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Gladius40. Von iGod zu iPod

Von | 28.02.2010, 17:41 | 5 Kommentare

Rockgötter sind cooler als Jesus. Kein Wunder, dass nun der Papst seinen iPod entsprechend bestückt. Wir leben bewegte Zeiten. Die Olympischen Winterspiele sind kaum vorüber, da öffnet auch schon das nächste „große Ereignis, das kein Großereignis ist“ seine Pforten. Ja, ich spreche vom Sanremo Musikfestival. Ich hätte unseren männlichen Alpinisten nun gern etwas mit auf […]

Auf der Suche nach Lennons Geist by lism

Rockgötter sind cooler als Jesus. Kein Wunder, dass nun der Papst seinen iPod entsprechend bestückt.

Wir leben bewegte Zeiten. Die Olympischen Winterspiele sind kaum vorüber, da öffnet auch schon das nächste „große Ereignis, das kein Großereignis ist“ seine Pforten. Ja, ich spreche vom Sanremo Musikfestival.

Ich hätte unseren männlichen Alpinisten nun gern etwas mit auf den Heimweg gegeben, aber gestern ist gegessen, es liegt in der menschlichen Natur, sich nach Tiefpunkten abzustauben und gleich wieder nach vorne zu blicken, nach vorne wird gelebt, nach hinten lediglich verstanden, und wer will dieses ganze, Identität gefährdende Malheur der Medaillenlosigkeit des Männlichen Österreichischen Schifahrers schon wirklich verstehen?

Also San Remo. Schon bei Erwähnung des Orts löst sich habituell ein Schwall der Zärtlichkeit von meiner Brust. San Remo steht unter der Patronanz des Heiligen Romolo, der war einst einer der raren kirchlichen Schwerträger und hat deswegen bei mir einen Stein im Brett.

Auf seine verträumte Art ist das Sanremo Festival absolut legendär, es war der Wegbereiter für jene andere Hochburg des Europäischen Easy Listenings – den Eurovisions-Songcontest. Bis heute wird der italienische Mitstreiter zur europäischen Gala alljährlich in San Remo ermittelt. Ich sage nur Jalisse und „Fiumi di parole“ (1997). Unvergesslich für jeden Musikfreund, der beim Zuhören auch jenen ästhetischen Kummer in der Brust empfinden will, der etwa beim gelebten Masochismus wie von selbst kommt.

Das Sanremo Festival ist auch ein Treffpunkt der Großen, heuer drücken einander klingende Namen wie Al Bano, Michelle Hunziker und Lara Fabian die Mikros in die Hand, und ehe ich jetzt hemmungslos ins Schwärmen gerate, möchte ich dieses Kapitel vorbeugend verlassen und stattdessen transparent machen, was sich der Vatikan fürs diesjährige Spektakel einfallen ließ.

Der irdische Verwalter Gottes wird unentwegt mit Anfragen bestürmt, man möge doch enthüllen, was Er auf seinem iPod hat, nie hat er diesem Begehr stattgegeben. Heuer aber veröffentlichte der Vatikan zur Eröffnung in San Remo eine „Vatikan Top Ten“ genannte Playlist. Übermäßig christlich ist die nicht. Die Großen Zehn des Vatikans sind ein Tummelplatz moderner Ersatzgötter wie The Beatles („Revolver“), Pink Floyd („Dark Side Of the Moon), Michael Jackson („Thriller“) und sogar Oasis („(What´s The Story) Morning Glory“). Alles abgebrühte Liedermacher, die sich der Dreifaltigkeit von Sex, Drogen und Rockmusik unterwarfen und für etwas standen, das unsereins eher unter „Gomorrha“ archiviert.

Derlei Crossovers der geistigen Zunft passieren nicht alle Tage, obwohl, das eine oder andere einschlägige Selbst-Outing kann hin und wieder passieren, geneigte Leser meines Sermons mögen sich erinnern, dass an dieser Stelle auch schon mal die Liebe des Münchner Erzbischofs Richard Marx zu Bob Marley´s Klassiker „No Woman, No Cry“ ein Thema war (siehe HIER)

Ich habe damals versucht zu erläutern, dass auch eiserne Christen mitunter zwecks Erlangen von Inspiration kleine Ausritte in die vorchristliche Zeit unternehmen, der Bischof war wohl beim „Poeta Theologus“ gelandet, also bei Orpheus, dessen gesungenes Liebesleid in Sachen Eurydike selbst das Herz des Hades erweichen konnte – worauf wir an der Floskel „keine Frau, keine Tränen“ hängen blieben (wie Marley´s Titel mitunter mis-interpretiert wird).

Wenn der Papst seinem Pressesekretär gestattet, hier so ungeniert an Stelle von Händel´s Messias bei berühmten Atheisten Zuflucht zu nehmen ( John Lennon: „Wir sind populärer als Jesus“), tut er das natürlich nicht, weil ihm da jemand Drogen ins Weihwasser gemischt hat. Das hat zunächst mit der traditionell billigen Anbiederei an das (zunehmend gottlose) Jungvolk des Planeten zu tun, dem er einen alten Gaul als lebenslustiges Fohlen unterjubeln will. Aber auch ein kleiner päpstlicher Mittelfingerzeig an den Klerus von San Remo lässt sich nicht von der Hand weisen, wenn die Vatikan-Charts wesentlich cooler dastehen als alles, was in San Remo je auf eine Bühne geriet.

Aber warum sollte er das tun wollen? Wegen des Schutzpatrons San Romolo, würde ich sagen. Dieser streitbare Geistliche hatte nämlich seinerzeit (wir reden hier Viertes Jahrhundert) die berühmte Villa Matutiae mit dem Schwert in Händen verteidigt, jene Villa, die der Mater Matuta gewidmet war – der römischen Göttin der Kindesgeburt. Einer Gottheit, die nur für Heiden relevant sein sollte. Man mag nun zwar einwenden, dass die Episode so alt ist wie Rom katholisch, aber tausendundetliche Jahre sind im theologischen Kontext nicht sonderlich viel. Gott mag vergeben, der Papst ist noch nicht so weit.

5 Kommentare »

  • recht weit wird er auch nicht mehr kommen, il papa, ist er doch der vorletzte, und der nächste und letzte, peter romanus, wird das papsttum terminieren. recht so.

  • Lina sagt:

    Sehr geehrter Herr Frater,

    wird es ihnen nicht auch langsam langweilig? Ich wollte geduldig sein, doch ich begreife den Sinn Ihrer Kolumne überhaupt nicht mehr. Was wollen Sie uns hier eigentlich mitteilen? Mich interessiert diese ganze Vatikan-Sch… nicht allzu sehr und ich werde Ihre Kolumne deshalb auch nicht mehr lesen. Ich habe schon vor einigen Jahren der katholischen Kirche den Rücken zugekehrt, und empfehle ihnen es mir gleichzutun und sich eventuell einen spannenderen Aufhänger für Ihre Sonntagskolumne zu suchen.
    FG

    • Frater Gladius sagt:

      Werte Lina,
      fast möchte man meinen, Sie seien kein Fan von Al Bano. Verblüffend, eigentlich. Tatsächlich hielt ich es für ein Geschenk des Himmels, als mir Sonntag Vormittag dieser Musiker samt San Remo in die Gedanken glitt. Tja, so kann man sich täuschen.
      Weil es nun habituell immer der Sonntagmorgen ist, an dem ich die Idee zur Kolumne „erhalte“ (danke, Spender), kann ich auch über Langeweile keineswegs klagen, im Gegenteil, die Zeit vergeht wie im Flug, nicht selten verspür ich das berühmte Feuer im Arsch, weil der Text vor der Abendmess´in den „Kasten“ muss.
      Einen „Sinn“ der Kolumne möchte ich nicht beisteuern, das halte ich für Sache des Lesers, aber Ihre obige Frage („Was wollen Sie uns hier eigentlich mitteilen?“) erscheint mir ein exzellenter Beginn, um diesbezüglich Fortschritte zu machen. Ich selbst bin kein sonderlicher Freund von Sinnsuche, ich sehe auch keinen Sinn des Lebens. Sehr wohl aber sehe ich ein Wesen des Lebens. In diesem Sinne: alles Gute. Und schauen Sie wieder mal vorbei. Ihr FG

  • karotterl sagt:

    frater lieber frater
    deucht mich sanremo da dem kitzbühler almauftrieb vom hansi verwandt?
    wie sümpadisch…sehr. ich finde ja, als bekennendes musikwurzelzeugs, der hickhack um wer-hat-die-einzig-richtige-(bei bedarf auswechselbar)musik/wahrheit/gottheit soll dort bleiben, wo sie hingehört. weil. es gibt leut, die machen musik und es gibt leut, die reden drüber.
    2 paar schuh…jedem das seine. da fällt mir nämlich mit zornesorange im gesicht der peinlichste schlagabtausch aller zeiten von möchtegernmusikern-und-doch-nur-darüberreder-geworden-seienden kritiker ein, die nach einem fulminaten opernabend mit anna netrebko tatsächlich dachten, ihr auftritt wäre der wesentliche an diesem abend. netrebko, einer performerin ohne gleichen, eine sängerin mit herz und ausstrahlung…da freuert sich doch der kunstbetrieb, dacht das wurzelzeugs. aber diese 3 korianderfeen ihrer zunft waren sich nicht zu blöd, sich in feinsinnigen..
    ach was solls, das gehört ja garnich hier her, entschuldigens, dass ich sie so anlabere, mein hochverehrter frater. mich tröstete ja eh schon vor langen jahren einer, der —als es noch schick was, in ö den dj ötzi zu picksen—ganz klar erklärte: jede musik, die ein publikum hat, ist musik, die wertgeschätzt wird. frei nach thomas d.

    wenn ich mir das jetzt durchles, wird mir natürlich völlig klar, dass mein gesülze mit ihrer feinen predigt garnix zu tun hat. legen Sies einfach ab unter gemüseausdünstungen…
    verbindlichst…
    karotterl

    • Frater Gladius sagt:

      Vielen Dank für den Einblick in Ihre Gedankenwelt, karotterl, mir scheint, da pocht ein sensibles musikalisches Herz im Wurzelzeug. Und was das Herz der Sängerin Netrebko anbelangt, ja, da hat mich auch schon so manches fasziniert, nur hat das jetzt weder mit Musik, noch mit Ihrem Kommentar, noch mit meiner Kolumne zu tun. Also lege ich ab. Herzlichst, Ihr FG

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