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Premier League Spezial. Wenger Knows My Arse 09. Das Jahr des Minotauros

Von | 30.11.2009, 16:22 | Ein Kommentar

Es gibt Zeiten, da nützen weder Ausreden noch Jammern. Dann muss dem Gegner gehuldigt werden: Minotauros Drogba ist der Größte. Es war Halbzeit, das Match so gut wie gelaufen (0-2), und die Arsenalfans motzten bereits via Web. „Ich weiß, wem Wenger die Schuld geben wird“, schrieb Co-Fan Martin Brennan. „Dem Regen. Dem Schiedsrichter. Den Mätzchen […]

Mann des Moments. Foto: commons.wikimedia

Mann des Moments. Foto: commons.wikimedia

Es gibt Zeiten, da nützen weder Ausreden noch Jammern. Dann muss dem Gegner gehuldigt werden: Minotauros Drogba ist der Größte.

Es war Halbzeit, das Match so gut wie gelaufen (0-2), und die Arsenalfans motzten bereits via Web. „Ich weiß, wem Wenger die Schuld geben wird“, schrieb Co-Fan Martin Brennan. „Dem Regen. Dem Schiedsrichter. Den Mätzchen von Drogba. Allen, nur nicht sich selbst.“

Der gute Martin kennt den Manager seines Teams. Katastrophales Wetter, sagte Arsene, und natürlich haderte er auch mit dem Schiedsrichter. Nur beim Thema Drogba konnte er sich Respekt nicht verkneifen: „Ein großer Spieler“, meinte er. „Eigentlich seltsam, weil er wenig macht. Aber das Wenige macht er gründlich. Leider ist er gerade in einer Phase, da muss er den Ball nur treffen, und schon ist er drin.“

He´s Black! He´s Big! He Will Win The League! Foto: Stefan Meisel

He´s Black! He´s Big! He Will Win The League! Foto: Stefan Meisel

Ja, so kann man sagen. Hier das wesentliche zum gestrigen Schlager Arsenal gegen FC Drogba: Minute 42 – Flanke des Chelsea-Verteidigers Ashley Cole von links, Drogba reagiert schneller als sein Manndecker Thomas Vermaelen (0-1). Minute 44 – identes Spielgeschehen, allerdings reagiert diesmal Vermaelen schneller, kann aber mit dem Schnauben Drogbas im Nacken den Ball nur ins eigene Tor abfälschen. Minute 86 – Freistoß aus 25 Metern Distanz. Arsenal-Goalie Almunia „lädt“ Drogba in die rechte Ecke und ist vom Erfolg der Einladung so überzeugt, dass er sich nach erfolgtem Abschuss alsogleich in die fragliche Ecke begibt. Nur hatte Drogba Almunias „Plan“ gewittert und den Ball Richtung andere Ecke geschickt – wo Almunia nun nicht mehr stand. Ende des Spiels, Ende der Meisterhoffnungen Arsenals (Chelsea hat elf Punkte Vorsprung auf die Gunners).

Eigentlich wollte ich heute früh gleich mal zur Polizei und eine Strafanzeige gegen Chelsea FC erstatten. Wegen Kindesmisshandlung. Arsenal gegen Chelsea, das war kein Spiel zweier Spitzenteams, es war eine meisterliche Verarschung von elf Halbwüchsigen. Stiere gegen Kälber. Am liebsten wollte ich „unfair!“ heulen, nur fiel mir beim Vergleich mit den Kälbern das erste Spiel des CL-Semifinales Ariadne Barcelona gegen Minotauros Chelsea wieder ein. Das war ähnlich, wenn auch die Unterschiede nicht so krass. „Was hat man bei Barcelona erwartet – Sandkiste?“, schrieb ich damals, und: „Guus Hiddinks Chelsea war simply Chelsea, das ist die Londoner Variante eines Schnitzelwirts: Fleisch weichklopfen, dann panieren.“

Geändert hat sich seither, dass Hiddink´s Chelsea nun Carlo Ancelottis Chelsea ist. Und hier ist wohl eine kleine Abbitte fällig. Meiner Meinung nach war Ancelottis 4-4-2-System für die Premier League ungeeignet, weil veraltet. Mit 4-4-2, dachte ich, ist das Mittelfeld zu dünn gesät, und ein guter Gegner wird dann das Spiel dominieren. Kein falscher Gedanke. Immerhin war Arsenal gestern 63% der Spielzeit in Ballbesitz. Leider Abteilung impotent. Die spielentscheidenden Akte passierten während der anderen 37% der 90 Minuten. Sie passierten, als sich Minotauros Drogba vom Labyrinth der gegnerischen Beine befreien konnte.

Und hier liegt Ancelottis taktischer Geniestreich begründet: In der Befreiung des Minotauros aus dem Labyrinth. Um das verständlich zu machen, sei hier etwas grobe griechische Mythologie eingeschoben: Die Kreatur war die Frucht des Leibes der Pasiphaé, Gattin des Minos, und der Samen kam vom Kretischen Bullen. Als nun der Minotauros heranwuchs, wurde er unbezähmbar, also ließ Minos ein Labyrinth konstruieren, in welchem das Ungetüm fortan hauste.

