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Bitte lasst mich (eine Frau) sein

Von | 03.02.2010, 23:29 | 18 Kommentare

Es ist heutzutage nicht leicht, eine Frau zu sein. Irgendwer könnte immer irgendwas falsch verstehen. Ein Nachtrag zum Feminismus.

 

Ana Tajder by Gianmaria Gava

Ich bin es leid, immer Ausreden zu finden!

Wenn ich dünn bin, „muss ich aufpassen, damit ich nicht anorexisch werde.“ Wenn ich zunehme, werde ich gewarnt, dass „die Familie meines Vaters zu Übergewicht tendiert“, also sollte ich achtgeben.

Ich arbeitete als Manager im Telekommunikationsbusiness und mein Boyfriend war zornig, weil ich mich „zu sehr auf die Karriere konzentriere.“

Ich gehe in Turnschuhen auf die Uni und werde beraten, doch aufzupassen, „sonst werde ich noch zu einer der Intellektuellen, die kein Make-up tragen und nur in schwarzen Kleidern herum laufen.“

Dann höre ich Alice Schwarzer sagen, „du kannst nicht für Frauenrechte kämpfen und ein Weibchen sein.“ Wenn ich in mein geliebtes Kleid schlüpfe, hab ich daher auch Angst, „zu sehr wie eine Puppe auszusehen.“

Wenn ich The Economist und Die Zeit und Der Spiegel lese, halten sie mich für langweilig. Dann wieder fühle ich mich schuldig, wenn ich mir gelegentlich Gala oder Vogue zulege.

Ich muss nachdenken, wenn es darum geht, mit wie vielen Männern ich Sex hatte. Ob die Anzahl „okay“ ist oder nicht. Wen kümmert’s?

Ich gehe mit einem jungen Mann aus und es heißt „er ist zu jung“. Wenn er muskulös ist, ist er „primitiv“. Ein Geschäftsmann hat mit mir „nicht sehr viel gemeinsam“. Ist er ein Künstler, kann er „mir keine Sicherheit geben“. Und dann fragen mich dieselben Leute, warum ich allein bin!

Wenn ich Make-up trage, wollen sie wissen, was ich verstecke. Bin ich ohne unterwegs, fürchten sie, ich pflege mich zu wenig.

Wenn ich meine Intelligenz zeige, höre ich, dass „Männer keine klugen Frauen mögen“. Wenn ich das Shopping mit den Mädels genieße, dann sagen sie, ich „benehme mich wie ein Bimbo“.

Wenn ich mich großartig fühle, „verschrecke ich die Männer“. Fühl’ ich mich scheiße, dann „lieben Männer glückliche Frauen“.

Wenn ich sage, ich trainiere Schwert-Tai-Chi, dann sagen sie „du bist die Art Frau, die einen Mann töten kann.“ Wenn ich verrate, dass ich auch Ballett tanze, fragen sie mich gleich nach einem Spagat. Also bitte!

Wenn ich sage, ich möchte den richtigen Mann finden und ihn heiraten und Kinder kriegen, dann werfen sie mir „Klischees“ vor. Weil ich den richtigen Mann weder gefunden, noch geheiratet, noch Kinder gekriegt habe, möchten sie auch wissen, was mit mir „nicht stimmt“.

Wenn ich sage, ich gehe nicht mehr gern in Clubs, heißt es gleich „Oh, du wirst alt“. Als ich Stirnfransen hatte, warf man mir vor, „zu jung“ auszusehen.

Sie sagen, meine Brüste sind zu klein, dann machen sie die Schönheitschirurgie runter. Sie zeigen mir Porno mit all diesen Ballons und verstehen nicht, warum es mir mies geht, weil ich keine habe.

Wenn ich Bezahlung anbiete, fühle ich mich wie eine Feministin, wenn nicht, wie eine Hure.

Ich wurde gefragt, „warum zum Teufel willst du einen Doktortitel“? Warum nicht – meine beiden Opas hatten auch einen.

Ich sehe immer nur Bilder von Frauen mit perfekten Körpern, und dann sagen sie „aber wir mögen Frauen, die sich in ihrer Haut wohl fühlen.“

Wenn ich mich über Politik begeistere, sehen sie mich überrascht an. Das tun sie auch, wenn ich über Brangelinas kommende Scheidung diskutiere.

