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Google gegen China: Was hinter dem Rückzug der Suchmaschine steckt

Von | 24.03.2010, 12:00 | 2 Kommentare

Die Suchmaschine ist mit ihren Servern nach Hogkong umgezogen. Wegen der Zensur, heißt es. Ist es tatsächlich so einfach? Eskaliert ist der Konflikt Ende des vergangenen Jahres. Damals waren Googles Dienste in China massiven Hacker-Angriffen aus dem Land ausgesetzt, die nach Angaben des Suchmaschinenkonzerns bis heute andauern. Nun hat das Unternehmen die Konsequenz daraus gezogen […]

Fofo: Shekar Shahu, Lizenz: cc by-nc-nd 2.0

Die Suchmaschine ist mit ihren Servern nach Hogkong umgezogen. Wegen der Zensur, heißt es. Ist es tatsächlich so einfach?

Eskaliert ist der Konflikt Ende des vergangenen Jahres. Damals waren Googles Dienste in China massiven Hacker-Angriffen aus dem Land ausgesetzt, die nach Angaben des Suchmaschinenkonzerns bis heute andauern. Nun hat das Unternehmen die Konsequenz daraus gezogen und ist auf Server in Hongkong übersiedelt. Offizielle Begründung: Man sei nicht mehr gewillt, seine Dienste wie bisher von der chinesischen Zensur einschränken zu lassen. Die Bedingungen für Google in der Volksrepublik seien endgültig untragbar. (Hier ein aktuelles Statement aus dem offiziellen Google-Blog)

Diese Aufgabe der Selbstzensur (Googles Engagement in China war von Anfang an umstritten) entfacht nun einen Kulturkampf mit China. Schon bevor Google den Traffic seiner chinesischen Server nach Hongkong umleitete, schossen sich Chinas staatliche Medien auf den neuen Gegner ein und gemahnten an den Opiumkrieg von 1842, als die East India Company im Schulterschluss mit Großbritannien militärisch die Öffnung wichtiger chinesischer Häfen und die Duldung des Opiumhandels erzwang. Das bedeutete damals das Ende der Souveränität Chinas und die Erinnerung an diese Schmach aus dem Kolonialzeitalter soll zeigen, wie dreist China Googles Schritt findet.

"Konsequenzen für Google": die englische Tageszeitung China Daily. Foto: Christine Lu, Lizenz: cc by-ny 2.0

Trotzdem bleibt eine große Frage: Ist Googles Umzug tatsächlich ein Bekenntnis gegen Zensur und für ein freies Internet – oder steckt da Kalkül dahinter, um dem dieser Tage bereits etwas angekratzen „Don’t be evil“-Image wieder mehr Glanz zu verschaffen. Eine Umschau durch diverse Meinungen in der Online-Welt:

Der Guardian hat ein Interview mit Sergey Brin von Google. Darin fordert dieser die Regierung Obama auf, entschlossener gegen Internetzensur aufzutreten.

„Ich hoffe, dass sie dieser Angelegenheit hohe Priorität einräumt. Das Thema Menschenrechte und das Thema Handel hängen miteinander zusammen. […] Dienstleistungen und Informationen sind unsere erfolgreichsten Exportgüter. Wenn uns China unsere Wettbewerbsfähigkeit raubt, errichtet es eine Handelsbarriere.“

James Fallows hat für theatlantic.com mit Googles Chefanwalt David Drummond telefoniert. Der erklärte ihm den Zusammenhang zwischen den Hacker-Angriffen und dem Umzug nach China:

„Die Hackerangriffe hatten eine politische Komponente, die sehr ungewöhnlich war. Und das schmeckte uns nicht. Wir hatten zunehmend das Gefühl, dass sie Teil eines omnipräsenten Systems der Zensur waren. Egal, ob es nun die Kontrolle von Suchergebnissen betraf oder das Unterdrücken der Meinungen von Oppositionellen. Es war alles Teil des gleichen repressiven Systems. Und wir waren ein Teil davon geworden. So kamen wir zum Schluss, dass unsere ursprünglichen Gründe, nach China zu gehen, untergraben worden sind. Wir dachten, wir könnten das Land mit unseren Services öffnen. Aber in Wahrheit ist es bloß schlimmer geworden.“

Jeff Jarvis, Autor des Buches „What Would Google Do?“ erweist sich in diesem auch als MP3-File erhältlichen Interview mit dem Guradian einmal mehr als Freund simpler Botschaften:

„Hier geht es auch darum, dass Google das Internet verteidigt – und alle unsere Freiheitsrechte, die damit zusammen hängen.“

Kay Oberbeck, Unternehmenssprecher für die Google-Standorte Deutschland, Österreich und Schweiz sagt im Gespräch mit ZEIT ONLINE:

„Für uns ist das Ganze eine Frage der Zensur. Wir glauben, jetzt eine Lösung gefunden zu haben, mit der wir rechtlich legal eine Suchmaschine anbieten können, deren Ergebnisse für chinesische Nutzer nicht mehr zensiert werden. Genau das machen wir in Hongkong. […] Unsere Intention ist es, auf Basis der jeweiligen Gesetze einen freien Zugang zu Informationen bereit zu stellen. Genau das tun wir jetzt. Uns ist natürlich klar, dass die chinesische Regierung mit der Firewall über ein Instrument verfügt, mit dem sie diese Lösung blockieren kann. Nur hoffen wir natürlich, dass die Regierung unsere Lösung akzeptiert.“

Danny Sullivan hält im Blog Search Engine Land nicht viel von Google vorgeblich hehren Motiven:

„Als Google nach China ging, wollten sie dort Gewinne machen. Dafür wollten sie vor Ort sein. Sie wollten lokale Anzeigen-Verkäufer. Sie wollten lokale Infrastruktur. Sie wollten Mitarbeiter vor Ort. All das war nur möglich, indem sich das Unternehmen mit der Zensur arrangierte.“ Soll heißen: Mit jener Zensur, die sie heute anprangert.

