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Sex Für Fortgeschrittene 08. Californication, der Sexuelle Mann & das Asexuelle Jahrzehnt

Von | 23.12.2009, 16:06 | 20 Kommentare

Wie war der Sexuelle Mann in den Nullerjahren drauf? Sehr heimlich und diskret. Nur Hank Moody schwamm gegen den Strom.

Hank Moody by LiGado

 

Es begann furios, wie ein doppelter Tequila auf nüchternen Magen. Protagonist Hank Moody fährt in die Kirche, um Gottes Rat einzuholen. Sein Problem: Er kann nicht schreiben, „was irgendwie Arsch ist, weil ich Schriftsteller bin“. Aber soweit kommt es nicht, er wird von einer Nonne abgelenkt – die ihn gleich nach Kensucky einlädt, wohin sonst.

Die 2007 geborene TV-Serie dazu heißt natürlich „Californication“, wie das (erfolgreichste) Album der Red Hot Chili Peppers. Und an sich sollte die Erwähnung des Titels reichen, damit jeder mit Sinn für gutes TV im Bilde ist. Allerdings verschwand das Programm schneller von den österreichischen Bildflächen als du Koitus Interruptus sagen kannst. In Deutschland weiß niemand, ob nach Serie Zwei noch was kommt. Es gibt Websites, die danach forschen: „Du kennst Sender die Californication ausstrahlen?“

Californication Cast by Slayer X

Die Tochter, die Ex, der Agent, die Tochter des Boyfriends der Ex. Und Hank. Foto: Slayer X

Sollten Sie zu jenen gehören, die Hank Moody nicht mitkriegten, hier ein paar Demographics: Hank ist 40+ und frisch gebackener Single. Seine Frau Karin hat ihn verlassen, weil er seinen kleinen Hank „in alles steckt, was sich bewegt“ und man mit sowas keine Kleinbürgeridylle aufbauen kann. Allerdings haben Hank und Karin eine 12jährige Tochter namens Rebecca, die zwischen Mama und Papa pendelt („Papa, diese Frau hat keine Haare an der Vagina, ist sie krank?“), daher sind die Eltern mit einander häufig in Kontakt, was zum Austausch etlicher Nettigkeiten führt, von der Begrüßung („Den Blick kenn ich; genau der Blick, der meine Nüsse runzlig werden lässt“) bis hin zum Abschied („Bleib mit dem riesigen Arsch, den du bald hast, nicht in der Tür hängen.“) Man merkt, es ist Liebe. (Vorschlag: Klicken Sie auf die roten Worte, so kommen Sie zu Hank Live)

Foto: theinsider

Foto: theinsider

Allen Zärtlichkeiten zum Trotz ist Hank ziemlich meier. Er ist frustriert, weil Karin einen anderen hat (dessen Tochter unter Hank gerät). Frustriert, weil sein Agent Charlie (der gerade den Pornofilm „Vaginatown“ produziert) seinen einen Roman („Gott Hasst Uns Alle“) als Skript für eine billige TV-Soap verscherbelte. Frustriert, weil er weiß, dass er gewisse perfekte Momente nie erleben wird („Ich fände es wunderschön, wenn ich mir selbst einen blasen und dabei das White Album der Beatles furzen könnte, nur ist es mir noch nicht gelungen.“)

Es dürfte mittler Weile aufgefallen sein: Der Ton ist generell etwas explizit und passte im Rückblick also überhaupt nicht zu einem Jahrzehnt, in dem Sprachhygiene und Politische Korrektheit dominierten und über Sex kaum geredet wurde. Dennoch hob in den USA nach langsamem Beginn (2007) diesen Herbst die Serie Drei so stark ab, dass im Frühjahr nun auch die „Vierer“ kommt und heiß erwartet wird. Hank Moody hat sich in Amerika zu einem der großen TV-Charaktere des Jahrzehnts gemausert, nicht so populär wie House, aber wer auf den alten Gregory abfährt, der kann auch mit Moody.

