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Rupert Murdoch, Paid Content, Fair Use und das Verbot des Denkens

Von | 10.11.2009, 0:02 | Ein Kommentar

Keiner will für Medieninhalte im Netz bezahlen. Rupert Murdoch will das ändern – mit schrägen Argumenten.

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Dass Rupert Murdoch wenig Freude damit hat, wenn Google, Blogs oder andere Aggregatoren die Inhalte seines Medienimperiums in Auszügen übernehmen, um sie zu verlinken, ist mittlerweile bekannt. Schließlich hat er das schon öfter gesagt, und dabei immer auf folgendes Problem verwiesen: Seine Unternehmen gäben viel Geld dafür aus, Inhalte zu produzieren, also sei es nicht in Ordnung, dass andere sie einfach weitergeben und damit womöglich noch Geld verdienen, weil sie daneben Werbung schalten. Also etwa Google News, Blogs wie wir hier oder ähnliches.

Die Lösung, die Murdoch für seine diversen Medien (die Beteiligungen seiner News Corporation lesen sich ja immer wieder beeindruckend) vorschwebt, ist recht simpel: Paid Content, also journalistische Inhalte nur mehr gegen Gebühr. Und die Krake Google gehört ausgesperrt (Jederzeit und gerne, hat die Krake übrigens bereits geantwortet)

Das, so Murdoch, habe seine Branche jahrelang vernachlässigt. Und das sei dafür verantwortlich, dass sich etablierte Geschäftsmodelle – allen voran die gedruckte Zeitung – gerade überleben. Diese Sicht der Dinge hat er nun in einem halbstündigen Fernsehinterview in einem seiner Sender bekräftigt, den Beitrag gibt’s auf Youtube zu sehen und er lässt sich auch einbinden. Das tue ich der Vollständigkeit halber an dieser Stelle, auch wenn ich damit den Begriff des Fair Use, von dem Murdoch gerne spricht, wohl gewaltig überdehne.

Fair Use also. Es handelt sich hier um einen Begriff aus dem amerikanischen Urheberrecht. Am besten ist er mit „angemessener Verwendung“ zu übersetzen und gestattet auch die nicht autorisierte Nutzung von per Copyright geschütztem Material, sofern das der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktion dient.

Auch der Blogger Corey Doctorow krallt sich in diesem Artikel auf BoingBoing gleich am Fair Use fest und bringt dabei einen Gedanken ins Spiel, der eigentlich so naheliegend ist, dass ich mich wundere, dass ich noch nie ausformuliert gelesen habe. Doctorow sagt, dass Medienproduktion ohne Fair Use (oder artverwandte Regelungen in anderen Ländern) gar nicht möglich wäre. Ohne die Gedanken, Ideen und Erkenntnisse anderer gerät sie in der Sekunde ins Stocken. Das direkte Zitat ist zwar wünschenswert, in der Praxis aber nicht immer möglich. Schließlich fließt etwa in jeden Text immer auch ein Teil des über die Jahre gesammelten Wissens ein. Das korrekt zu zitieren und auf den jeweiligen Urhebern zurückzuführen, schafft das beste Gehirn der Welt nicht. Und vor allem: Es hätte vor lauter Referenzieren wohl keine Kapazitäten zum Denken mehr.

Somit wäre – und hier denke ich Doctorow noch weiter – die Einschränkung des Fair Use gleichbedeutend mit einer Kriminalisierung des Denkens, also jenes Prozesses, der am Anfang jeder Medienproduktion steht, egal ob es sich um einen Dreizeiler im Blog, ein einstündiges Video oder ein tausendseitiges Buch handelt.

Das klingt absurd. Das klingt falsch. Das klingt so holzklassig, dass sich einem der Magen umdreht. Zu Murdochs News Corporation gehört auch die Sun in England, ein Boulevardblatt in Reinform, das einen großen Teil seines Content mit Celebrity-Meldungen bestreitet. In diesem Feld gehört ungeprüftes und wissentliches Abschreiben von Halbwahrheiten zum täglichen Geschäft – alles andere führt bloß zu Engpässen bei der Versorgung des Publikums mit neuem Stoff. Fair Use im Umgang mit den Quellen bedeutet da nur eines: Zusperren, heute.