Und Thomas Schmid, Herausgeber der WELT-Gruppe, bloggt sich die Wut von der Seele:

„Liebevoll pflegt Google sein David-Image – und da kommt dem Unternehmen ein Goliath wie China gerade recht. Nur […] wenn sich Google mit China, wenn sich China mit Google anlegt, dann ist das inzwischen Goliath gegen Goliath. Das Unternehmen, das den Geist der Freiheit verbreitet, hat sich zu einem äußerst gefräßigen Wesen entwickelt, das offensichtlich ein Monopol auf die Wissens-, Nachrichten- und Informationswelt anstrebt. Mit den Autorenrechten geht Google kaum weniger ignorant um als China mit dem Informationsrecht. Die kommenden Kämpfe um die Meinungsfreiheit werden ganz neue Frontverläufe haben.“

2 Kommentare »

  • istanbul sagt:

    Google? Nein Danke!

    Es kann nicht sein, dass allein Google entscheidet wer in e-Bsuiness gerankt und erfolgreich wird.

    Wir sollten nun endlich begreifen, dass Konkurrenz definitiv notwendig ist.

    Ich nutze länger schon Bing / Yahoo für meine Suchanfragen. Ich wünsche mir, dass viele Andere das auch so machen.

    • truetigger sagt:

      Google geht es sicher nicht um einen Freiheitskampf – aber dass sie sich mit einem so mächtigen Gegner anlegen nötigt einem dennoch Respekt ab.

      Zensur ist weit verbreiteter als man meint. Die Verhältnisse in China wirken auf uns Europäer glasklar: Die Regierung will die Ereignisse des Jahres 1989 beschönigen, indem sie Berichte unterdrückt, die eine Nicht-Regierungssicht dazu beschreiben. Zensur wie sie im Buche steht. Doch rechtlich gesehen wird ein Paragraph zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung dafür verwendet, die Zensur in China ist also nur eine Einschränkung der Meinungsfreiheit aufgrund nationaler Gesetzgebung.

      Und nationale Gesetze können so einige Einschränkungen bringen: In der westlichen Welt wird schnell beim Verdacht(!) auf Urheberrechtsverletzung eine Webseite vom Netz genommen, wer sich negativ über Unternehmen äussert sieht sich schnell Rufschädigungsklagen – natürlich begleitet von einstweiligen Verfügungen – gegenüber, auch das von Rosenkranz angesprochene Wiederbetätigungsverbot fällt in den Bereich der national gültigen Einschränkung der totalen Meinungsfreiheit. In Deutschland bastelt man an einem Jugendschutz, der das halbe Internet für Deutsche filtern würde. Nur dann ist es natürlich keine Zensur, denn Zensur ist NUR das, was die Chinesen machen, diese Kommunisten!

      Anstatt sich mal ernsthaft mit der Frage zu beschäftigen, wie man ein grenzübergreifendes Netz mit nationalen Rechtsgrenzen in Einklang bringen kann, wird fleissig „ZENSUR ZENSUR“ in Richtung China gebrüllt, im eigenen Land werden aber Websperren, Filterungen usw. als unverzichtbares Hilfsmittel im Kampf gegen die böse organisierte Kriminalität angepriesen – plumper geht es nicht mehr.

      Google nutzt im Moment schlichtweg die Gunst der Stunde. Das „Einknicken“ gegenüber China wird von vielen als Schwäche wahrgenommen – da gibt ein plötzliches Aufbäumen Sympathiepunkte. Sympathiepunkte, die den Wert einer guten Werbekampagne haben und damit bares Geld wert sind. Gleichzeitig kann man sich aus China zurückziehen, ohne Verträge zu kündigen – immerhin ist es ja China selbst, die Google rausschmeissen, höhere Gewalt also. Vielleicht verzichten sie auf jede Menge Geld, welches das Chinageschäft ihnen sonst gebracht hätte, werten damit aber ihre eigene Marke auf – und sie schreiben ja eh schwarze Zahlen. Vielleicht ist es auch nur ein Säbelrasseln, um den Aktienkurs kurzfristig nach unten zu drücken – vielleicht kann man so einen Verlust auf dem Papier erzeugen oder zumindest den Gewinn künstlich drücken, um weniger Steuern zu zahlen?

      Google trau ich alles Schlechte zu, denn sie sind genau wie die Deutsche Bank oder ein amerikanischer Pharmariese in erster Linie eines: Ein Unternehmen, welches danach trachtet, Gewinn zu erzielen. Von Lobeshymnen auf Google bin ich weit entfernt. Und dennoch: DASS mal jemand das Thema Zensur anspricht statt mit dem Strom mitzuschwimmen find ich sehr gut.

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