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Google und die Verlage: die Angst vor der Wahrheit

Von | 17.11.2009, 7:00 | 6 Kommentare

Viele Verleger mögen Google nicht. Und sie geben nicht zu, wie sehr ihnen die Suchmaschine bisher zu billigem Content verholfen hat. Seit Rupert Murdochs Ankündigung, in seinem kleinen Krieg gegen Google die (technisch recht einfach zu bewerkstelligende) Konsequenz zu ziehen, den Content seines Medienkonglomerats vielleicht nicht mehr von der Suchmaschine indexieren zu lassen, ist reichlich […]

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So wie hier gehören Medieninhalte gemacht. Und zwar auf ewig. Foto: David All, Lizenz: cc-by-sa

Viele Verleger mögen Google nicht. Und sie geben nicht zu, wie sehr ihnen die Suchmaschine bisher zu billigem Content verholfen hat.

Seit Rupert Murdochs Ankündigung, in seinem kleinen Krieg gegen Google die (technisch recht einfach zu bewerkstelligende) Konsequenz zu ziehen, den Content seines Medienkonglomerats vielleicht nicht mehr von der Suchmaschine indexieren zu lassen, ist reichlich Bewegung in die Diskussion um Paid Content, Google und Medienproduktion im Web-Zeitalter gekommen.

Immerhin geht es um viel Geld. Oder anders gesagt: Um Geld, das nicht mehr den Verlegern in die Taschen gespült wird. Dieser kommerzielle Nachteil ist vor allem ein gefühlter, weil er sich in Zahlen schlecht nachzeichnen lässt. Ja, Google macht mit Werbung mehr Umsätze als jeder andere im Netz. Ja, die Werbeumsätze in den Verlagen sind en gros im Sinken. Und ja, Online macht nicht einmal annähernd wett, was bei Printwerbung und anderswo verloren geht. Aber nein, es ist tatsächlich blöd, allein Google dafür verantwortlich zu machen – vor allem, weil die meisten, die dagegen wettern, eh meistens nicht die Suchmaschine, sondern „das Netz“ meinen.

Kurz nach Murdochs Fernsehansprache jedenfalls (wir hatten sie vor einer Woche auch hier eingebunden) veröffentlichte Mike Butcher auf Techcunch eine interessante Theorie. Ihm war zu Ohren gekommen, dass sich namhafte europäische Verleger mit Vetretern von Microsoft getroffen haben sollen, um über eine Zusammenarbeit mit Bing zu sprechen. Bing ist eine Suchmaschine wie Google. Sie soll Google Marktanteile wegnehmen, weil Microsoft erkannt hat, dass es schön und gut ist, bei Betriebssystemen den Markt zu dominieren, es aber noch schöner wäre, auch im Netz mitzuspielen, wohin sich die Anwendungen unseres täglichen Lebens mehr und mehr verlagern.

Darum also Bing, die Suchmaschine von Microsoft. Und darum also ein Treffen mit Verlegern, die angeblich gegen bares Geld, also Beteiligung an den Werbeumsätzen (dazu Michael Arrington auf Techcrunch) ihre Inhalte exklusiv Bing zum Indexieren zur Verfügung stellen möchten.

Nicht, dass Bing eine gute Suchmaschine wäre, aber sie ist kleiner, hat weniger Marktmacht – und vielleicht, so der Gedanke der Verleger, lässt sie mehr mit sich reden als diese Krake Google, die tut was sie will, und das meistens sehr effizient.

Um die Chronologie der Ereignisse noch weiter aufzurollen: Es war Jeff Jarvis, der der diesen Vorgängen die Aura des Geheimagenten-Krimis nahm, indem er ein paar Zahlen in die Diskussion warf, eingeleitet von folgendem Satz:

There’s been a swine flu of stupidity spreading about the Murdoch meme of blocking Google from indexing a site’s content.

