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Ist Comedy rechts?

Von | 20.03.2007, 17:40 | Ein Kommentar

Es gibt eine Frage, die ist wohl so alt wie das Kabarett als Kunstform selbst. Und sie geht so: Warum gibt es eigentlich kein rechtes Kabarett? Warum ist das Kabarett – ich spreche hier vor allem vom österreichischen, weil es das einzige ist, das ich in Auszügen ein bisschen kenne – immer wieder nur ein […]

Es gibt eine Frage, die ist wohl so alt wie das Kabarett als Kunstform selbst. Und sie geht so: Warum gibt es eigentlich kein rechtes Kabarett? Warum ist das Kabarett – ich spreche hier vor allem vom österreichischen, weil es das einzige ist, das ich in Auszügen ein bisschen kenne – immer wieder nur ein Tummelplatz für Menschen gleicher Gesinnung, die sich im Saal zuerst auf die Schenkel und dann auf die Schultern klopfen, weil ihnen von der Bühne herab bestätig wurde, dass sie der richtigen Gesinnung sind? Nämlich der der tendenziell liberalen, aufgeklärten, linken Zeitgenossen?
Erklären kann dieses Phänomen niemand so recht. Nicht die Kabarettisten auf der Bühne, nicht die Leute im Publikum, nicht die professionellen Beobachter der Szene. Warum sollen sie das auch, sind sie doch Teil des Systems, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nun gab es aber gestern in der taz ein Interview mit dem Komikerduo Sterman & Grissemann zu lesen. Das definiert – trotz der Angewohnheit der beiden, Antworten ins Absurde abdriften zu lassen – einerseits eine recht schlüssige Trennlinie zwischen deutschem und österreichischem Humor. Und das nimmt sich ohne direkt von den Interviewer darauf hingestoßen zu werden des Rechts-Links-Themas an. Und zwar so:

„Grissemann: Mir stellt sich immer wieder die Frage, warum es keine rechten Komiker gibt – wenn die rechte Szene so groß ist. Das ist ein Phänomen.
Stermann: Obwohl, nehmen wir Jörg Haider und Heinz-Christian Strache bei ihren Reden – die Leute lachen in einer Tour. Die haben Gagschreiber, das ist eine Art rechtes Kabarett. Sie sind auch ganz gut – wenn man da Namen austauscht, könnten die Witze als Comedy durchgehen.
Grissemann: Aber dennoch gibt es keinen ausgewiesenen rechten Kabarettisten.
Stermann: Ich behaupte ja, dass es das in Deutschland längst gibt. Comedy ist in Wahrheit total rechts. Mario Barth ist – wenn überhaupt politisch – dann rechts. So etwas hat nichts mit Aufklärung zu tun oder Solidarität. Da geht es um Ausgrenzung, darum, sich selbst zu überhöhen und andere niederzumachen. Die Comedians nehmen selbst für sich in Anspruch, „Normalität“ zu repräsentieren, und „Normalität“ ist immer rechts. Männer sind so, Frauen können nicht Auto fahren – so haben unsere Eltern geredet.“

Ende des Auszugs. Und Beginn des Weiterdenkens. Denn dass Dirk Stermann (deutsche) Comedy als rechts abkanzelt, passt mir nicht nur gut ins Weltbild, weil ich das Genre verachte – es trifft es auch recht gut.
Denn während eine linke Weltsicht gegen Benachteiligung und Diskriminierung auftritt, setzt eine rechte gerade darauf – egal ob das dann Rassismus oder sonstwie heißt. Oder: Links setzt auf Fortschritt und Entwicklung, rechts darauf, dass alles so bleibt wie es ist. Oder: Linkes Denken ist international ausgerichtet (bis hin zur Globalisierungskritik), rechtes Denken ist national definiert. So weit, so ungenau.
Doch zurück zur Comedy: Comedy tut nämlich genau das, was Stermann kurz anreißt. Sie verarscht einfach. Sie beharrt auf dem Status Quo, weil sie gerade im Privatfernsehen boomt und damit breit sein muss. Sie weiß alles besser. Und sie beschert der Welt trotzdem immer wieder auch Ausnahmen wie die vor einigen Monaten viel diskutierte Kunstfigur Borat des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, die alle rechten Ansätze von Comedy für sich übersteigert.
Borat redet nicht dem „Normalen“ in der Definition Stermanns das Wort, sondern ist gleich extrem normal: Er spricht so abfällig über Frauen, dass es die Normalität durchbricht. Er schimpft so gegen Juden, dass es die Normalität durchbricht. Und er findet dabei immer wieder genug Menschen bei seinen perfiden Attentaten, die seinen Extremismus nicht als solchen wahrnehmen. Die sind zwar auch Opfer, aber sie werden nicht – wie in der Comedy, die Stermann attackiert – von oben gejagt, sondern von unten. Ob das dann allerdings links ist? Keine Ahnung. Es ist auf jeden Fall aber nicht die Form der rechten Comedy die wir hier meinen. Und es ist auch keine Antwort auf die Frage, warum es nur linkes Kabarett gibt. In diesem Sinne: Zurück zum Start.

