Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Auszeit » Clemens J. Setz: „Negative Rezensionen gehen nicht besonders tief“
Share

Clemens J. Setz: „Negative Rezensionen gehen nicht besonders tief“

Von | 14.10.2009, 9:18 | Kein Kommentar

Der Deutsche Buchpreis ist vergeben. Der Österreicher Clemens J. Setz hat ihn nicht bekommen. Seine Schaffenskraft ist trotzdem ungebrochen. Ein Interview. Hierzulande hagelte es für Clemens J. Setz seinem 700 Seiten starken Roman „Die Frequenzen“ größtenteils negative Kritiken. Für Österreich kam es also ziemlich überraschend, dass der 26 jährige österreichische Autor für die Shortlist des […]

Foto: Martin G. Wanko

Kein Grund zur Trauer. Clemens J. Setz hat sich in Deutschland schnell einen Namen gemacht. Foto: ©Martin G. Wanko

Der Deutsche Buchpreis ist vergeben. Der Österreicher Clemens J. Setz hat ihn nicht bekommen. Seine Schaffenskraft ist trotzdem ungebrochen. Ein Interview.

Hierzulande hagelte es für Clemens J. Setz seinem 700 Seiten starken Roman „Die Frequenzen“ größtenteils negative Kritiken. Für Österreich kam es also ziemlich überraschend, dass der 26 jährige österreichische Autor für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Nun wurde der Preis an Kathrin Schmidt vergeben, doch Clemens J. Setz ist am Tag danach in guter Stimmung. Was sind schon schlechte Kritiken, und überhaupt: Die Arbeit an den nächsten zwei seitenstarken Romanen hat schon längst begonnen.

ZiB21: Herr Setz, wie fühlen Sie sich am Tag nachdem Sie den Deutschen Buchpreis nicht erhalten haben?
Clemens J. Setz: Enttäuscht und erleichtert, zu etwa gleichen Teilen.

ZiB21: Sie sind 26 Jahre alt. Für so einen gewichtigen Preis fast noch zu jung, oder?
Clemens J. Setz: Ja, eigentlich schon. Es kann manchmal einem Autor schaden, wenn er in sehr jungen Jahren einen großen Preis zugesprochen bekommt.

ZiB21: Das Buch als Ware, der Dichter als Ware – mit dieser Situation mussten Sie doch in der letzten Zeit konfrontiert worden sein, oder?
Clemens J. Setz: Nein, ich komme mir eigentlich nicht vor wie eine Ware. Natürlich sind Bücher eine Ware und ich helfe auch mit (unbewusst und bewusst) die Ware herzustellen.

ZiB21: Der Dramatiker Wolfgang Bauer hat mir Folgendes gesagt: „Schön wäre es, die erfolgreichsten Jahre auf das ganze Leben verteilen zu können.“  Können Sie mit diesem Zitat etwas anfangen?
Clemens J. Setz: Nein, ich glaube, da würde man sich doch um einen schönen und überlebenswichtigen Anteil Nostalgie in seinem Leben bringen. Ich möchte schon gern als alter Mann zurückblicken können und mir denken: Mein Gott, damals war ich noch klug…

ZiB21: Kollegen wie Daniel Kehlmann kritisierten den Deutschen Buchpreis. Kehlmann spricht sogar von einem entwürdigenden Spektakel. Wie sehen Sie das?
Clemens J. Setz: Entwürdigend finde ich das wirklich nicht. Das Spektakel ist bisweilen bizarr und merkwürdig, wenn zum Beispiel eine Horde Fotografen vor dir eine Wand bilden und sonderbare Verrenkungen aufführen.

ZiB21: Ihr Roman begann erst nach der Nominierung zum Buchpreis so richtig zu in Fahrt zu kommen. Mittlerweile stehen Sie bei der 3. Auflage. Wissen Sie ungefähr, wie viele Bücher Sie in letzter Zeit verkauft haben?
Clemens J. Setz: Nein, keine Ahnung, das erfahre ich erst nächstes Jahr, bei der Abrechnung.

ZiB21: Es hat zu Ihren „Frequenzen“ gerade hierzulande nicht immer freundliche, ja, zum Teil schadhafte Kritiken gegeben – und dann kommen Sie auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und bekommen so nebenbei in Deutschland viele, gute Kritiken. Ist das eine gewisse Genugtuung?
Clemens J. Setz: Na ja, eigentlich schon, aber die Genugtuung geht nicht besonders tief, weil auch die negativen Rezensionen nicht so besonders tief gehen. Man ärgert sich darüber eher so wie man sich über jemanden ärgert, der einem einen fiesen Streich gespielt hat.

ZiB21: Nehmen Sie als Autor eine Erkenntnis aus Frankfurt mit?
Clemens J. Setz: Ja, nämlich dass sich auch eine Nobelpreisträgerin aufrichtig und herzlich freuen kann, wenn jemand anders den Preis bekommt, für den sie nominiert war.

ZiB21: Freuen Sie sich wieder auf ruhigere Zeiten?
Clemens J. Setz: Ja. Die ruhigen Zeiten sind im Grunde heute schon wieder da.

ZiB21: Haben Sie literarische Pläne für die Zukunft?
Clemens J. Setz: Ich schreibe gerade an zwei Romanen. Ich hoffe, dass ich die in ein, zwei Jahren fertig habe.

ZiB21: Sie leben in Graz. Darf man Sie auch weiterhin als Grazer Autor führen, oder ist es nun Zeit, die Zelte abzubrechen?
Clemens J. Setz: Nein, ich geh nicht weg aus Graz. Alle sagen immer: Zieh nach Wien. Die Begründung lautet immer: Da wohnen alle wichtigen Autoren. Aber eben das ist für mich ein Grund, dort nicht hinzugehen.

ZiB21: Sie schreiben seitenstarke Romane. Schätzen Sie Ihre seitenstarken Kollegen? Ich habe im Internet gesehen, dass Sie sich mit „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace auseinandersetzen.
Clemens J. Setz: Ich mag lange Bücher, die dem Leser viel Zeit und Arbeit abverlangen. David Foster Wallace lese ich jetzt gerade in der deutschen Übersetzung. Das amerikanische Original („nur“ 1000 Seiten, Anm.) habe ich vor ca. eineinhalb Jahren gelesen und das hat mich damals schon sehr beeindruckt, so sehr, dass ich zwei Monate überhaupt nichts schreiben konnte.

ZiB21: Herr Setz, wir bedanken uns für das Gespräch.

Weiterführende Links:
Clemes J. Setz beim Residenz Verlag
Wankos Blog: m-wanko.blogspot.com

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger