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Gladius29. Emoticons oder: Tanz der Strichmännchen

Von | 29.11.2009, 14:54 | 15 Kommentare

Heutzutage kriegt man kaum noch Sätze zu lesen, die nicht mit einem seltsamen Strichmännchen enden. „Vater, vergib mir, denn ich bin ein Sünder.“ Es gab Zeiten, da war dies mal eine klare Ansage. Wenn ich den Satz im Beichtstuhl hörte, stellte ich mich auf ein paar Minuten Menschliches ein, sagte „sprich, Tochter“ oder „sag an, […]

Evil Emoticon. Foto: wstera2

Evil Emoticon. Foto: wstera2

Heutzutage kriegt man kaum noch Sätze zu lesen, die nicht mit einem seltsamen Strichmännchen enden.

„Vater, vergib mir, denn ich bin ein Sünder.“ Es gab Zeiten, da war dies mal eine klare Ansage. Wenn ich den Satz im Beichtstuhl hörte, stellte ich mich auf ein paar Minuten Menschliches ein, sagte „sprich, Tochter“ oder „sag an, Sohn“ und blickte auf die Uhr, um einen ungefähren Richtwert zu haben, wie viele Vaterunser ich den Sündern aufbrummen werde. Der Rest hing von der Widerlichkeit der Dinge ab, die ich zu hören bekam.

Auch in geschriebenem Zustand geben mir die acht Worte keine sonderlichen Rätsel auf. Sie sagen mir, dass den Absender der Schuh drückt und er was los werden will, um sich dann besser zu fühlen. Nicht dass mich sowas übermäßig neugierig macht. Man ist ja leider allzu sehr daran gewöhnt, dass die Leute ihren Müll bei unsereins kübelweise entsorgen.

Kompliziert kann es aber werden, wenn hinter so einer Wortgruppe an Stelle des abschließenden Punktes noch was steht, nämlich eine Art Stempel. Ein Bildchen aus Punkten, Strichen und Klammern. Und na gut, wenn hinter obigem Satz etwa :-( zu finden ist, dann kann ich mir noch einen Reim daraus machen. Der Absender meint wohl, dass „vergib mir Sünder“ den Grad seiner Zerknirschtheit nicht ausreichend illustriert. Was aber soll ich denken, wenn er die Klammer umdreht – :-) – und der Bock zum Sünder somit eine lauthals lachende Seite offenbart? Nun, dann denke ich, dass mich da wer verarschen will.

:-) und :-( sind heutzutage ja nur mehr zwei  einer wahren Heerschar dieser Putzi-faces. Sie kommen zwinkernd ;-) , lauthals lachend :D oder eben auch grantig, unlängst kam einer mit Sonnenbrillen daher 8-), und vorgestern gab mir wer diesen da :-d und ließ nach Rückfrage verstehen, dass er damit seinen „trockenen (= d wie dry) Humor“ illustrieren wollte. Unlängst wollte mir jemand auch einen „Skype-chat“ aufschwatzen. Als ich dann bemerkte, dass dort gar 72 dieser Symbölchen zur Verfügung stehen, verzichtete ich auf den Download. Denn das eine Zeichen, welches in diesem Zusammenhang nun wirklich Sinn ergäbe, stand nicht zur Verfügung. Liebe Lesergemeinde, ist da niemand unter Euch, der mir flüstern könnte, wie man aus Punkten und Strichen und Klammern eine charmante Faust mit gestrecktem Mittelfinger konstruiert?

Ich will nicht behaupten, dass mir diese – vermutlich durch Handymania geborenen – Gimmicks sonderlich neu erscheinen. So weit ich erinnere, signalisierte das sonnige Lachen auf einer Pille einmal, dass es sich dabei nicht um eine Kopfwehtablette handelt. Aber in jüngerer Vergangenheit haben sich die Gesichtchen zu einer Epidemie entwickelt. Und ich frage mich immer öfter, was das soll, zumal die Marotte sich nicht auf Kleinkinder beschränkt. Trauen die Leute ihren eigenen Worten nicht mehr? Fürchten sie, ansonsten missverstanden zu werden? Wollen sie das Geschriebene verniedlichen? Oder trachten sie gar, das Wesen der „Ironie“ in den heimischen Schriftverkehr zu integrieren? Was ist da los?

