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Gladius22. When Adam Met Ardi

Von | 11.10.2009, 15:35 | 13 Kommentare

Der Fund eines viereinhalb Millionen Jahre alten Menschenmädchens hat eine alte Debatte zwischen Kreationisten und Darwinisten wiederbelebt.

Michelangelo´s Adam. Foto: commons.wikipedia.org

Der Unterschied könnte krasser nicht sein. Hier ein sagenhaft schöner Adam, den der Allmächtige „zu seinem Bilde“ (Gen.1.27) schuf, und welch ein Mannsbild Michelangelo da geschaffen hat in seiner Fantasie des sechsten Tages der Genesis. Gott trug bereits ein Nachthemd (note to self: wär mal ein Thema), das war für Adam noch Zukunftsmusik, ebenso wie jenes Girl, das da über die rechte Schulter des Erhabenen lugt, bei dem es sich nach Meinung vieler Deuter um Urmutter Eva handeln müsse.

Ardi. Illu: Science Magazine/AAAS, J.H. Matternes

Ardi. Illu: Science Magazine/AAAS, J.H. Matternes

Allerdings wird ihr der Platz an Adams Seite nun wieder streitig gemacht, wenn auch nicht mehr von Lucy, jener dreikommazwei Millionen Jahre alten Hominidin der Spezies Australopithecus Afarensis, die 1974 aus der äthiopischen Erde geborgen wurde. Nein, diesmal geht es um eine Frau namens Ardi, die noch um einskommazwei Millionen Jahre mehr auf den Knochen hat als Lucy. Sie ist behaart und einskommazwei Meter hoch, hat überaus lange Arme und ging dem Vernehmen nach aufrecht durchs Leben, wenn sie nicht irgendwo am Baum hing. Gestatten: die erste Frau, bis auf weiteres.

Liebe Leute, derlei Funde der Archäologie sind natürlich was Aufregendes. Ardi, der ein Grafiker alsogleich ein Gesicht auf den Schädel zeichnete (das Kirchenleute nicht begeistern wird), ist ein faszinierendes Geschöpf, sie inspiriert, sie hat was zu erzählen, die Menschengeschichte ist länger als wir bisher wussten. Ardi kann alles Erdenkliche mit uns aufführen. Leider bringt sie uns vor allem Streit.

Am militantesten – wie gewohnt – die Fraktion der Kreationisten, das sind jene Leute, die sich an die Idee eines Kreativen Designers klammern, der nur der christliche Gott sein kann, wer sonst, und alles andere ist das Werk des Teufels, der im übrigen Charles Darwin heißt und dessen evolutionäres Konzept von der Veränderung der vererbbaren Merkmale der Lebewesen gedisst werden muss. Und so wird Ardi von Kreationisten das Menschliche abgeschminkt, sie ist „ein weiterer Menschenaffe“, während für Biologen das Thema Gott keine Relevanz haben kann, und wenn sich diese beiden Lager streiten, dann ist es ein wenig so, als würde der eine „einem Lahmen vom Hürdenlauf (erzählen)“, der andere „einem Blinden von Farben“, wie HIER in anderem Zusammenhang so nett ausgeführt wird.

Zur Strecke bleibt bei diesen Verbalgefechten die Nahrung für den Geist. Das Thema Schöpfung kann herrlich inspirieren. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich aus dem Spannungsfeld zwischen Bibeltext und neuen biologischen Erkenntnissen so ein Hickhack entwickeln kann. Die altjüdische Theologie übrigens auch nicht. Die sieht in neuen Findungen der Wissenschaft noch immer eine erfrischende Herausforderung für die Interpretation der Alten Schriften, und so bleibt auch der Schöpfungsgedanke nicht ein in Stein gemeißeltes Dogma, sondern genießt eine Befruchtung durch verschiedene Blickwinkel. Zum Beispiel diesen netten Satz: „Gott blickte in die Torah (die 5 Bücher Mose, Anm.), und durch sie schuf Er.“

Der Satz lädt die Gedanken in alle möglichen Richtungen zur Weiterbewegung ein. Für mich wird da gern ein Moses transparent, der mit der Genesis nicht Gott die Welt erfinden lässt, sondern vielmehr durch (Er)findung des Allmächtigen seinem Geist eine Erhöhung gestattet. Das ist der Stoff, aus dem der Mensch eine Bestimmung, einen Daseinszweck, eine Lebensenergie gewinnen kann.