Zurück zu Chelsea. Vor Ancelotti war sich eine ganze Reihe von Chelsea-Managern (José Mourinho, Avram Grant, Hiddink) bewusst, welch monströse Kraft in Drogbas Schenkeln steckte. Allerdings wurde er stets im Alleingang auf den Gegner gehetzt und verhedderte sich allzu oft im Dickicht der Verteidigung des Gegners. Erst Ancelotti erkannte den Weg der Befreiung Drogbas aus dem Labyrinth: Man stelle ihm einen zweiten Stürmer zur Seite. Natürlich hilft es, dass dieser Stürmer nicht irgendein Stürmer ist, sondern die Nummer 9 des Französischen Nationalteams – Nicolas Anelka. Mit diesem Doppelpack – und abgesichert von den beiden Planierraupen im Mittelfeld – die nicht minder Angst einflößenden Afrikaner Michael Essien und Jon Obi Mikkel – stand nun jeder Gegner vor einer (bislang) unlösbaren Aufgabe: Drogba zudecken? Dann schießt Anelka die Tore. Beide manndecken? Ein Leibwächter allein war für Drogba noch nie genug.

Fan by Stefan Meisel

Fan by Stefan Meisel

In seinen elf Spielen gegen Arsenal hat der 31jährige Mann von der Elfenbeinküste nun zehnmal getroffen, in der laufenden Saison steht er bei 14 Treffern und ebenso vielen Assists. Wie die Dinge liegen, sind Drogba und Anelka gegenwärtig das ultimative Stürmerpaar. Man kann für die Blues aus Westlondon heuer nur Großes prophezeien, den Meistertitel sowieso und beim Gedanken, wer Chelsea die Champions League streitig machen könnte, versagt mir die Fantasie.

Nun ist es zwar so, dass der originale Minotauros von einem gewissen Theseus bezwungen wurde. Allerdings nur, weil ihm die schöne Ariadne den Weg ins Labyrinth wies. Und wie die Dinge liegen, steht die Ariadne von heute im Sold von Ancelotti und also im Lager des Minotauros. Eine unbesiegbare Mischung, würde ich sagen.

Waynes Shirt by Captain Sticky

Waynes Shirt by Captain Sticky

Die Highlights der Runde.  Ein Hattrick von Wayne Rooney gegen Portsmouth sorgte dafür, dass ManU in Tuchfühlung zu Tabellenführer Chelsea blieb (Endstand 1-4), in einem hässlichen Spiel bezwang Liverpool die Lokalrivalen von Everton (2-0), Gianfranco Zola´s Westham United und Aufsteiger Burnley sorgten für das trefferreichste Spiel (5-3), ManCity leistete sich im Heimspiel gegen Abstiegskandidat Hull das siebente Remis in Serie (1-1), die weiterhin Maierhoferlosen Wolves gewannen auch gegen Co-Nachzügler Birmingham null Punkte (0-1), Aston Villa remisierte gegen Tottenham (1-1), was beiden Teams nicht nutzte. Fazit: Niemand wird den Minotauros bremsen können, und der eine Trost für Arsene Wenger ist, dass der November nun endlich vorbei ist.

Ein Kommentar »

  • Buffy „Dämon“ Ettmayer sagt:

    Verehrter Sportsfreund Sax!

    Was für ein herrlicher spielanalytischer Doppelpass zwischen den Nachbetrachtungen zu Chelsea – Barcelona und Chelsea – Arsenal! Mit einem überraschenden, aber durchaus einleuchtenden Abschluss: Kindesmisshandlung. Die Delinquenten werden dazu verurteilt, Meister zu werden.
    Was auch zur Belastung werden kann.
    Ich hoffe nur, das Londoner Junggemüse wurde durch diese Begegnung mit dem italienisch angerührten Beton nicht völlig entwurzelt. Und mit Ihrem Erklärungsversuch (Befreiung aus dem Labyrinth) haben Sie natürlich den Nagel auf dem Kopf getroffen bzw. den Wenger am Gesäß. Das Phänomen Droba lässt sich am besten mit Hilfe der Mythologie erklären, auch wenn die Urgewalt seines Auftretens auf dem Platz sehr (geistes)gegenwärtig ist.
    Denken wir aber auch daran, dass diesmal Van Perseus nicht ins Geschehen eingreifen und somit den Minotaurus nicht zu Stein erstarren lassen konnte. Van Perseus, eine Schlüsselfigur und derzeit tragischer Held der Londoner Fußballmythen, erholt sich ja gerade von seinen im Kampf erlittenen Verletzungen.

    Es könnte 2010 tatsächlich das Jahr des Minotaurus werden, so wie 2009 das Jahr des Messi war. Nationale Meisterschaft, Champions League-Titel und WM in einem Jahr – schafft einer diesen Hattrick?
    Drogba, Messi, Ballack, Rooney, C. Ronaldo, Iniesta, Buffon – alle noch im Rennen. Sogar der Beckham, der alte Milanese und Lustmolch. Und der Anelka. Obwohl, den sehe ich keinen WM-Pokal stemmen. Außer Zidane übernimmt die Tricolores.
    Auf wen tippen Sie, werter Sax? Einer, keiner, oder doch ein Brasilianer?
    Und wie wäre es mit einem diesbezüglichen Voting auf diesem hübschen Portal?

    Mit dem Ausdruck aufrichtiger Bewunderung
    Ettmayer, Dämon

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