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Gnädigste & die 7 Todsünden 06. Invidia oder: Neidhammel sucht Fremdschämer für Schadenfreude

Von | 10.01.2010, 19:33 | 2 Kommentare

Zugeben würde es keiner – aber wer behauptet, er wäre noch nie auf etwas oder jemanden neidig gewesen, möge sich bitte gleich ins Winkerl stellen.

Grün vor Neid by slimdandy

Natürlich ist in der christlichen Tradition auch der Neid völlig tabu – aber uns irdischen Sündern kann das nach mittler Weile 5 durchgestandenen Todsünden jetzt auch schon egal sein, oder?

Für unverbesserliche Unschuldslämmer eine kleine Einführung: Neid entsteht, wenn sich unsereins mit anderen Individuen vergleicht und die Erkenntnis folgt, dass diese etwas besitzen, von dem wir denken, es stünde uns auch zu. So betrachtet ist das kein diffuses niedriges Gefühl, es ist eine Einstellung – die es zu hinterfragen gilt.

Jemandem etwas zu gönnen mag schwierig sein. Vor allem, wenn wir Statussymbole für essenziell halten, die durch Medien und Werbung vorgegaukelt werden. Der persönliche Neid kann sich sodann nicht nur auf sinnlose Besitztümer, sondern auch auf chirurgisch aufgebessertes Aussehen, als intelligent verkauftes Auftreten und/oder den vermeintlichen sozialen Status einer Kategorie D-Prominenz erstrecken. Wer da blindlings mithalten will und nicht kann, begreift sich schnell in der gesellschaftlichen Werteskala im unteren Segment und verfällt in Selbstzweifel. Erfrischend hier zu beobachten, wie einige versuchen sich aus dem persönlichen Dilemma wieder raus zu lavieren. Das Leasing-Auto eine Spur zu protzig, die Einrichtung des privaten Gehäuses eine Ansammlung von -bestenfalls – sauteuren aber geschmacklosen Gegenständen, die Kleidung immer um eine Nuance zu schrill  – und immer am Sprung zum nächsten SzeneEvent, wo man dem nächstbesten Fotografen verzweifelt ins Bild springt.

Gefährlich wird es, wenn der Neid zu feindseligem Handeln motiviert – aber so weit muss man es nicht kommen lassen. Ich kann mir dazu offen gestanden nicht allzu viel vorwerfen. Bei meiner letzten (materiellen) Neidattacke war ich süße 12 Jahre alt und erlaubte mir, eine geborgte zerrissene Levis Jean nicht zu retournieren, damit ich endlich auch ein bisschen cool durch die Gegend laufen darf. (Gottlose Verräter/innen, vergesst es gleich wieder – dem verwöhnten Geschöpf ist es nicht aufgefallen, sie hatte 3 davon und war durchaus eine Gebernatur). Aber keine Sorge – ich bin auch heute nicht frei von Neid, er gestaltet sich nur anders. Ich beneide große Musiker, Denker und Künstler, für die großartigen Werke die sie vollbringen – man möge mir verzeihen, da bin ich gerne weiter Sünderin.

Mich amüsieren ja der sogenannte „Sozialneid“und seine Auswüchse, jedenfalls aus der Distanz. Neid auf bestimmte soziale Gruppierungen, die Lebensstildifferenzen zur gemeinen Plebs aufweisen bzw vermeintlich Privilegierte im Rampenlicht der Gesellschaft, mit Macht- und Genussmöglichkeiten und Besitztümern, die Herrn Otto Normalverbraucher verwehrt bleiben. Das linke Lager verlautbart hierzu, Neid sei die natürliche wie gesunde Ausdrucksform einer Gesellschaft, die durch ungerechte Verteilung von Privilegien geprägt ist. Ein bisschen einseitig radikal betrachtet, oder? Die allzu Selbstgerechten seien hier bitte zur Selbstreflexion aufgerufen. Vor allem bei gleichzeitigem Begehr desselben Status lässt sich da wohl eher auf eine fröhlich ausgelebte Doppelmoral schließen. Ja, es gibt soziale Ungerechtigkeit, die es zu bekämpfen gilt. Aber Missgunst entsteht eben nicht ausschließlich dadurch, sondern oft auch einfach durch schlichte unreflektierte Gier und Dummheit.

Die gute Nachricht für damit infizierte: Solch aufkeimende Gefühle von blankem Neid können durchaus auf amüsante Weise beiläufig behandelt werden: mit Schadenfreude. Wenn etwa dem Neidsubjekt ein kleiner öffentlicher Fauxpas passiert, selbiges bei paranormalen Aktivitäten gar gefilmt oder zumindest etwas derangiert in einer einschlägigen Fachzeitschrift abgebildet wird. Gnadenlos wie pointiert gestaltete österreichische TV- Society Magazine oder diverse Boulevard-Blätter gewähren nicht nur einen Blick hinter die Kulissen der vermeintlichen Perfect World von Greti und Pleti, sondern stimulieren bei Betroffenen ein ebenso interessantes und zugleich heilsames Gefühl als Gegenmittel zu Neid: Es heisst Fremdschämen.

Die genüssliche Betrachtung einer sich gerade zum Affen machenden – im besten Fall prominenten wie erfolgreichen – Person steht auf der Beliebtheitsskala der Österreicher jedenfalls ganz oben. Es ist wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann. Egal wie unappetitlich oder brutal –  man fühlt sich gleich ein bisschen besser, weils einen nicht selbst erwischt hat. Ich empfehle ganz schweren Fällen hierzu auch die Betrachtung von nachmittäglichen Talkshows oder diversen Sozialporno-Serien, die uns Gesinnungsproletariern ggf. wieder vor Augen führen, wie gut wir es doch eigentlich immer noch haben – sogar inmitten von unsergleichen.