Jarvis verwies auf eine Studie der Hamburger The Reach Group, die mehrere Millionen Suchanfragen auf Google analysiert hat. Mit folgendem Ergebnis: Die Präsenz von Verlagen in Googles Suchergebnissen ist deutlich geringer als bisher vermutet. Aber was heißt geringer: Bloß fünf von hundert Abfrageergebnissen verweisen zu Seiten auf Domains von deutschen Verlagen – dass es sich dabei oft gar nicht um Content im Sinne von Murdoch handelt, ist da noch gar nicht eingerechnet. Wikipedia-Seiten hingegen passiert dieses Schicksal fast drei Mal so oft. Der im Netzökonomen auf FAZ.de geäußerte Befund, dass die Verleger durch die Gespräche mit Bing nun Google gehörig unter Druck setzen könnten, bekommt so eine absurde Dimension. Ein Aufstand von fünf Prozent bleibt eben nur ein Aufstand von fünf Prozent. Noch dazu, wo Google über die geplante Indexierung von Social Networks wie twitter ohnehin wieder an die Links gerät, die die Welt bewegen.

Ist das also alles bloß ein absurder Streit ungleicher Gegner? Nein. Es geht um Geld. Viel Geld sogar, das innerhalb klassischer Verlagsstrukturen viele Jahrzehnte lang erwirtschaftet worden ist. Verlage hatten als Konkurrenten bloß andere Verlage. Heute ist das anders: Verlage haben nicht nur beim Content unzählige Konkurrenten, die um kein Geld das Web vollschreiben, sondern sehen sich auch der exklusiven Kanäle zur Verteilung ihrer Inhalte beraubt, die ihnen in der Vergangenheit ein recht gutes Leben ermöglich haben.

Das ist sicher bitter für viele der Beteiligten. Es bedeutet Verlust von Job, Status und sozialem Kapital. Es bedroht die Existenz.

Trotzdem erwarte ich in der Diskussion um die vorgeblich hochwertigen Inhalte, die Verlagshäuser produzieren, ehe Google sie ihnen stiehlt und zu Geld macht (Nebenbei bemerkt: Ich habe im gerne verteufelten Google News noch nie ein Inserat entdeckt. Ist das ein Einzelschicksal?) endlich einmal ein bisschen Wahrheit: Das Gros dieser Inhalte bezieht seine hochwertige Aura nämlich bloß aus dem Umstand, dass sie aus einem Verlagshaus stammen und dort vielleicht sogar noch auf Papier gedruckt werden. Dass sie in Wahrheit aus vielen nicht näher genannten – und von Google indexierten – Quellen im Web zusammen geklaut worden sind, wird dabei geflissentlich verschwiegen. „Naja, ganz so dramatisch ist es aber doch nicht“, bekomme ich dann von Kollegen gerne zu hören. Hm, schön für euch. Ich erlebe leider was anderes. Und das schon seit Jahren.

6 Kommentare »

  • Das Geheminis wurde gelüftet: Tatsächlich gibt es die Verhandlungen mit Bing darüber, Content gegen Gebühr einzubinden. Der Lauth’schen These – guter Content noch keine gute Suchmaschine – ist aus meiner Sicht wenig hinzuzufügen. Außer, dass Mcirosoft das interessanterweise anders sieht. Und ich schließe nicht ganz aus, dass in den Tiefen der Algorithmen neue Weisheiten schlummern. Was wäre, wenn eine Suchmaschinen aktuellen Content (also definitiv nicht Wikipedia) höher bewertet. Dann würde dieser aktuelle Content nicht 5 Prozent, sondern vielleicht 50 Prozent ausmachen. Die spannende Frage: Wie wirkt sich das auf die User-Erfahrung aus? haben vielleicht Tests bei Bing schon beantwortet. Und die Folge wären nun diese Verhandlungen mit den Verlagsgiganten. http://www.wirtschaftsblatt.at/home/schwerpunkt/itnews/398772/index.do

