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Premier League Intim. Am Nabel des Kapitäns

Von | 03.02.2010, 17:23 | 4 Kommentare

Fußball heißt in England auch The Beautiful Game. Das ist aber nicht der Grund, warum der Inselkick neuerdings nabelhoch daher kommt. Es ist alles very John Terry. Vorspiel. Vergangenen Freitag endete eine gerichtliche Verfügung, mit der Englands Teamkapitän John Terry (29) die Veröffentlichung einer ominösen Story bislang erfolgreich verhindert hatte. Vermisst hatte die Story niemand. […]

(Noch)Englandkapitän John Terry by Paulbence

(Noch)Englandkapitän John Terry by Paulbence

Fußball heißt in England auch The Beautiful Game. Das ist aber nicht der Grund, warum der Inselkick neuerdings nabelhoch daher kommt. Es ist alles very John Terry.

Vorspiel. Vergangenen Freitag endete eine gerichtliche Verfügung, mit der Englands Teamkapitän John Terry (29) die Veröffentlichung einer ominösen Story bislang erfolgreich verhindert hatte. Vermisst hatte die Story niemand. Dennoch kroch nun der Name des Chelseakickers gemeinsam mit dem eines französischen Models – Vanessa Perroncel (33) – in alle Kanäle des Nachrichtenwesens, sogar bei BBC(no-sex-please)news machten  sie sich breit. Die etwas anders als „normalen“ Umstände: Perroncel galt eigentlich als die Partnerin des Fußballers Wayne Bridge, der galt eigentlich als Busenfreund von Terry und ist außerdem sein Kollege im Nationalteam. Terry wiederum ist Träger der prestigereichen Kapitänsschleife der englischen Nationalmannschaft und somit ein klein wenig mehr als nur ein stinkreicher Fußballer. Er ist auch das offizielle Aushängeschild des Englischen Fußballs. Ein Botschafter. Ein Mann von nationaler Wichtigkeit. Wenige Dinge sind auf der Insel wichtiger als Fußball.

Außerdem ist John Terry ein Naturprolet und mordstehender Eisenfuß, den nur leider ausgerechnet in den elementaren seiner Momente gelegentlich die Schwäche übermannt und er sodann etwa einen – Triumph bringenden – Elfmeter lachmuskelreizerregend verschießt (Champions League 08) oder auch dem Drang, der Freundin eines Freundes seine Briefmarkensammlung zeigen zu müssen, nicht mehr widerstehen kann. Terry ist seit 2007 verheiratet und erfreut sich ob seiner bodenständigen Hingabe an den Geruch des Geldes bei Kollegen widerstrebender Anerkennung. (Anerkennung, weil er mit „£160 000.- die Woche weit mehr verdient als alle anderen; widerstrebend, weil ihnen Capt´n Terry auch ungefragt Grundstücksmakler an den Hals hetzt, die ihm dafür wiederum dicke Kuverts aufdrängen, deren Inhalt nicht stinkt).

Aber genug der banalen Hintergründe. Wen´s interessiert – hier ein Videoclip zur Affäre. Zurück zum Fußball. Zum gestrigen Nachtragsspiel von John Terry´s Chelsea bei Abstiegskandidat Hull. Nicht unbedingt die Mutter aller Spiele. Aber wichtig. Im TV lief es nicht, auf Guardian online wurde es immerhin live gebloggt. Nur wurde der Fußball auch dort seltsam stiefmütterlich behandelt. Es ging nicht um die Frage, ob Chelsea – trotz Terry – die Tabellenführung mit einem professionell erspielten Sieg untermauern wird. Auch dort wurde – trotz Chelsea-Match – nur John Terry entblättert. Bin es nur ich, oder sind Sportreportagen in Zeiten von Web 2.0 nicht mehr das, was sie mal waren? Okay, ich weiß, was Sie jetzt sagen wollen („Scheißt der Bär nicht mehr in den Wald?“). Aber wenn Sie mich fragen: Schuld sind die Trolle.