Allerdings kann Moody nicht mit seiner Zeit. Die Nullerjahre gingen an ihm fast spurlos vorbei. Er hat weder mit Nerds was am Hut, noch mit den Höflichkeiten Sozialer Netzwerke. Seine technologische Aufgeschlossenheit endet mit dem Laptop, der wiederum nur Hass erzeugt, weil er an Schreibblockade leidet. Zum Internet hat er immerhin eine Meinung: „Wichsmaschinen für Analphabeten. Die Leute schreiben nicht mehr, sie bloggen. Statt zu reden chatten sie, ohne Grammatik, ohne Punkt und Komma, l-o-l hier, r-o-f-l da. Es ist, als würden ein paar blöde Menschen mit Hilfe eines sprachlichen Prototypen kommunizieren, der eher an Höhlenmenschen erinnert als das, was über Jahrtausende kommuniziert wurde.“

So weit, so klar, wenn auch nicht ganz: Auch Moody ist ein Blogger. Klar, „daher auch meine Selbstverachtung“, sagt er. Klar auch, dass er Alkoholiker ist („Wine is fine, but Whiskey is quicker“) und Drogen rüsselt. Was bleibt, ist Sex, unter anderem verbal. In seinem Blog („Hank Hasst Euch Alle“) listet er seine Haltung zur unerträglichen Leichtigkeit des Seins: „Erstens, ein Morgen voller Peinlichkeit ist besser als eine Nacht der Einsamkeit. Zweitens, ich werde wahrscheinlich nicht in die Geschichtsbücher kommen, aber garantiert in deiner Schwester. Drittens wär´s schön, wenn unten herum ein Hauch von Schamhaar zu sehen wär, nicht ein 70er Jahre Playboy-Busch oder sowas, nur etwas, das mich erinnert, dass ich Oralsex mit einer Erwachsenen praktiziere.“ (HIER auf Deutsch und HIER in Originalfassung)

Und das ist also Hank Moody. Oder besser, das war er, jedenfalls bei uns. Das Problem ist, dass nicht nur Hank Moody nicht mit den Nullerjahren konnte, die Nullerjahre konnten auch nicht mit ihm. Der sexuelle Mann stach im asexuellen Jahrzehnt so hervor wie ein rostiger Nagel, und sowas wird bekanntlich wieder rein gehämmert oder extrahiert.

Nicht dass in den Nullern kein Sex passierte, aber das (angloamerikanische) Schlagwort dazu war „Clandestine Sex“. Heimlicher, diskreter Sex. Online-Dating boomte, Gratisporno per Internet machte den Einhänder zur dominanten sexuellen Ausdrucksform, Spamsites wie „Adult Finder“ gerieten ungefragt in deine Mailbox, um dir zu flüstern, dass dich „8 heiße Feger“ treffen wollen. Ansonsten wurde Sex nur getextet.

Männliche Sexsymbole gab es zwar, nur waren es meist Metrosexuelle, also Leute, die ihren horizontalen Durst mit gehobenem Konsum löschten, der Mann trug nicht nur Parfum, es durfte auch was kosten.

Sexfilme gab es auch. Sie kamen linkisch süß daher wie der Teeniefilm „Juno“, der dem Geek Michael Cera vorüber gehend Aufmerksamkeit brachte. Sie wissen schon, jener „part time lover and full time friend“, der vor dem Küssen immer TicTac lutschte, sich fürs Joggen Deodorant auf die Oberschenkel schmierte und seine Juno denn auch nicht eroberte, sondern von ihr vernascht wurde.

Die Sexpertisen für Boys dieses Kalibers wurden von Gerti Senger & Co in Workshops über „Erektile Dysfunktion“ erarbeitet. Inzwischen, in den USA, bewies der Psychologe Ian Kerner, dass ein winziger Penis den richtigen Kerl (nämlich ihn selbst) sogar zum Millionär machen kann – indem man einen Bestseller zum Thema Cunnilingus schreibt. Wer braucht da noch einen Penis?

Das andere Syndrom – neben dem Halbsteifen – hieß Internetpornosucht. Womit wir wieder bei Hank Moody sind. Der wird bekanntlich vom Schauspieler David Duchovny verkörpert. Als Agent Mulder in Akte XY noch mit dem Charisma eines Hydranten unterwegs, hat Duchovny mit Moody die Rolle seines Lebens gefunden. Und seit er sich heuer wegen Internetpornosucht auf Rehab legte, ist auch nicht mehr ganz klar, wo David Duchovny endet und wo Hank Moody beginnt. Ganz sicher aber ist er meine Art von Motherfucker.

