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Endzone. Life ist funny and then you die 02. Mit Juan Martin del Messi

Von | 09.10.2009, 7:00 | Ein Kommentar

Das neue große Ding aus der Dopingküche sind transgene Supermäuse, die Fußball spielen und den Tenniscourt beherrschen. Und ich kann auch noch alles erklären. Weck’ mich, wenn der Messias erscheint, hatte ich Paul eingeschärft. Aber Katzen sind extrem unzuverlässig und beten andere Götter an. Oder – was der Wahrheit vermutlich näher kommt – sie halten […]

Messi & Del Potro. Fotos: http://commons.wikimedia.org/wiki/User:Darz_Mol, cc-by-sa | http://www.flickr.com/photos/30256598@N08; cc-by-sa
Das neue große Ding aus der Dopingküche sind transgene Supermäuse, die Fußball spielen und den Tenniscourt beherrschen. Und ich kann auch noch alles erklären.

Weck’ mich, wenn der Messias erscheint, hatte ich Paul eingeschärft. Aber Katzen sind extrem unzuverlässig und beten andere Götter an. Oder – was der Wahrheit vermutlich näher kommt – sie halten sich selbst für Götter. Der Fußballspieler Lionel Andrés Messi jedenfalls, der in Barcelona Leo genannt wird, spielt in Pauls Leben eine eher unbedeutende Rolle. Und dann war da auch wieder zuviel Licht. Also fiel ich in diesen ungesunden, tiefen Schlaf, der mich eines Tages mit einem herrlichen Volleyschuss ins Jenseits befördern wird.

Als ich aufwachte, erzählte ich Paul von der Arroganz der Ahnungslosen. Menschen, die zu allem und jedem eine Bemerkung fallen lassen müssen. Menschen, die an deinen Tisch treten und ungebeten Kommentare von sich geben, wie: „Der Christian Ronaldo, dieser geile Bock, muss jetzt zum Vaterschaftstest!“ oder „Was haben die ausgegeben bei Real, 500 Millionen oder so? Ronaldo, Kaka, Diego – eine Wahnsinnstruppe!“. Oder: „Wer hat noch schnell die Britney Spears verdroschen? Dieser Rapper, dieser Charlie Brown …“. Wir kennen sie alle, die ungebetenen Dazwischenredner, die sich immer und überall einmischen müssen, mit zwanghaft vorgetragenem Gelaber, von einer fatalen Profilierungsneurose und gefährlichem Halbwissen (danke, Olli Pocher, Großmeister der deprimierenden Halbkomik) getrieben und selbstverständlich notorisch ahnungslos. Außer in ihrem eng abgesteckten beruflichen Gehege, in dem sie niemand besuchen will, der auch nur halbwegs bei Trost ist.
Aber wie bin ich eigentlich darauf gekommen, seufzte ich im Halbschlaf. Und Paul saß da, sichtlich angespannt, die Ohren angelegt, in Erwartung einer weiteren geistigen Fehlschaltung seines geschwätzigen Herrn und Dosenöffners. Abendessen, sagte sein hypnotischer Blick. Abendessen! V-E-R-G-E-S-S-E-N!
Verschlafen, murmelte ich, V-E-R-S-C-H-L-A-F-E-N, warum hab’ ich bloß Messi verschlafen, Paul? Warum immer diese Herbstmüdigkeit, ausgerechnet dann, wenn die Wunderwuzzis aus der Champions League wieder über den Bildschirm wuseln? Und ich sah zum Recorder, der wundersamerweise immer noch Messi aufnahm. Das Gefühl der Erleichterung, das mich durchströmte, gipfelte in der ernüchternden Erkenntnis, dass gerade der falsche Sender eingestellt war.