Zum Glück gibt es auf diesem Portal den Herrn Lauth – der mir erklärte, dass es sich bei den Männchen um „Emoticons“ handelt und bei so einem Wort fallen einem wie mir natürlich sofort die berühmten Schuppen von den Augen. Der Menschenschlag der „Emos“ ist mir einiger Maßen vertraut, weil nämlich der „Goth“ schon immer meine Aufmerksamkeit hatte (bei Leuten, die nicht immer genau wissen, wo Himmel und Hölle geografisch anzusiedeln sind, muss man „hell“hörig sein). Und der Emo ist bekanntlich ein „Goth Light“. Aber ich will mich jetzt nicht über Emos auslassen (sollte er Sie interessieren, klicken Sie doch HIER, da spielt eine Emo-Band).

Für den „icon“ hinter dem „emot“ habe ich aber sehr wohl einige Gedanken. Bekanntlich kam der „icon“ aus der religiösen Kunst, und ich muss hier wohl niemandem auf die Nase binden, wofür das Kreuz (das sich hoffentlich im Herrgottswinkel Ihres Eigenheims befindet) symbolisch steht. Leider ist es so, dass im Namen unserer heiligen Symbole etwa im Mittelalter gehörige Schweinereien passiert sind (siehe auch das PS am Ende des Sermons). Auf entsprechende Art kam leider auch eine unserer großen Ikonen – die Heilige Walburga – unter die Räder. Dieses ultimative Gutmensch vollbrachte im Achten Jahrhundert so manche gute Tat – was sie dennoch nicht davor schützte, dass ihr Ehrentag (der Dreißigste des Vierten) bzw die Nacht darauf – die Walpurgisnacht – zu einem Spektakel mutierte, in welchem sich Hexen und Konsorten einen abtanzten.

Foto: wiki

Foto: wiki

Im übrigen entstand auch aus der Walpurgisnacht ein berüchtigtes Emoticon, das vom abergläubischen Grenzgänger Anton LaVey und seiner „Kirche des Satans“ in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus der Taufe gehoben wurde. Ja, ich rede vom Zeichen der Hörner, den beiden gestreckten äußeren Fingern der Hand, während die drei mittleren Finger (Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit!) geschlossen bleiben. Und wie ich sehe, fand sogar dieses Symbol auf „Skype“ in Form eines rotgesichtigen Teufelchens mit zwei putzigen Hörnern seinen Einlass. Und niemand geniert sich! Manchmal habe ich starke Zweifel, ob Ihr tatsächlich wisst, was Ihr tut, meine lieben Fans der Strichmännchen …

PS. In anderer Sache. Es wird Ihnen vielleicht zu Gehör gekommen sein, dass sich die Obrigkeit der Erzdiözese Dublin vergangene Woche in einer inbrünstigen Form für die notorischen Kindesmisshandlungen der Dreißiger Jahre (ich schrieb darüber HIER) entschuldigte, die von den überlebenden Opfern nebst Angehörigen im Publikum mit enthusiastischem Applaus begrüßt wurde. Allerweil, gelänge sowas auch einmal ähnlich überzeugend unseren heimischen Granden (ausreichend Dreck an den hiesigen Petrusstecken wäre vorhanden). Ende.

15 Kommentare »

  • tilden sagt:

    also wenn du einen mittelfinger haben willst, dann musst im skype (finger) eingeben.

    wenn du die beiden weggestreckten finger willst (zeige und kleiner finger), dann empfehle ich (rock)

    einfac mal nach „hidden smileys skype“ googlen ;)

    dir würde ich nun aber diesen geben (fubar) :) mich hat nämlich noch keines dieser smileys umgebracht.

  • sakristan biringer sagt:

    werter frater,

    entweder Sie oder ich werde(n) alt – weil ich muss ihrem kommentar zur vollen gänze zustimmen! diese idiotie mit dem ewig grinsenden stricherl-salat hinter jedweder art von mitteilung ist ja wirklich einer der unangenehmsten auswüchse unserer informationsgesellschaft!

    weil – was verbirgt sich dahinter? natürlich nichts anderes als die stete furcht jener verlierer, die unsere sogenannte „masse“ ausmachen, zu dem zu stehen, was sie absondern! schnell ein „emoticon“ hintendrangewichst und schon kann ich nachher zur not sagen: war nur spass!, wenn irgendwem nicht wohl zur nase steht, was ich schrieb.

    insofern: abermals d’accord, frater! und – was sollen wir nur machen?

    gruß,
    biringer.

