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Gladius39. (Kein) schwarzer Tag für Schweine

Von | 21.02.2010, 17:43 | 10 Kommentare

Die Angst um den Kurs des Euro führt unter anderem zu Vergehen wider die politische Korrektheit. Der Norden stempelt die Länder des Südens als „Schweine“ ab. Mir wurde Zeit meiner Jugend kaum je vorgeschrieben, was ich mit meinem Leben mal tun soll. Aber hin und wieder erreichte mich von Erzieherseite der eine oder andere gut […]

Foto: pinkfloydonline.com

Die Angst um den Kurs des Euro führt unter anderem zu Vergehen wider die politische Korrektheit. Der Norden stempelt die Länder des Südens als „Schweine“ ab.

Mir wurde Zeit meiner Jugend kaum je vorgeschrieben, was ich mit meinem Leben mal tun soll. Aber hin und wieder erreichte mich von Erzieherseite der eine oder andere gut gemeinte Rat, was es auf alle Fälle zu vermeiden gelte. Zum Beispiel dieser: Wer sich unter Politiker mischt, der mischt sich unter die Schweine.

Ich habe bis heute das Gefühl, dass dieser Satz eine gewisse Weisheit birgt. Aber natürlich hat er auch was Gemeines. Letztlich ist es ja so, dass sich ein Schwein nicht wehren kann. Es kann sich nicht verletzt vor uns aufbauen und argumentieren, Moment mal, wir begnügen uns ein Hundeleben lang mit den Abfällen eurer Existenz und wenn wir ins Gras beißen, hinterlassen wir Schinken und Schnitzel und Stelzen. Das hat doch sicher eine Noblesse, mit der sich ein Politiker nicht brüsten kann. Welcher Machtmensch begnügt sich schon ein Leben lang mit Mist, um dann pure Qualität als Lebenswerk zu hinterlassen?

Aber bitte, Teil der menschlichen Natur scheint nun mal zu sein, dass wir jemanden brauchen, auf den wir runterblicken können. Wir stehen auf Status, reich ist erstrebenswerter als arm, oben ist cooler als unten, wenn es anderen schlechter geht, fühlen wir uns irgendwie besser, dann fällt es uns auch leichter, den Rest unserer Tristesse zu ignorieren.

Aber warum ausgerechnet das Schwein? Warum müssen Ferkel, Sau und Eber für jene stereotypische Diffamierung herhalten, die uns diesen widerlichen Feelgood-Faktor beschert? Nun, das hat auch ein wenig mit der effektiven, gutmenschlich motivierten Arbeit zu tun, mit der uns die politisch-korrekte Wissensgesellschaft und die streitbare Riege der Sprachpolizisten in jüngerer Vergangenheit beglücken. Es ist nicht mehr so leicht, anderen Menschen ans Bein zu pinkeln. Die Strukturen der Klassen„ordnung“ wichen dem Ziel einer offenen Gesellschaft, der „Untermensch“ ist offiziell ausgestorben, die Verwendung des anno Sklaverei popularisierten Wortes „Neger“ (siehe auch HIER und HIER) kann heute zu erheblichen psychischen Verdauungsstörungen führen – und es war ja auch Zeit. Mir ist es immer noch peinlich, dass ich in meiner Jugend „Negerbrot“ und „Mohr im Hemd“ naschte, von Gewissensbissen ob des rassistischen Kerns keine Spur, die entsprechende Sensibilität musste mich erst einholen.

Zum Glück kam auch in der Wissenschaft das historische Bewusstsein vor dem geschlechtlich-emanzipatorischen, sonst hätten wir heute „NegerInnenbrot“. Diverse sprachästhetische Malheurs ließen sich dennoch nicht verhindern. Die (nicht sonderlich korrekte) „Schwedenbombe“ hieß bekanntlich in Deutschland einst „Negerkuss“ (Emmanuel Kant & Co sei Dank), die vorübergehende Umtaufe auf „Schokostich“ signalisierte gewisse Härten (zumal das auch ein umgangssprachliches Wort für Analverkehr ist), aber mit dem modernen „Schokokuss“ scheint man bis auf weiteres zufrieden. Und die „besser-ein-Mohr-im-Hemd-als-ein-Nazi-im-Hirn“-Schreier, na ja, das sind halt gutmeinende Spontis, die hin und wieder mal lachen wollen.

