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Österreich und die Bildung: Reich im Gefängnis?

Von | 12.11.2009, 19:24 | 6 Kommentare

Östereicher haben ein verkrampftes Verhältnis zum Lernen und zum Wissen. Also auch ein verkrampftes Verhältnis zu Europa und zur Freiheit. Die Bewegung Audimax fordert: mehr Priorität für Bildung. Finanziell, personell, substanziell (hier das Video und das Transkript meiner Rede im besetzten Audimax). Mehr Priorität für Bildung – das ist eine Forderung, die eine Mehrheit hinter […]

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Östereicher haben ein verkrampftes Verhältnis zum Lernen und zum Wissen. Also auch ein verkrampftes Verhältnis zu Europa und zur Freiheit.

Die Bewegung Audimax fordert: mehr Priorität für Bildung. Finanziell, personell, substanziell (hier das Video und das Transkript meiner Rede im besetzten Audimax). Mehr Priorität für Bildung – das ist eine Forderung, die eine Mehrheit hinter sich vereinen müsste. Jedenfalls in einem Land, das sich dem europäischen Wertekatalog – teils sogar samt Kreuzen in den Klassenzimmern – verpflichtet fühlt.

Ich habe im Zug, an der Tankstelle, auf der Berghütte oder im Baumarkt noch nie Leute getroffen, die nach einem Gespräch über ihre Lebenslage sagen, sie wären eigentlich lieber Analphabeten geblieben. Ich kenne niemanden, der Kaiserin Maria Theresias Schulpflicht aufheben will. Ich kenne auch niemanden, der sagt, das Leben sei ohne Bildung besser geworden.

Eher kenne ich Leute, für die der Wissens-Erwerb trotz des Internets noch eine ziemlicher Aufwand ist. Da gibt es wieder einen Schulbus weniger in die Hauptschule. Da sind Lehrer mit ihren Klassen – also Kindern, deren Herkünfte ganz verschieden sind – teils überfordert. Da sind reiche Eltern, die wegen der fünf Euro „Exkursions-Gebühr“ für ein Schuljahr (!) androhen, zum Gericht zu gehen, weil die Schule gratis sein müsse. Das sind die gleichen Staatsbürger, die das Gymnasium zum Fetisch erheben und vor einem Magister auf der Visitenkarte in die Knie gehen. Was also?

Ich vermute, dass das meinungs-vorführende Österreich ein verkrampftes Verhältnis zu Wissen hat und das diese Einstellung verbreitet worden ist und verbreitet wird. Wer kein Wissen hat und trotzdem zu Geld kommt, ist ein Held und wird ein Promi. Wer’s hat und nicht zu Geld kommt, ist ein Versager. Wer beides hat, ist ein Rätsel.

Träumen wir davon, uns reich unser Gefängnis zu errichten? Wollen wir kein Wissen? Oder haben wir ein verkrampftes Verhältnis zum Lernen? Zum Fragen? Zum Erklären? Vor der tatsächlich freien Berufswahl und Meinungsäusserung? Vielleicht Angst davor, tatsächlich Kinder grosszuziehen, die mündig und frei sind? Und die plötzlich im Audimax und im Sowimax aufstehen und das Gefäß Österreich gerne in eine offenere, luftigere, europäischere Richtung lenken möchten?

Der europäische Wertekatalog offeriert schliesslich nicht nur Religion. Sondern auch Freiheit, Demokratie, Menschenrechte – siehe die 1989-Feierlichkeiten dieser Tage. Hymnen auf die Freiheit, die Demokratie, die Menschenrechte, so wie hier oder hier nacherzählt.

Das meinungs-vorführende Österreich beruft sich also gerne auf den europäischen Wertekatalog, wenn es um zementierte kulturelle Wertvorstellungen und Symbolik wie Kreuz und Minarett geht. Dieses meinungs-vorführende Österreich beruft sich aber gar nicht gern auf den europäischen Wertekatalog, wenn es um das Wissen und die Freiheit geht.

Wir alle sind Audimax.

Update am 17. 11. 2009:

Heute erschien von mir auch ein Gastkommentar zum Thema in der österreichischen Tageszeitung Die Presse: Joseph Schumpeter wäre ins besetzte Audimax gegangen. 7 Gründe, warum die Studentenprotesten positiv sind.

