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Being Österreicher, Teil 2: Ich will so nicht mehr regiert werden!

Von | 07.01.2010, 0:05 | 13 Kommentare

Eine gute Woche weg zu fahren ist genau richtig, um zu wissen, dass man vielleicht an den falschen Ort zurück gekehrt ist.

Foto: Eberhard Lauth

Nur ist der falsche Ort nicht jener, den Ja, Panik hier in diesem Punk-Text unter Wien und Österreich verstehen – auch wenn sie in ihrer Hass, Hass, Hass-Tirade in der aktuellen Ausgabe des Datum in vielen Punkten recht haben. Aber es wäre leider zu schön, wenn sich der falsche Ort hier bloß darüber definiert, dass das Land seine großen Künstler missachtet.

Das Falsche ist der Common Sense eines überalterten und verdummten Landes, das Bildung hasst und Geschichte ablehnt. Eines Landes, das so lange kriminelle Ausländer herbei fantasiert hat, dass es sich nun endlich vor ihnen zu Tode fürchten kann. Eines Landes, das von Menschen regiert wird, die diesem Common Sense nicht mit kluger Politik gegensteuern, sondern ihn bedienen, um wiedergewählt zu werden – egal, welcher Farbe und Weltanschauung die Ställe einmal waren, aus denen sie stammen. Und der Morast, der daraus entsteht, wird dieser Tage aus drei Gründen besonders tief.

Da wäre einmal der mögliche zweite Abschiebungsversuch von Arigona Zogaj. Da wäre die Innenministerin Maria Fekter und ihre Posse ums geplante Asylzentrum in Eberau im Burgenland. Und da wäre ein Trafikant in Wien, der in „Todesangst“ (Kronen Zeitung) einen Räuber erschießt. Und in allen Fällen wird so gehandelt und lamentiert, dass einem das Speiben kommt.

Arigona Zogaj wird nicht als Beispiel für eine offensichtlich fehlfunktionierende Asylpolitik verstanden, sondern als Anlass zu Law and Order um jeden Preis, auch wenn er noch so hoch ist. Gesetz ist Gesetz, sagen sie, die österreichischen Idioten. Da kann man nichts machen, sagen sie. Und dass sie das oft auch als eigentlich humanistisch gebildete Menschen im näheren Umfeld sagen, tut doppelt weh.

Fekter nutzte am Mittwoch die Plattform, die ihr der Kurier bot, um zu erklären, dass sie eine harte Lady ist, die weiß, wann durchzugreifen ist – nämlich immer dann, wenn Österreicher bedroht werden, egal ob durch Rechtsbrecher wie Arigona Zogaj oder den auf der Straße verendeten Trafikräuber. „Wir sind kein Selbstbedienungsladen“, sagte sie und sprach damit den österreichischen Idioten aus der Seele, die in ihren hässlichen Häusern hocken, und sich davor fürchten, dass ihnen jemand ihre hässlichen Fernseher stiehlt, die sie um viel Geld gekauft haben, das sie eigentlich gar nicht haben.

Und den absurden Blödsinn, in den ich vorgestern Abend bei einer Fernsehdiskussion auf Puls 4 gestoßen bin – Georg Zakrajsek, Vorstandsmitglied einer Interessensgemeinschaft Liberales Waffenrecht in Österreich erklärte darin, dass nur Bewaffnung gegen steigende Kriminalität helfe – will ich gar nicht mehr erwähnen. Ich kannte diesen Mist schon, von einem Grillabend vor ein paar Jahren in der oberösterreichischen Provinz. Da hatten mir zwei stark alkoholisierte Kerle erklärt, was sie alles an Gewalt gegen diese Einbrecher anwenden täten, wenn sie nur dürften. Österreichische Idioten auch sie. Und in diesem Fall fällt es mir besonders schwer, das zu sagen.

Was bleibt da als Alternative? Weggehen wie Ja, Panik und dann aus sicherer Entfernung einen großen, dampfenden Haufen drauf? Sicher, das klingt logisch. Doch abgesehen von vielen persönlichen Gründen, die dagegen sprechen, wäre es auch die feigste Lösung.

