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Gnädigste & die 7 Todsünden 03. Zorn oder: die Rache ist mein

Von | 06.12.2009, 17:00 | 17 Kommentare

Erlebte Ungerechtigkeiten können in den roten Nebel führen. Dann sinnt man auf Rache. Süß …

Dies Irae in NY. Foto: Johnia!

Der Gedanke, dem aktuellen Gfrast einfach ein paar Hundstrümmerl vor die Tür zu legen oder dem Zorn durch wohlgesetzte Schnitte in Autoreifen etwas Luft zu machen, hebt sicherlich die Stimmung. Es ist auch nicht verboten, dem Feind Tripper oder Schweinegrippe an den Hals zu wünschen oder bei Gelegenheit Schimmelkäse hinter der Heizung zu applizieren,  auf dass dessen Wohnung so stinke wie sein Charakter.

Wir wollen uns hier jedoch nicht in banalen Varianten des Racheaktes verlieren, sonst heisst es noch, hier würden altbackene Ratschläge ohne therapeutischen Background erteilt.  Aber dosiert ausgelebte Rache kann nun mal heilsam sein. Muss ja nicht gleich in einen Rosenkrieg ausarten und fatal enden.

Es geht auch anders. Kleine, mit feiner Klinge ausgetragene Duelle können eine interessante Methode sein, Beziehungen auf absurde Art zu erfrischen. Ich kenne ein liebenswürdiges Ehepaar, das seiner eingerosteten Beziehung durch kleine inszenierte Fehden neue Kicks zu geben vermochte. Ziel war es, einander möglichst subtil eins auszuwischen, um sich so einerseits des Alltagsfrusts zu entledigen, andererseits im Verborgenen herrlich niederen Gefühlen wie Wut, Rachsucht und Neid hingeben zu können, ohne all dies in direkte Konfrontation ausarten zu lassen. Conclusio: Gewitzte Einfälle beiderseits auf intellektueller Ebene honoriert, das zweite Gesicht des Partners als durchaus erotisch empfunden. Nicht einmal wurde der (vermeintlich) Fremde im Bett für das kürzlich gelegte Ei ordentlich in die Pflicht genommen, um so wieder Balance in das ungleiche Machtverhältnis zu bringen.

Der Racheanschlag ist die roheste Offenbarung des ureigenen Rechtsempfindens – und setzt natürlich radikalen Gerechtigkeitssinn voraus. Ich persönlich gebe zu, nicht nur radikal zu sein sondern auch den Begriff „Anschlag“ nicht auf eine Schreibmaschine zu begrenzen. Gnädigste hat sich in diesen Belangen schon die eine oder andere Sünde geleistet.

Es konnte passieren, dass ein unliebsamer, hinterfotziger und intriganter Reisegenosse mal kurzerhand mit Abführpulver zwei Tage außer Gefecht gesetzt wurde. Oder dass einem Kurzweiler nach beziehungstechnisch schwer unter der Gürtellinie angesiedeltem Infight während eines Stopovers in Bangkok unvermutet Bitterschokolade in den Schritt seiner cremeweissen Leinenhose geriet, was ihn – zugegeben – schließmuskelmäßig etwas herausgefordert erscheinen ließ.

Aus aktuellem Anlass: Allerfeinst ist die Form des Vergeltungsschlags, bei der man sich nicht die Hände schmutzig macht, weil er auf erfreulichem Zufall basiert. Nichts Böses im Sinn, schultert man etwa beherzt sein (Zorn)Binkerl, macht sich auf den Weg und zieht beim Kehrtschwung am Absatz dem in der Nähe lauernden Feind versehentlich mit dem Trum gleich eins über. Besser geht´s nicht. Persönlichen kreativen Varianten eines solchen Szenarios sei hier ausreichend Spielraum gelassen.

In der archaischen Gesellschaft wurde so ein kleiner, von Rachegelüsten getriebener Amoklauf durchaus als legitimes Mittel angesehen, für ausgleichende Gerechtigkeit und sozialen Frieden zu sorgen. Meine kleinen Fehltritte erscheinen mir – unter diesem Aspekt betrachtet – nicht ganz so dramatisch. Leider vergisst man allzu leicht,  dass der aktive Rächer seinerseits wieder Unrecht verursacht. Und die Rache dafür bleibt wiederum nicht aus, auch das ist wahr. Die ewige Täter-Opfer-Spirale. Aber man kann, sagt meine Erfahrung, mit den Folgeschäden für kleine Verfehlungen ganz gut leben.

