Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Kampfzone Medien, Netzzeit » iPad-Hype: Warum Verleger von der Entschleunigung des Medienkonsums träumen
Share

iPad-Hype: Warum Verleger von der Entschleunigung des Medienkonsums träumen

Von | 18.03.2010, 10:20 | Ein Kommentar

Apples iPad soll die Print-Branche retten. Mit der Online-Kultur hat es wenig zu tun. Auf ReadWriteWeb ist zu lesen, dass npr.org und das Wall Street Journal eifrig an Versionen ihrer Websites basteln, die den technischen Spezifikationen des iPad entgegen kommen. npr will in der iPad-Version auf Flash vollständig verzichten, weil Apple just jene Technologie nicht […]

Neulich bei den Oscars lief der erste TV-Spot für Apples iPad. Foto: Screenshot

Apples iPad soll die Print-Branche retten. Mit der Online-Kultur hat es wenig zu tun.

Auf ReadWriteWeb ist zu lesen, dass npr.org und das Wall Street Journal eifrig an Versionen ihrer Websites basteln, die den technischen Spezifikationen des iPad entgegen kommen. npr will in der iPad-Version auf Flash vollständig verzichten, weil Apple just jene Technologie nicht unterstützt, die im Web für das Gros der multimedialen Inhalte und damit auch das Gros der Werbung genutzt wird. Das Wall Street Journal geht nicht so weit, sondern verbannt auf dem iPad die Flash-Anwendungen bloß von der Startseite. Wer sich tiefer in die Seite klickt, darf also allerorten den leidigen Legostein erwarten, der User davon unterrichtet, dass er hier Content vor Augen hat, den er auf seinem iPad nicht sehen wird.

Daraus lässt sich zweierlei ablesen: Dass Content-Produzenten Geräten wie dem iPad durchaus Potenzial zutrauen, denn sonst wurden sie wohl kaum Geld in viele Zeilen Programmcode stecken. Und dass das Programmieren von Websites noch ein Stück komplexer wird, weil ein weiteres Endgerät auch zusätzliche Arbeit bedeutet.

So weit, so deren Problem. Bleibt noch die Frage, warum nicht gleich eine geschlossene Applikation, die nicht im iPad-Browser läuft? Wo doch daran allerlei Heilsversprechen geknüpft sind, vor allem jenes saftiger Anzeigenumsätze, weil die User einem Portal so ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenken können, anstatt es über Links auch gleich wieder zu verlassen?

Da gönne ich mir als Antwort nur eine Vermutung: Große Content-Portale mit breitem Themenspektrum können sich kein geschlossenes System leisten. Ihre User sind die offenen Strukturen des Web gewohnt, leben sie, nutzen sie. Weil das iPad kein Multitasking erlaubt, erlaubt es auch keine offenen Strukturen, denn dazu bräuchte es einen parallel zur App laufenden Browser. Und User, die offene Strukturen schätzen, werden wohl vermeiden, Apps bloß deshalb zu nutzen, weil es dort hübschere Werbung gibt.

So hinterlässt einen auch dieses Video von der Präsentation der Tablet-Version des Magazins „Wired“ etwas ratlos (Sie läuft laut magCulture auf einem Gerät von Dell und verwendet Adobe Air). Sieht ja toll aus, aber sollen Werbekunden tatsächlich glauben, dass das Publikum sehnlich darauf gewartet hat, mit ihren Sujets allerlei Spielchen anzustellen?

Aber egal, denn ein anderer Aspekt ist ohnehin spannender: Hinter Konzepten wie dem von „Wired“ steckt wohl ein ganz anderer Wunsch: der, den Konsumenten wieder länger als für bloß ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit zu gewinnen. So sehr das Web die Produktion, Verbreitung und den Konsum von Informationen aller Art revolutioniert hat, so sehr hat sie auch unsere Aufmerksamkeitsspannen beim Konsum von Medien verringert.