    • Frater Gladius sagt:

      Wissen Sie, Herr biringer,
      darüber zu befinden, ob hinter dem verwendeten Strichmännchen ein Verlierer oder Gewinner steckt, das überlasse ich lieber dem da oben. Der hat dort eine Waagschale, welche die Werte ganz anders gewichtet, als wir hier auf Erden es tun. So mancher irdische „Gewinner“ macht sich am Totenbett ordentlich an. Mich würde vielmehr interessieren, ob die Renaissance der Emoticons, also dieses „Emotionalisieren“ der Sprache, mit einem Vertrauensverlust in das geschriebene Wort zu tun hat. Ihr FG

  • karotterl sagt:

    frater lieber frater.
    echt.
    ich will ja net aufmüpfig sein.
    aber dieses ewige gejammer der altforderen über die veränderung der kommunikation. echt. einem geistlichen wärs ja anstehend, aber einen gladernen??
    die sprache und die schrift und die in-beziehung-setzung von menschen mit ihrer hilfe…tja, ein james joyce hätte sich über die rüpelart eines hemmingway auch echouffiert, und das aufbrechen der synfonischen form durch rebellische wesen wie beethofen…ui da war gott vor, oder wie die damals fluchten;)

    ich hoffe, sie verzeihen dem vorlauten gemüse…
    und danke trotzdem für die schöne predigt
    nostalgie ist ja ein teil der kraft, die mich in die mess treibt
    (ich verkneif mir das passende icon, respektvoll)

    • Frater Gladius sagt:

      Seien Sie doch so lieb, karotterl, und verwechseln Sie meine Besorgtheit nicht mit Gejammer. Ich will den Leuten von heute sicher nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben zu kommunizieren haben. Nur bin ich halt alt genug, um mehr an historischer Perspektive interessiert zu sein, als dies in jungen Tagen der Fall war. Bekanntlich wird nach vorne gelebt, im Rückblick verstanden. Und ich denke, ich habe genug gelebt. Genug verstanden habe ich nicht.
      Im Rückblick sehe ich auch, dass etwa die Emoticons für „Freude“, „Trauer“, „Gleichgültigkeit“ und „Staunen“ bereits im 19. Jahrhundert gebräuchlich waren (http://bit.ly/zZ8fu). Nichts, was ist, ist wirklich je „neu“. Was hinter dem Trend steckt, das ist es, was mich denken lässt.
      Im übrigen bin ich mir ziemlich sicher, dass sich ein James Joyce über Mister Hemingway nicht „echouffiert“ hätte. Große Erzählkunst sollte über den Neid großer Erzähler erhaben sein. Einer wie ich wiederum kann sich sehr wohl über die Arroganz des Verfassers von „Ulysses“ erregen, einem Leser derart viel Zeit abzuverlangen. Bin ja nur ein winziger Gschichtldrucker. Ihr FG

      • karotterl sagt:

        frater lieber frater, net bös sein, bin halt unhaltbar aufmüpfig. anderorts schon als wiewardasnochmal? zicke geoutet;)
        aber egal, hier gehts um einforderung einer tugend, die so ganz und gar net am programm steht in zeiten der postulierten diversität.
        pft eigentlich. weil es soll und muss quasi ja jeder so individuell wie möglich und gleichzeit haut einem das *age-of-aquarius* eine übers häupl, wie man so schön sagt in oö und die gemeinsamkeit quillt aus allen poren. sich vereinen mag ja eine brauchbare vorstellung sein, aber wie der gute alte winston schon sagte: wo zwei einer meinung sind, ist einer zu viel:D

        weiß jetzt a nimmer, was i damit genau sagen wollte, bin aber zutiefst angetan von ihrer liebevollen zuwendung, mein beichtfrater.
        herzlichst