PS: Eine schöne Geschichte aus der amerikanischen Vanity Fair gehört noch verlinkt. Es ist ist das Porträt des Oberbefehlshaber der größen ausländischen Streitmacht im Irak. Und nein, es handelt sich nicht um die Briten. Es handelt sich um die private Söldnerfirma Aegis Defence Services, geleitet vom ehemaligen britischen Soldaten Tim Spicer.

Ein Kommentar »

  • Peter Hiess sagt:

    „Denn während eine linke Weltsicht gegen Benachteiligung und Diskriminierung auftritt, setzt eine rechte gerade darauf – egal ob das dann Rassismus oder sonstwie heißt. Oder: Links setzt auf Fortschritt und Entwicklung, rechts darauf, dass alles so bleibt wie es ist. Oder: Linkes Denken ist international ausgerichtet (bis hin zur Globalisierungskritik), rechtes Denken ist national definiert. So weit, so ungenau.“

    Ja, eben – ungenau. Genauso gut könnte man nämlich sagen: Während die Linke seit Jahrzehnten versucht, ihre Vision einer Schönen Neuen Welt durchzuziehen und damit dem frei flottierenden Kapital in die Hände spielt, wehrt sich die Rechte (soweit es die überhaupt gibt, das darf man nicht vergessen – jeder, der sich heute als rechts bezeichnet oder etwas äußert, das den herrschenden Sprech- und Denkverboten widerspricht, läuft ja Gefahr, von der Vernadererkultur angezeigt und diffamiert zu werden) gegen die totale Entmündigung des (pflichtgemäß angegurteten, nichtrauchenden und in Patchwork-Familien nicht traumatisierten) Bürgers, gegen den geplanten Austausch der Bevölkerung, gegen die Neue Weltordnung, in der Multikulturalismus keine sozial und kulturell gewachsene Angelegenheit, sondern eine von oben aufoktroyierte ist, gegen die Diskriminierung all jener, die sich den linken Weltveränderungsplänen (die mittlerweile längst Regierungs-, Staatskultur- und EU-Sache sind) widersetzen.

    Oder: Während die Linke behauptet, die Definitionsgewalt darüber zu haben, was Fortschritt und Entwicklung bedeuten, versucht die Rechte, den Status quo wenigstens in Teilen zu erhalten, weil nicht alles daran schlecht ist, was schlechtgeredet oder von gesteuerten Medien schlechtgemacht wird. Oder: Während die Linke nach wie vor ihre Vision von der großen „Internationalen“ zu realisieren versucht, und das ohne Rücksicht auf Verluste (solange nicht ihre eigenen Kinder in den teuren Privatschulen davon betroffen sind), ist die Rechte nach wie vor gegen absurde Gebilde wie die EU, die „freien“ Wirtschaftsräume oder dagegen, daß ihre Heimat als „Wirtschaftsstandort“ bezeichnet werden darf, während eben der Begriff „Heimat“ als ewiggestrig gilt.

    Eine komplexe Diskussion also, die dadurch verschärft wird, daß sich die einen überall äußern und ausschließlich äußern dürfen, während die anderen bei jeder Äußerung quer durch alle Medien persönlich angegriffen, dank fehlender Meinungsfreiheit mit dem Richter bedroht und gleich neben dem bösen alten Hitler aufs Cover geknallt werden. Soll heißen: Es gibt keine ernstzunehmende, gleichberechtigte Diskussion mehr zwischen Linker und Rechter, weil die Rechte in bewährter diktatorischer und manipulatorischer Manier kriminalisiert wird.

    Und deshalb braucht man sich auch nicht zu wundern, daß es kein rechtes Kabarett gibt – weil kein Kabarettist oder Veranstalter sich traut. Schließlich hätten sie dann allabendlich mit „spontanen“ (das heißt, von den üblichen Zentren organisierten) „Widerstands“-Demos vor dem Lokal zu rechnen. Und die lustigen System-Alkoholiker kriegen in der Zwischenzeit Filme gefördert …

    Ach ja: Und daß Comedy immer auf die Kleinen, Schwachen und Blöden hinhaut, ist seit den „Heiratsmännern“ bei ländlichen Hochzeiten nicht anders. Nur gilt das jetzt eben als Massenkultur (und ist vielen genau deswegen verdächtig). In Wirklichkeit funktioniert es aber genau nach demselben Muster wie linkes Kabarett: Die im Publikum oder vor dem Bildschirm hauen sich auf die Schenkel und applaudieren, weil sie glauben, daß sie nicht gemeint sind, sondern immer nur DIE ANDEREN. So funktioniert der Witz, seit die Menschheit reden kann.

    Alles Liebe,

    Peter

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