Also nur keine Angst.

Zur Zähmung des Bedürfnisses nach Vergeltung könnte natürlich alternativ eine Bußleistung (Baden in Brennesseln?) eingefordert werden. Man könnte sich auch ganz der christlichen Tugend und dem großmütigen Verzicht auf das Ahnden von Verfehlungen verschreiben. Auch Nietzsche  sieht in der Vergebung  „die gute Rache“.  Soweit die Theorie.

Setzt man aber so gar keine Aktion zum Ablassen des Dampfes, entwickeln sich in der Praxis unterschwellig wabernde bis offensichtlich extreme Ressentiments (sich selbst oder anderen gegenüber, je nach persönlichem Selbstwertgefühl). Ein Zustand, der blockiert. Von unreflektierter Vergebung und dem Einnehmen einer verständnisvollen Opferrolle halte ich daher genau nichts. Ein bisschen Randale schadet nicht, wenn`s persönlich befreit.

Die alttestamentarische Devise lautet für die Aktiven dann „Auge für Auge, Zahn für Zahn“. Der Talionsformel (talio = Vergeltung) nach empfiehlt es sich, der jeweiligen Gretzn maximal nur den Schaden zuzufügen, den man selbst erlitten hat (also niemandem für den Verlust einer Wimper die Eier auszureißen). Der Spruch ist eher als empfohlenes Regulativ für den Rachefeldzug zu verstehen, denn als eine Aufforderung, jemanden gänzlich zu vernichten.

Die Gerechtigkeit soll ausgleichen, nicht endlösen.

Wann ist es aber genug? Wer nach Rache strebt, hält seine eigenen Wunden offen, sagte schon die gute Beauvoir. Sinnvoll daher, den Rachedurst wenigstens zeitlich zu beschränken, alles andere wäre Selbstschädigung. Ewig rachsüchtige Menschen bringen sich um Lebensfreude und geraten durch den ständigen versessenen Blick in den Rückspiegel langfristig ungewollt auf Kollisionskurs mit dem nächsten fiesen Subjekt in der Gegenwart.

Ich empfehle daher – nach angemessener Phase des Zorns, des Selbstmitleids und der Vergeltung –  die persönliche Verdammung des jeweiligen Racheobjekts zur vogelfreien Existenz; in Form von simpler Ächtung.

Sollte man für seine negativen Energien selbst dann noch einen Kanal suchen: Ein mehrjähriger Rachefeldzug steht auf keiner Kalorientabelle. Es ist jedoch anzunehmen, dass er sich recht kräfteraubend gestaltet. Solange der Racheakt also aus medizinischer Sicht noch nicht zur neuen bahnbrechenden Diätform des 21. Jahrhunderts gereift ist, empfehle ich eine sinnvollere Nutzung der überschüssigen Energien sowie den Ausstieg aus dem negativen Kreislauf.

Statt sich für Frechheiten diverser Kretins negativ reziprok zu rächen, lieber auf schöne Menschen und deren positive Handlungen im persönlichen Umfeld konzentrieren. Das ist die bessere Revanche.

17 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    ..ich halt es da mit osho:
    niemand hat interesse daran, dich zu verletzen, jeder ist nur mit seinen eigenen wunden beschäftigt.

    • Simone sagt:

      Wie wahr liebes Gemüse..
      Es ist darüberhinaus aber generell recht ratsam – ob Wunde oder nicht – sich irgendwann nicht mehr nur dauernd mit sich selbst sondern mit anderen schönen Dingen oder Menschen zu beschäftigen.
      Das verändert auch so einiges – und heilt.

      • pueree sagt:

        wie wärs mit sowohl als auch :)

      • karotterl sagt:

        hmmmmmmmm gut gut
        ein einatmen und ein ausatmen
        und alles zu seiner zeit
        anspannen, entspannen
        die wurzeln nach unten
        den schopf nach oben
        aber ganz entspannt
        jajaja
        ich üb ja schon
        :D