  • Den Hebel, wie das Internet ein für alle mal abzudrehen wäre, suchen Verlagsmenschen noch immer.
    Zu viel Druckerschwärze in den Adern der Verleger. Jammern ist keine Strategie. keifen auch nicht. verbieten sicher nicht. Bing wird gut beraten sein, Google nachzueifern und sich nicht auf die Seite der Verlierer zu schlagen. Die Argumente, dass Verlage und Microsoft eine starke Allianz seien, mag der Branche Mut einflößen, tötet sich wie oben gesagt am Ende jedoch selbst.
    Aber mal Kritisches zu all dieser Web-Euphorie: Dreh‘ mal die US-Seiten von Google News auf. Nicht nur die Storys, sondern auch die Aktienkurse werden hier zwar nicht gestohlen, aber zumindest ausgeborgt. Das ist ja die Google-Strategie, rein auf die Seite – raus aus der Seite. Dazwischen bleiben vier Prozent auf Banner klickende UserInnen im Netz der Cent-Jäger.
    Google News hat in den USA hat diese Werbung bereits integriert.
    Das alles wäre ein fairer Ansatz: der Content wird geborgt, aber die Click-Throughs werden weitergereicht. Google verdiente gut, die nachgeschalteten Content-Seiten noch immer mittelprächtig. Aber: die Rechnung geht mittelfristig nicht auf.
    Tatsächlich zeigen Online-Leseanalysen, dass auf Übersichtsseiten – wie etwa Google News -50 Prozent des Contents gelesen wird.
    Es wird also bereits ein Großteil der Party schon bei Google abgefeiert. Was bleibt? Ein abgenagtes User-Zeitbudget, ein zerrupftes Werbebudget und die Cost per Click-Hölle. Das finanziert einfach keinen Journalismus auf Dauer. Zumindest nicht so, wie wir ihn kennen. Weil die von den CPC-Einnahmen nicht leben können.
    Das ist jetzt unfair: Google Adsense finanziert auch nicht die kreative Leistung der BloggerInnen von Zib21. Damit ist diese Form der Berichterstattung Hobby, Kommunikation, etc., aber im strengen Sinn kein Journalismus, der ja nur in ökonomischer Freiheit seiner Agenten gedeihen kann.
    Oder sollte ich mich darin irren?
    Google ist ein Trittbrettfahrer, der das professionell betreibt, aber durch seine enorme Bedeutung auch ordentliche Verwerfungen des Marktgleichgewichts hervorruft. Wikipedia ist geil, aber wikipedia ersetzt jetzt nicht mein Lieblingsmagazin, meinen Lieblings-Blog, die es ja eh noch lange geben wird. Aber es wäre schon, hätten diese Lieblings-Nachrichten-Plattformen mehr unternehmerische Substanz.

    • „Aber es wäre schön, hätten diese Lieblings-Nachrichten-Plattformen mehr unternehmerische Substanz.“
      Ja, das wäre es. Hast du eine Idee?

      • Leider keine, die auch nur annähernd so logisch, so praktikabel wie die von Google ist.

        Aber wäre es nicht denkbar, dass wir uns vom Konzept lösen, dass es für Information und Unterhaltung Hubs braucht?
        Konkret: ZIB21.com erstellt eine Content-Box, die von Partnern im eigenen Look&Feel gebrandet werden kann. Das also als ZIB21 „White Label“ Lösung, die auch bei Kulturseiten, Unternehmen, etc. eingebunden werden kann – z.B. auf Basis von Keyword-Targeting? Wäre es nicht denkbar, dass Album-Kritiken für Traffic-Steigerungen bei sonymusic.at sorgen, dass Fußball-Stories bei fk-austria.at die Seite beleben, dass Renee auch auf beate-uhse.com laufen kann?

        Btw glaube ich aber, ohne Details zu kennen, dass ZIB21 seinen Traffic noch stärker „monetarisieren“ könnte, so das wünschenswert wäre. Anzeigen im Text schalten! lass uns reden :-)

    • @nic_ko sagt:

      Herr Johann, Sie haben sich mir soeben als neues Pflichtbookmark vorgestellt :)

  • @nic_ko sagt:

    Sooooo übel find ich Bing dann auch wieder nicht. Nicht dass ich’s verwenden würd, weil ich bin ein Gewohnheistier. Aber bei dem kommt Bing ziemlich oft als brauchbare Alternative raus.

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