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Google-Journalismus ist nichts Böses, sondern eine Chance

Von | 24.02.2010, 6:00 | Kein Kommentar

Bloßes Copy/Paste hat auch im Journalismus von morgen keine Zukunft. Doch herkömmlich organisierte Redaktionen haben auch keine.

Er hat keinen guten Ruf, der Google-Journalismus. Ist ja auch logisch, weil der Begriff ein willkommenes Label für all jene Medienarbeiter ist, die ihre Stories aus Versatzstücken zusammen basteln, die sie via Google aufgestöbert haben. So wird Google-Journalismus bloß ein Synonym für Copy/Paste, den Gottseibeiuns des Originellen und Originären.

Nun bin ich auf eine positive Deutung des Begriffs gestoßen, die vor allem deshalb so zwingend ist, weil sie nicht beim Copy/Paste ansetzt, sondern die Möglichkeiten der Suchmaschine bloß als Basis nimmt, um darauf zum Beispiel so etwas Faszinierendes aufzubauen wie die „Living Stories“, die Google in seinen Labs getestet hat und deren Code nun unter Open Source-Lizenz für jeden verfügbar ist – und ehrlich gesagt: Wäre ich Medienunternehmer mit Online-Auftritt samt ein paar Mitarbeiter, würde ich das Ding sofort testen.

Aber ehe ich abschweife, zurück zu Quelle des positiv gedeuteten Google-Journalismus. Im französischen Blog Owni.fr wurde nämlich einer der populärsten Posts der vergangenen Monate ins Englische übersetzt und kann daher auch von einem Nicht-Französischsprechenden wie mir gelesen werden. Er stammt von Benoît Raphaël, dem Chefredakteur von LePost.fr.

Der macht sich darin Gedanken, wie eine Redaktion organisiert sein müsste, um ihrer Kernkompetenz (also der Bewertung, Recherche und Verbreitung von News) in einem Umfeld des Medienkonsums gerecht zu werden, das so gar nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun hat. Also mit Zeiten von News-Marken wie Tageszeitungen, die den Anspruch haben, allein, exklusiv, umfassend und letztgültig die relevanten Ereignisse zur Zeit zu erzählen. Das Resultat dieses Anspruchs sind Redaktionen, die – um beim Beispiel Print zu bleiben – den Großteil ihres Personals mit der Befüllung der gedruckten Zeitung beschäftigen und nur den geringeren mit dem Abarbeiten des Online-Auftritts.

Das, so Raphaël, gehört radikal geändert. Und damit wären wir beim positiv besetzten Google-Journalismus. Also: Der Großteil der Redaktion arbeitet fürs Web. Abgesehen von ein paar deklarierten Reportern, die originären Content recherchieren und für alle mögliche Formate aufbereiten, aggregieren sie die Ereignisse des Tages. Sie prüfen, sortieren und verbreiten alles, was sie an Content im Web finden. Sie verlinken, stellen die Ereignisse damit in einen größeren Kontext, halten die Nachrichten im Fluss und verzichten dabei auf überkommenes Exklusivitäts-Denken, das dem Konsumverhalten im Netz ohnehin widerspricht. Mit Blog-artigen Formaten werden sie zusätzlich noch kommentiert und vertieft (In diesem Zusammenhang empfehle ich Interessierten noch einmal einen Blick auf Googles „Living Stories“). Und überwacht wird der ganze Produktionsprozess dann noch von ein paar „Super-Copy-Editors“, wie Raphaël sie nennt – bei uns würden sie wohl Schlussredakteure heißen. Sie sorgen dafür, dass die News den jeweiligen Kanälen entsprechend aufbereitet werden.

Bleibt die Frage, wer das bezahlt, wo doch die meisten Werbeumsätze noch immer im Umfeld gedruckter News gemacht werden. Raphaëls Kalkulation ist simpel: Es gibt keine Redaktionen, die so arbeiten. Daher haben Redaktionen, die so arbeiten, erstens das Potenzial, im Web und auf mobilen Endgeräten rasant zu wachsen, weil sie auf die Bedürfnisse ihrer Community und der Social Networks eingehen. Und zweitens können multimedial denkende „Super-Copy-Editors“ auch innovative Print-Produkte herstellen – ein Art Nachlese und ruhige Aufbereitung der News, die dann zusätzlich zum Web als weiterer Werbeträger dient und für das Konsumenten obendrein noch bezahlen.

Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang allerdings, was Raphaël als größte Hürde bei der Umsetzung eines solchen Systems erkennt: den Journalisten.

Er fühlt sich ausgebeutet, weil mit dem von ihm produzierten Content mehrere Kanäle bespielt werden, und dadurch mehr Arbeit (vor allem: Kreativität) gefordert ist. Außerdem geht er – vor allem, wenn er in Print geschult ist – falsch mit Technik um, weil er Technik als Technik betrachtet, anstatt als Tool, das seiner Arbeit hilft (Eine These, die auch Paul Bradshaw in seinem Blog vertritt: hier und hier) Das führt dann zu etwas, das ich aus meiner subjektiven Wahrnehmung kenne: Zur Panik, die Medienarbeitern Sätze wie folgende entlockt: Machen wir was mit Twitter. Machen wir was mit Facebook. Machen wir was mit einer iPhone-App. Machen wir was fürs iPad. Machen wir Technologie, anstatt die Technologie für uns zu nutzen.

Und Sätze wie diese führen dann wiederum dazu, dass alles beim Alten bleibt. Egal, wie spannend und logisch der positiv gedeutete Google Journalismus auch klingt. Eigentich unverständlich, oder?

Dieser Arktikel ist der erste offizielle Teil einer losen Serie mit dem Titel „Kampfzone Medien“. Sie exisitiert auf ZiB21 inoffiziell schon länger und bekommt hiermit ihre längst überfälligen Fixplatz. Hinter diesem Link und in der Sidebar verbergen sich die bisher erschienen Beiträge zum radikalen Medienwandel dieser Tage.

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