Natürlich ist jede Ansicht zur Schöpfung nur so farbenfroh wie das geistige Instrumentarium des Denkers. Moses war nicht nur Menschenführer, er war zunächst Hirte. Seine Genesis geht denn auch von einer Urmaterie aus, die von Gott binnen sechs Tagen geordnet wird, und das Paradies verschwindet alsogleich zu Gunsten einer kargen, schweißgetrieben ums Überleben kämpfenden sozialen Landschaft. Nicht jedermanns Sache, oder?

Poetischer die Schöpfung der alten griechischen Welt, wo anfangs das Chaos war, ehe sich daraus Gaia (die Erde) und Tartarus (die Unterwelt) sowie Liebesgott Eros bilden und Gaia sich den Himmlischen Uranus aus den unvorhandenen Lenden presste und zum Liebhaber machte. In der Griechischen Mythologie (siehe auch HIER) geht es drunter und drüber, bis endlich in der dritten Generation jener Zeus entsteht, der für eine gewisse Hierarchie am Olymp sorgt, wenn auch die Geschichten dazu weiterhin der Kategorie „Thriller“ zuzurechnen sind.

Im übrigen entstehen auch heute noch allerhand neue Geschichten zur Schöpfung. Ein Blogger zum Beispiel stieß anlässlich des Wahlkampfes in Tirol auf entsprechend Ländliches: „Herwig van Staa lässt berauschende Naturaufnahmen für seine Partei sprechen. Das bedeutet, dass Tirol die Herrlichkeit der Alpen der Volkspartei verdanke. Die Schwarzen schufen am ersten Tage nicht nur die ewige Bergwelt, sondern auch den grünen Inn und den Fremdenverkehr. Selbst am siebenten Tag, an dem man ruhen sollte, schufen sie Skigebiete in Gletscherregionen.“ Beeindruckend, nicht wahr?

Ja, schlichte Gemüter schaffen schlichte Welten. Das heißt aber nicht, dass große Geister stets Erhöhendes zum Thema vorbringen. Als der Autor Michel Houllebecq heuer seine „Elementarteilchen“ in Wien vorstellte, fiel ihm beim Thema Gott nichts Tröstliches ein, der war tot und niemanden kümmerte es. Daher behalf er sich bei „Schöpfung“ mit jener Obsession von uns Menschenkindern, die immer wieder mal neues Leben schafft: dem Geschlechtsverkehr (er benützte ein anderes Wort), mit dem er die tägliche Flucht vor der Leere antritt. Gelebter Nihilismus. Und das klingt so trostlos, dass ich damit bei bestem Willen nicht schließen kann. Also zurück zu Ardi, unserem vierkommavier Millionen Jahre alten Girl. Dem fehlten übrigens voll und ganz die Schneidezähne, wie sie Schimpansen und Gorillas bis heute zieren und mit denen sich männliche Menschenaffen bis heute brutale Schlachten liefern, um zu ihrem Weibe zu gelangen. Generation Ardi fletschte bei der Partnersuche die Zähne nicht, das sollte eigentlich bedeuten, dass in ihrem sozialen Umfeld mehr Gemeinschaftsgeist herrschte. Das Dumme ist nur, dass Ardis Welt ausgestorben ist. Das Zähnefletschen nicht. Angenehmen Sonntag.

13 Kommentare »

  • viel mehr bewegt mich ja die frage: wer ist die schöne, die ich bin da im linken arm bzw sich an ihr fest-hält um nicht aus dem bus zu fallen ? mein ich da ischtar wiederzuerkennen, der schöpfung dieses haarlosen affen gegenüber noch etwas reserviert ?

