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Zur Asylpolitik: Auf dem Spiel steht unsere Angst

Von | 18.01.2010, 6:54 | 5 Kommentare

Die Republik streitet um ein Erstaufnahmezentrum für Asylwerber. Im Getöse der Dummen hört niemand jenen zu, die bessere Ideen haben. Die Innenministerin will es dort bauen, der Kanzler lieber da. Dort und da sind gar nicht begeistert. Andere würden das Asylwesen sowieso lieber ganz abschaffen. Dabei hat ein sehr kluger Mensch kürzlich im Fernsehen erklärt, […]

Foto: Jim Limwood, CC 2.0 BY

Foto: Jim Limwood, CC 2.0 BY

Die Republik streitet um ein Erstaufnahmezentrum für Asylwerber. Im Getöse der Dummen hört niemand jenen zu, die bessere Ideen haben.

Die Innenministerin will es dort bauen, der Kanzler lieber da. Dort und da sind gar nicht begeistert. Andere würden das Asylwesen sowieso lieber ganz abschaffen. Dabei hat ein sehr kluger Mensch kürzlich im Fernsehen erklärt, warum eh klar ist, dass weder da nocht dort eine Freude mit einem Lager hat. Der Name dieser Person wird „ausländerskeptische“ LeserInnen vermutlich dazu verleiten, nicht weiterzulesen. Es handelt sich um eine Heldin der Grünen und ein rotes Tuch für die Rechten. Sie sollten trotzdem weiterlesen.

Ute Bock sagt bei ihrem Auftritt in der ORF-Sendung Kulturmontag: „Es ist sicher schlecht, wenn man eine große Menge Menschen in einem Lager in einer kleinen Ortschaft zusammenpfercht. Die Idee sie auf alle Bundesländer aufzuteilen ist viel besser.“

Warum, das zeigt schließlich der Fall der Familie Zogaj, der bei aller Diskrepanz in den Sympathiewerten wohl kaum jemand unterstellen wird, sie sei schlecht integriert gewesen. „Der Familie ist in der Ortschaft wo sie gewohnt hat geholfen worden von allen Seiten. Das fördert die Integration“, erkennt auch Bock. „Wenn ich dort 300 Leute habe, die nicht beschäftigt werden und arbeiten dürfen, stehen die in einer kleinen Ortschaft herum, in der es vier Häuser gibt. Ich kann mir schon vorstellen, dass sich die Leute da fürchten. Wenn man sie [die AsylwerberInnen] aufteilt, leben sie sich leichter ein.“

Jetzt müssen wir kurz rechnen: In Österreich leben 8,4 Millionen Menschen in 2.358 Gemeinden. In den sechs größten Gemeinden (Wien, Graz, Linz, Salzburg, Innsbruck, Klagenfurt) leben 2,5 Millionen Menschen. Um den Durchschnitt nicht zu stark zu verfälschen, rechnen wir diese kurz raus, dann bleiben in den verbleibenden Gemeinden durchschnittlich 2.500 Einwohner. Die großen Städte ergeben einwohnermäßig also weitere 1.000 Gemeinden. Österreich besteht also aus errechneten 3.352 Gemeinden zu je 2.500 EinwohnerInnen.

Im Jahr 2008 gab es 12.841 Asylanträge. Das ist also die Zahl der AsylwerberInnen, die man für die Dauer des Verfahrens unterbringen muss. Man kann nun in 1.000 Seelen-Gemeinden wie Eberau Zentren stellen, in denen man 300 Menschen unterbringt (plus 30 Prozent Menschen). Dann fürchtet sich die von jahrelanger Hetze geprägte Bevölkerung verständlicherweise vor den vielen, wenn auch großteils harmlosen Fremden.

Demagogin A hätte dann ihre größte Stunde, und spräche über verbrecherische Maßnahmen wie eine Inhaftierung dieser 300 teils schwer traumatisierte Personen. Und der Populist B schriee nach einer Volksabstimmung, bei der nur die Verängstigten gefragt würden, ob sie den Angst haben möchten. So ein Zentrum klingt nach einer tollen Idee. Das könnte man schon machen.