20 Kommentare »

  • Axel N. Halbhuber sagt:

    Hank wäre dagegen, soviel übers Vögeln zu reden. Duchovny auch. Aber wenn man gerade nicht vögelt, also für Zwischendurch, hat mir die Geschichte auch gut gefallen.

    • Manfred Sax sagt:

      Greetings, lieber Axel. Freut mich, einerseits. Andrerseits will ich nicht hoffen, dass die Lektüre der Story vom Drang zur Kompensation für karge Umstände (irgendwo im Pazifik zwischen West Coast und Japan, nehme ich an) motiviert war. All the Best, der sax.

      PS. Info für den Leser: Der Journalist Axel Halbhuber ist gegenwärtig nicht nur aber auch virtuell unterwegs.
      http://kurier.at/interaktiv/blog/weltreise/

  • majella reismann sagt:

    auf das das neue jahrzehnt ein sexuell erfüllendes 4
    all wird;-)))

  • majella reismann sagt:

    danke für euren austausch und für jean gabin;-))

    • Manfred Sax sagt:

      Ist das jetzt sexuelle Bescheidenheit oder Anerkennung für verbale Qualität, Majella?

      • majella reismann sagt:

        süß, sexuelle bescheidenheit wem gegenüber;-)
        verbalakrobatik, ach ja da klingelt was, vor langer zeit war ich mit einem liiert;-)

  • Kirsch sagt:

    das ist wirklich abscheuliche Macho-Schei..e, Herr Sax. Dieser David Duchovny war mir im Übrigen immer unsympathisch, schon in der Akte X mochte ich den nicht. Wenn ich das so höre, bin ich frohm, dass ich so selten fernsehe. Sie schreiben immer über kalten Sex, Erotik kommt bei Ihnen nie vor.

    • Manfred Sax sagt:

      Willkommen, Ms Kirsch, hab Sie schon vermisst. Ich sehe, der sax jun hat Sie da wieder von der falschen Seite gebürstet (dies ist im Sinn der veritablen Gerti Senger gemeint, die dem Mann bekanntlich mal riet, die Nippel nicht gegen den Uhrzeigersinn zu streicheln). Ein Tipp: Bleiben Sie doch bei „sax sen“ (ÜberIch) oder „sax“ (Ich). Der „sax jun“ ist nun mal im „Es“ zuhause, wo ihm der „Denker im Unterleib“ einflüstert. Der hat mit cerebraler Logik nix am Hut und die asexuelle politisch-korrekte Verkehrshygiene dieser Dekade ist ihm zuwider. Lieber surft er von einem chemisch-hormonellen Vokabular getriggerte Wellen (Testosteron-Überschuss sorgt da leider für eine gewisse Eindimensionalität), wo gute Manieren nichts verloren haben (überhaupt sind gute Manieren im Bett – „Hab ich Dir weh getan?“-„Nein, wieso?“-„Weil du dich bewegt hast.“ – keine gute Idee).
      Der Sexuelle Mann dazu ist kongenial (Hank Moody), häufig ein „schei.. Macho“, wie Sie sagen, so wie obiger geschmackvolle Witz. Daher wurde er in der Story auch als Auslaufmodell der (clandestinen) Nullerjahre präsentiert. Deswegen wird er aber nicht sich selbst verleugnen und wie ein wohlerzogener Gutmann daher kommen (der ist ihm sexuell zu vage, obwohl auch Hank sicher nichts gegen einen diskret-quicken Internetporno-Einhänder einzuwenden hat, wie er zum Inventar eines jeden anständigen Gutmannes gehört), zumal er der Meinung ist, dass das große Dilemma des modernen Mannes – der Halbsteife – mit der politisch-korrekten Sprachsäuberung in starkem Zusammenhang steht.
      Sie sehen, werte Kirsch, der „jun“ ist a bissi ein Simpel, das ist seine Natur. Und all seinen Beteuerungen, wie sehr er die Frauen liebt – ja vergöttert -, zum Trotz werden Sie so einen sicher nicht In Ihr Schlafzimmer lassen (Blümchensex hält er für Teeniekram, „Erotik“ für Filme von Just Jaeckin). Wozu ihn dann vor die Lesebrille holen? Wenn also in Zukunft in der „Sexklinik“ eine Story des „sax jun“ läuft, seien Sie gewarnt, dort geht es um Prä-ziviles, um Dinge, die dem „zivilisierten“ Mensch seit Jahrtausenden unangenehm sind (manchmal mehr, manchmal weniger) und dennoch immer wieder hochkommen – gegenwärtig vor allem als vorzeitiger Erguss.
      Kurz, es geht um eine vordergründige Phallus-Maskulinität, die bei Ihnen den falschen Busch markiert, wie Hank sagen würde. Am besten, sie ignorieren den „jun“ voll und ganz. Das wär auch dem „jun“ recht. Trotz aller „Kälte“ (als welche Sie die Primitivität des jun missverstehen) ist ihm der Gedanke, dass jemand ob seiner ungehobelten Schreibe rote Backen kriegen könnte, doch ein wenig unangenehm. Herzlichst, Ihr sax

