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Gladius44. Wo gehts hier zum Gutmensch?

Von | 11.04.2010, 17:21 | 8 Kommentare

Wir brauchen weniger Menschlichkeit. Wir brauchen mehr Humanismus.

 

Mal von Mensch zu Mensch: Wir alle wissen, was menschlich ist: Irren, zum Beispiel. Das ist manchmal harmlos, manchmal weniger. Aber immer ist es menschlich.

Wenn ich in einem Tagblatt auf eine Kolumne des Titels „Menschlich gesehen“ stoße, krieg ich immer Gänsehaut. Was meinen die da? Niedertracht? Heimtücke? Blutrunst? Terror? Selbstsucht? Raffgier? Doppelzüngigkeit? Fremdenhass? Mickrigkeit? Banalität?

Alles menschliche Qualitäten. Kommen etwa in der Tierwelt nicht vor. Tiere sind Überlebenwoller. Banal sind sie nicht. Banalität ist ein exklusiv menschliches Phänomen. Aber wir machen heftigen Wind um all die Qualitäten, die uns „von den Tieren unterscheiden“; durch die wir den „höheren“ Auftrag akzeptieren, uns „die Erde untertan“ zu machen.

Zur aktuellen Lage auf Erden. Allgemeiner Zustand: Fucked. Im Arsch. Alarmierend. Globale Erwärmung, Hungersnöte und so weiter. Gestatten Sie mir, darauf nicht näher einzugehen.

Zum Weltgeschehen, eine Auswahl (allein ein Blick auf die vergangene Woche ist menschlich gesehen sehr beeindruckend). Moskau. Terror in der U-Bahn. Die „Gürtelmädchen“ (bitte nicht eine Rotlichtzone in Wien assoziieren, hier geht es um Sprengstoffgürtel), bislang 40 Tote. Peschawar in Pakistan. Anschlag auf US-Botschaft, imposantes Blutbad. Ist logisch. Warum? Nehmen wir mal eine aktuelle Opferstatistik von der angloamerikanischen Mittelfingerung Afghanistans, dort wird demnächst Zivilkrüppel Nummer 900 000 erwartet, das sind 5% der Bevölkerung. Oder die Irak-Enthüllung via Wikileaks – US-Soldaten schießen wahllos auf Passanten.

Weiter gehts. Aufstand in Kyrgyztan, fast 100 Tote. Vom Iran wollen wir gar nicht reden. Und jetzt ist auch noch Thailand vollkommen hinüber. Über Österreich – von der kleinlichen Haltung zu Arigona und der hinüberen der Rosenkranz und all den anderen Mickrigkeiten – will ich gar nicht reden, ich will Euch nicht den Tag versauen, liebe Leute. Und der Punkt ist ja gemacht: Das ist alles sehr menschlich. Vom Standort eines Aliens betrachtet, der sich unseren Planeten aus sicherer Entfernung kopfschüttelnd gibt, ist das ausgesprochen menschlich. Exklusiv menschlich. Gibts nur auf Terra Nostra.

Nur: Human ist das nicht.

Aber wir wissen es eh. Wir wissen es seit Jahrtausenden, und seit Jahrtausenden ersinnen wir Programme, wie wir aus dem Menschen einen besseren machen, damit aus der Welt eine bessere wird. Etwa die Religion, gespeist aus der „menschlichen Selbsterkenntnis“ der Alten Schriften. Dort wurden alle oben erwähnten unsympathischen Menschlichkeiten als „Todsünden“ zusammen gefasst und ausgiebig angeprangert und etliche „humane“ Gebote angeknüpft, um wenigstens dem menschlichen Geist zu gestatten, sich apollonisch über das Irdische zu erheben.

Falsches Programm, wissen wir heute. Ebenso wenig, wie ein Masseteilchen Lichtgeschwindigkeit erreichen kann, kann sich der menschliche Geist über die menschliche Natur erheben. Das haben uns ja die menschlichen „Vertreter Gottes“ in jüngerer Vergangenheit wieder eindrucksvoll demonstriert. Stichwort  Pädophilenskandal. Nun, darüber hab ich mir – unter anderem vergangene Woche HIER – bereits Luft gemacht. Hier nur ein Nachtrag zur notorisch-katholischen Verniedlichung eines Verbrechens als „Todsünde“, mit der sich diese Kirchendiener erlauben, allem zu widerstehen, nur nicht der Versuchung: Neue Vorwürfe gegen den Papst persönlich geben wenigstens der Hoffnung Nahrung, dass ihm diese widerliche Haltung das Kreuz brechen wird.