Wie dem auch sei: Auf ein Menschenwesen bezogenes Stereotypisieren erfolgt heute auf eigene Gefahr (und möge das so bleiben). Dasselbe sollte auch für die Schablonisierung in Staaten gelten – allerdings hat sich das noch nicht so durchgesprochen. Es gibt Leute, die sagen nun „Nigerianer“, wenn sie „Neger“ meinen. Und in der Europapolitik macht ein Begriff zynische Furore, der – positiv gesehen – immerhin auf die historische Kluft zwischen dem Nord – und dem Südeuropäer hinweist. Leider ist es auch hier wieder das Schwein, dessen Image leidet.

Bekanntlich hat die Währungsunion der Euro-Länder Krise, allgemein ist die wirtschaftliche Situation im Argen, in Südeuropa offenbar ganz besonders. Der Zufall will es, dass die Initialen der (angeblich, bin da kein Experte) besonders betroffenen Länder Portugal, Italien, Griechenland und Spanien das Wort „P.I.G.S“ ergeben, ein Umstand, den insbesondere die „nordischen“ Medien seit Wochen eiskalt benützen, um von oben herab Häme auf die betroffenen Länder zu schütten.

Ich kann nun absolut verstehen, warum sich die Politiker dieser Länder darob „zutiefst angewidert“ (der portugiesische Wirtschaftsminister Manuel Pinho) geben, nicht verstehen kann ich, dass es die PC-Sprachpolizei den „Nordischen“ so leicht macht, sich hinter dem Argument, es handle sich nur um Initialen, zu verschanzen. Im Kern sehe ich in der Häme nur die billige Befriedigung eines kulturhistorischen Neides. Schließlich hatten Römer und Griechen schon lange eine hochentwickelte Zivilisation in Betrieb, als die menschliche Lebensqualität diesseits der Alpen noch auf dem Niveau eines Bären angesiedelt war (soll heißen: Als die Römer bereits Toiletten hatten, gingen wir noch in den Wald scheißen). Der Norden hat von den Errungenschaften des Südens einmal mächtig profitiert – ohne Vindobona kein Wien -, das verdient Respekt, nicht neidische Arroganz.

Natürlich will der Norden nun den Mittelmeerländern (& Portugal) finanziell unter die Arme greifen. Nur passiert dies nicht aufgrund eines historisch angebrachten Respekts, sondern aus Angst, der Wert des Euro könne sonst verfallen. Und in meinen Augen ist das eben ein wenig kleinkariert.

Blieben noch ein paar Worte zu den realen Pigs, den Schweinen. Die sind wieder einmal die „schwarzen Schafe“ in dieser peinlichen Geschichte. Nur darf man das heute nicht mehr sagen. Wie der „schwarze Tag“, so steht auch das „schwarze Schaf“ heute auf der Liste der sprachpolizeilich verbotenen Begriffe.

(Und sollte die internationale Finanzokratie den „Pigs“-Ländern aus der Patsche helfen, dann hat sie deswegen noch lange keine „weiße Weste“. Auch dieser Begriff ist obsolet).

10 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    frater lieber frater!
    eine wunderschöne predigt..soviel gscheites und welch nette idee, dem schweineleben einen schinkenhimmel zu gewähren…da fühlt ein wurzelzeugs..dem jährlichen sterben ein leben lang verpflichtet…wunderbarwohligwarm.

    eine sach möcht ich aber bittschön anmerken.
    dem mozart sei zauberflötn lassma aber schon bittebitte seinen mohren.
    und den mohr im hemd krieg ich auch immer noch im tunnel, wenn ich ihn bestell, so wie die kardinalschnitte bei meiner tant. ist da eigentlich auch politisch unkorrekt?

    jösas, ist das schwierig. einen menschen einen menschen sein lassen und die begriffe die begriffe…ich würd ja dazu blödieren, die kirche im dorf zu lassen. weil, wie meine oma schon gsagt hat: das gegenteil ist meistens der selbe blödsinn..aber die war ja auch gemüse..

    gelts gott
    grünzeugs

  • lusciniola sagt:

    Beeindruckend wie dieser Artikel sich über einen ganzen Bogen von Themen spannt. :) Wollten Sie jetzt das arme Schwein beklagen? Die pc verdammen? Die nordischen Länder tadeln? Sich alles von der Leber schreiben, was Ihnen gerade in den Kopf kam? Unterhaltsam jedenfalls ;).

  • lusciniola sagt:

    Weil es in den Regionen, wo diese Religionen hauptsächlich beheimatet sind, aufgrund der Hitze nicht ratsam war, Schweinefleisch zu essen. Das keimt in irgendeiner Form bzw wird sonst gesundheitsschädlich, wenn es zu heiß wird. Und da die Menschen selten etwas tun, wenn man ihnen mit Vernunft kommt, musste man mit einer höheren Autorität kommen, als gottgewollte Vorschrift. Das halten die Menschen dann ein. So sklavisch, dass sie mitunter nur mehr solche Vorschriften befolgen (das dafür wirklich orthodox) und den Rest außen vor lassen. ;)

    Die meisten Essensvorschriften in den Religionen beruhen auf hygienischen Gründen.