Und überhaupt kommt es immer wieder nur neidig daher, wenn Verleger genau jene kritisieren, die im Netz funktionierende Geschäftsmodelle hochgezogen haben. Den zentralen Satz dazu hat in diesem Zusammenhang einmal mehr Jeff Jarvis im Rahmen einer Keynote bei den Medientagen in München formuliert.

There is very simply an entirely new business reality to media: Efforts to protect the old model will not work.

Hier Jarvis’ Vortrag als Video. Ein Transkript davon gibt’s bei Carta.

Jeff Jarvis: „Google is not an enemy, Google is a model“ from Carta on Vimeo.

Und noch ein Video möchte ich hiermit empfehlen: Die Sendung „Paid Content – Rettung oder letzter Sargnagel einer sterbenden Print-Branche?“ der Isarrunde.

Ein Kommentar »

  • truetigger sagt:

    Auch wenn ich Dein Gefühl teile, dass Murdoch hier einen Windmühlenkampf austrägt – es bleibt spannend zu sehen, was dabei herauskommt.

    Sicher, seine Argumentation wirkt weltfremd und sehr, sehr subjektiv. Ohne die Chance zum Abschreiben würde seine Branche nicht überleben. Aber er spricht ein Problem an, welches nicht nur er hat, sondern die ganze „Content-Industrie“. In den letzten Jahrzehnten (ich tipp mal auf die 2. Hälfte des 20. Jh, kann es aber nicht wirklich belegen) haben sich Geschäftsmodelle gebildet, die Nachrichtenreporter und Kamerateams mit den Produktionsgesellschaften finanzieren, die auf Mischkalkulation über Verlage und Fernsehgesellschaften setzen, die sich über verkaufte Werbung rechnen und die Welt in klare Einflussgebiete aufgeteilt haben.

    Da kommt jetzt das Internet daher, welches auf dem Copy-Prinzip beruht: Jeder Seitenaufruf eines Webservers ist technisch eine Kopie der Inhalte. Das Internet bricht mit nationalen Grenzen und damit mit nationalen Urheberrechtsfesseln, bricht mit fixen Gewohnheiten (statt 1xtäglich die Nachrichten zu sehen oder zum Frühstück die Zeitung zu lesen, gibt es hier neueste Informationen rund um die Uhr), und es bricht mit alten Geschäftsmodellen – an fast alle Informationen kommt man irgendwie kostenlos heran.

    Google ist sicher nicht der Feind, aber Google nutzt die neuen Möglichkeiten eben clever und verdient gut durch Werbung. Das Modell von Google ist ein symbiotisches – der Webauftritt profitiert von Googles Indizierung, Googles Werbewert wieder steigt mit der Abdeckung des gesamten WWW.

    Sicher ist, dass die gesamte Nachrichten-Branche sich im Umbruch befindet. Das Internet ändert vor allem die Gewohnheiten der Konsumenten, nicht nur durch die „alles umsonst“-Mentalität (die ja in vielen Fällen da ist!), sondern vor allem durch die Wandlung von passivem Nachrichten-Konsument zu aktivem Nachrichten-Aggregator.

    Die Ironie: Wie ja in Deinem Artikel als Googles Antwort verlinkt ist es seit über 10 Jahren simpel möglich, die Suchmaschinen zu beeinflussen. Für das Löschen aus dem Google-Index gibt es ebenfalls klar definierte Standard-Prozeduren, wer also in Richtung der Datenkrake mit „ihr dürft mich nicht nach Infos abgrasen!“ poltert hätte mit wenig Aufwand dies schon längst erreichen können – wenn er es denn wirklich wollte und nicht nur polemisch lamentiert.

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