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Gnädigste & die 7 Todsünden 01. Adams Apfel oder: verbotene Früchtchen

Von | 22.11.2009, 15:00 | 20 Kommentare

Beziehungen können eine wunderbare Sache sein. Besonders dann, wenn man noch nicht mittendrin steckt. Im gemeinsamen Alltag.

Apfel auf Buch by gutter

Sich nach einer bewegten Singlezeit zu der Erkenntnis durchzuringen, dass man die langen Sonntage (und bestenfalls vielleicht auch den Rest der Woche) doch gerne mit einer vertrauten Seele seiner Wahl verbringen möchte, ist noch keine Kunst. Entsprechende Zeitgenossen zu finden, die mittelfristig ebenso feststellen, dass auch sie sich selbst nicht wirklich immer genügen, ist, wenn man es halbwegs geschickt anstellt, auch keine gänzlich unmögliche Übung. Die einen bauen anschließend ein Haus und werfen Junge, andere finden anderweitig gemeinsame Zerstreuung.

Cut. A few years later, it´s starting to get a bit difficult.

Beiderseits über weite Strecken so einige seltsame Charaktereigenschaften am anderen entdeckt bzw symptomatisch auftretende Verschleißerscheinungen zuerst bekämpft und schlussendlich wohlfeil abwiegend akzeptiert habend, wird dann irgendwann meist für einen selbst offensichtlich, dass man nicht nur bequem sondern auch unsichtbar geworden ist. Erotisch wie menschlich betrachtet.

Ein entwürdigendes Gefühl.  Es macht einsam. Die Tür ist schon fast zu. Ein Song, der in so einer Zeit der Kälte zutiefst aus der Seele spricht: Fink – this is the thing.

Den Zugang, dass durch stetige, ehrliche und direkte Kommunikation bzw entsprechende Beziehungsarbeit die lauernde Gefahr des Fremdgangs vermieden werden kann, halte ich für so liebenswürdig wie falsch. John Gray, zB, hat hier übrigens einige schier unglaubliche Ratgeber parat, die man anfangs eher fassungslos, später bei näherer Betrachtung (von oben, mindestens zwei Ebenen über den Dingen)  fast schon wieder dem Genre der Satire zuordnen möchte. „Tragen Sie ihr doch ab und an den Mist runter, sie wird es Ihnen mit einer Runde Sex nach Ihrem Geschmack danken. Sagen Sie ihm wo er Sie berühren soll, er freut sich sicherlich.“ Und solche Sachen eben. Wer Lust auf diesen Trip hat, steigt an dieser Stelle aus und hier ein:  http://home.marsvenus.com/

Wer über das Stadium schon hinaus ist und festgestellt hat, dass er gerne mal auswärts essen möchte,  liest besser weiter.

Nach volkstümlicher Interpretation bleibt den Herren ja nach dem Biss in die verbotene Frucht (Sinnbild dafür ist meist der Apfel) ein Stück davon im Halse stecken,  weswegen u.a. der Schildknorpel am Kehlkopf bei Männern auch „Adamsapfel“ genannt wird. Am eigenen Adamsapfel erstickt ist aber bekannter Weise auch noch keiner. Da hinsichtlich der Damenwelt außer der Vertreibung aus dem scheinheiligen „Paradies“ nach biblischer Überlieferung auch nicht wirklich eindeutig belegt ist, wo genau der persönliche Schaden im Verzehr verbotener Früchte vom Baum der Erkenntnis eigentlich liegen soll, gehen unsereins also wohl nur die Augen auf: „Ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“.   Zitat Ende.

Alright –  wenn das alles ist, spricht für mich nicht wirklich viel dagegen.