*

Vielleicht liegt es an del Potro, unternahm ich einen etwas hilflosen Erklärungsversuch. Du hast es selbst erlebt, Paul, die US Open waren extrem kräfteraubend. Schon möglich, dass ich jetzt auf Wochen hinaus überhaupt keinen Sport mehr sehen kann. Del Potro und sein Sieg gegen den großen Federer haben mich geschwächt, ich kann es nicht anders erklären. Immer diese Night Sessions, diese Marathonspiele in den frühen Morgenstunden, bedingt durch die Zeitverschiebung, das zehrt an der Substanz. Andauernd Rekorde für die Ewigkeit miterleben, entthronte Tenniskönige bestaunen, sensationelle Comebacks und bittere Enttäuschungen und quälend lange Regenverschiebungen. Orkanartige Stürme über New York, die in mir natürlich sofort böse Ahnungen von den Auswirkungen des Klimawandels heraufbeschwören.
Ist es ein Wunder, wenn ich am Ende völlig fertig bin?
Herr Paul gab einen merkwürdigen Ton von sich. Klang entfernt nach einem geknurrten „Frrruuum“, war aber vermutlich nur ein verunglücktes „Murrrmm“.

*

Aber das Allerschlimmste, flüsterte ich Paul ins Ohr, das Allerschlimmste ist immer noch mein argentinischer Alptraum. Der argentinische Alptraum lässt sich nur schwer in Worte fassen. Er rumort in mir, er setzt mir zu, er sitzt mir im Nacken, und diese Schreckensvisionen in meinem Kopf sind vielleicht  auch dafür verantwortlich, dass ich heute die Fußballkünste des Leo Messi keine Sekunde würdigen konnte.
Ich habe dir ja schon von der Ähnlichkeit zwischen dem kleinen Messi und dem großen del Potro erzählt, sagte ich zum besten verständnislosen Zuhörer der Welt. Damit hat alles angefangen, mit dieser Ähnlichkeit, die mir vielleicht ganz exklusiv aufgefallen ist, und die womöglich in Wahrheit keine ist, aber was soll’s! Ich kann mir nicht helfen, die beiden wirken mit ihren Mausgesichtern und den eng beieinander liegenden Augen wie Brüder der Sorte Pat und Patachon, und dieses Mausgesichtige, Herr Paul, dieses Mausgesichtige müsste eigentlich sogar dich in deiner Eigenschaft als Katze interessieren.
Hier die Fußballmaus Messi mit 1, 69 Meter Körpergröße, dort der hagere, 1,98 Meter große Tennisriese Juan Martin del Potro. Hier das 22 Jahre alte Fußballgenie aus Rosario, dort der 21 Jahre alte Racketschwinger aus dem Club Independiente von Tandil. Es liegen ein paar hundert Kilometer zwischen Rosario und Tandil im Osten von Argentinien. Buenos Aires liegt ungefähr in der Mitte, aber das nur zur Orientierung …
Lionel Messi wanderte mit seiner Familie im Alter von 13 Jahren nach Spanien aus. Damals, so steht’s sogar in Wikipedia, war der Fußballmessias mickrige 1,40 Meter groß, weil er an einer Wachstumsstörung litt. Nicht in Wikipedia steht, dass Juan Martin del Potro nur ein Jahr später – ebenfalls mit 13 Jahren – eine Körpergröße von 1,90 Meter erreicht hatte und auf dem Fußballplatz als Kopfballungeheuer gefürchtet war.
Messi war schon damals ein begnadeter kleiner Trickser, den aber kein großer Verein verpflichten wollte, weil er wie ein wieselflinker Dreikäsehoch daherkam – und das wirkte auf den Zuschauer irgendwie abtörnend. Klar, zum Sprung in die A-Jugend fehlten entscheidende Zentimeter. Zentimeter, von denen del Potro mehr als genug hatte.

Und das, erklärte ich Paul, war dann wohl der Punkt, an dem mein Traum die Wendung zum Dämonischen nahm. Ich weiß nicht was die Schlafforscher dazu sagen, aber vielleicht lag es ja auch am Licht – das Licht von oben sollte man nie unterschätzen. Jedenfalls träumte ich von Little Lionel und Big Juan als Brüderpaar, das in einem märchenhaften südamerikanischen Sportlerparadies aufwächst und tagein tagaus Fußballtennis spielt. Alles ist wunderbar, die Jungs entwickeln sich prächtig, bis eines Tages unangemeldet Hans Holdhaus vor der Tür steht und den Eltern die schreckliche Wahrheit offenbart: Die beiden sind Prototypen eines großangelegten Gendoping-Experiments und müssen sofort getrennt werden, sonst droht der Sportwelt das Chaos und der Wissenschaft ein Musterprozess. Die Folgen kennen wir: Messi kommt zu eilig organisierten Ersatzeltern und wird – mit Wachstumshormonen vollgepumpt – nach Barcelona verschifft, wo er seine unglaubliche Fußballkarriere startet. Del Potro landet in der Tennisakademie Tandil und wird zum Tennismonster herangezüchtet. Die Genmanipulation lässt sich natürlich nicht mehr rückgängig machen, die zwei körperlich ungleichen Brüder reifen auf unterschiedlichen Kontinenten und in unterschiedlichen Sportarten zu absoluten Superstars heran.