  • ja, der untergang des abendlandes steht wieder mal unmittelbar bevor. aber, guter frater, ich weiß, heut ist der tag des herrn, da soll man ruhen, aber richtig zählen wird man ja noch dürfen. und es sind nur zwei finger zwischen zeige- und dem minor, niemand will euer absurdes triptychon attackieren, die sache hat eine sehr profanen hintergrund, der sich ja auch in eurem sexten hauptsatz findet.
    das zeichen bedeutet cornuto, deine frau hat dir hörner aufgesetzt, und je weiter im süden des stiefels, desto kesser sollte die sohle sein, die man hinlegt, nachdem man das dort einem gezeigt hat. die verwendung ist auch im straßenverkehr recht beleibt, da sollten dann eben ausreichend ps unter der haube tuckern.
    und zu dem this one’s for you emoticon: wie wär es damit: oIoo

    • Frater Gladius sagt:

      War mir schon klar, werter Frank`n´Furter, dass Sie der erste sein werden, dem diese meine kleine Mogelei auffällt (Sie sind ja auch in Sachen „Goth“ nicht unbeschlagen, wenn ich mich recht erinnere). Aber seien Sie doch so lieb und schieben Sie die Unfähigkeit, bis drei zu zählen, der Wiki-Gemeinschaft in die Synapsen. Die haben die Illustration gleich neben die Ausführungen zum Thema LaVey gestellt. Und ich habe mich dann redlich – und vergeblich – bemüht, den richtigen Fingerzeig zu googeln. Und letztlich wollte ich dann nicht riskieren, dass mein Sermon wieder zu spät unter die Schäfchen gerät. Sie wissen ja, wie ungnädig das Karotterl dann zu werden pflegt. Ihr FG

      • das ist ja das problem, werter frater. ihr mogelt euch schon seit 2000 jahren immer irgendwie durch. gut, in dem vorliegenden fall noch nicht so lang, dieser triple-xxx-schmonzes ist ja erst dem schäfer von hippo regius eingefallen.
        ja, das gemüse kann sehr hartnäckig sein, wenn es was will.

        • Frater Gladius sagt:

          Schmonzes in der Tat. Ich bin ja eher geneigt, über die Agenden der post-konstantinischen Eiferer den Mantel des betretenen Schweigens zu breiten, auf die Gefahr hin, dass mir sonst das Messer unter der Kutte aus der Scheide fährt. Die im Stande waren, die große Hypatia ob ihrer Gedanken zu meucheln, die sollten in der Hölle braten und ihre ganze fundamentale „Wahrheit“ mit ihnen. Ihr FG

          • tztztztztz.

            werter bruder, wie oft sollst du deinem bruder vergeben? 490 mal, wenn ich es recht im kopf habe.

            und ned alles so ernst nehmen, das leben ist ein spiel, ein 3d-adventure-game in technicolor, sensorsurround, gefühl, geschmack und noch ne menge mehr, 100 respektpunkte für den gamedesigner, und wer es ernst nimmt hat von anfang an verloren.

            hölle gibts ned, außer die, die sich die knaben selbst hier und jetzt machen, die müssen dann nur bissel winkerl stehen und werden kräftig ausgelacht, und damit hat sich’s. „wer aber kann dann gerettet werden?“ „bei gott ist alles möglich“. na also, es gibt nix wasses ned gibt, und der josh hat nen recht umfassenden durchblickerkurs gemacht, scheint mir jedenfalls.

            das passende strichmännchen spar ich mir um die brüderliche seelenruhe nicht allzu sehr zu gefährden, ich sehe diese emoticons allerdings als eine multimedialisierung des geschriebenen für die kleine brieftasche bzw. den it-dau.

            • Frater Gladius sagt:

              eben, Frank. Darum sind es gerade Worte wie „Hölle“ und „Satan“, die auch unserer Zunft gestatten, sich ohne Gewissensbisse einen frisch von der Galle weg zu fluchen. Wenn ich wen „in die Hölle fahren“ lasse, dann gerät er an einen Ort, den es nicht gibt. Das könnte schlimmstenfalls etwas langweilig, philosophisch aber doch hochinteressant sein. Aber gut, beim Gedanken, eine Ewigkeit im Ortdenesnichtgibt abzuhängen, fährt mir auch nicht unbedingt die große Hitze in die Lenden. Ihr FG

              • die lenden.

                oioioioi.

                habt ihr sowas auch?

                dann besteht ja noch hoffnung, wenngleich ich auch allzu großer liebevoller zuwendung im beichstuhl naturgemäß etwas reserviert gegenüber stehe. najo, wot shallz, das weib ist schwach and shit happenz, doesn’t it.

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