Also gut,  auf geht’s. Völlig ausgehungerte Damen, sehnsüchtig danach, endlich wieder als Frau wahrgenommen zu werden, entscheiden sich am besten gleich für den nächstbesten leidenschaftlichen Verbalakrobaten, der Exzess zum persönlichen Lebensmotto erklärt hat und einen mit Haut und Haaren verschlingen will. Am besten stilisiert man ihn auch gleich in wilden Tagträumen zu einem fast übersinnlichen Wesen hoch,  das unsere Bedürfnisse auf den ersten Blick in ihrer Gesamtheit erkannt hat wie niemand sonst. Gewiss ist hier: Die unkonventionelle, verwegene Art des Schaumschlägers verspricht in der eigenen Wahrnehmung, in diesem Stadium geistiger Umnachtung, schlichtweg den Aufbruch in eine neue Dimension von (Beziehungs- oder) Lebensstil. Nicht selten bringt man in dieser Zeitqualität gemeinhin unmögliche Dinge, wie zum Beispiel Bäume ausreissen, mühelos zu Stande.

Für die Herren empfielt sich vor allem die kluge, unterhaltsame Gespielin, nichts fordernd, allzeit bereit und ohne Migräne-Anfälle. Das o.a. Hochstilisieren ist auch hier erlaubt, für sensible Naturen sogar Pflicht. Das Stimulieren eines Gefühls von Wandel und persönlicher Aufbruchsstimmung sollte auch hier nicht zu kurz kommen.

Bitte, alles eine freundliche Empfehlung, vorbehaltlich persönlicher Präferenzen.

Dieser Hormonwahnsinn stimuliert sicherlich auch kurzfristig das Beziehungsleben. Das damit verbundene Abwägen – den Partner zu verlassen oder nicht – führt meist zu umso intensiveren Erlebnissen im Miteinander. Und vielleicht gerade wegen des neu entstandenen Funkens – und mit den restlichen Fetzen des Verstandes – wird oft dann noch die Bremse gezogen, bevor es „zu spät“ ist.

Andererseits lässt sich auch nicht bestreiten, dass das Futtern vom Baum der Erkenntnis trotzdem beziehungstechnisch unumstößliche wie traurige Wahrheiten ans Tageslicht bringt, die man langfristig nicht mehr unter den Tisch reden kann. Nicht selten führt dies daher trotzdem final zum Beziehungsbruch. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Ich sage:  Selbst wenn, so what? Waren wir nicht  insgeheim auf der Suche nach der Wahrheit, nach uns selbst, bevor wir uns gänzlich verlieren? Eine Beziehung, deren Basis gesund ist, wird all das überleben, aus der Situation heraus weiter gedeihen und an Tiefe gewinnen. Wer für Offenheit in diesem Zusammenhang ist: Auch das muss kein Fehler sein. Es werden so vielleicht endlich Diskurse geführt, die vorher einfach nicht möglich waren.  Jeder hat die Chance, den Anderen wieder neu wahr zu nehmen. Von Moralaposteln, die wegen eines verzweifelten Fremdgangs des Partners gleich die Nerven verlieren, halte ich sowieso nichts.

Und soviel sei besides auch versprochen: Die weibliche späte Einsicht, dass der verbotenen Frucht in Wahrheit ein paar Tassen im Schrank fehlen, für deren Absenz man kompensationstechnisch nicht zur Verfügung stehen kann, kommt unweigerlich. Und dass die Gespielin selten so selbstlos und unkompliziert bleibt, wie sie sich anfangs präsentiert, versteht sich von selbst. Der natürliche Fäulnisprozess ist da leider nicht aufzuhalten.

Die verbotene Frucht ist nichts anderes als eine Projektionsfläche unserer Wünsche und Sehnsüchte. Und der Appetit darauf ein Zeichen für seelische Unterzuckerung , für die wir einfach keine Worte mehr finden. Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Betrügen oder betrogen werden ist nicht schön. Es wird jedoch auch keiner der Beteiligten, wenn ein- oder gemeinsame ehrliche Reflexion dazu ihren Raum haben darf, gesteinigt werden (wer frei von Sünde ist, der werfe bitte den ersten)  geschweige denn wirklich daran zerbrechen. An Selbstbetrug, Schönfärberei,  Realitätsverleugnung und vor allem an diesem furchtbaren, schier ohrenbetäubenden kollektiven Schweigen jedoch auf jeden Fall.

Meine Großmutter riet mir in meinen streckenweise zwischenmenschlich etwas komplizierten Lebenslagen immer: „Iss einen Apfel“. Ich empfand diese freundliche Empfehlung immer so amüsant wie bagatellisierend.

