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Manfred Sax sen.Feminismus interessiert mich nur, wenn er interessant ist

Von Manfred Sax sen. | 09.03.2010, 18:46 | 5 KommentareShare/Save

Sehen Sie sich bitte das Foto links an. Der dunkle Arm ist der meine, sie ist die eine, die ich meine. Weiteres Detail: Sie verdient das Vierfache dessen, was ich verdiene, obwohl unsere Arbeitszeiten einander entsprechen – wenn man Arbeit, die nichts einbringt, dazu zählen darf. Die Kinder, das Einkaufen, die Kinder, das Kochen, die Kinder.

Den Blog.

Okay, nehmen wir die Kinder wieder weg. Die sind keine Arbeit. Man kann nicht mal sagen, dass sie Zeit kosten. Die Zeit mit ihnen kostet nichts, im Gegenteil, diese Zeit bringt es. Na gut, anderswo geht sie einem auch wieder ab, aber so what, alles eine Frage der Prioritäten.

Würde ich gern mehr verdienen? – Positiv.  Nur leider: keine Zeit. Meine Zeit ist optimal eingeteilt, da seh ich keine Fehler. Die Prioritäten, wie gesagt.

Nun zum Wetter am Weltfrauentag: Klima bei Gleichstellung von Mann und Frau? Stabil mies. Gehaltsschere? Vollkommen aus dem Lot. Teilen sich Frau und Mann die beruflichen Führungsetagen redlich? Nächste Frage.

Noch einmal: Meine Frau verdient das Vierfache dessen, was ich verdiene. Sie werden also verstehen, wenn solche Fragen aus meinem Blickwinkel ein wenig überholt wirken. Aber wissen Sie, meine Frau macht einen verdammt guten Job. In meinen Augen ist sie das Beste, was der Landesregierung Hampshire je passierte. Gutmenschlich, unbestechlich, gerecht. Und das sind nur ihre Schwächen!

Würde ich gern mit ihr tauschen? Leide ich unter der „Gehaltsschere“? Hab ich einen unfairen Deal? Negativ. Manchmal habe ich das Gefühl, das Umgekehrte sei der Fall. Es gibt Abende, da kommt sie geschafft nach Hause und platzt ins Wohnzimmer, wo ich am Sofa mit unserem 7jährigen Boy Nummer Vier gerade seelenbaumle. Dann kann schon sein, dass sie vorübergehend der Frust übermannt und etwas auf „Gleichstellung“ murmelt. Nur beißt sie damit bei mir auf Granit. Warum etwas ändern, wenn es funktioniert?

Schuld an unserer Vielfalt von Ungleichheiten, die sich erst zusammengezählt zur Einheit runden, ist wohl das „Konzept Kleinfamilie“. Meiner Meinung nach geht da nichts mit Quote und fiftyfifty. Nenn mir eine Familie, in der beide Elternteile gleich viel verdienen und ich nenne dir ein paar unterwältigte Kinder. Besser, wenn sich jeder seinen/ihren Talenten gemäß einbringt. So erledigen sich die Dinge quasi organisch: Sie ist besser beim Geldmachen, ich kann besser Fußball spielen (sehr wichtig bei vier Buben). Sie ist besser beim Rechnungzahlen, ich kann besser kochen (eine Rarität, gute Küche ist unter Briten verpönt). Sie verbraucht wesentlich mehr Energie als ich, aber bitte, ich mache das nach besten Kräften wett, koche Powerfood für die Powerfrau, halte ihr die Kinder vom Leib. Und wenn sie ausgepowert zwinkert und „verwüste mich“ flüstert, dann verwüste ich sie (Sie wissen schon: Ein Orgasmus triggert neben vielem anderen auch eine Welle aus Testosteron; sowas erfrischt). Per Ungleichheit zur Harmonie, sage ich immer.