    • und was ist mit italien, spanien und griechenland (gyros vs. kebap) ?

      • lusciniola sagt:

        Wird es dort so heiß wie in Saudi Arabien, wo Mohammed lebte?

        Das Christentum basiert ja auf dem Judentum, die Essensvorschriften für die Judenchristen waren die gleichen wie für die Juden. Und Jesus war selbst Jude. So weit ich weiß, hat Jesus auch keine Essensvorschriften hinterlassen, vermutlich weil es eh schon genügend im Judentum gab und weil die eigentlich irrelevant sind (dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen….), weil es auf die nicht ankommt.

        Als sich das Christentum dann wirklich etabliert hat und man auf den unzähligen Konzilen Dogmen, Glaubenssätze, Wahrheiten und dergleichen festgelegt hat, waren Vorschriften wie der Nichtverzehr von Schweinefleisch in den Breiten nicht mehr relevant.

        • unsinn. malta und zypern liegen nur geringfügig nördlicher als israel.

          • lusciniola sagt:

            Und die Wiege des (heutigen, also sprich im wesentlichen katholischen) Christentums liegt auf Malta oder Zypern? Die Dogmen des christlichen Glaubens wurden in Malta oder Zypern festgelegt? Von Malteken und Zyprioten?

            • na, im konzil von nicaia, nahe bei istanbul. obergescheitling.

              • lusciniola sagt:

                Das war das erste Konzil, da folgten ja noch eine Menge andere, in Nicäa wurden ja nur Teilbereiche entschieden und dort hat man versucht, sich von diversen Strömungen abzugrenzen bzw sich für manche zu entscheiden. Damals gab es noch ganz andere Probleme als Essensvorschriften, da hat man mit viel grundsätzlicheren Fragen gerungen.

                Ich darf Ihr geschätztes Auge auf meine ersten beiden Posts lenken, da steht es eigentlich eh schon drinnen. Aber für Sie fasse ich es gerne nochmals zusammen und führe es genauer aus: im NT – Grundlage des Christentums – finden sich keinerlei Essensvorschriften, weil Jesus Jude war und damit die jüdischen Essensvorschriften vorausgesetzt wurden. Die Evangelien sind die Basis des christlichen Glaubens – wenn dann hätte man zusätzlich noch Vorschriften dazu erfinden müssen oder das AT miteinbeziehen müssen (was die Judenchristen ja getan haben). Dazu bestand aber keine Veranlassung, weil diese Frage im Vergleich zu den Problemen, mit denen das Frühchristentum konfrontiert war, ein Mickeymausproblem war, der jüdisch-christliche Einfluss hat weiters mit der Zeit immer mehr abgenommen. Am Anfang wurde um die Einheit gerungen, um wesentliche Grundsatzfragen, da stellte sich die Frage des „Dazuerfindens“ von Essensvorschriften nicht, die der Religions“gründer“ Jesus gar nicht vorgeschrieben hat (sondern sich im Gegenteil immer eher kritisch geäußert hat, wie man an dem Text mit den Lippenbekenntnissen sieht oder auch seiner Haltung in anderen dogmatischen Fragen wie dem Arbeiten am Sabbat. Jesus sagte ja auch, dass das, was man isst, einen gar nicht unrein machen kann, weil nur das, was in einem bereits drinnen ist, unrein macht. Da ging es zwar ums Händewaschen, aber ist ja genauso auf das Essen „unreiner“ Dinge anzuwenden, eigentlich eine Absage Jesus an das Schweinefleischverbot.). Über Essenvorschriften (wie kein Fleisch am Freitag zb) hat sich die Kirche ja erst viel später Gedanken gemacht. Und in den Breiten hatte das dann weder Relevanz noch Tradition. Und von den jüdischen Traditionen hatte man sich ja damals bewusst abgegrenzt.

                Deshalb gibt es im Christentum keine eigenen Vorschriften. Hätte Jesus in einem der Evangelien sich für ein Schweinefleischverbot ausgesprochen, dann wäre das auch im Christentum verankert. Aus den oben genannten Gründen ist dies aber nicht passiert (sondern eben eher das Gegenteil) und deshalb gibt es keines.

  • was ich mich seit jahren frage: warum dürfen juden und muslim kein schweinefleisch essen, während unser gesamtes ernährungswesen fleischmäßig auf dem schwein aufgebaut ist?

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