  • pueree sagt:

    liebe gnädigste,
    wieder mal gut geschrieben, doch muß ich als andersgläubiger, wie du weißt, noch ein wenig dazu anmerken.
    ich kann die gelüste des zorns und der wut aus diversen verletzungen nur allzugut verstehen, doch versuche ich seit geraumer zeit, die wurzel allen übels zu vermeiden. und die sind im buddhismus eben erwartungen, vorurteile, wünsche, leidenschaften u emotionen (wie hass, neid, mißgunst,…). man versucht nur im jetzt zu sein und nicht irgendwelchen erwartungen und idealvorstellungen nachzueifern bzw. vergangenem nachzutrauern. dadurch lebt man eben im fluss des universums und wehrt sich nicht dagegen. denn man kann sich nicht dagegen stellen:
    „…wenn alle anhaftungen abfallen, wirst du verständnisvoller, und dein leben mit anderen wird friedlicher, denn du hoffst nicht mehr. für alles, was geschieht,bist du dankbar. und bei allem, was nicht geschieht, weißt du, dass es nicht geschehen kann. auf einer tiefen ebene nimmst du alles an. du versuchst nicht, die realität deinen wünschen zu unterwerfen. du beginnst loszulassen und mit der realität eins zu sein, mit ihr in harmonie zu sein…“

    in diesem sinne, noch schöne rache :)

    pueree

    • Simone sagt:

      Herr Pueree,
      sehr freundlich von Ihnen. Weiters: Ich bin an sich (fast) ganz bei Ihnen.
      Einziges, leider schon chronisches Missverständnis hier: Bitte nicht mir schöne Rache wünschen > gute Laune, kein Interesse. Aber: Lasst doch die Gnädigste ein bissl provokativ auf Abwegen spazieren gehen!

      Innige Grüße,
      Ihre Gnädigste

  • sehr schön.

    aber wie war da noch mal das im mittelteil?

    • Simone sagt:

      FnF!

      Auch sehr schön.

      Im Mittelteil wird einerseits auf eine kleine lässliche Jugendsünde Bezug genommen – man kann froh sein, dass dies so gimpflich ausging. Weiters handelte es sich bei Aktion2 um einen durchaus ganz humorvollen Kurzweiler, der mir, was den Einfallsreichtum anlangt, da um nichts nachstand. Nur kein Mitleid – da kam jeder in Wahrheit jeweils nur mit einem lachenden Auge zu Schaden.

      Und zu den Zufällen: Es steht jedem frei sich irgendwo zu positionieren. Blöd wenns grundsätzlich schon die falsche Stelle ist – zB die, dass man aus eigener Sicht der Mittelpunkt des Weltgeschehens ist. Noch blöder, wenn man sich dann persönlich und absichtlich auch noch getroffen fühlt. Und das amüsiert einen nachträglich dann durchaus, wenn Vergeltungsschläge so garnicht gewollt waren. (Ich kann da einerseits mitfühlen – andererseits: Wer viel redet erfährt nichts. Empfehle dahingehend einfach, sich selbst und das Weltgeschehen mehr zu hinterfragen, könnte ungemein entspannen.)

      Regards,
      Gnädigste

  • Sakristan Biringer sagt:

    Gefürchtete Gnädixte,

    schon wieder ein paar vor-/ratschläge, die sich diesfalls sogar gewissermassen als vorratsschläge für späteren gebrauch konservieren liessen. Exquisit, famos!

    Aber: rache ist nicht süss. Sie ist sauer. Sehr sauer. Weil sie und die entwicklung ihrer ausführung einen stets an ihre ursache erinnert. Das vergiftet von innen heraus. Und ruiniert einen letztlich selbst.

    Also: den gegner mit versöhnung schocken. Das nimmt ihm nicht nur wind aus den segeln, es stellt ihn auch nachhaltig auf glatteis. Ausser er ist das böse schlechthin – dann nutzt er die gelegenheit und sticht nochmal zu. Was dann mutmasslich nochmal wehtut, aber auch befreit. Von jeglicher rücksichtnahme bei der dann folgenden umso skrupelloseren rache nämlich.

    Und nun muss ich noch persistenter nach fallbeispielen aus ihrer persönlichen erfahrung betteln, als letztens. Auf welchem kanal auch immer …

    Sich verzehrend,
    Ihr biringer.

    • Simone sagt:

      Verehrter Biringer.

      hab gestern sofort nach Publikation ein Sedativum eingenommen und auf
      die schneidigen Kommentatoren gewartet. Ob dessen früh ein- und heute gut ausgeschlafen,lächelt ihnen eine entspannte Gnädigste entgegen. Sie huldigt somit ihrer intelligenten Wortspende,möchte aber anmerken, dass Rache eigentlich also weder süss noch sauer – sondern wenn schon dann bitter
      ist. Und ich konnte bitteres Zeug noch nie leiden. Zusammenfassend scheint uns die dramatische Schuld und Sühne-Thematik in Wahrheit persönlich scheinbar nur wie ein leiser Windhauch gestreift zu haben. (Ich befürchte fast – ich wage es kaum auszusprechen – wir könnten das eine oder andere ähnlich sehen bzw. gemeinsam haben. Du liebe Güte!)