Und jetzt muss mir wohl auch wegen des hier Geschriebenen unbehaglich werden. Irgendwer könnte irgendwas falsch verstehen. Tut mir so leid.

Dieser Text erschien auch auf Englisch und auf Anas Blog tajder.com.

Zu ihrem aktuellen Buch gelangen Sie via Klick auf das Bild links.

Und hier noch der Link zu Anas schönem Essay Meine gleichere Kindheit in Titoland – über das Heranwachsen in Titos Jugoslawien.

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18 Kommentare »

  • Angi sagt:

    Leider ist es genauso. Kann das sehr nachempfinden. Als ich Idealgewicht hatte, wurde mir gesagt: Du hast ein Bäuchlein und ein bisschen Hüftspeck. Das ist nicht schön. Jetzt mit 10 kg weniger wird mir Magersucht angedichtet.
    Kleide ich mich jugendlich, dann heißt es: Du bist zu alt für dieses Outfit.
    Trage ich einen Rock, muss ich aufpassen, dass er nicht zu kurz ist.
    Lidschatten macht mich billig. Make-Up bitte nur dezent. Trage ich es dezent auf, werde ich gefragt, wieso ich so krank aussehe.Bin ich mutig, wir gemeckert, ich sei zu männlich. Bin ich ängstlich, werde ich in die Ecke einer Hysterika einsortiert.
    Bin ich liebevoll, dann bin ich zu besitzgreifend und mütterlich. Bin ich es nicht, dann heißt es: Sei doch mal ein bisschen weiblicher.
    Als Frau kann man es niemandem Recht machen. Und seitdem ich das erkannt habe, versuche ich es erst gar nicht mehr. Diese Einsicht hat mich authentisch werden lassen. Ich bin wie ich bin und das Geschwätz der Menschen kümmert mich nicht mehr. Wenn ich eines Tages sterben muss, so weiß ich, ich habe mein Leben geführt und nicht das der anderen. Dieser Gedanke macht mich glücklich, denn es ist der Grundgedanke der Freiheit überhaupt.

  • elke-ziegele sagt:

    Sehr guter Text. Das Hier und Jetzt, die bedauernswerte Entwicklung einer Mär die sehr in Frage zu stellen ist.

    http://minusfrau.wordpress.com/

  • dao8 sagt:

    toller und mutiger text und schade dass du so wenig selbstvertrauen hast…lg

  • Ganz schoen formuliert – super.

  • tilden sagt:

    die probleme haben NIX damit zu tun dass du eine frau bist..

  • lusciniola sagt:

    Diesen Ärgernissen kann man aus dem Weg gehen, wenn man aufhört den Meinungen, Ansichten und Bewunderungen anderer Menschen allzu viel Bedeutung beizumessen. Egal ob man Mann oder Frau ist.

  • Stefan sagt:

    also ich als mann kann dir die worde von saxo lady wiederholen

    sch… drauf

    glaubst du männer werden nicht mit ähnlichen dingen konfrontiert, der unterschied ist anscheinend es ist uns egal (oder wir tun so als wäre es uns egal)

  • truetigger sagt:

    Schön zu lesen, dass man als Mann mit seinen Selbstzweifeln im Leben nicht allein ist :)

    Lass Dich nicht so sehr davon ablenken, was andere über Dich denken. Beispiel Familie: Frauen können sehr gute Mütter sein, auch wenn sie nicht das Klischee der Hausfrau-am-Herd-und-nur-mit-Vorstadtnachbarinnen-tratschend erfüllen. Mit dem richtigen Mann an der Seite kann auch ein Fernsehabend auf der Couch angenehm sein – und dass Intelligenz und Interesse an Boulevard-Themen sich nicht ausschliessen zeigen doch die Erfolge von Fernseh-Formaten wie High Society…

    Auseinandersetzungen mit all den Menschen, die Du im Lauf der Zeit triffst, machen ja das Leben an sich erst spannend. Mal erlebt man gute Momente, mal herbe Enttäuschungen, dann wieder unerwartete Hilfsbereitschaft.

