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Das Pin-up der Sapiosexuellen

Von | 09.04.2010, 14:31 | Ein Kommentar

Vor Kurzem stand hier die Frage: Wie geil ist g´scheit? Aktuelle Antwort: very. Gestatten: Professor Brian Cox, einst Popstar, jetzt Kernphysiker und Sprachrohr von CERN.

Er sagt Sachen wie „vor ein paar Jahren, als wir auf dem Saturn-Mond Titan landeten …“. Dann steigt er in den Helicopter. Ein paar Minuten später sind wir in Alaska, wo er seine Titan-Fotos auspackt, die dem Flecken in Alaska tatsächlich verblüffend ähneln.

Unlängst ging es um die Frage, wo in unserem Sonnensystem – abgesehen von der Erde – noch Leben herrschen könnte. Aber bitte, das weiß heute jedes Kind. Fragen Sie meinen Jüngsten. Der weiß nicht, wieviel 7×7 ist, aber er weiß, wo außerhalb des Planeten Erde Leben herrschen könnte. Am Jupiter-Mond Europa, sagt er, denn dort fand Brian Wasser, unter einer massiven Schicht Eis.

Seit Wochen läuft auf BBC ein Programm, das bei uns auf der Insel alle Generationen vor dem TV-Schirm vereint. Den Twen, die Teenager, den Volksschüler, die Mutter, den Alten. Das ist ein kleines Wunder, auf den Alternativkanälen läuft hochkarätige Konkurrenz, zum Beispiel „House“. Aber der hat gegen die „Wunder unseres Sonnensystems“ keine Chance, denn dort redet Brian Cox, erklärt den Olympus Mons, hat in Houston kein Problem in der Shuttle oder steigt bei Mexiko ins U-Boot und taucht zwei Meilen in den Ozean hinab oder geht in der Arktis auf die Jagd nach einer Aurora. Und klar, sowas bringen viele Wunder-des-Lebens-Programme. Aber keiner bringt es wie der Mann mit der Manchester-Matte (think: Oasis) und dem Manchester-Soundtrack (detto). Der törnt alle Generationen an. Wie gesagt: Mein Kleinster kann nicht multiplizieren. Weil ihn seine Lehrer kalt lassen. Aber über unser Sonnensystem kann er dir alles erzählen. Das ist sexy, dank Brian.

Ja, es ist auch schon wieder 13komma7 Milliarden Jahre her, dass der Big Bang passierte und das Universum entstand. Anfangs war es simpel. „Als es ein paar Minuten alt war, gab es nur Hydrogen und Helium“, erzählt Cox, hält seinen Daumen in die Kamera und widmet sich einer Analyse der soliden Masse des Fingers, samt Haut und Horn. „Das sind die Dinge, die uns Hydrogen zufügen kann, wenn wir dem Prozess 13komma7 Milliarden Jahre Zeit gewähren“, sagt er. Und: „Vor 50 Jahren hätte ich Euch das noch nicht sagen können. Weil wir das noch nicht wussten.“ –

Und natürlich auch, weil er erst 42 ist, obwohl er jünger aussieht. Aber ich schweife jetzt ab. Zeit für eine Vorstellung: Kennen Sie Brian Cox? Nun, auf die eine oder andere Art sicher, würde ich sagen. In einem anderen Leben, das in den 90er Jahren passierte, war er schon mal Popstar. Keyboarder der Band D:ream – die immerhin einen Nummer-1-Hit hatte. Things Can Only Get better, anybody? Diese Nummer war mal riesig, zumal sie Tony Blair 1997 für seine New Labour-Wahlkampagne missbrauchte. Die Band war dann kurz darauf meier, wie alles, das Kriegsverbrecher Blair mal in seinen Klauen hatte. Aber seit dem kometenhaften Aufstieg des Kernphysikers Brian Cox – seine Lesungen an der Uni Manchester sind Ereignisse – gibt es D:ream wieder, wenn auch ohne Cox.

Möglich, dass Ihnen auf zib21 auch sein Vortrag über den Large Hadron Collider aufgefallen ist, den wir HIER brachten. Wenn nicht: Tun Sie sich einen Gefallen und holen Sie das nach.

Und dies ist das Stichwort. Der Large Hadron Collider (LHC). Jener Schlauch mit 21 Kilometer Durchmesser, 100 Meter unter Genf, den paranoide Gemüter auch gern die „Todesmaschine“ nennen, weil sie Angst haben, dass dieses Experiment ein „schwarzes Loch“ kreiert, das uns verschlingen könnte, was weiß ein Fremder? Das ist natürlich „bollocks“ (Cox). Und er muss es wissen. Er ist Teilchenbeschleunigungsexperte. Er arbeitet an Atlas, jenem Mega-Aufzeichnungsgerät, das die Bewegungen der menschenhaarfeinen Protonen aufzeichnet, die da auf 99komma etliche neun% der Lichtgeschwindigkeit angekurbelt werden und bei der Kollision die Energie eines Flugzeugträgers entwickeln, der mit 50kmh unterwegs ist. Wow, nicht wahr? Aber bitte, wenn Zahlen Sie geil machen, dann sehen Sie sich DIESES VIDEO an, das ist Sapiosex vom feinsten.

