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Renee Unplugged 25. Ostern auf Abwegen

Von | 01.04.2010, 17:12 | 5 Kommentare

Zu Ostern kommt es selbst unter Pornostars mal vor, dass sie sich in der Kirche wiederfinden – und von entrischen Gefühlen übermannt werden.

Renee by Doris Karlovits

Heute war ich in der Kirche. Eh nur auf einen Abstecher. Meine kleine Cousine wollte ein Kerzerl anzünden, ich wollte schleunigst raus, und draußen hatte es gefühlte 20 Grad. Aber  im Gotteshaus gefroren dann beinahe meine Gedanken.

Hübsch sind sie ja, diese Paläste, architektonisch gesehen. Die Gestalten in den Bildern auf den Wänden jagen mir aber immer wieder einen Schauer über den Rücken. Mit Lust hat der nichts zu tun. Entweder richten diese Figuren ihren Blick flehend gen Himmel oder sie inspizieren den Boden, auf der Suche nach schuldigen Wesen oder was. Und da unten stehe ich und frage mich, ob sich jetzt gleich der Himmel öffnet und ein rügender Zeigefinger erscheint, weil es vor dem da oben bekanntlich keine Geheimnisse gibt. Und damit meine ich nicht den vernachlässigten Kirchengang.

Obwohl, habe ich etwas verbrochen? War ich ein böses Mädchen, habe ich mir etwas zu Schulden kommen lassen? Schnell im Kopf die 10 Gebote durchgegangen. Auweia, schuldig in sieben von zehn Anklagepunkten. Ich gestehe, ich bin nicht frei von Sünde. Andererseits: Angesichts dessen, was sich so manche Kirchenmänner an Fehltritten genehmigen (ich glaube, hier nicht weiter ausführen zu müssen), bin ich ein Engel mit goldenen Flügeln. Ich tu ja keiner Fliege was zu Leide. Kindern sowieso nicht.

Manche Leute sehen das anders. Für die sind wir Pornomenschen ganz besonders schuldig. Wir sind nahezu eine Seuche. Unfassbar, was wir uns heute erlauben können. Früher war alles besser. Da hielt man das Böse im Zwinger. Eingekerkert hinter dicken roten Vorhängen. Diskret unterm Ladentisch wurde das Teufelszeug gehalten. Darüber geredet wurde sowieso nicht. Das Böse war quasi nicht existent, man war Herr der Lage. Aber mit dem Internet geriet alles außer Kontrolle. Die bewegten Bilder kommen jetzt direkt ins Wohnzimmer, ungefragt und in ihrer ganzen Abscheulichkeit.

Ja, ich höre sie, die Stimmen in meinem Kopf. Sie verklickern mir, dass ich mich zu verantworten habe. Dafür, dass die Jugend von heute den Akt der Liebe mit einem sportlichen Wettkampf verwechselt. Weil ich, als darstellende Figur, es so vorgemacht habe. Gedemütigt, umher geworfen, rücksichtslos und schonungslos. Mein Körper als Spielzeug verwendet, ohne Anstand. Ohne Verstand. Was sagen Sie dazu, Frau Pornero? Schämen Sie sich nicht, so verantwortungslos zu handeln?

Ich gestehe. In meinen Anfängen war es mir Blunzn, was Gott und die Welt darüber denken, wie ich meine Kohle verdiene. Ich dachte auch nicht daran, wie es ankommen würde, wenn man das liebe Mädel von nebenan plötzlich ultradevot daherkommen sieht. Hergenommen von einer Unzahl an Hünen und einfach nur benutzt. Als die Bilder entstanden, war es nur ein Spiel, wenn auch ein deftiges. Wenn man sich dann den fertigen Film vor Augen führte – und dann auch noch das freundschaftliche Verhältnis zwischen den Darstellenden ausblendete –, konnte einem etwas entrisch werden. Dann dachte auch ich mir manchmal, „Wow, wie konnte ich das nur durchstehen?“

Heute kann ich es nicht mehr. Heute will ich es nicht mehr. Gangbangs, Throatgagging, Double Anal. Ich muss schon auf einem heftigen Trip sein und eine Ewigkeit keusch gelebt haben, um nach einer Orgie zu verlangen. Okay, ich schließe es nicht aus, der Tag mag wieder mal kommen. Aber Tatsache ist, dass ich eh nichts ausgelassen hab. Ich habe mich ausgiebig ausgetobt. Unerfüllte Fantasien gibt es nicht. Meine Fantasien wurden alle aufgezeichnet, gut bezahlt und werden noch weit über meine Existenz hinaus abrufbar sein.

Ich habe vielleicht zu früh begonnen. Würde ich jetzt damit starten, mich vor laufender Kamera ohne Hemmung zu inszenieren, ich würde es anders tun. Ich würde auch vieles nicht tun, weil mein weibliches Bewusstsein nun ein anderes ist. Ich hätte das Deftige ausgelassen, mich nicht so leicht überreden lassen. Wäre in kein Fettnäpfchen getreten. Hätte so manchen Kelch an mir vorüber gehen lassen, wie es zu Ostern gern heißt …

Ich hoffe noch immer (und gehe davon aus), dass jeder vernünftige, klar denkende Mensch (Kinder und Jugendliche hiermit also ausgeschlossen), Realität und Fiktion unterscheiden kann. Auch wenn Fiktion beim Porno mit Special Effects und Stunts nichts zu tun hat. Wenn der Arsch penetriert wurde, wurde der Arsch penetriert. Wenn es knallhart rüberkommt, war es auch knallhart. Doch habe ich keinen Schaden davon getragen noch will ich die Pornoindustrie an den Pranger stellen, wie viele andere es tun, wenn sie nicht mehr zu dem stehen können, was sie getrieben haben.