Heute denke ich anders darüber. Ich halte dies mittlerweile für einen der weisesten Ratschäge überhaupt. Der Apfel spielt in vielen Kulturen bis heute eine Rolle als Symbol der Liebe, Fruchtbarkeit, Sexualität und des Lebens, der Erkenntnis und Entscheidung.

Warum also nicht vom Baum der Erkenntnis naschen – vorausgesetzt, man hat sich selbst bereits genug hinterfragt und ist wirklich bereit die Konsequenzen zu tragen?

Ich persönlich wünsche allerseits guten Appetit.

20 Kommentare »

  • flamingo sagt:

    wunderbarer artikel, musste sehr schmunzeln und hat mich sehr an eine aktuelle episode in meinem leben erinnert :-)
    wo fängt das verbotene an? bereits in der fantasie? das scheinbar unwiderstehliche häppchen zu vernaschen oder erst in der tatsächlichen körperlichen vereinigung? hat man bereits an verbotenen früchten genascht mit der aussendung eines freudig erregten lächelns, beim gedanken wie es denn wäre das objekt der begierde zu verführen, zu berühren bis zum wahnsinn miteinander zu verschmelzen? ich schnapp mir jetzt auch einen apfel und denke an die vertreibung aus dem paradies.

  • meermann sagt:

    pointiert, mit feiner klinge und spitzer feder, welch köstlicher text – gratuliere, gnädigste! einmal mehr bin ich froh, dass es von den todsünden sieben gibt – so erwarte ich die folgenden sechs mit spannung!
    bis dahin gilt es wohl noch in den einen oder anderen apfel… ;-))

  • rasenmaeher sagt:

    Die Himmel kann die Hölle sein. Und umgekehrt.
    Fazit: Lasst uns auf der Erde bleiben. In every way.

    • rasenmaeher sagt:

      DER Himmel natürlich.
      Nur DIE Hölle ist feminin ;-) Pardon, ich hab das nicht erfunden.

      • meermann sagt:

        ob da wohl freud mitgemischt hat??? ;-) ich finde ‚die himmel‘ wunderbar!

  • TBD (to bee defined) sagt:

    Statt „Gray“ mit „Grau“ kontern

    Wer an ein Anti-Fremdgang Rezept glaubt ist naiv, denn die Gründe für das Grasen in Nachbars Garten sind so vielfältig wie die Menschheit individuell ist. Und die Erkenntnis , dass niemand davor gefeit ist ernüchtert. Bleibt nur noch die Moral (und nicht nur die, der G´schicht) und die ist offen gesagt in unserer Gesellschaft eindimensional wie immer. Darf der Mensch oder darf er nicht vom Früchtchen naschen? Wenn der Mensch will, dann wird er es tun.

    Somit geht’s darum zur Eigenverantwortung zu stehen. Und vorher, nachher und zwischendrin die Eigenwahrnehmung nicht nach Belieben zu biegen. Nicht nach außen den Gutmenschen zu mimen um hinter der Fassade triebgesteuert sich den körpereigenen Drogen hinzugeben.
    Nicht gleichgültig den Gefühlen anderer gegenübertreten, sich aber auch selbst nicht verleugnen. Klingt das nach Drahtseilakt?
    Willkommen in der Grauzone des Menschseins.

    • Simone sagt:

      Vielfältige Gründe, ja…ich glaube nur , dass es meist nicht um Triebsteuerung sondern um Einsamkeit und Leere geht:
      Wenn der eine geht, ist in Wahrheit der andere meist schon längst vorher gegangen. Oder ist nie ganz da gewesen.

  • wolfgang sagt:

    werde meine „unterzuckerung“ heute auch mal mit einem apfel stillen.
    dein artikel ist hervorragend. schön, dass es noch weitere todsünden gibt, somit wissen wir, dass wir doch noch einige artikeln von dir zu lesen bekommen.

