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Gladius37. Onan, der Barbar

Von | 07.02.2010, 18:23 | 12 Kommentare

Bekanntlich werden 70% des Webverkehrs von Pornovehikeln erzeugt. Aber was hat das mit einer Bibelfigur namens Onan zu tun?

 

Foto: Mr Beaver

Ich will hier nicht darüber spekulieren, ob der Konsum von Porno quasi „automatisch“ zu einem Spiel mit den Genitalien führt (allerdings erscheint mir jedes andere Motiv für Pornokonsum etwas beklopft). Schon gar nicht möchte ich darüber nachdenken, warum ein offenbar so omnipräsenter Zeitvertreib kaum jemals öffentliche Erwähnung findet. Verblüffend aber finde ich, dass als Terminus fürs autoerotische Treiben das Wort „Onanie“ nach wie vor verbreitet ist. Erstens, weil Onan im Alten Testament (Luther-Version) gerade mal in zwei Absätzen erwähnt wird. Zweitens ist es ja so, dass Onan nicht „onanierte“ (wie es häufig genannt wird, wenn man eigentlich nur „den Pharisäer peitscht“ oder „das Kamel zügelt“ oder „den Esel entstaubt“ – das Handwerk hat viele Namen, die gedanklich ins Heilige Land führen).

Onan etablierte sich als zweiter Sohn des Juda in der Genesis (38.4.). Der erste Sohn – Er – war mit der schönen Thamar verheiratet, starb aber kinderlos. Worauf Juda den Onan bat, die Thamar in die „Schwagerehe“ zu nehmen, damit er dem verstorbenen Bruder Nachkommen schaffe (38.8). Worauf sich im nächsten Absatz das ereignete, was den Onan unsterblich machte, wenn auch aus den falschen Gründen:

„38.9. Aber da Onan wusste, dass die Kinder nicht sein eigen sein sollten, ließ er´s auf die Erde fallen und verderben, wenn er einging zu seines Bruders Frau, auf dass er seinem Bruder nicht Nachkommen schaffe.“

Und das war´s auch schon, denn im nächsten Absatz stirbt Onan, sang – und klanglos. In der theologischen Debatte lebte er allerdings weiter. Was damit zu tun hat, dass man in der Bibel eben nicht grundlos „vor seiner Zeit“ stirbt. Laut Chronist Moses war Onan´s Tod eine Strafe des Allmächtigen. Der mögliche Grund für den Zorn Gottes beschäftigt die geistliche Zunft bis heute.

Dass Onan mit der Thamar koitierte, wird allgemein akzeptiert. Das Fatale für ihn war, dass er dabei auch den „Interruptus“ pflegte. Und so wurde diese „Onanie“ zum Präzedenzfall für einen signifikanten Ansatz in Sachen „Gottgefälligkeit“ – nämlich dass Sex aus einem anderen Grund als dem der Fortpflanzung wider die Natur ist. Also wider Gott.

Anno Onan war es aus praktischen Gründen wider die Natur, weil dadurch der Fortbestand des Stammes Juda bedroht war. Daher etablierte Juda auch als erster das Prinzip der Schwagerehe. Wenn der erste Sohn nicht „hielt“, musste eben der nächste ran. (In der Nachbetrachtung „erkannten“ die Schriftgelehrten übrigens, dass auch der ältere Bruder – Er – mit Thamar nur auf „Interruptus“ unterwegs und insofern also „böse vor dem Herrn“ war. Bei den Rabbinern heißt es, Er wollte nicht, dass ihre Schönheit unter einer Schwangerschaft leide).

Dass sich der Stamm Juda dennoch vermehrte, hat bekanntlich damit zu tun, dass Juda selbst die Thamar später schwängerte, wenn auch in Unkenntnis ihrer Identität (er hielt sie für eine Hure. 38.16). Womit Moses unter anderem manifestierte, dass der ganze Stamm Juda bei sexuellen Dingen nicht sonderlich „gottgefällig“ agierte.  Sie machten ihren Samen überflüssig. Sie verstreuten ihn, wie das die Barbaren machten. Sie setzten ihn nicht zum Zwecke der Fortpflanzung ein, sie waren nicht zivil. (Als einer, der in Ägypten aufwuchs, war Moses übrigens mit der Gepflogenheit des Pharao vertraut, alljährlich in den Nil zu masturbieren, damit der Fluss anschwelle und die Erde fruchtbar mache. Das war im Kern zivil und jedenfalls würdevoller als Onan´s Interruptus. In Rock´n´Roll-Speak war es auch ein gigantischer Gig, den Mann erst mal auf der Reihe haben muss, wenn einem tausende Leute zusehen. Hut ab.)

