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Zwischen Historie und Kitsch: Ein paar Tage mit der Familie Wainwright

Von | 20.11.2009, 8:00 | Kein Kommentar

Ein kleiner Hinweis auf Martha Wainwright verschaffte mir viel Zeit mit einer geschichtsbewussten Musikerfamilie. Es hat sich gelohnt. Sagen wir es so: Bei den Wainwrights ist nicht nur die Musikalität, sondern auch das historische Bewusstsein besonders ausgeprägt. Zumindest legt das ihr jüngstes Schaffen nahe. Die Wainwrights, die ich in diesem Fall meine, sind Rufus Wainwright, […]

Bild: Produktfotos, montiert von Eberhard Lauth
Ein kleiner Hinweis auf Martha Wainwright verschaffte mir viel Zeit mit einer geschichtsbewussten Musikerfamilie. Es hat sich gelohnt.

Sagen wir es so: Bei den Wainwrights ist nicht nur die Musikalität, sondern auch das historische Bewusstsein besonders ausgeprägt. Zumindest legt das ihr jüngstes Schaffen nahe. Die Wainwrights, die ich in diesem Fall meine, sind Rufus Wainwright, seine Schwester Martha Wainwright und ihr Vater Loudon Wainwright III. Dass auch die Mutter, Kate McGarrigle (sie ist schon längst von Loudon III. getrennt) Musik macht, gehört zwar der Vollständigkeit halber erwähnt, ist in diesem Zusammenhang aber nicht wichtig. Nur eines noch zu ihrer Ehrenrettung: Im folgenden Video singt Rufus „Somewhere Over The Rainbow“ und wird auch von einer Pianistin mit Handarbeitslehrerinnenbrille begleitet. Das ist seine Mutter.

Mit „Somewhere Over The Rainbow“ (hier aus dem Londoner Palladium) sind wir schon mitten im Thema. Rufus hat vor zwei Jahren das grandiose Album „Rufus Does Judy At The Carnegie Hall“ eingespielt, seine ganz persönliche Hommage an Judy Garland in Form eines minutiös nachgestellten Konzerts. Sein Vater Loudon Wainwright III. widmet sich dieser Tage mit dem Charlie Poole Project dem Schaffen von Charlie Poole, einem Banjo-Ass aus North Carolina, das 1931 nach einer angeblich 13 Wochen währenden Sauftour an Herzversagen aus dem Leben geschieden ist. Hier ein Video, das sein Projekt recht schlüssig zusammenfasst:

Und Martha Wainwright hat heuer im Juni in New York das Livealbum „Sans Fusils, Ni Souliers, à Paris: Martha Wainwright’s Piaf Record“ aufgenommen – ihre persönliche Annäherung an Edith Piaf. Dieses Album war – offline zugeraunt noch dazu – der Hinweis, der dazu geführt hat, dass ich mich seit ein paar Tagen im Schaffen der Wainwrights verstricke.

Ich mag es, wenn jemand bedingungslos seinen Idolen huldigt, und seien sie noch so tot, vergessen oder sonstwas. Es ist einfach schön, wenn jemand lustvoll schwulen Kitsch inszeniert, so wie Rufus in seiner Carnegie Hall-Show. Ich schätze es, wenn jemand werkstreu (und manchmal sogar einen Hauch humorlos) die Wurzeln seiner Singer-Songwriterkunst erforscht, so wie Loudon III. Und ich bin begeistert, wenn sich jemand ohne Berührungsängste Edith Piaf kapert. Das hat damit zu tun, dass mir die Chansonsängerin bis vor ein paar Tage völlig egal war – mein Startvorteil bei „Sans Fusils, Ni Souliers, à Paris: Martha Wainwright’s Piaf Record“, wie das Album in voller Länge heißt. Mir fehlen die Vorurteile des Puristen. Ich orte keine Anbiederung, weil ich sie eh nicht erkennen könnte. Ich höre nur, was ich hören will.

Hier ist eine Künstlerin am Werk, die nicht nur erzählt, dass sie seit ihrem achten Lebensjahr Edith Piaf verfallen ist, sondern auch danach handelt. Sie geht mit der bedingungslosen Begeisterung des Fans an das Thema heran. Und vor allem: Das ganze Herzblut in Form von 17 Liedern ergibt jene zwingende Zutat, die in den zwei früheren Alben von Martha Wainwright immer gefehlt haben. Was Ordentliches davon gibt’s auf Youtube oder sonstwo leider noch nicht, also muss ich mir damit behelfen:

Dass sich Martha Wainwright mit diesem Projekt nebenbei auch zum Soundtrack für Auskenner in Altbauwohungen entwickeln könnte, ist für sie sicher ein praktischer Nebenaspekt dieses Projekts, der Geld bringen könnte. Mir ist das wurscht: Ich bin ihr erstens dafür dankbar, dass ich endlich wieder Rufus in der Carnegie Hall angehört habe. Zweitens, dass sie mich zum Prokrastinieren verleitet hat, um dabei über ihren Vater Charlie Poole kennenzulernen. Und drittens, dass ich wieder einmal weiß, wie lohnend es sein kann, sich mit altem Zeug zu beschäftigen.

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