Renee Unplugged 21. Rollenspiele mit POV
Der Kauf einer VX2100 war ihr erster Schritt Richtung Regie. Aber aller Anfang ist tückisch.
„If I was a guy, I´d be in jail.“ Dieser in fetten Buchstaben auf schwarzen Lack geschmierte Satz ziert die ansonsten kahle Wand meines Wohnzimmers. Urheberin der starken Ansage bin allerdings nicht ich. Die Worte, die ich mittler Weile nicht ohne Stirnrunzeln betrachte, stammen aus der Feder von Kimberly Kane, ihres Zeichens Pornodarstellerin.
Unter Kane Army verfolge ich unregelmäßig ihren Werdegang. Kimberly fällt weniger unter die Kategorie hübsch, eher unter interessant. Ein Mädel mit Köpfchen und reichlich Haarwuchs zwischen den Schenkeln. Seit 2007 (das fulminante Jahr, in dem auch mein Produzenten-Dasein begann) nutzt sie Labels wie Vivid Alt, um ihre alternativen Porno-Ergüsse auf Film zu bannen. Zugegeben, ich habe noch keines ihrer Werke gesehen, aber Artwork und Trailer zeugen davon, dass Kimberly kompromisslos macht, was ihr im Kopf rumspukt. Allein dafür gehört sie schon mal gelobt. Massenware gibt es ja schon – tja, eben en masse.
Selbigen Anspruch – just do it and fuck the rest – hatte ich auch schon mal. Damals, als es mich juckte und ich nach dem ganzen Zuschauen endlich auch mal den Boss spielen wollte. Ich wollte wissen, wie es ist, all die Nackedeis durch die Linse zu betrachten. Wenn sie vor dir knien, mit breitem Grinsen im Gesicht und den Worten „May I suck your cock?“ auf der Zunge. Natürlich sprechen sie nicht dich an, sondern die Kamera. Sie spielen nur ein Spiel und bleiben ihrer Rolle treu. Aber die Anmache müsste auch beim Menschen hinter der Kamera wenigstens ein Gefühl von Überlegenheit triggern, oder?
In den Hoch-Zeiten meiner Karriere war POV (Point Of View oder „aus der eigenen Perspektive“) sehr angesagt. Vielleicht waren es auch nur die ersten Anzeichen der Wirtschaftskrise. Denn: Filmt man aus der Perspektive des Zuschauers, erspart man sich nicht nur den Kameramann nebst männlichen Darsteller, sondern auch das unwichtige Rundherum der Kulisse: je amateurhafter das Bild, umso authentischer das Produkt. POVs sind wie Privatvideos, nur günstiger. Es braucht ja nicht einmal ein Stativ.
Weil das so einfach ist und auch eine Pornero lieber klein anfängt, war POV der logische Weg, einen Versuch hinter der Kamera zu starten. Das einzige, was ich mir neben den Gagen für die lieben Kolleginnen leisten musste, war eine angemessene Kamera. Zum damaligem Standard wohlgemerkt. Soll heißen: Zwei von drei Profis der Porno-Middle Class nutzen die VX2100. Und ich liebte sie auf den ersten Blick. Abgöttisch. Das Ding war groß und dick und lang, mit vielen Knöpfchen dran. Nicht, dass ich eine Ahnung von der Materie hatte. War nicht notwendig. REC drücken und schon läuft das Ding. Weil Zoomen damals gerade out war, konnte ich auch die entsprechenden drei Regler ignorieren. Und Renee ging ran an die Materie, wie es so schön heißt.
Und da war´s auch schon, dieses Gefühl von Überlegenheit. Es kam allein durch das Halten der formstarken Penisverlängerung. Die hatte ich auch dringend nötig. Fakt ist, ich bin eine Frau. Die hat in der Regel nur einen Kümmerling von Schwanz. Wir sagen Klitoris dazu. Aber Fakt war auch, dass ich mir vorgenommen hatte, Porno-Mädels zu nageln und den Akt gleichzeitig zu filmen. Mannsbilder können das ja auch. Und Frau fickt und filmt Frau – das war mal richtig innovativ. Dachte ich.
Oh my. Schon der Umschnalldildo barg gewisse Tücken. So ein Unisex-Gurtzeug ist leider nicht für schlanke Gestalten maßgefertigt. Ich wurschtelte gleich mal einen Meter an übriger Gürtellänge um die Hüfte und stopfte dann das lange Ding mit den baumelnden Etwassen durch den Plastikring. Wenn ich mit dem Po wackelte, bedeutete das Gefahr für die Umwelt, weil dann vorne der Plastikschwanz durch die Gegend schlug. Das hätte Blessuren geben können, verlief aber glimpflich. Der einzige Verletzte nach der Prozedur war der Knüppel.