Wie schrieb Kardinal Schönborn so schön im Sonntagsblatt: Es sei geradezu eine Epidemie geworden, andere anzuklagen, bloßzustellen und überall – nur nicht bei sich selber – den Schuldigen zu suchen. Recht hat er. Ich bin verantwortlich für meine Taten, ich steh zu meiner Haut.

Wäre ich nur gehorsame Darstellerin, könnte ich die Schuld für mein Treiben auf die bösen Produzenten und Vertriebsstätten und so weiter schieben. Aber ich bin auch Regisseur und Produzent und betreibe nicht nur eine FSK18 Webseite. Ich bekenne mich also schuldig. Ich bin ein böses Mädchen. Habt Ihr mich trotzdem lieb?

5 Kommentare »

  • Eisenbieger sagt:

    Hallo Renee
    Das mit der Kirche ist so eine Sache. Es kommt nicht darauf an ob man jeden Sonntag in die Kirche geht, oder gewisse Rituale befolgt.
    Es kommt auf die richtige Einstellung an.
    Da gibt es diejenigen die sich vordrängeln nur um zu zeigen wie gläubig sie sind und dann wird zu Hause Frau und Kind verprügelt oder was noch abscheulicher ist, mißbraucht.
    Von so manchem Kirchenmann möchte ich gar nicht sprechen.
    Die ganze Kernaussage des Christentums ist in der Bergpredigt angesprochen.

    Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um?
    Wie lebe ich ein Leben ohne anderen zu schaden?
    Wie lebe ich menschlich in einer immer ruppigeren Gesellschaft?
    Das sind die eigentlichen Fragen bzw.Aussagen.

    Lass dir nicht einreden das du ein schlechter Mensch bist, und habe kein schlechts Gewissen nur wiel du einmal Pornos gedreht hast.
    Heute sagte der Pfarrer in der Kirche(ja ich gehe in die Kirche) das wir ALLE Kinder Gottes sind mit unseren Fehlern, Schwächen und unseren Sünden. menschlich eben.
    Ich habe über einen Clip bei You Tube von deiner Person erfahren und erst einmal gegooglt wer das ist.
    Hier siehst du die ganze Abivalenz unseres Sein, einerseits gehe ich in die Kirche andererseits schreibe ich einem ehemaligen Pornostar in einem Blog.

    Ich werde auch weiterhin deine Kommentare lesen und wüsche frohe Ostern.

  • wwildner sagt:

    Ja

  • saxo lady sagt:

    :) welche frage.
    intressant ist ja, dass es da einen zusammenhang geben sollte.
    zwischen dem liebhaben und dem warum es so sein soll…
    hmmm sollte es?
    ich find die dame porneo allerhöchst erfrischend, auslotend und bemerkenswert.
    herzlichst
    saxo

  • truetigger sagt:

    Meiner bescheidenen Meinung nach wird in der aktuellen westlichen Welt – und nur die kenn ich gut genug – ein Ellenbogenprinzip gelebt, welches mich zutiefst verstört: Erst wollen sich alle auf Kosten anderer bereichern, und wenn es zu einer Krise kommt, versucht sich jeder in Besitzstandswahrung. Statussymbole sind wichtiger als Freundschaften, Geld wird mit Macht verwechselt und viel Geld mit Glück.

    Mag sein, dass Pornographie generell einen negativen Einfluss auf die Entwicklung von Menschen hat, nur wird dies auch Killerspielen bzw dem Internet allgemein unterstellt, in früheren Jahren waren Comics und Rockmusik die Boten Satans. Wer das Glück hat Freundschaft zu erleben wird von den Illusionen, die Pornographie erwecken kann, nicht verdorben, während Menschen ohne Rückhalt im Leben auch an anderen Hürden scheitern werden. Von der Seite sehe ich da keine Grundlage für Selbstzweifel.

    Lass Dir von der inneren Stimme nichts einreden. Es gibt einige Menschen, die Dich genauso wie Du bist mit all Deinen bisherigen Entscheidungen, mit Deiner Arbeit vor und hinter der Kamera ganz einfach als angenehme Person akzeptieren.

    Und von mir als fleissigem Kommentator weisst Du eh: ich hab mich in Dich als Blog- und Zib-Autorin verschaut, nicht so sehr in Dich als Film-Figur (da gibt es zu viele Darsteller, da wird man austauschbar) oder Regisseurin (kenn nur einen Film). Dein Schreibstil aber, der fasziniert mich. Und mit der Kamera kannst auch beneidenswert umgehen.

    Frohe Ostern!

  • flitscherl sagt:

    Keine Frage my dear: Ganz lieb hab ich dich, trotzdem und deswegen – vor allem!!!!

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