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Gladius38. Der Pfeil der Liebe

Von | 14.02.2010, 15:31 | 3 Kommentare

Zum Tag, an dem wir unsere Gefühle für einen intimen Partner deklarieren. Wir huldigen Amor. Der ist und war immer für politischen Sprengstoff gut. Unsereins hat an einem Tag wie heute auch ein wenig den Blues. Was bleibt einem Gottesdiener schon anderes übrig, als morgens in der Kälte in eine verschwiegene Kapelle zu pilgern, vor […]

Amor´s Pfeil by Slinky Dragon

Zum Tag, an dem wir unsere Gefühle für einen intimen Partner deklarieren. Wir huldigen Amor. Der ist und war immer für politischen Sprengstoff gut.

Unsereins hat an einem Tag wie heute auch ein wenig den Blues. Was bleibt einem Gottesdiener schon anderes übrig, als morgens in der Kälte in eine verschwiegene Kapelle zu pilgern, vor der Marienstatue auf die Knie zu fallen und widerstrebend eine Blume vor die Füße der Immaculata zu legen. Kein Kuscheln im partnerschaftlich gewärmten Bett, kein Austausch von süßen Nichtigkeiten; nur eine ungeheizte Klause mit einem Thermometer, aktueller Stand unter null.

Herrgottnochmal.

Aber gut, ich möchte den aktuellen Blues ausnahmsweise nicht dazu missbrauchen, etwaigen Lesern den aufgeliebten Genuss zu vermiesen, ich werde also die Blumen(industrie) – und Valentinskarten(industrie) – und Schmuckindustrie, die heute Bonanza haben, links liegen lassen. Und mir stattdessen jenen Sankt Valentin vornehmen, der für die Freuden des Tages gerade steht.

Ein etwas seltsamer Heiliger ist er ja schon. Tatsächlich gibt es die Valentins wie Sand am Meer, die Katholische Enzyklopädie kommt gleich auf drei Exemplare, die da zu den Iden des Februar memoriert werden, nämlich den Valentin von Terni (der im Jahr 197 unter Caesar Aurelianus sein Martyrium erlitt), jenen von Rom (dessen Schicksal Claudius 269 besiegelte) plus einen Valentin, von dem nur bekannt ist, dass er an einem 14. Februar verstarb. Und diese drei, so scheint mir, verschmolzen im Lauf der Zeit zu einem Musterheiligen – der heute dort steht, wo eigentlich der verschmitzte Bengel Amor mit seinen Pfeilen stehen sollte.

Die Legenda Aurea, ein mittelalterlicher Bestseller, versteht es immerhin, ein persönliches Treffen zwischen Valentin und dem Kaiser Claudius II als Politikum (und Soap-opera) darzustellen. Demnach hatte Claudius ein Gesetz erlassen, das jungen Männern die Heirat verbot – worauf Valentin angeblich junge Leute in geheimen Zeremonien verheiratete (man stelle sich vor: eine düstere Ruine, irgendwo; zwei ungestüm für einander pochende Herzen; subversiver Prediger schwört sie per heiligem Gelübde zum Bund fürs Leben ein – NA?). Beim Treffen soll ihm Claudius angeboten haben, zum heidnischen Glauben überzutreten, während Valentin seinerseits dem Kaiser riet, Christ zu werden (auch nicht ohne: Nobody empfiehlt dem Mächtigen, sich doch wie ein Nobody zu benehmen. Hat einen Hauch von Brando, no, als er noch Motorrad fuhr). Anyway:

Worauf Claudius sich gefrotzelt fühlte und Valentin zu Tode foltern ließ.

Bekanntlich trat das offizielle Rom 50 Jahre später dann doch zum Christentum über (ein Fall von SM-Zeitgeist, wenn Sie mich fragen, aber gut, niemand fragt mich). Nur ist es bei Jupiter so, dass gewisse alte Bräuche schwer auszurotten sind. Zum Beispiel die Lupercalien – ein das Kommen des Frühlings beschwörendes Fruchtbarkeitsfest (Bilder der Wolfsbrut Romulus und Remus, wenn Doktor House „Lupus“ sagt, meint er das anders), gefeiert am 15. Februar, bei dem in Ziegenfelle gehüllte und ansonsten nackte Priester (aus simply ästhetischen Gründen wollen wir hoffen, dass sie keine Greise waren) auch noch im 5. Jahrhundert anständig auf heidnisch Gas gaben. Ein Papst Gelasius I etablierte daher im Jahr 496 den Sankt Valentinstag – als religiöse Kontraindikation sozusagen, so wurde damals geimpft.