Dass nun die Katholische Kirche bis heute jede Art von außerehelicher sexueller Betätigung so lustfeindlich bedient, hat mit dem krampfhaften Bemühen zu tun, den Geist von der fleischlichen „Last“ zu befreien, um ihn zu einem Höhenflug zu ermächtigen und dadurch die Suche nach dem Ort, wo Gott wohnt, zu erleichtern. Anstelle dem Fleisch wird dem Heiligen Geist gehuldigt. So wird Selbstbefriedigung im Katechismus zum Verstoß gegen die für den Höhenflug notwendige Keuschheit. Das Bedauerliche dabei: Weil eine Erektion symbolisch für Fleischlichkeit stand, war keusch (koscher) alles, was nicht zur Erektion führte. Meine Frage dazu wäre: Kann man wirklich und wahrhaftig huldigen, wenn man sich die körperlich/sinnliche Betörung abschminkt? Muss Betörung unkeusch sein?

Natürlich wissen wir heute aus Psychologie und Soziologie, dass Masturbation ein „normales“ Phänomen der sexuellen Entwicklung des Menschen ist. Genau das räumte Papst Johannes Paul II in seinem Buch Theologie des Körpers Mitte der 80er Jahre auch ein – um die Masturbation dann dennoch als „widernatürlich“ zu verdammen, weil sie nicht „im Kontext von wahrer (monogamer, Anm.) Liebe“ passiert. Deswegen gilt bis heute jede sexuelle Betätigung zu anderen Zwecken als jenem der Fortpflanzung als „widernatürlich“. Und das ist die theoretische Crux, die ich mit unseren geistlichen Denkern habe: Masturbation verrät mir vieles über MEINE Natur. Sie kann mir helfen, „mich“ zu orten, mit „mir“ zu arbeiten. Wie kann das „widernatürlich“ sein?

Womit ich bei der Frage lande, die den geneigten Leser jetzt möglicher Weise beschäftigt: Sind dem Zölibat verpflichtete Männer nicht notgedrungen auch begnadete Masturbanten vor dem Herrn? Allerdings ziehe ich vor, mich vor der Antwort zu drücken. Weil das eine Frage ist, bei der du nicht gewinnen kannst. Sage ich „ja“, dann bin ich ein Sünder. Sage ich „nein“, bin ich ein Lügner. Also auch ein Sünder. Deswegen sage ich nur: Führe mich nicht in Versuchung. Und amen.

Foto: Mr Beaver, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

12 Kommentare »

  • majella sagt:

    ja jedem das seine;-) der eine hat es gerne selbst in der hand, der andere begibt sich erwartungsvoll in andere, der dritte verkneift es sich der vierte erhofft es sich und der fünfte erspart es sich….
    die kirche ist menschlich, bei gott nicht göttlich. ich glaube ER haut sich jedes mal ab, wie diletantisch wir mit sexualität umgehen…. und beim begriff liebe ist er sicherlich sehr überrascht wie viele interpretationen wir dafür haben, diese nicht zu leben ….

    • Frater Gladius sagt:

      Majella, dass IHN in Sachen Mensch etwas überraschen kann, will ich mir lieber nicht vorstellen. Damit spräche man den Chaostheoretikern das Wort und einen Zufall gibt es im göttlichen Plan nun mal nicht. Daher muss ich auch bezweifeln, dass er sich über unseren sexuellen „Dilettantismus“ in irgendeiner Form „abhaute“. Der religiösen Ideologie nach sind wir seine Kreaturen, und bei der Ko-ordination zwischen Fleisch und Geist haben sich da offenbar „technische Gebrechen“ ereignet, die zwar wohl ein ORF als „nicht in unserem Bereich“ outen kann. Nur kann sich das ER nicht erlauben. Alles ist in seinem Bereich. Und sich über die Gebrechen in seinem Werk nun „abzuhauen“ (so auf „lol, ich glaub ich werde alt“), das röche doch sehr nach Galgenhumor. Aber vielleicht ist es ja doch eher so, dass nicht Gott den Mensch als sein Ebenbild auf Erden schuf, sondern der Mensch einen Gott als sein Ebenbild im Himmel brauchte. Ihr FG

