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Popkultur im 21. Jahrhundert: Vom Mashup zur Wirtschaftskrise und zurück

Von | 02.12.2009, 12:00 | 2 Kommentare

Die vernetzte digitale Welt erlaubt endlose Kopien und neue Kulturtechniken. Die können sogar die Weltwirtschaft ruinieren. Der Guardian widmet sich schon seit Wochen der Reflexion über die Nullerjahre. In seiner Überfülle ist der Channel jedem zu empfehlen. Und fruchtbar ist er obendrein. Dorian Lynskey hat dort etwa den prägendsten Song des Jahrzehnts gekürt: “When Christina [...]

Foto: flickr.com/blyzz, Lizenz:  cc-by-nd

Foto: flickr.com/blyzz, Lizenz: cc-by-nd

Die vernetzte digitale Welt erlaubt endlose Kopien und neue Kulturtechniken. Die können sogar die Weltwirtschaft ruinieren.

Der Guardian widmet sich schon seit Wochen der Reflexion über die Nullerjahre. In seiner Überfülle ist der Channel jedem zu empfehlen. Und fruchtbar ist er obendrein. Dorian Lynskey hat dort etwa den prägendsten Song des Jahrzehnts gekürt: “When Christina met the Strokes: the song that defines the decade”.

Der Song, den er meint, heißt „A stroke Of Genius“ und ist eigentlich kein Song im herkömmlichen Sinn. Er besteht aus Teilen von „Hard To Explain“ von den Strokes und Christina Aguileras Gesangslinie in „Genie In A Bottle“. Dieser simple und effiziente Mashup des Briten Roy Kerr alias Freelance Hellraiser erschien im Herbst 2001 und rockte damals, wie man so sagt, die Clubs. Sicher, es gab in den Nullerjahren viele andere Mashups, doch Lynskey erläutert sehr schlüssig, warum er gerade diesen ausgewählt hat: Er zeigt, wie mühelos sich heute scheinbare Gegensätze (der Indie-Rock der Strokes und der Charts-R’n’B von Aguilera) zu einem originären Ganzen verschmelzen lassen.

Pop, so Lynskey, sei in den Nullerjahren maßloser geworden als je zuvor. Das hat mit einem radikal veränderten Konsumverhalten zu tun. Der Sammler mit seinen tausenden CDs und Platten ist zwar nicht ausgestorben, aber er ist nun keine Ausnahme mehr, sondern der Durchschnitt. Mit dem einzigen Unterschied, dass er sich einen Dreck um die Distinktionsmechanismen von früher schert. Auf seiner Festplatte und seinem Player landet alles, wofür er sich gerade interessiert. Genregrenzen sind bei solcher Maßlosigkeit kein Thema mehr.

Es war zwar schon immer recht simpel, digital verfügbare Werke miteinander zu verbinden. Doch durch das Netz als allseits verfügbarer Aggregator unserer Kultur rücken sie von selbst so nahe zusammen, dass sich daraus eine neue Kulturtechnik entwickeln konnte. Der Mashup ist eine Kunstform, die aus der permanenten Verfügbarkeit seines Rohmaterials entsteht.

So weit, so Musik.

Der Mashup hat leider auch einen bösen großen Bruder, das Copy & Paste – ebenfalls eine Kulturtechnik, die das kulturelle Verhalten der Nullerjahre gepägt hat wie keine andere. Copy & Paste ist nie ein kreativer Akt – und sehr oft Diebstahl. Davon können etwa Universitätsprofessoren erzählen, die Abschlussarbeiten vorgelegt bekommen, die unreflektiert kopierte und eingefügte Passagen enthalten.

Die Grenzen zwischen Mashup und Copy & Paste sind nicht klar definiert, was zu zahllosen Grabenkämpfen führt. Wieder einmal sei hier noch die Medienbranche als Beispiel bemüht, die jahrelang ihre Inhalte ins WWW geschickt hat und nun das Gefühl hat, dort draußen bestohlen zu werden. Etwa, wenn ein Blogger ausführlich aus dem Text eines Medienunternehmens zitiert und drei persönliche Sätze darunter schreibt – der Blogger nennt das einen kreativen Akt (im Sinne des Mashup-Gedankens), der Urheber nennt es Diebstahl (im Sinne des Copy & Paste). Recht haben beide, wohl auch, weil einander im vernetzten Raum tradiertes Urheberrecht und gelebtes Recht diametral gegenüber stehen.

Letztlich wurde sogar die Wirtschaftskrise durch einen genialen Mashup ins Rollen gebracht: den Credit Default Swap, ursprünglich eine Art Kreditversicherung. In der Theorie ist er eine tolle Sache (und bescherte seit seiner Erfindung im Jahr 1997 durch Blythe Masters von JP Morgan) sicher vielen Bankern feuchte Träume. Aber in der Praxis wurde er durch simples Copy & Paste zu einem der Auslöser der Wirtschaftskrise. Jeder übernahm ihn ohne Nachdenken, und irgendwann war er so oft kopiert weiterverkauft, dass keiner mehr sagen konnte, wer hier überhaupt wem etwas schuldet. Leider weiß ich weder mehr, wo ich es gelesen habe, noch den Urheber, aber im Zuge der ausufernden medialen Ursachenforschung zur Wirtschaftskrise bin ich einmal über das Zitat eines Bankers gestoßen, der sinngemäß sagte: An der Wirtschaftskrise seien letztlich die vernetzten Computer schuld. Sie brächten Zahlenkolonnen zusammen, die nicht zusammen gehören. Und das geht dann so lange, bis keiner mehr den Durchblick hat.

So gesehen hat die Popkultur hier eine Vorreiterrolle in den rückblickend eher als inhaltsleer wahrgenommen Nullerjahren eingenommen. Sie hat mit Mashups und Copy & Paste leben gelernt. DJ Danger Mouse, der 2004 das White Album der Beatles mit Jay-Zs Black Album zum Grey Album mischte, ist heute ein gefeierter Produzent. Der Musiker und Videokünstler Kutiman bastelt aus Youtube-Videos eigene Songs und entwickelt damit virale Qualitäten. Und unzählige andere Beispiele ließen sich auch noch finden.

Mashup und Copy & Paste sind Kinder des Netzes. Wie das Netz sind sie gekommen, um zu bleiben. Und wie das Netz stellen sie uns täglich vor neue Herausforderungen. So gesehen haben wir wieder einmal was gelernt aus diesen Nullerjahren.

Hier der Vollständigkeit halber noch drei Videos zum Text:

Der Aguilera/Strokes-Mashup “A Stroke Of Genius”

Kutimans Youtube-Mashup “The Mother Of All Funk Chords”

Und noch ein ein persönlicher Klassiker: Hitler rappt.

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