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Googles Rat an Zeitungsverleger: Experimentieren, experimentieren, experimentieren!

Von | 11.03.2010, 23:16 | Kein Kommentar

Die amerikanische Federal Trade Commission hat am 9. und 10. März ein Hearing zur Zukunft des Journalismus veranstaltet. Der danach am meisten zitierte Redner war Hal Varian, Chefökonom von Google. Varian kann nicht nur den genialischen Algorithmus von Googles Adsense und Adwords für Laien schlüssig erklären, sondern hat auch recht nüchterne Ansichten, was die Zukunft […]

Die amerikanische Federal Trade Commission hat am 9. und 10. März ein Hearing zur Zukunft des Journalismus veranstaltet. Der danach am meisten zitierte Redner war Hal Varian, Chefökonom von Google.

Varian kann nicht nur den genialischen Algorithmus von Googles Adsense und Adwords für Laien schlüssig erklären, sondern hat auch recht nüchterne Ansichten, was die Zukunft der Zeitungen betrifft. Eine davon hat er schon vor ein paar Wochen in einem Interview mit AdvertisingAge dargelegt (hier in einem Text zum Thema verwurstet): das Dilemma, dass News kein Anzeigenumfeld sind und daher die Anzeigenkunden spezialisierte Sites für Autos, Wohnen oder Reisen bevorzugen.

Varians Rede jedenfalls war sehr aufschlussreich. Sie ist auf der Site des Nieman Journalism Lab der Harvard University in vollem Wortlaut zu finden, und die Folien, die er dabei verwendet hat, gibt es hier.

Er erzählt darin von der historischen Entwicklung der Zeitungsauflagen und Anzeigenumsätze in den USA (Details lasse ich hier aus, sie sind ernüchternd wie immer und ohnehin unter obigem Link nachzulesen), ehe er zu ein paar Schlüssen kommt, die er unter dem Motto „Experimentieren, experimentieren, experimentieren“ zusammen fasst.

  1. Erobere die Freitzeit deiner User. Varian hat für seinen Vortrag eine Menge Daten ausgewertet, unter anderm das Nutzungsverhalten bei Google News. Daraus wird ersichtlich, dass der Online-Konsum von News vor allem während der Arbeitszeit passiert, denn an den Wochenenden geht er signifikant zurück. Das Problem: News-Konsum während der Arbeit erlaubt nur kurze Aufmerksamkeitsspannen. Mehr als ein paar Minuten täglich pro User kommen da im Schnitt nicht zusammen. Das sind zu wenig für Online-Medien, um der Anzeigenwirtschaft wirklich attraktiv zu erscheinen. Und daher rät Varian zu Überlegungen, wie sich auch mit Online-News die Freizeit der User erobern ließe.
  2. Vorsicht bei Paid Content. Versucht es, sagt Varian. Aber denkt dabei daran, dass der Wettbewerb gnadenlos ist, weil er bei General-Interest News bloß über den Preis ausgetragen wird. Seine Prognose: Wer seine Nische findet, um hoch spezialisierten Content für ein hoch spezialisiertes Publikum zu produzieren, kann auf ein funktionierendes Paid Content-Modell hoffen. Wer Gebühren für den Wetterbericht verlangt, wird keinen zahlenden Kunden finden.
  3. Nutze deine Datenbank. Jede News-Site kann Unmengen an Daten über das Nutzungsverhalten seiner User sammeln. Daraus lässt sich viel ablesen: Warum sie eine Site ansurfen, was sie dort am liebsten haben, warum sie wiederkommen. Diese Erkenntnisse sind wertvoll. Sie helfen, den Content der Seite für die Bedürfnisse der User zu schärfen. Sie helfen beim Einspielen von relevanten Anzeigen im richtigen Kontext. Und sie helfen damit beim Geldverdienen.

So weit, so die Sicht des Informationsökonomen. Nächsten Donnerstag ist Alan Rusbridger, Chefredaktuer des Guardian in der Stadt, um mit Wolfgang Blau von Zeit-Online die Zukunft des Journalismus zu diskutieren. Mal hören, was er zum Thema zu sagen hat. Wenn man dem von ihm geführten Medium mit all seinen Online-Aktivitäten etwas nicht vorwerfen kann, dann den Mangel an Experimenten. Und wenn man diese Vorreiterrolle etwas differenzieren möchte, dann mit der Position, die ihm das erlaubt. Der Guardian hat es aufgrund seiner Besitzverhältnisse nicht nötig, auf Rendite zu achten.

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