  • Johannes sagt:

    Religion und die dazugehörigen Institutionen (genannt „Kirche“) sind beides Instrumente der Vergangenheit. Das eine wegen Fortschritt der Zivilisation – wir brauchen keine Antworten mehr mit der Qualität von „der Herrgott hats geschaffen“ weil wir entweder a) wissen wohers kommt oder b) sagen „Wir wissen es noch nicht“ und daran arbeiten – und das andere wegen Entwicklung fortgeschrittener Strukturen anstatt patriarchalischer, innovationsfeindlicher, dogmatischer Kommunen.
    Das Verhältnis von Kirche zu Sexualität und allen damit verknüpften gesellschaftlichen Themen führt sich an Hand der Äußerungen von Repräsentanten der entsprechenden Gruppierungen von selbst ad absurdum.

    • Frater Gladius sagt:

      Johannes, danke für die Zuwendung. Ein paar Anmerkungen dazu:
      „Instrumente der Vergangenheit“ – sind eine relative Sache. Die christlichen Fundis sind gerade mal 2000 Jahre unterwegs, die Muslims noch viel jünger. 2000 Jahre, was ist das? Das ist etwa vierzig mal meine Lebenszeit, und diese verging wie ein Schnippen zweier Finger. Das ist nichts. Und vierzig mal Fingerschnippen ist nicht viel mehr.
      Ich kann daher Ihrem Schluss „a) wir wissen wohers kommt“ wenig abgewinnen. Wir wissen vor allem eines: Je mehr wir wissen, umso weniger kennen wir uns aus. Beim Ansatz „b) wir wissen es noch nicht und arbeiten daran“ fühle ich mich dagegen heimisch. Aber was ist schon Wissen? Ein Blick in die Computerdaten verrät mir, dass es da hunderte Lösungen gibt. Dumm ist nur, dass mir noch keine Probleme für diese Lösungen eingefallen sind. Ihr FG

  • lusciniola sagt:

    Die Kirche ist deshalb so lustfeindlich, weil sie selbst nicht dürfen und es daher allen anderen verleiden müssen. Kurz zusammengefasst. Natürlich hängt das auch sehr viel damit zusammen, dass sie dadurch mehr Macht über die Menschen halten kann. Denn entspannte, erfüllte Leut, die gut drauf sind, lassen sich nicht getrieben von schlechtem Gewissen unterjochen und auf eine glückliche Jenseitigkeit hinhoffen. Die leben schon glücklich im Diesseits und das ist klarerweise schlimm, wenn man den Menschen keine Karotte vor die Nase halten kann, damit sie sich durch braves Verhalten endlich das glückliche Leben im Jenseits erarbeiten.

    Und die Menschen könnten auch draufkommen, dass Sex bei dem Höhenflug nicht hinderlich ist, sondern nur allzu förderlich, und dass man Gott eher findet, wenn man dem Geist und dem Körper huldigt, und da keine Trennug sieht. Aber upps, da könnte man draufkommen, dass man auf diesen Höhenflügen die Kirche gar nicht mehr braucht, sondern Gott einem selbst einsichtig wird.;)

    • Frater Gladius sagt:

      „Die Kirche ist deshalb so lustfeindlich, weil sie selbst nicht dürfen und es daher allen anderen verleiden müssen.“ – Damit sprechen Sie natürlich viel von dem an, was tatsächlich im (Unter)bewusstsein der Kirchendiener verankert ist. Aber vergessen Sie doch bitte nicht, dass es auch viele Kirchendiener (vor allem in unteren Rängen) gibt, denen es einfach nur darum geht, vor dem Ableben auf eine befriedigende Antwort für „das Sein“ zu geraten.