Schon allein der Fall Arigona Zogaj darf so nicht hingenommen werden. Das verbieten schlicht Moral und Anstand. Und das verbietet auch die Hoffnung auf Veränderung. Wenn eine bald 18jährige schon so viel Emotionen erregt, von Hass bis Mitgefühl, taugt sie als Symbol. Sie kann die Menschen auf die Straße holen. Sie kann zeigen, dass es nicht nur österreichische Idioten gibt. Sie kann dafür sorgen, dass endlich genug Menschen aufstehen, die sich nicht mehr nur mit der Freude des sicheren Siegers an Kärntnern oder Strache-Wählern reiben, sondern endlich sagen, was tatsächlich Sache ist: Von Leuten, die dieses System der Xenophobie und Selbstgefälligkeit schüren, wollen wir nicht mehr regiert werden. Ja, ich habe „wir“ gesagt. Ich bin doch schließlich nicht allein, oder?

13 Kommentare »

  • martin sagt:

    du bist nicht allein!

  • „Sie kann zeigen, dass es nicht nur österreichische Idioten gibt. Sie kann dafür sorgen, dass endlich genug Menschen aufstehen, die sich nicht mehr nur mit der Freude des sicheren Siegers an Kärntnern oder Strache-Wählern reiben, sondern endlich sagen, was tatsächlich Sache ist: Von Leuten, die dieses System der Xenophobie und Selbstgefälligkeit schüren, wollen wir nicht mehr regiert werden. Ja, ich habe “wir” gesagt. Ich bin doch schließlich nicht allein, oder?“

    mit einer im windkanal optimierten presse isses halt bissel schwierig:

    http://www.agenda2020.at/a20_migulist/

  • Sakristan Biringer sagt:

    Werter Lauth,

    grundsätzlich: Sie haben recht. Alles Idioten rundherum. Und es werden täglich mehr.

    Aber:

    1., Mitzi hat Wahlkampf, nach der Wahl ist vor der Wahl. Und wie man Stimmen fängt in TFA (Tu Felix Austria) zeigt ihr blau vor. Also muss sie danach tun, ob sie will oder nicht (wahrscheinlich will sie. kenne die dame allerdings nicht persönlich).

    2., die Blauen sind deshalb so stark (und wie stark sie sind, zeigt etwa, dass sich sogar schon ein HäuplMichl vor der nächsten Wahl ins Hoserl macht), weil sie zu einem fetten Teil von den ach so bösen ausländern selbst gewählt werden. Klar: die, die am meisten gegen weitere Zuwanderer haben, sind die bereits zugewanderten. Und mit dem argument: „Strache ist ein Nazi“ schreckt man diese Blauwähler sicher nicht ab.

    3., Was macht eine Demokratie aus? Das Regiment der Masse, die sogenannte „Mehrheitsfähigkeit“. Dieses Wort allein impliziert doch bereits, dass die Leuchten an der Wahlurne in der Minderzahl sind. Und das Ergebnis sitzt im Parlament.

    4., Zum Trafikanten: was hätte er sonst tun sollen, Krone hin, Krone her? Dass er überfallen wurde ist doch manifest. Und – wenn „Gesetz ist Gesetz“ für Sie gacksi klingt, müssten Sie doch ein glühender Fan von anarchistischer Selbstverteidigung (mit welcher Waffe auch immer) sein.

    5., Fernseher werden kaum gestohlen. Es ist zu auffällig, sie zum Auto zu tragen.

    6., Ganz ehrlich: ich hätte mehr Angst davor, von jenen regiert zu werden, die in diversen Internet-Auswüchsen wie Facebook etc. nun besonders laut(h) Rainer-Leserbriefe oder Kurier-Interviews mit Bestürzung posten und kommentieren. Mit Demokratie haben diese Leute meist am allerwenigsten am Hut.

    Beste Grüße,
    Biringer.

    • Freut mich, dass Sie so viele Dinge aus meinem Text heraus lesen, die ich gar nicht geschrieben habe. Aber ein paar Dinge dann doch der Vollsätndigkeit halber:
      Ich weiß nicht, was „anarchistische Selbstverteidigung“ ist, und kann daher nicht sagen, ob ich ein Freund davon bin.
      Ich habe in absehbarer Zeit nicht vor, Sie zu regieren.
      Und da ich gemäß ihrer blühenden Fantasie mit Demokratie nichts am Hut habe, wird sich daran auch nichts ändern. Nur eines interessiert mich dann doch: Wie kommen Sie auf den Humbug?

      • Sakristan Biringer sagt:

        Werter Lauth,

        Ich versuchte, mit meinen sechs Punkten genau jene Gegebenheiten, die Sie – mutmaßlicherweise – so in Rage geraten ließen, aus meiner Sicht zu relativieren. Also quasi: Seite an Seite mit Ihnen, nicht in Opposition zu Ihnen.