Oder aber man setzt Auge mal Pi in jede der 3.352 Gemeinden mit 2.500 Einwohnern vier AsylwerberInnen (plus 0,16 Prozent Menschen). Die Bevölkerung würde sich nicht fürchten, sondern sich wie bei den Zogajs mit den Neuankömmlingen anfreunden und dagegen kämpfen, wenn sie später abgelehnt werden (was laut Innenministerium rund drei Viertel der Asylanträge betrifft). Die AsylwerberInnen würden in diesem schwierigen Lebensmoment nicht wie Vieh hin- und hergeschoben werden und könnten sich integrieren – vielleicht ließe man sie sogar arbeiten. Alle würden profitieren, das Leben würde einfacher, und in der Politik könnte endlich über wirklich entscheidende Fragen der Gesellschaft gesprochen werden.

Ein erschreckender Gedanke. Was da alles auf dem Spiel steht! Am Ende könnten manche noch ihre Angst verlieren!

Statt auf kluge, herzliche, thematisch erfahrene Menschen wie Ute Bock zu hören, glauben in Österreich zu viele, dass die FPÖ die Ängste der Bevölkerung ernst nimmt. Man vermutet, dass alles was grün und links klingt, den AusländerInnen hilft und den ÖsterreicherInnen schadet. Als wären das zwei natürliche Gegensätze, wo der eine nur auf Kosten des anderen sein kann. Bis ins linke Spektrum hinein gibt es Leute, die dem „Partei des kleinen Mannes“-Schmäh der FPÖ ohne Widerspruch aufsitzen. Weil das hysterische Schüren einer Angst mit dem Lösen des dazugehörigen Problems verwechselt wird.

Österreich will nicht einsehen: Die Lösung für das Problem der überfluteten Erstaufnahezentren ist, überhaupt keine solchen Zentren mehr zu unterhalten. Die ja nicht gerade schwierig zu verstehende Idee und Begründung von Frau Bock ist viel besser: Ermöglichen wir Integration.

Ein Wiener FPÖ-Vertreter erklärte kürzlich dem Falter (Ausgabe 48/09, S.11), was eine seiner ersten Amtshandlungen als Bezirksvorsteher wäre: „Frau Bock in unserem Bezirk das Handwerk legen“. Dieses ganze Problem nicht zu lösen, bringt den rechten Parteien hunderttausende Stimmen und viele hochbezahlte Jobs. Es ist wohl weder besonders klug noch fair, gerade die darum zu bitten, das Problem zu beseitigen.

Dieser Text erscheint neben vielen anderen auch in auch in Toms Blog ZurPolitik.com

5 Kommentare »

  • saxo lady sagt:

    seid ihr völlig bescheuert???? seit wann gibts hier zensur??? wieso hat die zib21 das nötig???
    i bocks nimma, echt

    • Eberhard Lauth sagt:

      Es gibt hier keine Zensur. Ich habe gestern in der Nacht unsere WordPress-Installation auf einen neuen Server transferiert. Dabei sind einige Kommentare in der Datenbank verschwunden. Bis morgen sollte alles wieder in Ordnung sein.

  • majella reismann sagt:

    …tja man spricht doch von menschen die sich spiegeln, was spiegeln uns die politiker und was sollen wir daraus lernen?
    div. politiker verwehre ich mich via tv/radio mittels abschalten;-)
    wäre toll wenn unsere politische führung so viel an gesunden hausverstand, herz und hirn hätten wie frau bock, dann wäre dieses problemkind asylanten sicherlich vernünftiger gelöst und friedlich umgesetzt worden. aber damit fängst du halt keine stimme!!! das ist das problem und das ist beschämend….. wie der letzte absatz.

  • […] This post was mentioned on Twitter by Eberhard Lauth, Robert Harm ?. Robert Harm ? said: RT @zeitimblog21: Auch auf ZiB21 bloggt @schaffertom zur Asylpolitik: Auf dem Spiel steht unsere Angst http://bit.ly/6sDPHX […]

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