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Die Uni muss brennen

Von | 28.10.2009, 11:34 | 7 Kommentare

Endlich. Im Audimax geht es um mehr als einen Studentenprotest. Hier wird der Gesellschaftsvertrag neu verhandelt. Endlich. Dass Studentinnen und Studenten sich zu tausenden exponieren und ihre Spielregeln im Audimax verhandeln, eine Art Schattenstaat hochziehen und kabinettsreife Debatten zu Wertefragen vorlegen, das imponiert mir. Weil es im Audimax um viel mehr geht als um einen […]

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Foto: Martin Juen, Lizenz: cc-by-nc

Endlich. Im Audimax geht es um mehr als einen Studentenprotest. Hier wird der Gesellschaftsvertrag neu verhandelt.

Endlich. Dass Studentinnen und Studenten sich zu tausenden exponieren und ihre Spielregeln im Audimax verhandeln, eine Art Schattenstaat hochziehen und kabinettsreife Debatten zu Wertefragen vorlegen, das imponiert mir. Weil es im Audimax um viel mehr geht als um einen Studentenprotest. Die Studenten sind weder per Telefonnummer definiert noch ideologisch angreifbar; sie sind pluralistisch, dialektisch, gewaltlos, gestaltend. Sie sind pluralistische Masse, die sich nicht am Schopf fassen und einschüchtern lässt.

Die Studentinnen und Studenten können Vorhut sein. Sie haben das Potenzial, Österreichs schweigende Mehrheit zu mobilisieren. Sie führen uns vor Augen, wie unrepräsentativ unsere Demokratie geworden ist; wie unpassend ideologische Versatzstücke, Parteibücher und unser Runterschlucken und Nörgeln im Hinterzimmer geworden sind.

Die Studentinnen und Studenten sprechen für eine Mehrheit, die in Österreich längst nomadischer, europa- und weltrealistischer lebt und handelt, als es die politische Klasse tut und von uns denkt. Eine Mehrheit, die für mehr Diversität im Nationalstaat Österreich eintritt, als es der Ethno-Nationalismus und die Partei-Karrieren unserer Regierungskoalition vorzugeben scheinen. Eine Mehrheit, die viel mehr bereit ist, den Sprung ins 21. Jahrhundert – mit all den Risiken, Neuverhandlungen über Werte, Arbeit, Heimat, Soziales, Lebensentwürfe, Sicherheit – zu wagen, als sich das die Regierungskoalition vorstellen kann.

Die Koalition möchte in allen großen Fragen 2009 (Schule/Lehrer, staatsnahe Betriebe, Arbeitslosigkeit/Wirtschaftskrise, Staatsbankrott Gefahr/ Osteuropa Investitionen, EU Parlamentswahlen, EU Kommissar, humanitäres Bleiberecht, etc) das 20. Jahrhundert bewahren.

Die Studentinnen und Studenten im Audimax aber stellen die Wegweiser Richtung 21. Jahrhundert auf: sie diskutieren in dutzenden, spontan hochgezogenen Arbeitsgruppen und stimmen ab; sie geben sich schonungsloses Feedback und mutige Rückkoppelungen. Sie stimmen darüber ab, wer aller Bildung erhalten darf, wo dem Sexismus Einhalt geboten werden muss, ob Burschenschaften raus und warum Ordnungshüter rein sollen. Ob nur über Bildung oder gleich auch über alles – inklusive Wirtschaftssystem – verhandelt werden soll. Sie formulieren ihre Ziele, bleiben pragmatisch im Ton, vernetzen sich international und stellen sich der Politisierung in fünf Tagen wie ein erhitzter Kopf der kalten Dusche. Sie greifen sämtliche Themen an, vor denen diese und vergangene Koalitionen die Finger weggezogen hatten.

Die Studenten zeigen mit ihrer Debattenkultur vor, wo die Regierung versagt. Sie nörgeln nicht; sie leben die Alternative: in einem überraschenden Großexperiment, zu einem überraschenden Zeitpunkt. Denn diesmal kam der Auslöser aus der politischen Mitte; nicht von rechts außen. Er war kein Skandal in sich. Sondern der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Das unterscheidet diesen Protest auch von früheren: dass er auf Systemisches von Österreichs Regierungsbank und nicht nur auf eine Einzelprovokation reagiert, und dass die Protestierenden daher auch nicht so rasch Ruhe geben werden. Die harte Nuss für die Regierung: die Studentinnen und Studenten positionieren sich für, nicht gegen etwas. Für Bildung, für eine offene Gesellschaft, für neue Prioritäten im Budget. Sie verhandeln Rahmenbedingungen, also den Gesellschaftsvertrag neu. Den wollen auch viele in Österreich, die nicht, nicht mehr oder niemals studieren.

Wir alle sind Audimax.

Weiterführende Links:
Luca Hammer: #unsereuni und das Social Web
Downloadlink zur Protest-Zeitung „morgen“
Tom Schaffer: Es ist unsere Uni
Martin Blumenaus Journal vom 27. 10.

Update am 17. 11. 2009:

Heute erschien von mir auch ein Gastkommentar zum Thema in der österreichischen Tageszeitung Die Presse: Joseph Schumpeter wäre ins besetzte Audimax gegangen. 7 Gründe, warum die Studentenprotesten positiv sind.

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