        Wie viel Sie mit Demokratie am Hut haben weiss ich genauso wenig, wie ich Sie mit jenen, vor deren Regiment ich Angst habe, gleichsetze. Sie dürfen nicht alles gleich auf sich beziehen.

        „Anarchistische Selbstverteidigung“ ist das, was der Trafikant tat. Nicht auf die Sicherheitskräfte – jene, die in unserem Land ein sogenanntes „Gewaltmonopol“ innehaben – warten, sondern gleich selbst schießen. Ob er dabei Todesangst durchlitt oder nicht, wissen wohl weder Sie noch ich.

        Aber Sie bezeichnen jene, die sich auf „Gesetz ist Gesetz“ berufen, als Idioten. Wenn das Gesetz idiotisch ist, bleibt bloß Anarchistische Selbstverteidigung … und damit stehen Sie eigentlich auf Seiten des Trafikanten, und nicht auf jener des „auf der Straße verendeten Trafikräuber.“

        Meine zumindest ich …

        gruß,
        biringer.

        • Ad „Gesetz ist Gesetz“: Der typisch österreichische Idiot ist für mich einer, der besoffen Auto fährt (bei Antialkoholikern ersetzen wir das meinetwegen durch Rasen auf der Autobahn) oder schwarz eine Putzfrau beschäftigt und dann im Fall Arigona auf Gesetzestreue und Law And Order pocht. Zum Speiben, wie gesagt.

          • sakristan biringer sagt:

            abermals: ich weiss, was Sie damit meinen. Aber was ist jetz mit dem Trafikanten? Ist der gut oder böse?

    • saxolady sagt:

      soso
      jemand, der sagt: gesetz ist gesetz, und wir sind kein selbstbedienungsladen, und bankensicherung, naja da kann man halt nix machen, und khg fescher kerl, der hat sich noch immer rausreden können, so a gscheiter bursch
      ist als ein demokrat

      und jemand der sagt:
      stärke bedeutet, schwächere zu schützen, nicht drauf hinzutreten
      etc
      der ist kein demokrat???

      sorry, aber meine weibliche logik kommt da net mit.
      ist wahrscheinlich eher so ne logik
      http://www.youtube.com/watch?v=ck_8FyGnOzY

    • truetigger sagt:

      Nur zum Trafikanten:

      Strafrechtlich wird es ziemlich sicher Notwehr sein: Jemand hat ihn mit einer echt wirkenden Waffe bedroht, da darf man einen abknallen.

      ABER: Zum einen gehen bewaffnete Kämpfe zum DEUTLICHEN Teil zugunsten des Angreifers aus (ich mein die Zahl von 90% gehört zu haben) – wer zur Selbstverteidigung zieht hat also in 9 von 10 Fällen das Nachsehen. Denn was sind ein paar Euro gegen einen Schuss in die Wirbelsäule (Querschnittslähmung), einen gesichtsentstellenden Frontaltreffer, eine lebenslange Behinderung aufgrund zerfetzter Organe oder schlicht ein elendes Verrecken?

      Zum zweiten werden die Kriminellen davon nicht abgeschreckt, sondern passen ihre Methoden an. Solang die Trafikanten nicht bewaffnet sind, reichen Pfefferspray, Knüppel und Schreckschuss-Pistolen. Ansonsten besorgen sie sich auf dem Schwarzmarkt echte Schiesseisen. Das macht die Überfälle in Zukunft gefährlicher, weil eben auch Kriminelle nervös sein können oder schlicht „aus Versehen“ abdrücken.

      Zum dritten sind die USA ein schönes Beispiel, wie oft fälschlich Besucher für Einbrecher gehalten und beinhart niedergeschossen werden, teils eigene Familienangehörige. Alles nur, weil die Waffenbesitzer so paranoid sind und eher eine Bedrohung als eine beherrschbare Lage vermuten.

      Ein schlauer Mensch sagte einmal: „Wer eine Waffe zur Selbstverteidigung trägt muss bereit sein sie auch einzusetzen. Sonst verletzt sie einen nur selbst“ (Räuber wird bei deren Anblick sofort aggressiver, Räuber klaut sie ihm und schiesst ihn damit nieder, er verletzt sich beim Putzen, verbrennt sich bei einem Panik-Schuss die Hand, trifft sich in den eigenen Fuss)

      Ich bin sehr froh, in einem NICHT hochgerüsteten Land zu leben. Denn Waffen für alle sind KEINE Lösung.