Seth Godin nennt das in seinem Blog „Driveby culture and the endless search for wow“. Der durchschnittliche User sei wie ein Kinobesucher, der nach sechs Sekunden aufsteht und den Saal verlässt – ein Problem, das noch dadurch zementiert wird, dass die meisten Content-Seiten dieser Welt danach gieren, so viele Klicks wie möglich zu generieren, anstatt den User in der Seite zu halten. Oder anders formuliert: Ihn vom bloßen Klicker zum Fan zu machen, der gerne und oft wieder kommt – so wie bei der gedruckten Zeitung eben, der ein Abonnent täglich 30 Minuten seiner Aufmerksamkeit schenkt.

Darum knüpfen Print-Verlage so viel Hoffnung an Tablets wie das iPad. Sie träumen – hier übrigens schlüssig erklärt von Mario García (mit Dank an Alexis Johann für den Hinweis) – von einer digitalen Zeitung, die das auf Flüchtigkeit angelegte Konsumverhalten der Online-Generation wieder entschleunigt.

Bleibt bloß die Frage, ob die das tatsächlich will.

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Dass Content-Produzenten Geräten wie dem iPad durchaus Potenzial zutrauen, denn sonst wurden sie wohl kaum Geld in viele Zeilen Programmcode stecken. Und dass das Programmieren von Websites noch ein Stück komplexer wird, weil ein weiteres Endgerät auch zusätzliche Arbeit bedeutet.

    SO arg werden die Änderungen nicht sein. HTML ist generell schon darauf ausgelegt, mit CSS verschiedene Medien verschieden zu bedienen – nutzt nur kaum jemand in der „optimiert für IE8“-Welt. So kann man ein Print-Design definieren, ein zusätzliches Mobil-Design usw, bei dem eben Flash gar nicht oder eben durch eine alternative Darstellung (fixe Grafik, Video im MP4-Format, Link zu einem PDF oder was auch immer) präsentiert und auf andere Auflösungen hin optimiert wird.

    Gerade bei Content-Produzenten steckt die Arbeit und das Potential ja in den Inhalten, dem Content – die Verpackung ist nur das schmückende Beiwerk.

    Weil das iPad kein Multitasking erlaubt, erlaubt es auch keine offenen Strukturen, denn dazu bräuchte es einen parallel zur App laufenden Browser.

    Schon das wurde in Zeiten des seligen Palm ganz gut kaschiert: Beim App-Wechsel kann man den aktuellen Zustand so einfrieren, dass man beim erneuten Aufruf exakt dort landet – man hätte zwar kein Multitasking (also keine weiterlaufende Hintergrundmusik), aber bei zwei Anwendungen im Fullscreen würd der Unterschied für den User nicht wirklich auffallen.

    Bisher bereitet man sich nur auf das iPad vor, sieht es aber noch nicht als ernsthaftes Medium. Denn das iPad hätte das Zeug zu einem besseren EBook-Reader, mit dem man eben auch Zeitungsabos lesen kann, eine Art besseres und verspielteres Kindle. Solche Elektrozeitungen brauchen aber als eigene App einen Mehrwert, den man bisher im WWW nicht gewohnt ist: Notizen, die Möglichkeit Artikel „auszuschneiden“ und an Freunde zu schicken (ohne wg Diebstahl von Eigentum angeklagt zu werden), lokale Verknüpfungen (z.B. Kultur-Berichte in den Kalender legen, Restaurant-Empfehlungen in die GPS-Karte mappen, Probesongs von vorgestellten Künstlern in den iPod pappen) und und und.

    DAS wär dann richtige Arbeit, doch da warten alle noch – zu recht, wird doch seit 20 Jahren schon vom papierlosen Büro geredet, in der Praxis gibt es aber nur PDF/HTML online und Papier, eBooks sind bis heut nicht wirklich auf dem Durchbruch. Zeitungen haben auch nicht den Sprung in die digitale Welt geschafft, sie kämpfen nur um die ZEIT mit dem Konkurrenten Internet (Nachrichten weltweit, dazu aktuelles Wetter, ein paar Blogs und etwas Porno). Hier wär das iPad die Chance, einer Zeitung im digitalen Zeitalter wieder ein „griffiges“ Gefühl zu geben, was sie im WWW eben nicht hat.

ZiB21 sind: unsere Blogger