    In Deiner Aufzählung hast Du eine Menge zusammengetragen, was sicher nervt. Aber es gibt ja (hoffentlich) auch andere Momente: Knisternde Spannung in leidenschaftlichen Momenten, in denen Pornovergleiche sowas von uninteressant sind. Anerkennende Blicke der Arbeitskollegen, wenn man gerade ein vertracktes Projekt aus dem Dreck gezogen hat. Flirtversuche im Uni-Café, auch wenn man gerade ungeschminkt und mit Turnschuhen unterwegs ist. Fachliche Kritik von der Betreuerin der Doktorarbeit, die inhaltliche und nicht persönlich gefärbte Auseinandersetzung mit Deiner Arbeit erkennen lässt. Und vielleicht auch Gleichbehandlung bei einer ungenehmigten Demo, wenn die Polizei einen genau wie die Menschen neben einem ganz vorurteilsfrei mit dem Schlagstock bearbeitet.

    Und was die Anzahl der Sexpartner angeht: heutzutage sollte Mann doch froh sein, wenn Frauen wissen, was sie gern haben, selbst neue Ideen einbringen – und vor allem eine realistische Erwartungshaltung haben. Denn wenn ich mir vorstell, meine Freundin würd mich mit einem Traumprinzen aus einem Sehnsuchtsroman vergleichen, au weia!

    Vielleicht versteh ich als Mann auch die Feminismus-Debatte nicht ganz, da ICH mich ja mit ihr im Alltag nicht herumschlagen muss. Doch ich find es immer schade, wenn man durch derlei unnötige Ballast-Gedanken davon abgehalten wird, den eigenen Weg durchs Leben zu finden. Konzentrier Dich lieber auf die Menschen, die Dich mögen, Dir Rückhalt geben und Dir mit Achtung und Anerkennung begegnen als auf diejenigen, die nur an Dir herummeckern, um sich selbst besser fühlen zu können.

    • Ana Tajder sagt:

      Und da sind wir wieder – ich muss mich rechtfertigen….
      Also: Ich habe den Text nicht geschrieben um zu jammern (mir geht es wirklich blendend, danke. Und ich glaube meinen Mitfrauen auch), sondern zu illustrieren, womit wir Frauen heute kämpfen. Aber danke für die schöne Worte!
      P.S. Solang ich bei einem Bewerbungsgeschpräch gefragt werde, ob und wann ich plane, schwanger zu werden, sind wir von der Gleichberechtigung noch weit entfernt. Schön, dass uns Polizisten gleich verprügeln, wie die männliche Demonstranten….

      • truetigger sagt:

        Rechtfertigungsdruck? Jammer-Vorwurf? Was liest Du in meinen Zeilen? Sorry, dass es so ankam, ich hatte gar nicht daran gedacht. Du schriebst, was Dich nervt, hast uns Lesern erlaubt die Welt mal aus Deinem Blickwinkel zu sehen, was neue Perspektiven eröffnet. Genau das macht ja die Autoren hier aus, dass sie einen in Welten entführen, die man selbst nicht kennt.

        Als unheilbarer Optimist wollt ich Dich nur ein wenig bestärken, Deinen Weg trotz Gegenwind weiterzugehen und bei all dem gerechtfertigten Unmut über das noch nicht Erreichte auch mal einen Blick zurück zu wagen.

      • joudl sagt:

        Ich verstehe ehrlich gesagt, warum ich diese frage als unternehmer nicht stellen darf, wenn du schwanger werden willst.

        Wenn ich dich einstelle und du ein halbes jahr später schwanger bist hab ich ein problem, das ist nun mal so.

        natürlich könnt hier der staat eingreifen und den unternehmer unterstützen…

        • AS sagt:

          Lieber Unternehmer Joudl, fragst Du das die männlichen Bewerber auch?

          Merkst Du etwas? Frauen werden nämlich nie von allein schwanger.

          Und an die anderen, dies ist doch klar, dass das ein rhetorischer Text ist, sprich die Autorin braucht keine persönlichen Hinweise wie sie ihr leben leichter gestalten kann. Hier geht es nicht um das persönliche Leben der Autorin, hier geht es um Frauenfragen im allgemeinen. Danke

  • saxo lady sagt:

    woooonderful..
    zum glück kann man als laadyyy da herzhaft drauf sch……..
    dann kommt zwar einer und sagt: sag seeehnst du dich nicht danach, ein echtes weibchen zu sein…ich an ne richtig starke schulter anzulehnen??

    aber solange meine beiden söhne mammi sagen…;)

  • Ivy sagt:

    Besser hätte ich es nicht formulieren können.

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