in der Öffentlichkeit mitbekommt, erzeugt folgendes Gefühl: Wenn 60 Prozent (Zahl aus dem Gedächtnis aus meiner Einführungsveranstaltung) der Politikwissenschafts-Studierenden männlich sind, dann ist das ein Problem, das thematisiert wird. Wenn in der Kommunikationswissenschaft das Verhältnis umgekehrt ist (oder man sich bei Bildungswissenschafts-Studentinnen das Binnen-I quasi sparen kann) scheint es keines zu sein. (Alle Daten stammen aus Studien des Medienhaus Wien.)

Geschlechternetzwerke sind auch feminin nicht besser

Diese Zahlen sind nicht neu, sondern seit Jahren bekannt. Denkt man diese Entwicklungen weiter, wird klar, dass Männer künftig eine unverhältnismäßige Minderheit im Journalismus (und in der Folge auch in seinen Führungspositionen) ausmachen werden. Frauen werden dann mehr verdienen und womöglich auch mehr Frauen hochziehen, denn auch Frauen können sexistisch sein.

Mich hat jüngst die Entdeckung einer Facebook-Gruppe etwas kopfschüttelnd amüsiert. Neben den „Medienmenschen in Österreich“ gibt es auch eine Gruppe für Frauen im Medienbereich (gestartet von dieser Initiative). Eine für Männer fand ich auf die Schnelle nicht – brauche ich meiner Meinung nach auch nicht.

Bis der logische Wandel aus all diesen Entwicklungen in der oberflächlichen Statistik sichtbar wird, dauert es noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Ich gehe davon aus, dass Frauen mittelfristig in allen Bereichen des Journalismus besser dastehen (vielleicht bloggen die dann ja auch). Die grundlegenden Probleme der absehbaren Ungleichheit liegen aber schon im heute.

Mit alldem will ich nicht behaupten, dass Frauenförderung obsolet ist. Möglicherweise besteht auch im Journalismus- und Medienbereich noch Handlungsbedarf – bestimmt in der Gesamtgesellschaft. (Meiner Einschätzung nach geht es heute mehr um das Ändern von Geschlechterbilder als den Kampf gegen Diskriminierung). Es ist aber offensichtlich, dass es nicht mehr nur die Frauen sind, die Hilfe benötigen.

Ob man mit der Frauengleichstellung vielleicht weiter ist, als manchmal gedacht? Muss ja nicht sein, aber schon heute (und damit deutlich vor „ca. 2080, wenn überhaupt„) darf man darüber zu sprechen.

Dieser Text erscheint neben vielen anderen auch in Toms Blog zurPolitik.com

4 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    hm irgednwie seltsam.
    kommt jetzt tatsächlich jemand drauf, dass es weniger um genderei oder diskriminierung von irgendeiner gruppe geht, sondern darum, dass es in einem system wie dem kapitalismus halt net anders geht?

    ich bin jetzt ganz naives gutmenscherl und kenn mich nicht wirklich aus.
    hab 2 söhne und seh, dass im kindergarten-und volksschulbereich eine logische diskriminierung der buben herrscht, weil die betreuer ausschließlich Innen sind. Mit glück haben diese selber söhne…dann fällt die diskriminierung etwas geringer aus, was nix dran ändert, dass die weibliche sicht der dinge bevorzugt wird.
    schuld?
    die kindergärtnerinnen und lehrerinnen?
    die diesen job (zu einem großteil) gewählt haben, weil sie nebenbei ihre familie gut betreuen können. was sie meistens trotz berufstätigkeit alleine tun müssen, weil die dazugehörigen männer (nein, nicht faul oder widerwillig) in berufen eingespannt sind, in denen familienfreundlichkeit ein fremdwort ist. und weil die bezahlung zumindest in den anfangszeiten (also in dem alter, in dem man üblicherweise kinder kriegt) so schlecht bezahlt sind, dass ein mann damit keine familie erhalten kann….brrrrrrrrrr
    alles untergeordnet einem system, in dem tunlichst vermieden wird, darüber nachzudenken, ob es auch ganz anders gehen könnte.
    ob weniger wochenarbeitszeit für alle nicht besser wäre.
    ob in einer effizienten gesellschaft wie der unseren die leistungs- von der arbeitsidee getrennt werden könnte.
    oder die lebens-von der leistungsidee.

    hebelgesetz oder quantenphysik
    langsam sich den physikalischen gesetzen der änderung hingeben müssen
    oder sprunghaft in eine neue lebenskultur.
    sprunghaft ist hier halt oft mit revolution verbunden…wollma das?
    langsame veränderung mit überwinden konsequenter widerstände.
    oder konsequentes überwinden von widerständen…;)

  • lusciniola sagt:

    Da ist einiges Wahres dran. Durch Quoten und gezielte Frauenförderungen bringt man mehr Frauen in die einzelnen Bereiche, was an und für sich gut ist, aber was zunehmend auf kaum mehr zu vertretende Kosten der jungen Männer geht. Die jungen Männer von heute müssen dafür büssen, dass die alten Generationen Diskriminierung im großen Stil betrieben haben bzw. die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen solche einseitigen Verteilungen zugelassen haben. Im Rahmen einer Sippenhaftung des männlichen Geschlechts und aus dem Blickwinkel, dass früher die Frauen gelitten haben und jetzt müssen es halt die Männer, mag man so etwas in Ordnung finden, kann dem aber kaum noch ein Mäntelchen der Gerechtigkeit umhängen. Positive Diskriminierung ist dort wichtig und zielführend, wo es darum geht, dass Frauen durch Strukturen benachteiligt werden und Bereiche, wo noch immer alte Männer-Netzwerke entscheidend sind, aber sicher nicht in dem Ausmaß, dass den jungen Männern heute die Perspektiven und Chancen verbaut werden. Umgekehrt sollte man auch gezielt Männer dort fördern, wo diese derzeit unterrepräsentiert sind.

    Ich glaube weniger, dass es um eine Änderung der Geschlechterbilder geht, sondern um eine Änderung von Klischees und Rollenbildern.

    • Tom Schaffer sagt:

      Ich glaube weniger, dass es um eine Änderung der Geschlechterbilder geht, sondern um eine Änderung von Klischees und Rollenbildern.

      Gibt es da einen Unterschied?

      • lusciniola sagt:

        Geschlechterbilder neu zu definieren klingt für mich danach, innere Unterschiede zwischen Männern uns Frauen zu negieren, auf einer abstrakten Ebene, während Rollenbilder und Klischees zu überdenken für mich zugewiesene externe Faktoren und Eigenschaften, die längst überholt sind, in konkreten Fällen über den Haufen zu werfen bedeutet.

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