6 Kommentare »

  • […] This post was mentioned on Twitter by Eberhard Lauth, Eberhard Lauth. Eberhard Lauth said: Neuer Blog von Verena Ringler: "Östereicher haben ein verkrampftes Verhältnis zum Lernen und zum Wissen" http://bit.ly/42uHWt #unsereuni […]

  • Max sagt:

    Österreich hat vor allem ein sehr verkrampftes Verhältnis zu Leistung und Eigenverantwortung.
    Die Idee, dass man sein eigenes Leben ziemlich frei gestalten kann, ist den meisten suspekt und zwar unabhängig ob links oder rechts.

  • Kirsch sagt:

    Also ich möchtenun doch bemerken, dass mich der Predigerton voller ideologischer Worthülsen (vor allem die überspannte Rede im Audimax) einfach nervt. Lieber wäre mir, wir würden mit mehr Augenmaß und einer gewissen praktischen Vernunft über die Sache reden. Ausbildung ist mindestens so wichtig wie Bildung. Die Konkurrenz auf den Unis (aus Deutschland etc) setzt sich ja am Arbeitsmarkt fort. Tatsache das Beispielsweise die Unis im ehemaligen Osten viel verschulter sind und die Menschen weniger im freien Denken gefördert werden, doch in punkto Fachwissen sind uns diese Leute zum Teil in so großem Ausmaß überlegen, dass es ein Drama ist. Die Audimax-Besetzer werden jedenfalls nach Ende ihres Studiums bemerken, dass Bildung ohne Ausbildung ein böses Erwachen am Arbeitsmarkt nach sich zieht. Die Studienpläne sind veraltet. Besonders auf der geisteswissenschaftlichen Fakultät wird oft statt Ideologie mit Bildung verwechselt. Das führt dazu, dass die Absolventen geisteswissenschaftlicher Fakultäten später in irgendwelchen Callcenter etc ihr Dasein fristen müssen. Vor allem auch deshalb weil in den einst blühenden Kreativbranchen (Medien, Verlage, Werbung, PR) nur noch Hungerlöhne an Praktikanten bezahlt werden.

    • antonia wemer sagt:

      die ostjugend ist der unsrigen nicht nur an fachwissen überlegen – meiner beobachtung ist sie auch selbständiger, zielorientierter und wird schlichtweg früher erwachsen. die meisten studenten, die ich im osten kennen gelernt habe, sprechen außerdem zwei Fremdsprachen ziemlich fließend (zumeist deutsch und englisch) und haben für ihre zukunft sehr konkrete auslandspläne. seltsam ist übrigens, dass bei uns alle wahnsinnig aufgeregt sind, wenn man für bildung bezahlen muss, es aber offenbar niemanden stört, wenn ausbildung – die man sich, wie die studentenvertreter meinen, ja ohnehin außerhalb der uni holen kann – etwas kostet.

      • Verena Ringler sagt:

        Ad Kirsch:

        Mein Argument trennt nicht zwischen „Bildung“ und „Ausbildung“; diese Trennung ist weder möglich noch zielführend.

        Lebens- und Arbeitsumfelder sind europäisch und das ist gut so: so gross war der Anreiz zum Wissenserwerb und für neue Qualifikationen noch nie.

        Mehrsprachigkeit und die intensive Lebensplanung, die wir aus dem Südosten Österreichs kennenlernen, könnten demnach ein Ansporn für mehr Priorität für Bildung in Österreich sein. Auch Ansporn für staatliche Anreize wie prioritäre Sprachen, wie sie vielerorts bestehen.

        Wenn ich einer Ideologie anhänge, so ist das jene des Post-Pessimismus.

  • antonia wemer sagt:

    hm. ich geh‘ weder vor magistern noch vor promis in die knie. ich zahl‘ ohne groß zu murren hunderte euro pro jahr für projekttage & co. ich erhebe das gymnasium sicher nicht zum „fetisch“. aber ich halte alle, die ernsthaft glauben, die flächendeckende einführung der „neuen mittelschule“ (nach aktuellem konzept) könnte die österreichische schulproblematik lösen oder gar die „zwei-klassen-bildung“ abschaffen, für entweder uninformiert oder blauäugig. oder beides. und ich verwette meinen arsch darauf, dass zwei drittel all jener eltern aus meinem freundes- und bekanntenkreis, die heute „neue mittelschule“ schreien, ihre kids übermorgen auf einer privatschule anmelden. wenn sie sich’s leisten können. so wie der herr gusenbauer. und das finde ich mindestens genauso traurig wie das verkrampfte verhältnis der österrreicher zum lernen.

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