  • […] This post was mentioned on Twitter by Eberhard Lauth, Die Pez. Die Pez said: Wie wahr! RT @zeitimblog21 (…) Being Österreicher.Ich will so nicht mehr regiert werden! http://bit.ly/6IhhhU […]

  • truetigger sagt:

    Lieber Eberhard,

    ich versteh Deine Wut sehr gut: immerhin hat mir die Enttäuschung über meine deutsche Heimat sehr bei meiner damaligen Entscheidung geholfen, einfach abzuhauen und den Idiotenhaufen nur noch von aussen zu betrachten. Und was war da nicht alles die letzten Jahre: Kernkraft kommt wieder, alle hacken auf den Hartz4-Habenichtsen herum, jeder Innenminister ist eine Spur paranoider, jetzt der Schwachsinn mit der Steuersenkung – und das deutsche Volk klatscht dazu auch noch Applaus, nicht auszuhalten.

    Die fremdenfeindliche Grundeinstellung hierzulande habe ich nie verstanden. Als ob es so schwierig ist, dahinter eine SOZIALE NOTLAGE und nicht den Ländernamen auf dem Pass zu vermuten! Allein wenn man sich anschaut, wie man heutzutage im Kosovo dahinvegetiert – mich wundert immer, dass da überhaupt noch Leute sind. Natürlich wär ich von dort auch weg, egal wohin, zur Not auch nach Österreich. Dass selbst Grüne sich nicht erblöden, da teilweise mit Öl ins Feuer zu giessen, nervt mich am meisten – ich bin ja noch nicht so weit wie Du, der sich von der grünen Politik längst abgewendet hat.

    Aber in meinen Augen ist dies eher ein grundlegender sozialer Mangel in der menschlichen Seele als ein österreichisches Phänomen. Schau Dir die USA an – nette Leute, doch ein unsympathisches System, welches von eben diesen netten Leuten auch noch mit Klauen verteidigt wird. Schau Dir Diktator Chavez an, der sozialistische Ideen mit Ölgold verwirklichen will und dabei immer mehr der Wirklichkeit entrückt. Schau Dir den palästinensisch-israelischen Konflikt an, den man als denkender Mensch vollkommen absurd findet, weil beide Seiten sich versuchen an Idiotie zu übertrumpfen – und dafür jeweils den Rückhalt ihrer Wähler finden.

    Ja, ich geb zu: die österreichische Politik nehm ich als Art Entertainment wahr. Manchmal gruselt einem (FPÖ/BZÖ-Wahlkampfplakate z.B., oder eben der Umgang mit Arigona), manchmal ist fremdschämen angebracht (Kronen-Kanzler), manchmal schüttelt man ob der gezeigten Intelligenzabwesenheit nur ungläubig den Kopf, und meist muss man über die völlig weltfremden Dampfblasen nur lachen.

    Der Gestaltungsraum für nationale Politik ist in einer globalen Welt, eingebettet in die EU und dominiert von wirtschaftlichen Abhängigkeiten eh sehr gering. Mal ist es schad, meist aber hilft es, dass die Regierenden nicht zuviel Blödsinn verzapfen.

    Danke jedenfalls für die offene Stellungnahme, da kommt man sich selbst nicht so einsam vor.

  • saxolady sagt:

    sind wir nicht.
    danke für diese zornige zusammenfassung aller gefühle, die da so hochschwappen bei dem wahnsinn, der da abgeht in diesem schönen neuen jahr.
    sowas: http://blog.profil.at/christianrainer/„dieses-elendige-schmarotzer-gesindel/
    ist echt schwer zu verdauen.

    aber die sache ist doch die: wenn wir uns unserer wut hingeben, füttern wir diese scheiß-spirale noch mehr. was – mbmn – jetzt wichtig wäre:
    schaffen wir doch eine öffentlichkeit für die richtigen werte.
    ich mein: jeder der einmal hinschaut, sieht doch, dass stärke nicht bedeuten kann, auf nen kleinen, schwachen hinzutreten. das lernten meine kinder im kindergarten..und sind im gymnasium dabei, es wieder zu verlernen..

    die frage ist: wie schafft man das, wenn man grad kocht vor wut, aber nicht darf, weil man ja ein naives gutmenscherl ist? (war zwar als oberösterreichisches schimpfwort gemeint, nehm ich aber mittlerweile als personenbeschreibung;))

  • Oberdenker sagt:

    Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich zufällig kurz nach Veröffentlichung einer ähnlichen Meinung (siehe Seitenhiebe auf die österreichische Politik hier auf http://www.diedenker.org) auf eine ähnliche Meinung stoße! Interessant und be(un)ruhigend…

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