Das Spiel begann normal genug, nämlich um 7.45pm, mit einem Anstoß von Hull. Wenige Minuten später regierte Innuendo. Zuerst vom MC: „7.53pm Bislang nicht viel zu berichten. John Terry hat weder einen erotischen Salsa getanzt noch irgendeiner geheimnisvollen Lady eine rote Rose zugeworfen. Ich muss sagen, ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Ex-Girlfriends sind doch Wasser unter der Brücke.“ (Merke: Brücke = Bridge. Wayne Bridge, geddit?)

Dann wurde es interaktiv hektisch. Der MC konnte kaum noch anmerken, dass (Hull-Tormann, Anm.) Myhill  „einen tückischen Schuss von Lampard“ parierte, als der erste Troll bereits Richtung Stammtisch wies (zugegeben dorthin, wo gemeinhin die „wahren“ Fragen ihre Heimat haben):

„Damit Terry´s Chelsea-Kollegen ruhiger atmen können: Vielleicht solltet Ihr neben der Team-Aufstellung auch anmerken, welche Gattinnen und Girlfriends heute im Stadion sind. Von jeder Nicht-Anwesenden muss angenommen werden, dass sie am Parkplatz in Terry´s Auto sitzt.“ – Das brachte den MC nicht wenig auf. „Warum ist es wichtig, dass sie mal mit einem Kollegen zusammen war? Ist sie dessen Besitz? Hat der den einzigen Schlüssel zu ihrem Keuschheitsgürtel?“, meinte er. Auch die Troll-Erläuterung – „Ich denke, die Aufregung kommt daher, dass Bridge ein Baby mit der fraglichen Dame hat“ – besänftigte ihn nicht wesentlich: „Was hat das Baby damit zu tun? Das gibt ihm doch keine erweiterten Besitzrechte. Wir leben im 21. Jahrhundert!“

Zur Erinnerung: Wir sind hier bei Hull gegen Chelsea. Zum Glück ist es manchmal so, dass die Essenz von neunzig Minuten binnen weniger Atemzüge passsiert. Zum Beispiel hier: „8.16pm HULL GEHT IN FÜHRUNG!! Die Chelsea-Abwehr ist unkonzentriert, Mouyokolo köpfelt zum 1-0 ein. 8.28pm CHELSEA GLEICHT AUS, nämlich durch Didier Drogba per Freistoß. 1-1 in Hull.“

Im Normalfall vergehen dann etliche Minuten, die der Analyse der Ereignisse gewidmet werden. Das ist online nicht anders, wenn auch in diesem Fall die Reflexion „War Terry schuld am Hull-Tor? Hatte er eine Erektion? Kannst Du bestätigen, dass er eine Erektion hatte?“ ein wenig weit her geholt erschien und „die Ex von Bridge würde ich auch gern bügeln“ eigentlich das Thema verfehlte. Aber bitte, Hull begann die zweite Halbzeit rasant und der nächste Troll in der Schleife hatte wahrscheinlich recht: „Streunende Celebrities sollten die Enthüllung ihres Tuns akzeptieren. Deswegen ist Terry im Unrecht: Einer, der austeilt wie ein Mann, sollte auch einstecken wie ein Mann.“

Andere, wenn auch wenige, traten für John Terrys Rechte ein: „Geht ihr mit eurem Pochen auf journalistische Freiheit nicht zu weit? Seit die Presse involviert ist, kann ihn nun jeder Passant auf der Straße einen Wichser nennen, egal, ob sie die Hintergründe kennen oder nicht. Ich sage, er soll die Kapitänsschleife behalten.“ Aber im Großen und Ganzen  blieb das Spielgeschehen davon unbeeinflußt. Ereignisse wie „Ivanovic schießt aus 30 Metern, Goalie Myhill pariert“ blieben rar. 9.25pm wurde „in Hull noch immer gespielt. Beide Teams hatten Chancen.“ Die Frage blieb dennoch: „ Kann der tapfere und umwerfend amouröse John Terry die Kastanien für sein Team aus dem Feuer holen?“ – Und die Antwort war „nein“ . Hull gegen Chelsea endete 1-1 unentschieden.