      „entspannte, erfüllte Leut leben schon glücklich im Diesseits und das ist schlimm, wenn man den Menschen keine Karotte vor die Nase halten kann, damit sie sich durch braves Verhalten das glückliche Leben im Jenseits erarbeiten.“ – Das lediglich entspannte glückliche Diesseits wäre halt für mich nicht genug. Aber gut, es gibt auch den urbanen Mythos vom Dialog eines Priesters mit einem Todgeweihten: „Erinnerst du dich noch daran, als ich dir im Falle deiner lebenslangen gottesfürchtigen Bravheit eine ewige Seeligkeit auf Wolke Sieben versprach?“ – „Ja, wieso?“ – „Ich habe gelogen.“ Ihr FG

      • lusciniola sagt:

        „Das lediglich entspannte glückliche Diesseits wäre halt für mich nicht genug.“ Hm. Lieber frater, das macht mich nachdenklich. Ich halte es für ein großes Geschenk, wenn jemand es schafft im Diesseits, im Heute und Jetzt zu leben. Die wenigsten Menschen können das nämlich. Die leben immer im Morgen, oder im Gestern. Gott ist nicht morgen, Gott ist jetzt. Das Leben ist nicht morgen, das Leben ist jetzt. Das Leben ist im Diesseits und nicht im Jenseits.

        Viele Probleme entstehen dadurch, daß man mit dem Körper hier ist, am 14. 2. 2010, aber mit den Gedanken bereits im morgen, im übermorgen, in der Zukunft ist. Die meisten von uns haben verlernt zu leben. Ich hab mal etwas von einem Jesuiten gelesen: Kehre heim zu dir selbst. In die Gegenwart. Von da an wirst du leben.

        Man sollte nur bei seinem leben ein paar Gebote beachten. Und dann löst sich das mit dem Jenseits ziemlich wahrscheinlich von selbst.;-)

        „Aber vergessen Sie doch bitte nicht, dass es auch viele Kirchendiener (vor allem in unteren Rängen) gibt, denen es einfach nur darum geht, vor dem Ableben auf eine befriedigende Antwort für „das Sein“ zu geraten.“

        Das sollen s/Sie auch! Aber gerade diese Zeitgenossen wollen den anderen zumeist nicht die irdischen Freuden vermiesen, oder? :-)

  • karotterl sagt:

    kwon, lieber frater..bemerkenswert.
    die mittel zur machtergreifung und erhaltung waren und sind
    vielfältig einfältig
    und bleiben doch nichts als machtdemonstrationen.
    und macht über sich
    oder selbstbeherrschung

    und es liegt doch im auge des betrachters, womit der freund sich vergnügt oder bestraft….auf ein schönes befreites leben mit oder ohne oder mit ohne….
    hmmmmmmmmmmmmmmmmm

    • Frater Gladius sagt:

      Liebes Karotterl,
      Sie müssen mir schon glauben, dass ich bei der Suche nach einem Verständnis des Kürzels „Kwon“ auf eine ganze Menge Abwege geraten bin. Nur landete ich dann immer bei irgendwelchen koreanischen Karatekämpfern. Und das kann es doch wohl nicht gewesen sein, oder? Ihr FG

      • karotterl sagt:

        kwonnen mein lieber bruder schwert…
        erschüttert?
        ja, die vorstellungen der erwartungen oder die erwartungen der vorstellungen…sie haben ja keine ahnung, wie einem wurzelzeugs, oftmals gefressen und wiedergewachsen auf verschiedensten dunghaufen..das umschmeissen von ebendiesen freude macht.
        vorstellungen
        und
        erwartungen
        ergebenst

  • Ivy sagt:

    Sofern man davon ausgeht, dass Geistliche nicht asexuell sind, so muss man auch davon abgehen, dass sie a) entweder masturbieren und oder b) Sex haben (nur machen sie es halt im Geheimen). Mich würde beides nicht wundern und ich wär auch über keines der beiden entsetzt.

    Der Mensch kann eben nicht aus seiner Haut.

    • Frater Gladius sagt:

      Liebe Ivy,
      in meinen Augen sind Sie ein weiser Mensch.
      Dazu eine Anekdote: In meiner Volksschulzeit war der Religionslehrer auch der Pfarrer der Gemeinde. Es kam daher auch für den Schüler zu so mancher Beichte beim Pfarrer, die ihm der Pfarrer im Umweg über den „Religionslehrer“ anlässlich der Religionsstunde „heimzahlte“. Der einschlägige Stress des Schülers („Faustwatsche jetzt“ oder „in der Hölle braten für immer“) ist hoffentlich heute nicht nachvollziehbar.
      Dass ebendieser Pfarrer in einem „Verlies“ endete, weil er zwecks „Schweigegeld“ für seine „Köchin“ den Opferstock plünderte, macht mich heute nicht bitter, sondern eben nachdenklich. Ihr FG

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