      Neugierig sind Sie? Nun,dann gehen Sie schleunigst Ihrer Profession nach.
      Öffnen Sie die Pforten, zünden Sie ein paar Kerzerl an und bereiten liturgische Gefäße für ein christliches Gelage vor.Ich lege gerne eine Beichte ab (obwohl Sie diese gar nicht abnehmen dürfen). Da werden Sie von ganz allein die Glocken läuten hören, da brauchen Sie sich dann darum auch gleich nicht mehr bemühen.

      Aber Sie müssen schon damit rechnen, daß Gnädigste Ihnen vielleicht auch hier bloß auch hier eine weitere Geschichte auftischt. Vielleicht aber auch nicht -man kann nie genau wissen…

      Schon sehr aufgeregt,
      Ihre Gnädigste

      • Sakristan Biringer sagt:

        sündige gnädigste,

        meine sakristei steht Ihnen jederzeit offen – der beichtstuhl gehört anderen. was den vorteil birgt: wer mir beichtet, dem kann ich in die augen blicken!

        kerzen brennen bei mir auch jederzeit. und die liturgischen gefäße mögen sich wohl ganz von selbst füllen, wenn der anlass entsprechend ist. aber auch wenn Sie mich hier nun so charmant mit dem glöckner verwechseln möchten: buckel hab ich noch keinen, wiewohl für einen solchen auf der breite meines rückens durchaus noch platz wäre …

        zudem muss ich gestehen: mittlerweile nähme ich sogar geschichten im kauf, wenn ich Ihnen dafür auf allen kanälen begegnen darf.

        so denn: wie kommen wir zsamm? wie schon heinz conrads wußte: so jung jedenfalls nimmer …

        hoffnungsfroh,
        Ihr biringer.

        • Simone sagt:

          Ja sagens, Biringer!

          Ihre Neugier freut und ehrt mich ja – aber Sie sind schon recht leicht zu entflammen muss ich sagen. Nunja. Ich verbuch das jetzt mal inzwischen, geblendet von meinem eigenen Schein, trotzdem auf mich.
          Dann kann ich demnächst zum Thema Hochmut etwas mehr berichten..

          Sie, hörens: Ich muss mir nur noch bis zum Wochenende ein paar wilde Geschichten ausd.., pardon, aus meiner Erinnerung kramen meinte ich natürlich. Ich wollten Ihnen ja zusätzlich auch ein paar kreative Vorschläge für sündiges Lustvolles unterbreiten, nicht wahr?

          Gnädigste urlaubt nämlich dann in Wien, wird ihre Sakristei alsdann sofort stürmen…halten Sie sich also fest.

          Suchen Sie mich nicht. Ich werde Sie finden.

          Conrads, hin oder her, soviel sei jedenfalls versprochen:
          Wir werden bis dahin nicht allzu viel älter geworden sein!

          Yours,
          G.

  • majella reismann sagt:

    Vergib deinen Feinden, aber vergiß niemals ihre Namen. John F. Kennedy
    und „Setz dich an einen Fluss und warte: die Leichen deiner Feinde werden schon bald vorüber treiben.
    Indianisches Sprichwort“ – fahre ganz gut damit.
    Wird uns nicht aber in allem und jedem immer nur etwas wichtiges von uns gespiegelt? Vom Außen wird etwas in uns aufgerissen, das uns verletzt, das wir nicht annehmen können, wollen. Früher durfte man Rache üben, es war edel. Heute wissen wir das es eine bessere Rache gibt. Seine aufgerissen Wunde beachtend annehmen. Die Ursache erkunden – für heilende Wirkung sorgen. Damit – auf schöne Menschen mit positiven Haltungen und Taten zugehen um miteinander Freude zu erleben.
    Das ist die Rache des Herrn, denn, der Neid ist das Zuhause des Feindes.
    Ätsch!;-)

    • Simone sagt:

      Dem Kommentar möchte ich nur ein Lächeln von Herzen schenken –
      ja, dort bin auch ich daheim. Hugh!

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