    • Frater Gladius sagt:

      Willkommen, Unheimlicher. Heißt das, Sie sind mal zufällig auf meine törichten literarischen Versuche gestoßen? (Hab mich ja immer gefragt, wer der eine Käufer war …)

      (ausschnitt)
      „Wir aber können Mithra danken, dass er den Nachthimmel nicht in Wolken tränkte, oder uns anderswie um das Erlebnis prellte.“ –
      „Deine Worte in Seinem Ohr“, sagte Maschya bedächtig.
      So erlosch langsam die Nacht, bis Gaspar sich endlich übertrieben räusperte und mit überlegener Geste in den Himmel über Bethlehem deutete.
      „Schau, wie eitel sie ist!“, ereiferte er sich. „Funkelt in allen Farben, für die es noch keine Namen gibt! Na, ist sie nicht anmutig? IST … SIE … NICHT … ANMUTIG? Sag mir, dass sie anmutig ist!“ –
      „Sie ist eine Schönheit“, lachte Maschya.
      „Ja, sie ist in der Tat so schön, dass deine angebetete Ishtar persönlich für sie haftet. Ihre Schönheit hatte sogar im Kopf dieses eingebildeten Caesaren Gaius Julius die verwegene Idee erweckt, direkt von ihr abzustammen. Typisch Römer, nicht wahr?“ –
      „An ihrer Vermessenheit sollst du sie erkennen“, sagte Maschya.

      • bedauerlicherweise nein, mein bruder, diesen kommerziellen singularerfolg kann ich mir nicht gut schreiben.
        aber dass astarte die bessere hälfte des ihwh ist, ist doch ein alter hut, und heute wird noch immer gezankt, wobei ich ihre skepsis dem haarlosen gegenüber inzwischen nicht mehr als ganz grundlos ansehen kann. nachdem die hörner babylons ja aber nummehr wie geschrieben an einem einzigen tag gefallen sind, scheint sie sich durchzusetzen, der kluge hört ja letztendlich doch auf sein weib, sobald er gehörig genug den starken mann gegeben hat.

        • Fnf sagt:

          hmm. als prophet bin ich ne null.

          ihwh hat astarte gestern ein ticket in die hölle gegeben. ich an seiner stelle hätte das sowieso schon längst getan.

        • Fnf sagt:

          jaja. ich bin ne null. der narr. fool on the hill. 22-4 im tarot.

        • Fnf sagt:

          aber unheimlich bin doch ned, oder *lol*

          • Fnf sagt:

            und jetzt weiß ich auch, wer die schöne wirklich ist. lilith. die ist vernünftiger als die alte.

            und die weiß, wie man nem alten mann das maul stopft ;)

  • karotterl sagt:

    wenn das die eselin mitkriegt:D

  • karotterl sagt:

    frater lieber frater
    bitter
    sehr bitter
    trieft es da aus diesen zeilen.
    ein kleiner erinnerungsschmerz sticht sich durch den sonnendurchfluteten tag und mein grüner schopf fragt sich, wie konnte er, mein bruder, mein gebildeter, diese kleine unstimmigkeit in der brillianten verbitterten argumentationskette übersehen???
    ardi
    ist sie vielleicht deshalb ausgestorben
    weil sie keine schneidezähne..
    weil die schneidebezähnten halt…
    naja, bitter halt…
    herzlichst

    • Frater Gladius sagt:

      Liebes Karotterl,
      tatsächlich wollte ich Ähnliches andeuten. Anthropologen meinen, dass man vom Fehlen der (aggressiven) Schneidezähne darauf schließen könne, dass sich die Generation Ardi um ihre Sexpartner nicht stritt, dass also eine (friedliche) co-operative Lösung gefunden wurde. Es wird auch vermutet, dass es sich bei dieser Lösung um gelebte Monogamie gehandelt habe. Warum? Weil etwa bei den Bonobo-Affen sowohl er als auch sie die gleichen Zähne haben und die Boys sich nicht um die Girls streiten, sondern zu jenen raren Säugern gehören, die in Monogamie leben. Die Bonobos aber sind vom Aussterben bedroht und das bietet einem Gottesmann eben Anlass zu Kummer: der mögliche Zusammenhang zwischen „monogam“ und „aussterben“. Ihr Frater

      • Fnf sagt:

        wannn wird eigentlich zum erstnmal von der vagina dentata berichtet?

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