Nachspiel-Betrachtungen zum Stand der Liga gab es nicht, denn inzwischen, in London, hat sich Enthüllungspublizist Max Clifford als Pressevertreter von Vanessa Perroncell ausgewiesen. Sie will ihre Sicht der Dinge als Kiss&tell-Story verkaufen. Das bisherige Top-Angebot liegt bei umgerechnet 300 000 Euro. Nicht genug, meint Clifford. Am Freitag soll England-Boss Fabio Capello entscheiden, ob Terry der Kapitän von Team England bleibt. Für den Valentinstag bot ihm Manager Carlo Ancelotti Urlaub an, damit er seiner nach Dubai geflüchteten Gattin in die Arme fliege, um sein Treuegelübde zu erneuern. Zeit wär´s. Ich vermisse den Fußball.


4 Kommentare »

  • Kayla sagt:

    Danke ffcr deinen Beitrag, @Stefan.Die Debatte um die Meinungsfreiheit tfirft meines Erachtens den Kern der Sache gerade nicht.Ginge es um Meinungsfreiheit, wfcrde Aaron seine Meinung in seinem Blog oder auch gegenfcber der Piratenpartei begrfcnden und verteidigen, auf Argumente eingehen und darlegen, warum ihm seine Themen so wichtig sind. Er tut es nicht, er taucht ab, reagiert nicht und behauptet spe4ter, er he4tte keinen Schaden angerichtet.Wie passt zum Beispiel sein Klagevorbehalt gegenfcber der Jungle World wegen einer (zugegebenermadfen geschmacklosen) Satire zum hohen Gut der Meinungsfreiheit? Herr Koenig tritt es selbst mit Ffcdfen.Aaron Koenig hat sich bislang in keinem Punkt kooperationsbereit gezeigt und begegnet auch sachlicher Kritik mit Taubheit. Er missachtet Zusagen an den Bundesvorstand und fcbernimmt nicht die Verantwortung ffcr sein Handeln. Die Forderung nach Rfccktritt ist keine Reaktion auf einen einmaligen Ausrutscher. Herr Koenig betreibt seine provokative Politik seit mehr als einem halben Jahr wieder und wieder.Finde ich so ein Verhalten bei Basispiraten e4udferst unschf6n, kann ich es bei einem Amtstre4ger nicht tolerieren. Ich fordere keine Rfcbe-Ab-Politik, bei der ein Vorstandsmitglied nach einem Ausrutscher sofort einen Kopf kfcrzer gemacht wird. Ich fordere Konsequenzen, wenn solche Provokationen System haben. Wie piratig ist es, wenn wir so hierarchiegle4ubig sind, dass der Vorstand unabhe4ngig von seinen Taten unantastbar ist? Ist das die viel beschworene Basisdemokratie, die wir fordern?

  • saxo lady sagt:

    hmmm es wären da ja einige fangwörtchen versteckt…

    naturprolet, soweit ich mich erinnere, hingabe,,,erotischer salsa..

    ich geb zu ich war knapp dran den ganzen artikel zu lesen. wo ich doch weiß, das seine saxigkeit eine wunderbare feder führt.

    aber meine konditionierung:::hiiilfe fußball::: die es in dieser form erst seit der euro 08 gibt…und auchnicht wegen dem fußball, sondern weil für uns musiker plötzlich keine events zum geldverdienen da waren, außer man spielte grööööllldinger oder hatte einen freund – einen sehr guten freund- im rathaus—–hat mich dran gehindert.

    möge mein geschätzer freund mir vergeben…oder verzeihen??
    egal…mir seine geschätze freundlichkeit nicht entziehen halt …

    saxo

    • Manfred Sax sagt:

      Vergebung oder Verzeihung sind in diesem Fall unwesentlich, saxo lady. Tatsache ist: ich hab die story noch einmal gestrafft. just for you. also bitte: lesen, Ihr sax

      • saxo lady sagt:

        ….wunderbare morgenlektüre..wie recht sie haben.
        kann es sein, dass der fußball auch nicht mehr ist,was er mal wahr?
        oder ist er es schon und nur die berichterstattung, nur die trolle..oder ist es etwa so, dass die dinge sich ganz von selbst ihren platz im ranking suchen???
        emanzipation des fußballfans und sein recht auf berichterstattung wie in den allerdämlichsten „frauenzeitschriften“…

        http://www.textlog.de/39804.html

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