Theorielastige Evolutionsforscher vertreten die leicht umstrittene These, Neid hätte gruppendynamisch betrachtet auch positive Effekte und müsse nicht nur rein egoistischen Motiven zu Grunde liegen. Er schärfe den Gerechtigkeitssinn und fördere Fairness unter einander sowie den Ehrgeiz des Einzelnen. Ein nicht unbekannter (mittlerweile verstorbener) leidenschaftlicher Porzellanschweinchen-Fütterer meinte dazu, Mitleid bekäme man geschenkt, Neid müsse man sich erst verdienen.

Nun ja – ich kann ganz gut drauf verzichten, muss ich sagen – und darüber hinaus weder übermäßigem, ehrgeizigen Geltungsdrang noch diesem „Schneller-höher-weiter“ unserer Gesellschaft etwas abgewinnen – mir waren Wettkämpfe jeglicher Art immer zuwider. Ich halte es mit dem Philosophen Franz Schuh, der in „Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst“ meinte, sowohl Homer Simpson als auch Donald Duck leben in der Geltungslosigkeit, Homer Simpson aber genieße sie. Eine liebenswürdige und indirekte Aufforderung zum ausgeglichenen, friedlichen Mittelmaß – nicht zu verwechseln mit Mittelmäßigkeit.

Ein bisschen Angst machen mir der fast furiose Neid und das schwelende Konkurrenzdenken unter Frauen, egal ob beruflich oder privat. Dabei spielt nichts dem Patriarchat mehr Macht in die Hand als zwei Kampfhyänen, die einander sozialpsychologisch in jeder Hinsicht und auf allen erdenklichen Ebenen demontieren.

Neid ist in den meisten Fällen eher ein Ausdruck missglückter Selbstverwirklichung denn echte Missgunst. Selten gilt es da tatsächlich die gleiche Anerkennung bzw Macht, einen ähnlichen Status oder luxuriöse Besitztümer wie das persönliche Neidsubjekt zu erlangen. Vielmehr wissen die meisten neidigen Jammerlappen einfach oft selbst nicht, wie sie denn ihr Leben überhaupt gestalten möchten und welche Leidenschaften sie in sich tragen – geschweige denn welchen Preis sie wirklich bereit wären, für die Erfüllung ihrer Träume zu bezahlen.

Die Neidhammel unter Euch haben daher genau zwei Möglichkeiten:

1. Bitte weiter selbstmitleidig jammern, leiden, neiden und nörgeln. Das ist schließlich ein Teil der österreichischen Seele, Ihr werdet also damit nie alleine sein – fühlt Euch wie Zuhause. Wenn Euch etwas misslingt: Schuld sind immer die anderen, keine Frage. Nicht einmal öfter aufstehen als umfallen. Einfach liegen bleiben und nach priviligierten Schuldigen suchen, denen das Glück anscheinend einfach zugeflogen ist – und kräftig  nach oben spucken. Euer neidgrüner Geifer wird Euch dann langfristig leider selbst auf den Kopf tröpfeln.

2.  Man könnte sich natürlich auch auf die abenteuerliche Suche nach seinen wahren Wünschen und Leidenschaften machen. Und diese vielleicht neu entdeckten persönlichen Ziele hartnäckig verfolgen. Es klingt erschreckend nach Neuland, ich weiß. Aber man könnte tatsächlich so nicht nur zufrieden und glücklich mit sich selbst leben sondern – man stelle sich vor – anderen ihr Glück sogar gönnen können! Für die unverbesserlichen Ehrgeizlinge gibt’s ein Extrazuckerl als Anreiz: Die höchste Form der Anerkennung ist der Neid, meinte schon Schopenhauer. Solltet Ihr also einerseits zu glücklichen Gönnern geworden sein, während andererseits die ersten Neider in Eurem Umfeld wie die Schwammerl aus dem Boden sprießen, habt Ihr etwas richtig gemacht.

2 Kommentare »

  • pueree sagt:

    wunderbare beleuchtung des themas. vielleicht sogar bisher die gelungenste.
    ja neid ließe sich sicher auch vermeiden, wenn man verantwortung für das eigene handeln und für das eigene leben im gesamten übernimmt. dann bleibt wenig zeit sich mit den belangen eines anderen zu beschäftigen, denn dann hat man ohnehin ein erfülltes leben und wird dem „nächsten“ ebenselbiges wünschen.

    namaste
    pueree

  • saxo lady sagt:

    grrrroßartiger abriss von schattierungen ddes neids, gnädigste.
    meiner einer schlägt sich ja grad mit einer noch subtileren form des neids rum.
    ich kanns nicht lassen:
    http://www.agenda2020.at/a20_phpbb/viewtopic.php?f=76&t=417

    frag mich und frag mich und es hört niemals aus…
    kann den weisheit einen namen tragen????
    oder einigkeit
    oder togetherness?
    es zeigt sich ja als selbstverliebtes einigeln in erreichte erkenntnisse und erlebte wahrheit und nicht vordergründig als neid.
    was es um so schwerer macht, dem anzukommen. dem neid nämlich, der die linke dieses landes so leicht zu dividieren vermag. meine weisheit, deine weisheit, unsere weisheit.
    ach seufz, gnädigste.
    trinken wir halt einstweilen ein glaser prosecco oder rotwein oder wies beliebt. gönnen wir halt uns das gute…;)

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