Victoria Sin – Protagonistin Nummer eins in meiner POV-Story Nummer eins (und Busenfreundin nebenbei) – drehte daran herum, als wüsste sie nicht wo vorne und hinten ist. Die falschen Eier lagen mal oben und dann wieder unten. Sie kaute den Gummilümmel und schlug ihn und hinterließ sogar Spuren von Bissen. Kein Mann hätte diese Spielereien zugelassen, aber mit so einem Gummiding wirkt das Ganze halt auch ein wenig lächerlich. Eigentlich ziemlich lächerlich.
Als es daran ging, den Dildo zu versenken, konnten wir uns vor Lachen kaum noch halten. Ich musste ihn mit links festhalten, damit er nicht stecken blieb, hatte aber gleichzeitig in der anderen Hand die Cam. Damit ich halbwegs scharfe Bilder bekam, übernahm Victoria das Reinundraus. Schwer zu sagen, ob von der Penetration was zu sehen war, ich war einfach zu nah am Geschehen.
Irgendwann wurden meine Beine schwach und ich musste mich hinlegen und ließ mich reiten. War okay. Der mit Abstand schwierigste Teil war allerdings, beim Dreh den coolen Macker raushängen zu lassen. Das derbe Geschwafel ging mir auf die Nerven. Ich fragte Vic ständig so Sachen auf lüstern: wie es ihr gefiele, ob sie geil wäre, worauf sie Lust hätte undsoweiter. Und sie antwortete stets in geübter Porno-Manier: „Yes Ma’am! Pleeaaase give me more of your sweet … tasty … Cock!“
Natürlich wusste ich stets, was sie tatsächlich sagen wollte. Irgendwann fühlte ich mich so unwohl in meiner Rollenhaut, dass ich mich für meine pseudomaskuline Laberei entschuldigte. Das ganze Szenario war zwar teilweise lustig, in erster Linie aber so mühsam und gekünstelt, dass ich mich fragte, was ich da eigentlich tue. Konsequenz: Bei den Folgeszenen warf ich die Dominanz über Bord und spielte mit meinem Gefährtinnen, wie es sich für Mädchen gehört. Mit einer gehörigen Portion Spaß und Gefühl.
Kimberly Kane wäre also als Mann ein richtiges Arschloch, sagt sie. Na gut, vielleicht war das einfach nur ein lässiger Spruch. Beim Porno glaubt eine Frau manchmal eben, sie müsse ihren Mann stehen, da kann es gelegentlich helfen, sich an den gängigen Jargon anzupassen. Dachte ich damals auch.
Heute weiß ich es besser: Es ist gut, wenn man ungeklärte Dinge für sich aus dem Weg räumt. Jedes Fettnäpfchen bringt dich einen Level höher. Und nun weiß ich auch, dass ich kein Mann sein will. Der ist mit dem Bewusstsein einer Frau einfach nicht kompatibel.



POV halt ich nicht unbedingt für ein Resultat der Krise – billig produziert wurde auch schon in Boomjahren, in jeder Branche. Und POV muss nicht gleich billig sein: der veränderte Blickwinkel gibt dem Zuschauer einfach einen anderen Blickwinkel. Man muss sich nicht mehr wünschen, man wär anstelle des männlichen Darstellers, den man wie ein Spanner aus sicherer Position heraus beobachtet, sondern man wär live dabei. Ein wenig a la Strange Days.
Das Porno-Produzenten-Business stell ich mir extrem männlich dominiert vor, und zwar besetzt von Stereotypen, die viel prahlen, gern kommandieren, gross reden können um Finanziers an Bord zu holen und sich selbst in die Covergestaltung einmischen (jaja, ich denk halt auch in Schubladen) – hier verschwimmen sicher die Grenzen zwischen “ich will wie ein Mann sein” und “ich will wie die Männer akzeptiert werden”.
Vom Bewusstsein her sind Männer und Frauen sicher nicht kompatibel, doch nicht einmal Männer untereinander sind das, manche Kerle sind mir dermassen fremd, dass ich keine Ahnung hab, was in ihnen vorgeht. Auch wenn ich gern wüsste, wie eine Frau die Welt wahrnimmt, ich bin SEHR froh, dass ich ich bin und keine Frau :)