      • soso. die uschimaus bewegt sich also nur, wenn’s weh tut. nun, da wird vieles klarer.

      • karotterl sagt:

        jö schön:D die h/eilige drei saxigkeit…
        der schmutzige sex unter der/die erde, ja für ein ordentliches katholisch gebildetes mädchen geht das natürlich gaaaarnicht
        kirschblüten haben mit sowas ja nix am hut;)…sarge, sir, kein wort, wenn ich bitten darf:D
        die edlen konstrukte des männlichen geistes sind ja auch dazu angetan, die unterwäsche zum schwitzen zu bekommen, hmmmmmmmm gut.
        und so unverfänglich.
        hochachtungsvoll, diese würdevolle trennung der abenteuer im kopf von den ausdünstungen des körpers, sagenhaft, grandios, bemerkenswert.
        bin hhhenzückt;)
        auf ein gutes neues jahr!

        • Manfred Sax sagt:

          ja, ja, teasen Sie mich nur, Karotterl, hab´s nicht anders verdient bei dieser mühevollen meta-betrachtung. nur ein einwand: mit „würde“ hat die trennung natürlich nichts zu tun. es geht um machbarkeit bei der umsetzung. Ihr sax

          • karotterl sagt:

            sax, nix läg mir ferner als einen sax zu ärgern. keinen der drei bitteschön;)
            als ordentlich wucherndes wurzelzeugs beschäftige ich mich ja doch immer nur mit mir selbst, sei da sax oder kirsche oder sarge, ich erschaff mir die welt und teas mich höchstens höchstselbst.

            • Manfred Sax sagt:

              schon gut, karotterl (es ist dieser tage nicht leicht, ironie andeuten zu wollen, wenn man auf die verwendung von emoticons verzichtet). hier aber noch was zum thema „erotik“. hab mich ein wenig online umgesehen und via „maedchenmannschaft“ einen beitrag (les-petits-plaisirs)dazu entdeckt. auszug:

              „Das Verschwinden der Erotik. … Persönlich frage ich mich, ob das Verständnis von Erotik sich einfach gewandelt hat, oder ob wir garnicht mehr sensibel genug sind, diese wahr zu nehmen. Sind wir abgestumpft? Oder bin ich abgestumpft? Dass ich subtile Erotik garnicht mehr erkenne, wobei sie doch noch vorhanden ist? Vielleicht kann mich ja jemand darauf aufmerksam machen, sollte letzteres der Fall sein. Ich lasse mir gerne helfen. Jedenfalls finde ich es immer sehr erfrischend, mir ältere Filme, aus den 50gern oder frühen 60gern anzuschauen, in denen auf diesem Gebiet nicht so dick aufgetragen wird, wie heute.“ http://bit.ly/8JmKUu

  • schön zu sehen, dass auch andere aus der gruppe revolutionärer machos (grm(noTM)) die dekade des purgatoire des politisch korrekten keimfreien dschenda maimschdrieming überlebt haben, wenn auch offenbar am morgen oft frustriert.
    ich persönlich halte es ja trotz allem lieber mit jean gabin und bin froh, dass schon im sommer zu erkennen:

    C’est encore ce qui m’étonne dans la vie,
    Moi qui suis à l’automne de ma vie
    On oublie tant de soirs de tristesse
    Mais jamais un matin de tendresse.

    http://www.youtube.com/watch?v=orDR4JA91F4

    • Manfred Sax sagt:

      Exzellente Wahl, Mister Furter. So kultiviert wird einem das Französische nicht alle Tage geboten. Cheers, Ihr sax

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