Ich nehme an, ich hab Sie mittler Weile verloren, verstehe, Sie haben Schwierigkeiten damit. Sie sind nicht mehr gewöhnt, in „Units“ zu denken. Sie sehen da nur eine riesige Masse von Individuen, die in „weiblich“ und „männlich“ geteilt werden, die alsogleich in vielerlei Merkmale zerfallen, deren einige dann wieder statistisch hochgerechnet werden: Der durchschnittliche Mann verdient um eine beträchtliche Prozentzahl mehr als die durchschnittliche Frau. Neunmal mehr Männer als Frauen bevölkern die Führungsetagen. Und so weiter. Solche Fragen können einen mitunter ein wenig unrund machen, aber mir gehen sie am Hintern vorbei.

Hab ich schon erwähnt, dass mir der Weltfrauentag überholt erscheint? Der Weltfrauentag ist überholt. So überholt wie die Fragen zum Tag unwesentlich. In den vergangenen Tagen wurde viel über Frauen und Feminismus diskutiert. Ein paar Ansagen blieben bei mir sogar hängen, zum Beispiel der Frater vom Sonntag, der über die „erste Feministin“ Hypathia nachdachte: „Sie wollte Freiheit und Wahrheit“, sagte er, „und sie hatte ausreichend Mut, um sich die Freiheit zu nehmen, diese Wahrheit zu suchen. Das Quoten-fiftyfifty des Gegenwartsfeminismus ist vergleichsweise eine kleinkarierte Angelegenheit.“ Hätte ich selber nicht besser sagen können.

Vor einer Woche landete ich auch bei einem post-Dohnalschen Club 2, einer matten Sache, wo lediglich Schriftstellerin (und zib21-Autorin) Ana Tajder die wenigen wesentlichen Akzente beisteuerte. Sie machte sich dafür stark, dem Gleichheit-nach-Zahlen-und-Daten-Feminismus eine Pause zu gönnen und stattdessen den Humanismus zu thematisieren, mit dem es im Argen liege. Liegt es mit dem Humanismus im Argen? Was ist human? Was ist menschlich? Ist menschlich human? Leider nein. Es menschelt gehörig auf unserem Planeten, human ist das nicht. Stichworte: Rezession, Kriege, Terrorismus, Global Warming, Banker, Arbeitslosigkeit, Profitgier. Überhaupt letzteres.

Seit das Wort „Kulturkapitalismus“ existiert, ist es zwar wieder unschick, den Kapitalismus für irgendwas verantwortlich zu machen, aber am Samstag las ich im „Album“ des Standard ein beeindruckendes kapitalismuskritisches Essay der Philosophin Andrea Roedig, in der sie auf den Punkt brachte, warum dieses manische Teilen und Aufwiegen nach „männlich“ und „weiblich“ den Kapitalisten so am Herzen liegt: weil man alles doppelt verhökern kann, sie kriegt halt die rosa Packung, er die blaue. Ich könnte jetzt einiges daraus zitieren, nur brauche ich es nicht, die Beispiele für das Beschissene am Kapitalismus liegen praktisch am Straßenrand. Gestern war ich bei einem Freund, der von seinem Boss 18 Monate vor der Pension entlassen wurde (was der Firma Geld sparte). An seiner Stelle arbeitet nun eine Frau, die jünger ist und den Job für wesentlich weniger macht. Womit sich zwar die feministische Kritik – Frauen kriegen für gleiche Arbeit weniger bezahlt – bestätigt, aber der Kern des Problems liegt doch eher in einer Denke, die man als „wirtschaftliche Vernunft“ beschönigt. Sogar mein geschasster Freund sah das so.

Dann ist da noch ein anderer Bekannter, der für Twinings in China eine Fabrik baute. Wodurch die Fabrik unweit von Winchester aufgelassen werden konnte (2000 Arbeitslose mehr). Die machte zwar Profit, aber die neue Fabrik in China macht mehr Profit. Einfach widerlich.