Wir wissen also, dass im religiösen Fundamentalismus keine humane Entwicklung steckt, unter anderem, weil in diesem Fundamentalismus auch solider Frauenhass heimisch ist. Leider führt ein daran anknüpfender Schluss – Frauen sind die besseren Menschen, werden wir alle Feministen – heute auch nicht mehr weit. Praktizierter Feminismus hat viel erreicht. Der Feminismus der Gegenwart steckt allerdings in der Sackgasse. Frauen sind nicht die besseren Menschen, sie sind lediglich komplizierter. Und gegenwärtig zunehmend banal dabei, siehe Binnen-I, siehe das grassierende Fifty-fifty-Aufrechnen von Äußerlichkeiten (ad hoc: Unser Geschätztes Nachrichtenmagazin beklagt gerade, warum es „schon wieder“ Frauen sind, die sich in Moskau in die Luft sprengten. Hab ich da was versäumt? Ist der männliche Suizidbomber eine Rarität?).

Der Gegenwartsfeminismus wird von einer wenig beeindruckenden Kultur des „Habenwollens“ getragen, zum Kapitalismus – dem Treibstoff unserer Gesellschaft – fehlt jeglicher kritische Gedanke. Aber wenn es um „bessere Menschen für eine bessere Welt“ geht, hat der Kapitalismus nichts zu melden. Der wird von als „wirtschaftliche Vernunft“ beschönigter Profitgier beflügelt, und das ist zwar einerseits sehr menschlich, andererseits der beste Weg „in die Barbarei“, wie Karl Marx mal richtiger Weise anmerkte (Frater for Marx? Manchmal glaub ich mir selber nicht …).

Nein, wenn uns nach einer „humanen“ anstatt einer menschlichen Welt ist, führt klarer Weise kein Weg an humanistischem Gedankengut vorbei. Das hat erstens „Best of Kant“ im Nenner („Was du nicht willst, dass man dir tu …“), das bedient sich zweitens bei „Best of Gandhi“ („Auge um Auge führt zur Blindheit“) – und das sollte schon einmal unser kritisches Auge auch gegenüber Menschen schärfen, die wir eigentlich grundsätzlich mögen. Wenn ein Barack Obama den CIA autorisiert, einen unbescholtenen Bürger zu ermorden, dann ist er ganz einfach auf dem Holzweg.

Drittens muss der humane Mensch positiv beseelt werden. Am besten beginnen wird da beim lateinischen Terminus, mit dem wir unserer Spezies bislang nur schmeicheln – beim „Homo Sapiens“. Das „sapiens“ ist bislang wenig mehr als ein Anspruch. Wollen wir „sapiens“ sein? Dann müssen wir „wissen wollen“. Das ist Humanismus. Das „Wissenwollen“ könnte uns über das „Überlebenwollen“ des Tieres erheben, und jedenfalls ist es dem „Habenwollen“ des Kapitalismus vor zu ziehen. Guten Tag, liebe Leute.

8 Kommentare »

  • mare sagt:

    wo geht´s hier zum gutmensch- only always step by step

  • aja. übrigens sind wir ja schon der homo sapiens sapiens, der vielleicht besser homo censens sapiens heißen sollte, und der nächste evolutionäre schritt mag der homo sapiens non sapiens sein. aber das ist ja auch schon wieder 2400 jahre alt. fad. und: wie wärs mit einfach lebenundlebenlassenwollen ? aber da sind wir wieder beim verzicht und ich zieh mir den unmut nicht der lerche zu :D

  • Axel N. Halbhuber sagt:

    so wahnsinnig ich finde, ueber all das hier mit ein und demselben schwamm zu wischen, so sehr stimme ich zu. durchgedacht und auf den punkt gebracht, verehrter frater. zustimmung!

  • saxo lady sagt:

    hm aus irgend einem grund – nach einmal überschlafen – fällt mir hier an dieser stelle ein:
    zögere nicht, an der richtigen stelle befehle zu erteilen
    und zögere nicht, an der richtigen stelle zu gehorchen.
    verflixt und zugenäht, was ist nur die richtige stelle?

    oder auch
    ich bin gleichzeitig unendlich groß und doch verschwindend klein im nichts..
    warum ist es nur so schwer, es nicht verkehrt herum zu leben…??

    oder auch
    einatmen ausatmen..
    warum ist mir nochn icht aufgefallen, dass das nix ist, was man tun muss????

    eigentlich grundsätzlich finde ich übriges möglicherweise sehr schön…

    wo gehts hier zum gutmenscherl?
    durchfragen..oder?
    schönen dank für die schöne predigt…

  • Lina sagt:

    etwas mehr reflexion und weniger emotion wäre nicht schlecht, was ist so schlecht an fifty fifty? ich habe den Eindruck jetzt geht es im bezug auf emanzipation wirklich an das eingemachte und da bekommen die männer dann angst, schade, aber verständlich, im übrigen heißt humanismus nichts anderes als menschlichkeit nur eben in einer fremdsprache.
    schönen Abende
    lina

  • na bumm. was wird das nachtigallchen wohl jetzt zu dieser grantigen predigt sagen. hehe.

    • lusciniola sagt:

      Die kleine Nachtigall findet die Predigt ganz wunderbar, wenn sie auch nicht alles teilt. Aber der Adler beschäftigt sie immer mit Diskussionen, dass sie nicht dazu kommt, sich überall zu verbreitern. :)

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