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Joseph Schumpeter wäre ins besetzte Audimax gegangen

Von | 18.11.2009, 12:26 | 2 Kommentare

Sieben Gründe, warum die Studentenproteste positiv sind. Mein Gastkommtar aus der Presse vom 17.November 2009. Kurz bevor mehrere hundert Studenten das Wiener Audimax besetzten, beendete ich mit Kabinettsmitgliedern aus Ankara, mit dem deutschen Minister Wolfgang Schäuble und mit dem Nachwuchs bei Siemens und RWE ein Global-Governance-Seminar in Hamburg. Zwischen Washington D.C. und Priština, zwischen Ministerstuben […]

Foto: Screenshot LivestreamSieben Gründe, warum die Studentenproteste positiv sind. Mein Gastkommtar aus der Presse vom 17.November 2009.

Kurz bevor mehrere hundert Studenten das Wiener Audimax besetzten, beendete ich mit Kabinettsmitgliedern aus Ankara, mit dem deutschen Minister Wolfgang Schäuble und mit dem Nachwuchs bei Siemens und RWE ein Global-Governance-Seminar in Hamburg. Zwischen Washington D.C. und Priština, zwischen Ministerstuben und ungeheizten Volksschulen an den Rändern Europas; ob für Magazine, Thinktanks oder die EU: mein Leben spielt sich an vielen Orten ab.

Dieser globale Blick lässt die Audimax-Besetzung positiv erscheinen:

Erstens, auf dem globalen Parkett – ob im Nobelpreiskomittee oder den TED Talks – gibt man Initiativen prinzipiell eine Chance. Allein dass 20-jährige Studenten eine Kampagne für bessere Bildung starten, allein dass sie dies samt spontaner Allroundstruktur mit Pressedienst, Livestream, Ausschuss- und Plenardebatten zur Bildungspolitik, zum Klimawandel und zur politischen Ökonomie tun, würde in solchen Foren mit Applaus beantwortet und mit Young Leadership Awards belohnt. Otto Molden und Simon Moser jedenfalls gefiele der akademische Austausch im besetzten Hörsaal. Sie initiierten 1946 jene Internationalen Hochschulwochen, die später als Forum Alpbach zum österreichischen Exportschlager wurden.

Zweitens, die Studenten administrieren das Audimax im Rotationsprinzip. Als Personen bleiben sie anonym und im Hintergrund. Sie konzentrieren sich auf visionäre Ziele in kleinen Schritten. Sie praktizieren Europäische Integration par excellence. Jean Monnet und Robert Schuman, zwei Gründungsväter der EU, hätten der Audimax-Bewegung für Bildung jene geduldige Prozesshaftigkeit angeraten, die sie seit drei Wochen praktiziert.

Drittens, Führungskräfte im 21.Jahrhundert denken international und interdisziplinär. Im Kommen sind multiple Identitäten und multipolare Biografien. In diesem Sinn ist die Audimax-Bewegung ein Ausdruck von Österreichs Europareife. Der Slogan der EU-Kampagne 1994 – „Wir sind Europa“ – hat gefruchtet. Denn im Audimax debattieren die Studenten höflich, nicht hämisch. Sie sind inhaltlich offen, rhetorisch gewandt, technisch versiert und kulturell intelligent. So haben es sich Brigitte Ederer, Alois Mock und Andreas Khol gewünscht, als sie Österreichs Weg in die EU ebneten.

Viertens, in der Weltpolitik verhandelt man Prioritäten der Zukunft, nicht der Vergangenheit. Die EU hat vor einem Jahr einen Weisenrat zum Thema Zukunftsplan bestellt; Österreichs Regierung und Wähler haben mit der Audimax-Bewegung einen solchen Rat frei Haus bekommen. Diese Bewegung möchte über das Jahr 2030 reden. Das beginnt mit den Rahmenbedingungen hier und heute. Solch mündige Sprösslinge wünschen sich Eliten weltweit. Fünftens, die Aufgaben des 21.Jahrhunderts erfordern viele Partner, die man oft erst auf den zweiten Blick erkennt. Das betrifft die G20 und die UNO; Staaten, Firmen und NGOs. So könnten Österreichs „Opinionleader“ ihr strategisches Interesse am Audimax entdecken. Vorstandsvorsitzende und Kulturschaffende wissen, dass Österreich nur dank bestmöglicher Bildung längerfristig das viertreichste Land der EU sein kann. Weiters vermuten Opinionleader, dass Bildung mit Freiheit und Entfaltung zu tun habe. Vielleicht sprechen sie das auf dem Podium im Audimax an?

Sechstens, internationale Berater wie Gallup-Chef Jim Clifton setzen auf den „Brain Gain“, eine positive Importbilanz von Humankapital. Städte sollten Magneten für intelligente, innovative Menschen sein. Wien könnte solch ein Magnet sein, so der erwartbare Tenor von 25Granden der internationalen Managementlehre, die sich diese Woche in der Stadt treffen werden. Von Leadership-Dorados wie St.Gallen oder Insead kommend, werden sie am Global Peter F. Drucker Forum mehr als einmal dem Brain Gain huldigen

Siebtens, das Labor der Zukunft verträgt keinen Zynismus. Die Freude des freien Fragens, Lernens und Führens haben drei Söhne Österreichs vorgelebt: Joseph Schumpeter, Karl Popper und Peter F. Drucker. Wenn Österreichs Führungskräfte diese Woche in Wien als Gastgeber der besagten 25 Managementgurus beim Drucker-Forum posieren, sollte ihnen klar sein: Wären Schumpeter, Popper und Drucker auch auf der Gästeliste, sie würden in der Mittagspause ins besetzte Audimax abzweigen.

Anmerkung: Dieser Kommentar erschien am 17. November 2009 in der Tageszeitung Die Presse (hier das Original). Die Veröffentlichung des Textes auf ZiB21 erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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