  • flitscherl sagt:

    na wenn die oma wüßte!!!!

    besides: hervorragend

    ihr
    flitscherl

  • majella reismann sagt:

    danke fürs schmunzeln und lächeln, fürs erinnern und reflektieren …
    esse einen g´sunden apfel;-))) auf unser wohl

  • lois sagt:

    liebe simone,
    jetzt hab ich deine zeilen zweimal gelesen.
    allerfeinst…..
    zumindest scheint es so,dass du weißt worüber du schreibst.
    freue mich auf die zeit da „draussen“,sollte ich mich noch vor die tür wagen.
    mit einem zwinker
    lois

    • Simone sagt:

      Ja, leider – und doch, that´s life.Möge es eine einmalige Erfahrung bleiben.
      Yes Lois, good times out there are waiting for us! Thanks my friend for beeing there. Kratzfuss,Gnädigste.

  • Sam sagt:

    so lecker waren die todsünden schon lange nicht mehr! ich liebe erregenden und aufregenden sex für den kopf… mehr davon… für einen durchdachten kritischen kommentar zu diesem erfreulichen wahnsinn fehlt mir die oben erwähnte „gespielin“ :-) aber wenn man(n) es zulässt kommt man(n) dem insgeheimen, persönlichen, schweine(wunsch)hund der wortäußerung zu einem späteren zeitpunkt noch nach.. zwischenzeitlich.. mehr todsünden bitte, weil sterben müssen wir eh alle… wenn dann doch höchst befriedigt..

  • karotterl sagt:

    *Den Zugang, dass durch stetige, ehrliche und direkte Kommunikation bzw entsprechende Beziehungsarbeit die lauernde Gefahr des Fremdgangs vermieden werden kann, halte ich für so liebenswürdig wie falsch*

    ha!
    das ist inspirierend.
    den zugang, dass durch stetigen, ehrlichen Fremdgang die lauernde Gefahr der dirketen Kommunikation…;)

    köstlich,
    die kunst liegt ja darin, den partner behutsam an den wahnsinn heranzuführen und mit ihm dann hindurchzutauchen. die gefahr allerding, dass einem die luft ausgeht…räusper…naja, no risk no fun:D

    herzlichst

    • Simone Anton sagt:

      Die Umkehrung halte ich eher für gefährlich als inspirierend, verehrtes Karotterl. Das würde daraufhin deuten, daß die Motivation für den (notorischen) Betrug eher nur die mangelnde Selbstliebe und Leere in sich selbst ist. Mann/Frau ohne Eigenschaften wird durch eine solche Parallelaktion alleine dann aber auch nicht die ultimative Lösung aller Sorgen finden. (..) Die Gefahr, auf diesem Weg ein planloser, triebgesteuerter Wiederholungstäter zu werden und sich dabei gänzlich zu verlieren, liegt dann auf der Hand. Aktion verbrannte Erde und so..ganz fein. (Von Liebe braucht man dann dann dort auch nicht mehr zu sprechen, wo nicht mal ein Funken Selbstliebe vorhanden ist). Dazu wünsche ich niemandem guten Appetit, definitely not. Greets,S.

      • karotterl sagt:

        bösartig war es, reine verzweiflung, ich gebs zu, verehrte frau anton.
        weil selbst grünzeug wie ich nascht hin und wieder vom baum der erkenntnis und die größte erkenntnis ist doch immer wieder die, dass der hochgeschätzen direkten umwelt die schleier doch viel lieber wären…
        fatalismus versus erkenntnis. kapfenberg gegen simmering ist a schas dagegen;)
        und dann die erkenntnis, dass es wieder nur der rockzipfl war, oder der schweif vom ochs, oder der duft von längst gegessenen festschmäusern….
        seufz
        da leid ich halt, lass mich mal wieder durch irgendwelche gedärme jagen und harre der unausweichlichen wiedererwachsung:D
        herzlichst

        • jo, gemüse.

          aber so nen festschmaus kann man und frau jederzeit und beliebig oft ansetzen 8-)

          und das schafft ma locker ohne sauerstoffgerät :D

  • pueree sagt:

    großartiger artikel. feine klinge und wunderbar frei von der leber weg formuliert. bin auch schon gespannt auf die weiteren sünden.

  • Lucca sagt:

    Wir warten gespannt auf die weiteren sechs Todsünden.

  • tobi sagt:

    Herovrragender Beitrag. Auch wenn ich jetzt nichts wirklich konstruktives dazu beitragen kann: Hervorragend!

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