Aber zurück zum Politikum, zurück zu Claudius II. Der hatte einen Grund, jungen Männern die Heirat zu verbieten: Er glaubte, dass Ehemänner schlechte Soldaten abgaben, dass für das Weib entflammte Kerle am Schlachtfeld nicht zu gebrauchen sind. Dass das höchste Prinzip – per Ruhm&Ehre zur Unsterblichkeit – in Gefahr stand, durch eine subversive Kraft, die man Liebe nannte, unterwandert zu werden. Ein Misstrauen, für das es bereits einen Präzedenzfall gab.

Die Ereignisse dazu wurden rund um Beginn der modernen Zeitrechnung (Jahr 1 AD = Jahr 753 seit Gründung Roms, Anm.) Geschichte, und in ihrem Kern stand das literarische Schaffen des Publius Ovidius Naso, den viele nur im Lateinunterricht kennen und nie lieben gelernt haben, Aurea prima satast und so weiter. Dabei hatte Ovid einen guten Teil seiner Werke den Lieben (Amores) und der Kunst des Liebens (Ars Amatoria) gewidmet. Zum Beispiel stellte er Gott Amor als dreikäsehohen Bengel dar, dessen Pfeile die Menschlein durcheinander brachten, weil sie in Liebe entflammten – ein Gefühl, das stärker war als alles andere. Weil es auch ein Gefühl war, das Olympische Gottheiten nicht empfinden konnten, wurden Ovid´s Götter erstmals auch auf die Menschen eifersüchtig. Es war beachtlicher Tobak, den der Poet seinen Zeitgenossen da servierte.

In Ars Amatoria (heute wär das ein Dating & Seitensprung-Knigge) erklärte Ovid in seiner Elegie 1 auch, warum er lieber von Liebe schwärmt an Stelle von Schlachten; warum er von purem Sex träumt an Stelle von glorreichen Siegen – und das war dem Cäsar Augustus ein wenig zu viel. Der hatte Angst um die Kampfmoral seiner Soldaten. Also verbannte er Ovid auf die (heute rumänische) Insel Tomis am Schwarzen Meer, wo er denn auch starb.

Natürlich lebt Ovid daher auch hartnäckig weiter. Ich habe wiederholt versucht, in den Reden Jesu´ Ansätze von Ovid zu entdecken, wenn auch nie schlüssig. Evident ist aber, dass die Beatles in ihrer kreativen Phase ordentlich von ihm abkupferten (All You Need Is Love, anybody?). Womit ich auch andeuten will, dass der Allmächtige in der Tat Humor hat. Wenn Jahrhundert-Ereignisse wie die Fab4 (Lennon: „Wir sind populärer als Jesus.“) ausgerechnet in Liverpool zur Blüte gelangen, dann hat das auch mit Humor zu tun. Das ist göttliches Design, so mittelfingerzufällig kann ein Zufall ganz einfach nicht sein.

In meinen Augen ist es auch kein Zufall, dass der Sankt Valentinstag ausgerechnet am Höhepunkt der „Sexuellen Revolution“ – nämlich 1969 –  aus dem Römisch-Katholischen Kalender der Heiligen gestrichen wurde. Ersatzlos.

Die Geister, die der Heilige Valentin da rief, die wollte die Kirche wieder los werden. Aber was ist schon ein greiser Kirchenfürst gegen Amors mächtigen Pfeil?

3 Kommentare »

  • addendum: dieses share it etc von networkedblogs ist auf basis linux fast ein ding der unmöglichkeit.

  • salve, frater.

    …quae vindice nullo sponte sua etc usw usf.

    wohl dem, der einen freund hat, den er nicht zu fragen braucht, sondern der jeden sonntag, wenn auch oft mit ärgniserregender verspätung, lossprudelt wie das weib an jaokbs brunnen.

    und noch dazu beide hetero, hirn, was willst du mehr. für das herz und geografisch südlichere regionen haben wir beide, erotomoannen, die wir nun mal sind, das schöne geschlecht, und da, zumindest in meinen fall, eine, die nicht nur bahnhof versteht (und wenn, weiß sie das hübsch zu kaschieren). und hör endlich auf pia zu sublimieren, solche gibt es mehr als genug ;)

    vale
    ff

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