*

Paul sah mich mit schreckgeweiteten Augen an. Nicht so sehr, weil er meinen Ausführungen gelauscht hätte, sondern weil ich es in der Hitze des Redeschwalls gewagt hatte, mir ein Linzer Stangerl und einen Kaffee zu holen.
Ist dir eigentlich klar, was das bedeutet, sagte ich zum besten verständnislosen Zuhörer der Welt. Es bedeutet, dass wir es hier womöglich mit einem glasklaren Fall von In-vitro-Doping zu tun haben. Messi und del Potro stammen allem Anschein nach aus derselben Eizelle, doch ihre DNA wurde genetisch verändert. So konnte der eine in den Himmel wachsen, während der andere in Bodennähe unschlagbar ist. Es ist eine Farce, dass in dutzenden Sportstories und im „Sport am Sonntag“ nur vage über die bloße Möglichkeit von Gendoping und Stammzellendoping spekuliert wird, wenn direkt vor unseren Augen schon seit zwanzig Jahren ein gigantisches argentinisches Gendopingexperiment abläuft. Und ich will gar nicht wissen, was die zwanzig Jahre früher mit Diego Maradona angestellt haben, der könnte durchaus auch so genetisch verändertes Exemplar sein.
Oder denken wir an die chinesischen Turnerinnen. An Usain Bolt. Da können die Damen und Herren Sportwissenschaftler im Chor behaupten, Gendoping mit Proteinen und Enzymen sei bisher nur in Tests an Labormäusen erprobt worden – die Fernsehbilder sprechen eine andere Sprache. Myostatin und PEPCK-C soweit das Auge reicht! Im Sport wimmelt es bald nur so von transgenen Supermäusen, die Fußball spielen und den Tenniscourt beherrschen!

*

King Paul ging zum Angriff über. Durch meine Brandrede für mehr Dopingtransparenz im Mäusesport restlos bedient, stieß er sich vom Dreiersofe ab und zog im Sprung elegant eine Krallenspur über mein Knie. Dann hoppelte er gekränkt in die Küche, wo er sich über eine ungeöffnete Packung Trockenfutter hermachte.
Plastikfresser, elender, rief ich ihm nach. Marilyn Manson hat völlig recht, wir sind alle Dopeshow-Allstars, ohne Ausnahme. Du kannst bloß die Wahrheit nicht ertragen, weil sie die Experimente mit Mäusen und nicht mit Katzen machen! Und wenn der Messi wieder spielt, weckst du mich gefälligst!
Die Idee, zur Feier meiner Enthüllungen ein inbrünstiges „Don’t cry for me, Argentina“ anzustimmen, ließ ich wieder fallen. Herr Paul fühlt sich durch solche Entgleisungen immer provoziert und scheißt mir dann aus Rache ins Vorzimmer.
Und in Argentinien fließen auch so genug Tränen: Wegen der Staatsverschuldung und wegen Señor Maradona, der seit Monaten nach der richtigen Formel für sein Teamchef-Doping sucht.

Lionel Messi im TV:
Champions League
FC Barcelona gegen Rubin Kasan
Sky Sport 1, Di., 20.10., 20.00 Uhr (live)
ORF 1, Di., 20.10., 22.55 (Zsfg.)

Juan Martin del Potro im TV:
BA Trophy Wien
ORF 1, ab Di, 27. 10., 0.20 Uhr (Zsfg.)
tägl. bis So., 1. 11.

Ein Kommentar »

  • karotterl sagt:

    :D eine schlafende lichtgestalt?!? ein lichtbringer womöglich? der höllenhund als katze verkleidet, du liebe fresse! bin ich begeistert.
    eure knochigkeit, das grünzeug ist höchst amüsiert;)

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