Hier was Privates, erzählen Sie es nicht weiter: Meine Frau und ich sind seit 25 Jahren verheiratet. Gut zwanzig Jahre davon haben wir gestritten. Bis aufs Messer. Es gab Zeiten, da fragte ich mich, was ist besser, eine komplizierte Scheidung oder ein simpler Mord?

Worüber wir gestritten haben? Natürlich über obige Fragen. Die Gleichstellung. Die Gehaltsschere. Die Verzichtsfrage. Die Grundsätze. Wenn eine Partei 20% verdient und die andere 80%, soll die andere Partei dann auch 80% der „Unit“-kosten berappen? Oder sollen beide je 50% der „Unit“-kosten beisteuern und der Rest ist eine jeden persönlich ermächtigende Sache? Die üblichen Banalitäten. Aber gut, manchmal stritten wir auch, weil die Versöhnungen so verdammt cool sind …

Apropos Verzicht. Hab ich das Gefühl, ich verzichte auf vieles, weil ich mir weniger kaufen kann? Negativ. Ist eher eine Frage von Entscheidungen. Man muss wissen, was man will. Wenn man weiß, was man will, ist der Verzicht auf alles andere kein Verzicht. Wenn man weiß, wen man will, erübrigt sich das Weiterweibern, so-to-speak.

Ich habe kein Problem mit Verzicht. Der Kapitalismus schon. Für den ist Verzicht ein Tabuwort. Verzicht bringt rote Zahlen. Und im Feminismus ist das Wort Verzicht immer nur negativ besetzt. Verzichtet dort mal eine Frau, wird sie auch schon dazu „gezwungen“.

Also: Der Internationale Frauentag ist überholt, die immanente Kapitalismusfreundlichkeit des Feminismus eigentlich widerlich. Aber bitte, das bin nur ich. Ich finde den Frauentag schlimmstenfalls überflüssig und bestenfalls erniedrigend. Er bringt mich nicht weiter. Und der zeitgenössische Feminismus verbellt die falschen Bäume. Und aus.

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5 Kommentare »

  • @nic_ko sagt:

    Möge die heilige Nigella Dir beistehen! Möge Gordon mit untypischer Nachsicht auf Deine Verfehlungen blicken! “Gute Küche ist unter Briten verpönt”?
    Anyway, feiner Text, Sax, feiner Text.

  • truetigger sagt:

    Dreifach Lob: (1) flüssig + fein geschrieben, (2) interessante Gedanken geäussert und (3) elegant die letztens bei Ana Tajder entgleiste Debatte mit gegensätzlichen Standpunkten entschärft, ohne dass es wie ein Kompromiss wirkt.

    ZIB21 wird mehr und mehr mein Lieblingsplatz im Internet.

  • rasenmäher sagt:

    Als wär’s ein Stück von mir.
    Wenn ich’s denn so punktgenau auf denselben zu bringen in der Lage gewesen wäre.
    Chapeau !

  • saxo lady sagt:

    lieber sax
    was soll ich sagen.
    darf ich ..nach dieser unendlich anbiedernden anrede nicht anders zu erwarten…mich virtuell an Ihren hals werfen und Sie abbussln?

    nicht nur, dass ich gestern und heute erbittert feststellen musste, dass der 8.märz offensichtlich nur randgruppenthemen aufwirft (ist das thema frau tatsächlich so randgruppig, dass die berichte fast ausschließlich in lesben und 10-kinder-mamma-bundespräsidentinanwärterin aufgehen? oder les ich die falschen zeitungen? kann ja sein, dass in woman oder news oder sonstwo eh die wirklcih wichtigen frauenthemen angesprochen wurden…die neueste kollektion von gucchi…ob mich die mehr interessiert? )
    wurscht, dieser bericht Ihrer höchstpersönlichen lebenssituation ist für mich essenzieller und dem tag der frau angemessener als alles, was ich sonst so gelesen hab.

    grüßen Sie mir den Frater und herzlichen dank für diesen außerordentlich positiven blick in eine mögliche zukunft.
    saxo

  • tja. d’accord. mehr ist nicht zu sagen.

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