Apropos fremd. Es ist möglich, die Menschheit in zwei Gruppen zu teilen. Die einen fühlen sich wohl in der Fremde und können mit dem Unbekannten umgehen und werden davon angeregt. Es weckt ihre Neugier. Weil das Unbekannte sie antörnt. Die anderen haben Angst davor, wollen damit nichts zu tun haben, bleiben krampfhaft in der Komfortzone, wo sie in Kontrolle sind, wo sie sich nicht gefährdet fühlen. Diese anderen, sag ich mal, sind die Ausländerfeinde und kongenialen Kleinkrämer dieser Welt, denen es reicht, über den Zaun zum Nachbarn zu blicken, wenn ihnen nach Fremdheit ist.

Das Wohlgefühl beim Kontakt mit dem Unbekannten aber, meint Cox, ist der Punkt der Wissenschaft. „Es gibt Milliarden von Plätzen, über die wir nichts wissen“ (Cox), und das Wissenwollen sei, worauf es ankommt in der Wissenschaft. Es macht mir keine Mühe, das noch etwas zu erweitern: Das Wissenwollen ist es auch, worauf es in der Humanität ankommt. Immerhin nennen wir unsere Spezies Homo Sapiens. Den „sapiens“ sollten wir uns eigentlich verdienen wollen. Das geht nur über Fragen. Und über das Suchen nach Antworten.

Vor Wochen schrieb ich hier über die Sapiosexuellen und stellte die Frage „wie geil ist g´scheit?“ Als „sapiosexuals“ wurden da in den einschlägigen online-Portalen noch Leute definiert, die „den Intellekt sexuell attraktiv finden“.  Ist eigentlich als Definition ein wenig eng.  Man muss den Intellekt nicht sexuell attraktiv finden. Attraktiv reicht. Es reicht, sich zu gestatten, vom Intellekt angetörnt zu werden. Der Rest ergibt sich – wenn man sich das Wissenwollen nicht plötzlich angesichts der Fleischlichkeit des Lovers abschminkt, aus Angst oder Unbehagen oder Unsicherheit oder welchen Gründen auch immer.

Wenn ich Krise habe, raste ich mental oft beim „Weltschmerz“ a la Brian Appleyard ein, das ist ein Autor, der gern masochistisch in der Erkenntnis schwelgt, dass das Universum den Menschen nicht braucht. Weil er nichtig und überflüssig ist. Sowas kann dir den Blues bringen. In so einem Fall ist ein Mann wie Brian Cox das perfekte Gegenmittel. Prozac fürs Gemüt. Der Professor verpasst jedem Gemüt, das nach Antworten auf die Fragen des Daseins dürstet, einen massiven Blowjob. Für mich ist Brian Cox Mister Sapiosex.

Zu erwähnen wäre noch, dass die plötzliche und massive Popularität von Cox sehr wohl von einem sexuellen Moment getriggert wurde, nämlich einem peinlichen Fauxpas, den sich der „seriöse” (ein anderes Wort für erzkonservativ) Daily Telegraph leistete, als er erstmals über den Large Hadron Collider berichtete und dabei das „d“ und das „r“ im Titel vertauschte. Plötzlich war der „Hadron“ ein „Hardon“ – das umgangssprachlich gebräuchliche Wort für „Penis, erigiert“. Der Telegraph hatte den Fehler natürlich in Lichtgeschwindigkeit korrigiert, aber nicht schnell genug, um nicht ein paar Nerds darauf aufmerksam zu machen. So wurde der LHC über Nacht zum online-Kult.

Folgend ein Ausschnitt aus der „Jonathan Ross Show“ (BBC), wo Cox vor kurzem zu Gast war und uns erklärte, warum wir in die Zukunft reisen können („Alles eine Frage der Geschwindigkeit“). Ross wollte wissen, ob der Large Hadron Collider tatsächlich ein Schwarzes Loch erzeugen würde, das uns alle verschlingt („oder verschlingt der Collider nur die Schweiz – das wär mir eigentlich egal.“) Zur Findung einer Antwort wurde der Collider mit Utensilien aus einem Sexshop nachgebaut und von Cox getestet. Ein Buttplug hat es ihm dabei ganz besonders angetan. Enjoy!

(PS. Update: HIER geht es zu einer aktuellen Ross-Show (2012) mit Brian Cox und Lana Del Rey und der Frage: Endet 2012 die Welt?)

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Vor nicht allzu langer Zeit hatte der Berliner Tim Pritlove einen theoretischen Physiker zu Gast in seinem Podcast „Chaos Radio Express“: CRE #147 – und der war auch schon so gut drauf, dass ich beim Zuhören richtig Lust bekam, mich mit Physik beschäftigen zu wollen.

    Ja, es gibt Wissenschaftler, die mit ihrer Begeisterung anstecken können. Hätten wir doch solche nur als Lehrer zur Schulzeit gehabt!

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